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StartseiteSport am WochenendeDie Zweifel mehren sich24.08.2019

Tokio 2020Die Zweifel mehren sich

Energisch, strahlend, unaufhaltsam: Wie ein riesiger Dampfer prescht das Projekt Tokio 2020 mit voller Kraft in Richtung Olympia im nächsten Jahr. Doch das Unbehagen in der Bevölkerung wächst. Die Regierung ist erbarmungslos und die ersten Opfer gibt es schon.

Von Felix Lill

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July 25, 2019, Tokyo, Japan - Huge banners of Tokyo 2020 Olympic Games are on display outside Sumitomo Mitsui Trust Bank to promote the 2020 Tokyo Olympic and Paralympic Games. Tokyo marks one year to go 2020 Olympics decorating with Olympic emblems and photos of Japanese athletes some buildings of Nihonbashi district in Tokyo. The Games are set to open on July 24, 2020. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY (108582889)  (Imago)
Die Spiele 2020 sind schon überall im Stadtbild Tokios präsent (Imago)
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Wer diese Tage durch Tokio geht, muss nicht an Sport interessiert sein, um in einen sportlichen Bann gezogen zu werden. Olympia-Plakate pflastern die Wände der U-Bahntunnel, Werbeslots im Fernsehen sind mit Olympia-Spots gefüllt.

Nach Sonnenuntergang leuchtet der Tokyo Skytree, mit 634 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt, in den Farben der fünf olympischen Ringe.

Wie ein riesiger Dampfer prescht das Projekt Tokio 2020 mit voller Kraft voraus. Energisch, strahlend, unaufhaltsam, bis Japans Hauptstadt am 24. Juli 2020 die Olympischen Spiele eröffnen wird. Unaufhaltsam auch deshalb, weil in Japan alle mit an Bord sitzen. So scheint es zumindest.

Aber ganz so ist es nicht. An einem Augustabend im Stadtteil Harajuku, im westlichen Zentrum von Tokio, kehrt Misako Ichimura in einem Café ein. Bis eben hat sie im Feierabendverkehr an der Straße demonstriert. Nun trinkt sie einen Eiskaffee, für heiße Getränke, sagt sie geschafft, sei es in Tokios Sommer zu schwül. Und überhaupt müsse sie einen kühlen Kopf bewahren.

"Japan hat andere Probleme"

Misako Ichimura ist die wohl lauteste Stimme unter Japans Olympiagegnern. Sie ist Mitglied im kleinen Verein Hangorin, auf Deutsch in etwa: Anti-Olympia. Schon als sich Tokio um die Austragung bewarb, organisierte der Verein Aktionen und Infoveranstaltungen gegen die größte Sportveranstaltung der Welt.

Die 48-jährige Kunsthändlerin hofft noch immer, dass sich Tokio 2020 irgendwie aufhalten lässt, auch wenn sie mittlerweile nicht mehr richtig dran glaubt.

"Wir sind seit Januar 2013 aktiv und machen Kampagnen gegen Tokio 2020. Wir sagten von Anfang an: Olympia brauchen wir hier nicht, schon vor der Entscheidung durch das IOC fanden wir das. Im Frühjahr 2011 erlebten wir eine Katastrophe mit dem Erdbeben, dem Tsunami und dem Atomreaktor-Gau im Nordosten Japans. Der Schaden war riesig. Japan hat andere Probleme als Olympischen Spiele im Land zu veranstalten."

Die Ruine des Atomkraftswerks Fukushima fotografiert aus einem Helikopter. (picture alliance / dpa )Die Ruine des Atomkraftswerks Fukushima. (picture alliance / dpa )
Eine massive Werbekampagne für Olympia in Tokio überzeugte dann doch viele Menschen. Die Versprechen: Nicht nur werde die Welt zu Gast nach Japan kommen. Man werde Tokio zur lebenswertesten Stadt des Planeten machen.

Außerdem würden die Spiele dabei helfen, Fukushima und die anderen in der Katastrophe von 2011 beschädigten Gebiete wiederaufzubauen.

Die Olympia-Begeisterung ist geschmälert

Im Jahr 2013 dann ergab eine Umfrage, dass zumindest in Tokio über 70 Prozent der Bürger dafür waren, Olympia in ihrer Stadt zu veranstalten.

Wie das Meinungsbild heute aussieht, ist nicht genau bekannt, auch weil nicht mehr so genau gefragt wird. Nachdem Tokio im Herbst 2013 das olympische Austragungsrecht gewann, zielten Umfragen weniger auf darauf ab, wer dagegen ist oder dafür, sondern eher, ob man sich für Sport interessiere, und wenn ja, für welchen. Unterstützung wird weitgehend vorausgesetzt.

Die Olympia-Gegnerin Misako Ichimura. (deutschlandradio / Felix Lill)Die Olympia-Gegnerin Misako Ichimura. (deutschlandradio / Felix Lill)

Was aber in Stadtgesprächen klar zu hören ist: Die Olympia-Begeisterung ist geschmälert, seit bekannt wurde, dass die Kosten doch viel höher werden als geplant, und dass entgegen der Versprechen auch Steuergelder dafür benutzt werden. Hinzu kam eine Korruptionsaffäre. Und selbst der Beitrag der Spiele zum Wiederaufbau nach der Katastrophe von 2011 ist fraglich geworden.

