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StartseiteBüchermarktEin versöhnliches Stück Prosa04.06.2017

Toni Morrison: "Gott, hilf dem Kind"Ein versöhnliches Stück Prosa

Toni Morrison schafft es seit Jahrzehnten mit ihren Romanen, Zeitgeschichte und die aktuelle Politik nicht nur zu thematisieren, sondern sogar zu bewegen. In ihrem neuen Roman "Gott, hilf dem Kind" erzählt sie von einer jungen, gefährdeten Liebe. Den beiden Protagonisten gelingt es, sich den Zuschreibungen von Hautfarbe und Herkunft zu entziehen. Ein Roman mit viel Hoffnung und Optimismus.

Von Tanya Lieske

Toni Morrison (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)
Toni Morrison fragt auch in ihrem elften Roman nach Chancen und Grenzen privaten Glückstrebens. (dpa / picture alliance / Ian Langsdon)
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"Gott, hilf dem Kind" ist der elfte Roman der amerikanischen Nobelpreisträgerin Toni Morrison. Schmal ist er wie fast alle seine Vorgänger, und Toni Morrison bleibt darin ihrem Thema treu. Vor dem Hintergrund der traumatischen Geschichte der Schwarzen in Amerika fragt Toni Morrison auch diesmal nach Chancen und Grenzen privaten Glückstrebens.

Zu dem Erbe der Geschichte, das jede ihrer Figuren trägt, kommen Verletzungen, die in ihre jeweilige Kindheit zurückreichen. Ihre Protagonisten sind jung, und es geht im Herzen diese Romans um die Liebe. Booker und Bride, beide Anfang 20, sind schwarz. Wie schwarz sie sind, das ist von Bedeutung, denn sie leben in einem Land und in einer Gesellschaft, in der Schattierungen einer Hautfarbe über die Zukunft eines Kindes entscheiden. Ihre Großmutter habe man noch für eine Weiße gehalten, sagt daher eine schockierte Mutter. Sie nennt sich selbst Sweetness, und sie hat ihre neu geborene Tochter Lula Ann im Arm.

"Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz. Ich habe eine helle Haut und gutes Haar, so wie die meisten von uns, die wir die Gelben nennen, und Lula Anns Vater ist genauso. In meiner Familie gibt es niemanden, der auch nur annähernd diese Farbe hat. (...) Man könnte sie für einen Rückfall halten, aber wohin? Ihr hättet meine Großmutter sehen sollen; sie wurde für eine Weiße gehalten, und gegenüber keinem ihrer Kinder hätte sie jemals etwas anderes behauptet."

Rassismus ist keine Haltung weißer Männer

Rassismus ist in den Romanen von Toni Morrison nie nur eine Haltung weißer Männer. Critical Whiteness, so nennt sich ein Diskurs, der in Amerika schon seit einigen Jahren geführt wird, interdisziplinär. Critical Whiteness besagt, dass die weiße Hautfarbe in vielen Gesellschaften immer noch normative Kraft besitzt. Von schwarzer Haut und weißen Masken spricht der Vordenker Frantz Fanon in einem Schlüsselwerk aus den 50er-Jahren. Gemeint ist, dass der schwarze Mensch seine innere und äußere Herkunft verleugnen muss, wenn er nach gesellschaftlicher Stellung und Erfolg sucht. Toni Morrison denkt das weiter, in ihren Romanen und in ihrem Essaywerk. "Playing in the Dark, Im Dunkeln spielen" heißt ein Essay von 1992. Darin formuliert Morrison ihre Aufgabe als Schriftstellerin:

"Mein Projekt ist das Bemühen darum, den kritischen Blick vom rassischen Objekt zum rassischen Subjekt zu wenden; von den Beschriebenen und Imaginierten zu den Beschreibenden und Imaginierenden; von den Dienenden zum Bedienten."

