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Tour de France 2022
Die Tour als Actionfilm

Schwierige Kopfsteinpflasterpassagen, enge Straßen und abschüssige Zielsprints: An der Streckenplanung der Tour de France hat es in den vergangenen Jahren immer mehr Kritik gegeben. Doch für die Planer wird es immer schwerer eine sichere Strecken zu finden.

Von Christian von Stülpnagel | 03.07.2022
Die Fahrer der Tour de France 2022 auf der Etappe zwischen Vejle nach Sonderborg.
Die Fahrer der Tour de France 2022 auf der Etappe zwischen Vejle nach Sonderborg. (dpa / picture alliance / Jasper Jacobs)
Die Bilder waren wie erwartet spektakulär: Radfahrer, die über die mehr als 60 Meter hohe Großer-Belt-Brücke fahren, während unten Schiffe und Containerriesen queren. Viele hatten auf der windanfälligen Brücke aber auch mit Stürzen gerechnet, wenn sich die Favoriten vorn im Feld tummeln, um nicht schon auf der zweiten Etappe Zeit zu verlieren.
Aber im Gegenwind schlichen die Fahrer gestern beinahe über die Brücke, haben Rücksicht aufeinander genommen. Erst als das Feld geschlossen in den Zielort fährt, kommt es doch noch zum großen Sturz. Auf der engen Straße liegen dutzende Fahrer am Boden.

"Die Tour die France ist halt kein Actionfilm"

Insgesamt stehen gerade die Strecken der ersten Etappen der diesjährigen Tour de France stark in der Kritik. Sei es der windanfällige Auftakt in Dänemark mit vielen engen Straßen und Kurven, oder die schweren Kopfsteinpflasterabschnitte im Norden Frankreichs in der kommenden Woche. Und all das gleich in der ersten Tour-Woche, wo die Fahrer nervös sind, sich abtasten.
"Also auf die erste Woche freue ich mich überhaupt nicht", hat zum Beispiel Simon Geschke aus der französischen Cofidis-Mannschaft vor dem Tourstart der Sportschau gesagt: "Da wird definitiv Risiko in Kauf genommen, und das macht es für uns mega gefährlich. Und die Tour die France ist halt kein Actionfilm."

Sportlicher Wert vs. kalkuliertes Risiko

Der Streckenplaner der Tour, Thierry Gouvenou, möchte diese Kritik nicht auf sich sitzen lassen. "Natürlich wissen wir, dass das für viele Favoriten schwer wird. Aber das gehört zum Leben als Radsportler dazu."
Gerade die von Geschke kritisierte fünfte Etappe über das schlechte, nordfranzösische Kopfsteinpflaster gehört für ihn zu den Highlights dieser Tour. Es führt über Abschnitte des berüchtigten Radklassikers Paris-Roubaix, bei dem es auch immer wieder zu Stürzen kommt:
"Wer die Tour de France gewinnen möchte, muss auch mit Kopfsteinpflaster zurechtkommen, das nicht einmal zu den schlechtesten Stücken von Paris-Roubaix gehört."
Neben seinem Job bei der Tour de France ist Gouvenou Renndirektor des Rennens durch die sogenannte "Hölle des Nordens". Fabian Wegmann, selbst ehemaliger Radsportler und heute ARD-Experte sowie Organisator der Deutschlandtour, versteht die Kritik an der diesjährigen Tour-Strecke. Er nimmt die Streckenplaner aber auch in Schutz:
"Das ist immer die Frage, was will man dann machen. Wir haben es im letzten Jahr auch gesehen, mit den Stürzen, die wir dort haben. Die erste Woche ist immer sehr nervös, alle wollen vorn fahren. Man kann aber nicht nur über große Straßen fahren. Es bringt dann auch nichts, wo ist dann der sportliche Wert."