Tränengas und Maschinengewehre

Für Misako Ichimura ist das noch nicht alles. Sie konzentriert sich mittlerweile auf die gesellschaftspolitischen Auswirkungen, große wie kleine. Mit Hangorin organisiert sie dazu regelmäßig Protestaktionen oder Presseveranstaltungen.

"Premierminister Abe hat ein Gesetz durchgebracht, wodurch Gruppen, die einer kriminellen Tat verdächtigt sind, verhaftet werden können. Aber der Verdacht liegt im Ermessen der Polizei. Also kann im Grunde jetzt jeder verhaftet werden. Und passend dazu gab es letztes Jahr in Kawasaki eine Ausstellung von israelischen Herstellern für Sicherheitsausrüstung, die sich explizit an die Olympiaausrichter richtete. Tränengas, Maschinengewehre und so weiter wurden da angeboten. Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums waren vor Ort. Wir demonstrierten vor dem Gebäude und fragten: Wozu soll Japans Regierung all das brauchen? Für Leute wie uns, die friedlich demonstrieren?"

In einer der sichersten Städte der Welt stärken Tränengas und Maschinengewehre für Menschen wie Ichimura eher das Gefühl der Bedrohung als der Sicherheit. Und auch in anderen Bereichen ist Tokio nicht die lebenswerteste Stadt geworden, wie Offizielle angekündigt hatten.

"Menschen werden aus ihren Wohnungen vertrieben. In Kasumigaoka zum Beispiel stand ein Wohnkomplex für 230 Familien, wegen olympischer Baustellen mussten alle gehen. Bis dahin hatten die Bewohner in Kasumigaoka eine kräftige Gemeinde geformt, wo man sich gegeneinander half. Dann bekamen die Leute Umzugsgeld in die Hand gedrückt und sollten sich ein neues Zuhause suchen. Jetzt ist die Gemeinschaft auseinandergerissen, sie sind quer über Tokio verstreut. Vor allem für ältere Leute war das ein Problem. Zehn ältere Menschen sind kurz darauf auch gestorben, vielleicht hatte das mit dem Stress zu tun."

"Die Obdachlosen können sehen, wo sie bleiben"

Den wenig rücksichtsvollen Umgang mit Stadtbewohnern haben neben Hangorin auch andere NGOs kritisiert. Betroffen seien vor allem diejenigen, die keine starke Lobby haben.

"Obdachlose werden besonders vertrieben. Dafür ist der Miyashita-Park in Shibuya ein Beispiel. Da wurde der Park abgerissen und die Ankündigung war, es werde ein schöner Ersatz für die Gemeinde gebaut. Und was kommt jetzt da hin? Der Immobilienkonzern Mitsui Fudosan, ein offizieller Sponsor von Tokio 2020, baut da gerade noch ein Shoppingcenter mehr. Und die Obdachlosen können sehen, wo sie bleiben. So etwas passiert in ganz Tokio."

Misako Ichimura war jeweils vor Ort, simulierte Abrissaktionen durch Happenings und installierte Informationstafeln. Nur berichten die größten Medien des Landes sowohl über solche Probleme als auch über die Proteste dagegen eher wenig. Auch wenn Misako Ichimura wohl die lauteste Kritikerin ist, haben die meisten Japaner wahrscheinlich noch nie von ihr oder anderen Gegnern gehört.

Der japanische Ministerpräsident Abe beim Besuch des weitgehend zerstörten AKW Fukushima.  (JIJI PRESS / AFP)Der japanische Ministerpräsident Abe (JIJI PRESS / AFP)

Das dürfte auch daran liegen, dass man mit allzu deutlicher Kritik sogar seine beruflichen Beziehungen aufs Spiel setzen kann. Ichimura hat das bei einem so vermeintlich unpolitischen Feld wie dem Kunsthandel erlebt.

"Einmal war ich an einer Ausstellungseröffnung beteiligt. In meinem Profil für die Broschüre der Veranstaltung wollte ich die Website von Hangorin und mein Engagement gegen Olympia erwähnen. Die Veranstalter hatten mit der Bezirksverwaltung zu tun. Sie forderten mich auf, den Verweis zu löschen. Dann gab es eine Diskussion. Seitdem bin ich nicht mehr eingeladen wurden. Meine Erfahrung in Gesprächen mit den Leuten ist aber, dass die meisten nicht für Olympia sind, sondern dagegen. Die Leute sagen es nur nicht. Auch unter den Journalisten ist das so. Kritische Stimmen kriegen keine Öffentlichkeit."

So bleibt die Stimme von Misako Ichimura eine eher einsame. Nur woran könnte das liegen, wo Japan doch eine Demokratie ist mit allen liberalen Freiheiten? Ein Blick auf die Partner von "Tokio 2020" gibt einen Hinweis.

Auf der Sponsorenliste für die Spiele, die die Werber im Regierungsauftrag gern als patriotisches Projekt verkaufen, stehen viele der mächtigsten Unternehmen Japans, darunter auch die führenden Medienhäuser. Jede der fünf größten Tageszeitungen zählt offiziell zu Partnern von Tokyo 2020. Grundsätzliche Kritik ist offenbar nicht richtig vorgesehen.

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