Brides Mutter Sweetness ist erwiesenermaßen ein sprechendes und fühlendes Subjekt, aber doch ordnet sie sich selbst den Weißen, ihre Tochter Lula Ann dagegen den Schwarzen zu. So zeigt Toni Morrison, wie sehr sich das zentrale Narrativ des Rassismus verselbständigt hat. Gut 150 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei ist dieser Rassismus lebendiger denn je, er lebt nämlich in den Köpfen der Schwarzen fort. Im Originaltext verwendet Sweetness hier Vokabeln wie Mulatto und Quadroon, die direkt aus dem Tagesbericht eines Sklavenhändlers stammen könnten. Thomas Piltz übersetzt diese Begriffe zu Recht in Anlehnung an die Naziterminologie mit  Halb- und Viertelmischling.

"Alle Halb- und Viertelmischlinge waren damals so, vorausgesetzt sie hatten das passende Haar. Habt ihr eine Vorstellung davon, in wie vielen weißen Adern heimlich Negerblut fließt?"

Eine weiße Maske für Bride

Wir sind erst auf der zweiten Seite zwei dieses Romans  und haben schon mit brutaler Eindeutigkeit begriffen, dass es jenseits ihrer Hautfarbe für Lula Ann keine Zukunft geben wird. Und doch wird sie es schaffen! Sie geht einen ähnlichen Weg wie die Autorin Toni Morrison. Sie legt ihren Geburtsnamen ab und erfindet eine Umkehrformel. Lula Ann nimmt eine weiße Maske zur Hand. Sie nennt sich ab sofort Bride. Wir befinden uns nun in einer flirrenden Metropole der Gegenwart. Es spricht ein Modeberater namens Jeri:

"Du solltest immer Weiß tragen, Bride. Nur Weiß, immer alles in Weiß. (...). Nicht nur wegen deines Namens", fuhr er fort, "sondern weil es deine Lakritzenhaut zur Geltung bringt. Und schwarz ist das neue Schwarz, du verstehst, was ich meine? (...) Lässt die Leute an Schlagsahne und an Schokoladensoufflé denken, jedes Mal, wenn sie dich sehen."

Bride ist Anfang 20, und sie ist weit oben. Sie ist Chefin eines Kosmetikunternehmens, sie fährt einen Jaguar, sucht sich ihre Liebespartner unter Rappern und Sportlern. Sie ist eine Schönheit, eine Glamourfigur. Sie trägt grundsätzlich weiße Kleider, sie ist eine Braut – freilich ohne Hochzeit, denn ihr Geliebter Booker hat sie verlassen. Bride trauert sehr, denn Booker war der Richtige für sie. Gut beim Sex und auf wilden Parties, aber er konnte auch in ihre Seele schauen:

"Es ist nur eine Farbe", hatte Booker gesagt. "Ein genetisches Merkmal – kein Makel, kein Fluch, kein Segen und auch keine Sünde." 

Ein Roman im Episodenformat

Nehmen wir noch die Tatsache hinzu, dass wir als Leser jetzt schon wissen, wie Sweetness ihre Tochter einst mit Liebesentzug für die Schwärze ihrer Haut bestraft hat, dann bietet sich hier Stoff genug für Lesefutter.

Toni Morrison erzählt oft von  populären Stoffen, von Liebe, Schuld, Verlust und Verrat; von Ehen, Geschwistern, Familie. Diese stoffliche, quasi leibliche Substanz ist aber immer auch durchdrungen von philosophischen und konzeptuellen Anliegen. Um das eine mit dem anderen zu verbinden, hat Toni Morrison sich eine Erzählform geschaffen, die ihr größtmögliche Freiheit gewährt. Wie in ihrem Welterfolg "Jazz" arbeitet sie auch hier improvisatorisch und in Episoden, mit mehrfachem Wechsel der Erzählperspektive.

In "Gott, hilf dem Kind" kommt Bride zu Wort, auch ihre beste Freundin Brooklyn, ihre Mutter Sweetness, die Gefängnisinsassin Sofia, das Mädchen Rain. Es gibt ferner auktorial erzählte Passagen. Sie gelten Bride und dem Studenten Booker. Morrison kann so ihre erzählerische Potenz voll auskosten, ohne das sprachliche Register einer Person zu verletzen. Ihr Ton changiert zwischen leichtfüßig und erhaben, manchmal neigt er sich auch ins Sentimentale.

