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StartseiteDlf-MagazinBevor das Dorf weggebaggert wird20.09.2018

Tour um den Tagebau GarzweilerBevor das Dorf weggebaggert wird

Der Hambacher Forst ist zum Symbol im Streit über den deutschen Kohleausstieg geworden. Doch während Umweltaktivisten sich dort dem Energiekonzern RWE entgegenstellen, wird ganz in der Nähe schon gebaggert. Rund um den Tagebau Garzweiler nehmen mehrere Dörfer Abschied von der Heimat.

Von Claudia Hennen

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Ein Motorrad fährt durch das Dorf Keyenberg: Von den rund 800 Einwohnern haben sich viele schon umsiedeln lassen; Aufnahme vom August 2016 (picture alliance / dpa)
Von den rund 800 Einwohnern des Erkelenzer Ortsteils Keyenberg haben sich schon viele umsiedeln lassen (picture alliance / dpa)
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Oliver Kanneberg steht hinter seinem Haus in Kuckum, blickt über den Gartenzaun ins Naturschutzgebiet und seufzt. Die Tage seines idyllischen Anwesens sind gezählt:

"Bis vor eineinhalb, zwei Jahren war die Hoffnung noch da. Aber derzeit ist eine große Barriere gefallen – das ist die Autobahn 61, die ist jetzt lahmgelegt worden. Das war für uns lange wie eine Chinesische Mauer, wo wir gedacht haben, dass RWE da nicht drüber geht. Das ist aber jetzt erfolgt. Und dementsprechend stellt man sich das vor, man stellt sich das jeden Tag eigentlich vor."

Oliver Kanneberg vor seinem Haus in Kuckum, einem Ortsteil von Erkelenz, der umgesiedelt werden soll (Deutschlandradio/ Claudia Hennen)Oliver Kanneberg vor seinem Haus in Kuckum, einem Ortsteil von Erkelenz, der umgesiedelt werden soll (Deutschlandradio/ Claudia Hennen)

Die Bagger rücken näher

Mit "das" meint Kanneberg die Schaufelradbagger, die immer näher rücken. Spätestens 2027 soll in Kuckum Braunkohle gefördert werden, der Umsiedelungsprozess hat bereits begonnen. Oliver Kanneberg steht in Verhandlungen mit RWE über ein Ersatzgrundstück im Norden der Stadt Erkelenz. Alle fünf noch wegzubaggernden Dörfer werden dorthin umgesiedelt. 

"Die Grundstücke, die man dort zur Auswahl hat, sollten eigentlich vergleichbar sein mit den Grundstücken, die man am alten Ort hat. Das ist aber in recht wenigen Fällen die Praxis. Weil diese sehr gute Lage finden wir am neuen Ort definitiv nicht wieder. Die gibt es einfach nicht." 

Blick auf das Braunkohleabbaugebiet Garzweiler (Silke Hahne)Blick auf den Braunkohle-Tagebau Garzweiler (Silke Hahne)

Viele Bewohner verlassen die Region ganz

Oliver Kanneberg schätzt, dass nur ein Drittel der Bewohner in der Gegend umsiedeln wird – alle anderen verlassen die Region. Der 52-jährige technische Angestellte fährt durch sein langsam sterbendes Dorf.

Unter dem Motto "verheizte Heimat" führt er alle paar Wochen Interessierte durch das Tagebaugebiet. Neben der Kuckumer Hauptstraße stehen vereinzelt Container vor den Backsteinhäusern. Manchmal sind auch Schächte ausgehoben – Beweis dafür, dass die Häuser bereits von der Stromversorgung abgeschnitten sind.  

"Die Menschen fangen schon weit, weit im Vorfeld an, sich zu zerstreuen. Das ist ein Sterben in kleinen Schritten, das muss man schon sagen. Dieses Wegsterben eines intakten Ortes, der Menschen, der Infrastruktur - man hat es leider Gottes jeden Tag vor Augen. Das ist nicht schön zu sehen, definitiv nicht." 

Die Landwirte sorgen sich um ihre Existenz

Am Ortsrand trifft Kanneberg auf einen Großbauern. Der 60-Jährige verhandelt mit RWE um Ausgleichsflächen. Bislang vergeblich: 

"Die Landwirte haben nicht so viel Eigenland. Der größte Anteil ist gepachtet. Und auf ein Pachtland bekommt man kaum noch Optionen. Und wenn der Betrieb dann um die Hälfte verkleinert wird, dann ist die Existenznot da."