Stürze sind unausweichlich

Im vergangenen Jahr waren gleich auf den ersten Etappen viele Favoriten gestürzt, unter anderem Primož Roglič und Geraint Thomas. Danach hatte es heftige Kritik an der Sicherheit der Strecken gegeben: zu eng für das große Peloton, zu viele Gefahrenstellen. Eine Kritik, die Thierry Gouvenou nur in Teilen versteht:
"Es ist immer noch die Tour de France, selbst mit den schönsten Strecken der Welt gäbe es da sicherlich noch Stürze. Es gibt nun einmal den Kampf um die besten Plätze, und da ist es unausweichlich, dass die Fahrer auch mal stürzen."
Der 53-jährige ehemalige Radprofi ist die Nummer zwei in der Tour-Organisation. Er entscheidet, auf welchen Straßen gefahren wird. Wenn es in den ersten Tagen zu stürzen kommt, liege das aber nicht nur an engen Kurven, sagt er:
"Es ist auch ein Problem, wie sich die Fahrer im Peloton verhalten. Es gibt weniger Respekt unter den Fahrern. Außerdem ist das Material in den vergangenen Jahren sehr viel schneller geworden. Und schließlich spielt auch die Taktik der Teams eine Rolle. Der Kapitän soll von seinen sechs, sieben Teammitgliedern unterstützt werden. Wenn jetzt sechs Kapitäne zeitgleich vorn fahren wollen, ergibt das sehr viele Fahrer. Natürlich steigt da das Sturzrisiko."

LED-Schilder und akustische Signale

Und manchmal, so sagt er, habe er auch schlicht keine Wahl, bessere Strecken auszuwählen. Besonders in Städten werde es immer schwieriger, Strecken ohne Verkehrshindernisse zu finden. Das bemerkt auch Fabian Wegmann, wenn er die Strecke für die Deutschlandtour plant:
"Gerade das Thema Verkehrssicherheit in den Städten, Verkehrsberuhigung ist ein wichtiges Thema, und das heißt einfach, Schweller oder Verkehrsinseln einzubauen, und die sind für uns natürlich nicht von vom Vorteil."
Hauptfaktor bei der Streckenplanung ist die Geschwindigkeit, sagt Wegmann: Bergauf, wenn die Fahrer langsam unterwegs sind, könne man im Grund jeden Weg nehmen. Bergab hingegen müsse der Asphalt gut sein und die Kurven nicht zu eng. Und man brauche eine gute Ausschilderung der Strecken:
"Ein Profi, der hat zwei Bremsen, der kann sein Rad beherrschen. Nur schlimm ist es, wenn er in eine Kurve reinfährt und die unterschätzt. Wenn er denkt, das ist eine 90 Gradkurve, und dann sind es doch 110 Grad. Und dann fährt er halt mit einer zu hohen Geschwindigkeit rein.
Bei der Deutschlandtour arbeitet er deshalb mit LED-Schildern und akustischen Signalen, um die Fahrer auf schwierige Streckenabschnitte vorzubereiten.

Die schönsten Stellen Frankreichs zeigen

Für Gouvenou steht bei der Planung der Strecke der Tour de France aber nicht nur die Sicherheit der Sportler im Mittelpunkt.
"Wir wollen das schönste zeigen, das Frankreich zu bieten hat, die Zentren der vielen kleinen Dörfer und Städte. Deshalb wollen wir so viele Gemeinden wie möglich durchfahren. Das ist wichtig für uns, weil viele Zuschauer die Tour nicht nur wegen des Radsports verfolgen, sondern, um die schöne Landschaft zu sehen."
Und dann gibt es noch die großen Klassiker, die bei der Tour nicht fehlen dürfen. Anstiege wie der Col du Tourmalet, der Mont Ventoux, oder l’Alpe d’Huez, wo die Fahrer in diesem Jahr am französischen Nationalfeiertag hinauffahren und die Veranstalter Zehntausende Fans erwarten:
"Das sind bei weitem nicht die schwersten Anstiege der Tour. Aber in den Köpfen der Fans sind es diese Namen, die sich festsetzen. Persönlich würde ich die gern einmal hinter mir lassen und zeigen, was wir noch machen könnten. Aber das ist so ein großes Risiko, das Publikum zu enttäuschen, dass wir da keine Wahl haben, wir müssen die großen Namen immer wieder fahren."
Auf diesen Anstiegen muss sich Gouvenou weniger Sorgen um die Sicherheit der Strecke machen – sondern vor allem dafür sorgen, dass die Fans den Fahrern genügend Platz lassen.