Hier ist Bookers Kindheitstrauma. Er hat den Verlust seines zwei Jahre älteren Lieblingsbruders Adam zu verkraften. Toni Morrison setzt ihre letzte Begegnung gleichsam in dunkle Flammen.

"Als Booker seinen Bruder zum letzten Mal sah, rollte er im Abendlicht auf seinem Skateboard den Gehweg hinunter, sein gelbes T-Shirt ein leuchtendes Punkt im Schatten der Eschen. Es war Anfang September, und noch war nichts ringsum bereit zu sterben. Die Ahornblätter taten so, als wäre ihr Grün für die Ewigkeit. Eschen wuchsen unverwandt dem wolkenlosen Himmel entgegen. Die Sonne begann umso wütender zu strahlen, je näher sie dem Horizont sank. Den Gehweg hinunter, von Hecken und ragenden Bäumen gesäumt, glitt Adam als goldener Fleck durch einen schattigen Tunnel dem Rachen der lebendigen Sonne entgegen."

Kindheit als einsamer Ort

Das moribunde Farbspektakel verkündet den wohl schlimmsten aller Kindstote. Bookers Bruder Adam läuft einem pädophilen Kindsmörder in der Arme. Zurück bleibt eine liebenswerte vielköpfige schwarze Familie in tiefer Trauer. Aber vor allem Booker wird diesen Verlust lange nicht verwinden.

Genau hier kommt die elliptische Struktur des Romans zum Tragen. Morrison macht sich ihre Leser zu Komplizen. Erst in ihrer Vogelschau entstehen Muster, die zu Beziehungen und zu Deutungen werden. Die Deutungsspur führt über das Thema des Missbrauchs zur Kindheit.

Kindheit ist in fast allen Romanen Morrisons ein Ort bedingungsloser Ohnmacht. Sie hat es vielfach durchgespielt, von der Sklavenzeit bis in die Gegenwart. In der Kindheit finden sich die Gegebenheiten der Critical Whiteness in größtmöglicher, sozusagen laborfester Verdichtung wieder. Kinder sind Täter oder Opfer, sie können auch nur Beobachter sein und dadurch in einen Kreis von Schuld und Sühne hineingezogen werden.

Genau das ist der kleinen, mitternachtsschwarzen Bride passiert. Ein Junge aus ihrer Nachbarschaft wurde missbraucht. Der Täter ist ihr Vermieter, ein gewisser Mr. Leigh. Um sich selbst in Sicherheit zu bringen, macht der Täter Bride auf ihre Hautfarbe aufmerksam.  Es ist ein negatives Erweckungserlebnis für das damals sechsjährige Mädchen.

"(Mr. Leigh) beugte sich über die kurzen, dicken Beine eines Kindes, das zwischen seinen haarigen weißen Schenkeln lag. Der kleine Junge hatte seine Hände zu Fäusten geballt, die sich öffneten und schlossen. Er weinte leise, und winselnd voller Schmerzen. Die Hose des Mannes war unten bei seinen Knöcheln. Ich starrte hinunter. Der Mann hatte genauso rote Haare wie Mr. Leigh, der Vermieter, aber der konnte es doch nicht sein, weil Mr. Leigh zwar streng, aber kein Schwein war. (...) Und es war Mr. Leigh. Er zog seine Hose hoch, während der Junge wimmernd zwischen seinen Stiefeln lag.  Sein Gesichtsausdruck machte mir Angst, aber ich war wie erstarrt. Dann hörte ich ihn rufen: "Hey, kleine Niggerfotze! Fenster zu und verpiss dich!"

Lula Ann wird schweigen. Das Ereignis wird in ihr wuchern und wachsen, in einer fatalen Fehlentscheidung kulminieren. Zwei Jahre nach dem Vorfall bringt Lula Ann eine weiße Lehrerin hinter Schloss und Riegel. Die Lehrerin heißt Sofia Huxley, und sie war des Kindesmissbrauchs beschuldigt worden. Ihre vermeintliche Enttarnung bringt Lula Ann endlich, für einige Stunden, die Zuwendung der Mutter ein. Jener Mutter, die ihr Kind lieber ohne Abendbrot ins Bett schickt, als ihr eine Ohrfeige zu geben, denn sie scheut die Berührung der mitternachtsschwarzen Haut:

"Mrs. Huxley starrte mich an und öffnete den Mund, als wolle sie etwas sagen. (...). Ich schielte zu Sweetness. Sie lächelte, wie ich sie nie zuvor lächeln gesehen hatte – mit dem Mund und mit den Augen. Und das war noch nicht alles. Draußen vor dem Gerichtssaal lächelten mir alle Mütter zu, und zwei berührten und umarmten mich sogar. Aber das Beste war Sweetness. Als wir die Treppe im Gericht hinuntergingen, hielt sie meine Hand, hielt wirklich meine Hand."

Schattenspiel und Metamorphose

Dieser Romans wirkt wie ein Schattenspiel. Toni Morrison wirft mal die eine, dann die andere Szene an die Wand. "Gott, hilf dem Kind" hat in seiner erzählerischen Substanz so viel Anteil an unserer Realität wie am Genre des Märchens oder der Fabel. Dafür stehen auch die allegorisierenden Namen der Figuren: Bride, die Braut; Booker, der Belesene; die Mutter Sweetness, das Waisenmädchen Rain. Morrison, die sich in ihren frühen Romanen dem Magischen Realismus südamerikanischer Erzähler zuwandte, geht noch einen Schritt weiter. In einem durchaus gewagten Wurf führt sie ein surreales Erzählmotiv  ein. Es geht um eine Metamorphose. Brides Köper wird wieder zu dem eines Kindes, als Booker sie verlassen hat.

"Weil sie in diesem Augenblick begriff, dass die Veränderungen ihres Körpers nicht begonnen hatten, nachdem er gegangen war, sondern weil er gegangen war."

Zuerst vermisst Bride ihr Schamhaar, dann ihre Ohrlöcher, dann die Körperfülle, dann die Brüste. Etwa zur Mitte des Romans befindet sie sich wieder in der Gestalt eines Kindes, allerdings fällt es niemandem auf außer ihr selbst. Viel spricht dafür, dass es sich um eine metaphorische Veränderung handelt: Eine Gestaltwandlung eher nach den Gebrüdern Grimm als nach Franz Kafka.  Um den Zauberbann zu brechen, muss Bride zurückreisen an den inneren Ort der Kindheit. Im äußeren Romangeschehen steigt sie in ihren Jaguar und fährt nach Kalifornien, wo sie den flüchtigen Booker vermutet. Sie kommt durch jenen Teil des Landes, dem man neuerdings das Label der Flyover Country verpasst hat. Endlose Wälder, hin und wieder ein Diner oder ein Geschäft, wortkarge Forstarbeiter. Als Bride in einem unachtsamen Moment aus der Kurve fliegt, ist sie auf deren Hilfe angewiesen:

"Zumindest war die Straße gepflastert, zwar schmal und kurvenreich, aber immerhin gepflastert. Vielleicht war das der Grund, warum sie sich auf ihr Fernlicht verließ und aufs Gas stieg. Sie sah es nicht kommen. In einer scharfen Kurve kam der Wagen von der Straße ab und krachte gegen einen Baum."

Unterwegs in der Flyover Country

Nach dem Unfall nehmen Evelyn und Steve Bride bei sich auf. Sie sind zwei Aussteiger, die ein bescheidenes Auskommen gefunden haben. In dieser auktorial erzählten Passage erlaubt Morrison es sich, den Egoismus des städtischen Glamourgirls gegen die Gastfreundlichkeit einer Kleinstfamilie auszuspielen, die man soziologisch gesehen wohl dem White Trash zuordnen würde. Morrison ist keine Autorin eindeutiger Zuschreibungen.

"Mistkübel, Plumpsklo, Zinkwanne und ein durchgelegenes kratziges Sofa –  und damit sollte sie einen Monat lang leben? Bride begann zu weinen, und man ließ sie, während Rain und Evelyn sich wieder der Zubereitung einer Mahlzeit widmeten. (...).  Nach der Mahlzeit fühlte Bride sich mehr als nur verlegen, sie schämte sich. (...). Aber ihre Gefühle der Dankbarkeit, des peinlichen Berührtseins, erwiesen sich, wie so oft, als kurzlebig."