Im umgesiedelten Ort wird es keinen Großbauern mehr geben. Milchvieh zu halten, wird nicht erlaubt sein: 

"Nein! Am Hof haben wir drei Hektar Wiesen, die hätte ich gerne zurück. Aber nein, weil es reine Wohngebiete sind, und in Wohngebieten sind keine Nutztiere erlaubt." 

"Das ist wie eine neue Vertreibung"

Seinen Namen will der betroffene Bauer nicht nennen, noch verhandelt er mit RWE. Die Fahrt geht weiter – nach Keyenberg. Auf dem Platz vor der Kirche spielen Kinder.

Dass das Dorf bis 2023 dem Erdboden gleich gemacht werden soll, erscheint an diesem sonnigen Spätsommernachmittag surreal. Auch die prächtige neugotische Heilig-Kreuz-Kirche, die in den Grundfesten über tausend Jahre alt ist, wird weggebaggert.

Küsterin Hedwig Drabik weiß, was es heißt, die Heimat zu verlieren. Die 84-Jährige wurde als Kind aus dem Sudetenland vertrieben: 

"Also das ist praktisch wie eine neue Vertreibung. Das kann man nicht begreifen. Es sind sehr viele schon hier krank geworden, gestorben darüber, vor lauter Gram." 

Jahrelang stand dieses Schild am Ortseingang von Keyenberg, bald wird es den Kohlebaggern weichen, so wie die Kirche und Häuser im Hintergrund (picture-alliance / dpa / Caroline Seidel)Jahrelang stand dieses Schild am Ortseingang von Keyenberg, bald wird es den Kohlebaggern weichen, so wie die Kirche und Häuser im Hintergrund (picture-alliance / dpa / Caroline Seidel)

"Die Erinnerung wird ausgelöscht"

Im umgesiedelten Ort wird nur eine kleine Kapelle stehen – sie muss dann auch den Gemeinden Kuckum und Berverath genügen, deren Kirchen ebenfalls dem Tagebau zum Opfer fallen. Aus Platzgründen, so die Argumentation des Bistums, kann nur ein Bruchteil des Inventars umgesiedelt werden – der prächtige holzgeschnitzte Hochaltar etwa wird nicht dabei sein. Für den Keyenberger Ingo Bajerke, von klein auf in der Gemeinde aktiv, ein unerträglicher Gedanke: 

"Alles, was mit der Geschichte unseres Ortes zu tun hat, befindet sich hier in der Kirche. Wir haben hier eine Zeitkapsel und ich habe gedacht, wir nehmen diese Zeitkapsel mit an den neuen Ort und haben dann praktisch einen Ort der Erinnerung am neuen Ort, wo Geschichte erlebbar ist. Aber die Kirche lässt uns das nicht mitnehmen. Es wird praktisch die Erinnerung ausgelöscht." 

Keine Rettung für die Kirchen 

Im Kirchturm hängt eine jahrhundertealte Glocke. Auch sie wird nicht in die neue Kapelle kommen, und stattdessen wie der Altar auf andere Gotteshäuser verteilt. Der Abriss des Immerather Doms im vergangenen Jahr machte die Hoffnung auf eine Rettung der verbliebenen Kirchen im Tagebaugebiet zunichte. Einzig die Proteste im Hambacher Forst lassen Ingo Bajerke etwas hoffen: 

"Wie viele Leute da auf den Beinen sind! Früher waren nur noch diese Aktivisten dort, und nun sah man Familien mit Kindern, man sah Leute aus der Bevölkerung, eine riesige Menschenmasse, die zeigt: Die Zeit der Braunkohle ist vorbei. Und das macht mir schon Mut." 

Die ehemalige Kirche St. Lambertus, im Volksmund Immerather Dom genannt, muss dem Braunkohletagebau Garzweiler weichen.  (imago / Bernd Lauter)Die ehemalige Kirche St. Lambertus, der "Immerather Dom", musste dem Braunkohletagebau Garzweiler weichen (imago / Bernd Lauter)

"Da hat mal mein Haus gestanden"

Der Kuckumer Oliver Kanneberg ist pessimistischer. Er glaubt zwar, dass noch innerhalb des kommenden Jahrzehnts der Braunkohle-Abbau gestoppt wird. Doch für die Dörfer und die Kulturdenkmäler sei es bereits zu spät: 

"Selbst wenn die Häuser verschwinden in ein paar Jahren: dass der Boden bleibt. So dass man zumindest zu dem Boden zurückgehen kann und sagen kann: Da hat mal mein Haus gestanden. Das ist ja jetzt in den Dörfern nicht, das ist ja im luftleeren Raum. Da gibt es ja überhaupt nichts mehr."

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