Es folgt eine sechswöchige Zwangspause in der Mitte des Romans. Themen und Motive sind gesetzt, sie werden ab hier in die zweite Hälfte hinein gespiegelt. Es ist eine Atempause, in der das Mädchen Rain auftritt. Eine Schlüsselfigur. Rain ist ein Waisenkind, sie ist einem Milieu entkommen, in dem ihre leibliche Mutter sie diversen Männern für sexuelle Dienstleistungen zur Verfügung stellte. Bride lässt sich von ihrer Geschichte berühren. Sie riskiert ihr Leben für Rain und wird von nun an die Rückverwandlung ihres Körpers in den einer erwachsenen Frau erleben. Dies folgt der Erzähllogik eines Märchens, gute Taten werden belohnt. Zugleich darf man den Verweis auf christliche Kontexte mitlesen, auf die Themen von Schuld und Sühne, auch auf die Chance von Vergebung. Morrison hat ihrem Roman das bekannte Zitat von Jesus und den Kindern vorangestellt, zitiert nach Lukas: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht. In den Worten des Mädchens Rain hört sich das so an:

"Mein Herz schlug ganz schnell, weil so etwas noch nie passiert war. Ich meine, Steve und Evelyn haben mich aufgenommen und all das, aber niemand hat sich selbst in Gefahr gebracht, um mich zu retten. Mir das Leben zu retten. Und genau das hat meine schwarze Lady getan."

Mütterlicher Archetyp

Bride fährt weiter nach Süden und gelangt zu einer zweiten bescheidenen Hütte. Hier lebt Queen, sie ist eine alte schwarze Frau, zufällig auch die Lieblingstante des verschwundenen Booker. Sie weiß, wo ihr Neffe sich aufhält. Sie weiß auch, was noch zu klären ist, und sie schaut direkt in Brides Herz, kann ihr die Wegzehrung der Zuwendung, des Durchhaltewillens, der Selbsterkenntnis mit auf den Weg zu geben.

Mit Queen führt Morrison eine Figur ein, in der der Archetyp der weisen afrikanischen Mutter wiederkehrt. Queens Aureole leuchtet weit in diesem Roman, vielleicht zu weit. Als sich alles auf ein gutes Ende hin bewegt, häufen sich auch formelhafte Ratschläge und Botschaften der Figuren. Diese wirken wie Findlinge in dem sonst eher filigranen Terrain der Erzählung. Booker, zum Beispiel, erklärt sich so:

"Bride versteht wahrscheinlich mehr von der Liebe als ich. Zumindest ist sie willens, sich darauf einzulassen, etwas dafür zu tun, etwas zu riskieren und die Probe aufs Exempel zu machen. Ich riskiere nichts. Ich sitze auf dem hohen Ross und weise anderen ihre Mängel nach."

Ein Roman voller Hofffnung

Solche Passagen wirken ungelenk und überflüssig. Und doch beeindruckt in der Gesamtschau die Hoffnung, die von diesem Roman ausgeht. Toni Morrison entlässt ihre Leser mit einer frohen Botschaft: Es wird ein neues Kind geboren werden. Begleitet von den größten Erwartungen der jungen Eltern Booker und Bride:

"Ein Kind. Neues Leben, immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung. Niemals irrend, voller Güte. So stellen sie es sich vor."

"Gott, hilf dem Kind" ist das versöhnlichste Stück Prosa, das Toni Morrison jemals geschrieben hat. Es erreicht uns in einer eher freien Übersetzung von Thomas Piltz, der mit dem Roman "Gnade" die Arbeit an Morrisons Werk von Helga Pfetsch übernommen hat. Viel von Morrisons mündlicher Diktion ist hier verloren gegangen, auch kann man nur dem Original entnehmen, ob eine weiße oder eine schwarze Person spricht. Wer in den vollen Genuss des Textes geraten will, der greife daher zum amerikanischen Original: "God help the child".

Toni Morrison: "Gott, hilf dem Kind"
Roman. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Thomas Piltz, Rowohlt Verlag, Hamburg 204 Seiten geb. 19,95

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