Sonntag, 04. Dezember 2022

Trans-Experten in Medien
Kritik an Unausgewogenheit

Manche Feministinnen bezweifeln, dass Trans-Frauen „echte“ Frauen sind oder warnen vor einem "Trans-Hype". Solche Aussagen seien diskriminierend, finden Betroffene. Sie fordern eine ausgewogenere Debatte in den Medien.

Von Annika Schneider | 23.03.2022

Demonstrant in Minnesota, USA, mit einem Schild "Let Kids be Kids" bei einer Demonstation für die Rechte von Trans-Jugendlichen
"Lasst Kinder Kinder sein" - was das bei Trans-Kindern konkret bedeutet, darüber gehen die Meinungen auseinander (Imago/Michael Siluk/Universal Images Group)
Trans-Frauen seien keine Frauen, sondern Männer, denen der Penis entfernt wurde und die Hormone genommen hätten: Das sagte die umstrittene britische Philosophin Kathleen Stock im Februar im „Spiegel“.

Alice Schwarzer sieht Trans als "Trend"

Die deutsche Feministin Alice Schwarzer sieht das anders. Aber auch sie beurteilt die aktuelle Trans-Bewegung kritisch: Sich als „transsexuell“ zu bezeichnen, sei unter jungen Frauen zu einem gefährlichen Trend geworden, erklärt sie in einem Gastbeitrag für die „Zeit“. Über Jugendliche, die sich nicht mit ihrem weiblichen Körper identifizieren, schreibt sie:
„Helfen wir diesen Mädchen – und ‚heilen‘ wir sie nicht, indem wir ihre Körper mit Hormonen und Operationen traktieren und sie zu ‚Männern‘ machen. Bestärken wir sie eher darin, weibliche Menschen zu sein und frei.“

Bundesverband Trans lehnt Trend-These ab

Kalle Hümpfner, beim Bundesverband Trans zuständig für gesellschaftspolitische Arbeit, sieht diese Aussagen kritisch. Gerade für Trans-Jugendliche könnten sie sehr belastend sein.
"Das ist auch etwas, was uns in der Medienberichterstattung total häufig fehlt, einfach auch darüber zu sprechen, was sind die Auswirkungen auf Trans und nicht-binäre Personen, wenn wir wirklich immer sehr negativ und mit Ängsten über Transpersonen sprechen und wenn es tatsächlich auch ganz häufig ein Sprechen 'über' ist und nicht ein Sprechen 'mit'. Und gerade dieses Thema 'Trans als Trend' oder 'Trans als Hype' – da gibt es ja auch sehr gute Erklärungen, warum sich mittlerweile mehr Transpersonen outen."

Kritik an unwissenschaftlichen Thesen

Denn dass Transgeschlechlichkeit inzwischen nicht mehr als psychische Störung gelte, ermutige mehr Menschen, darüber zu sprechen. Die Berichterstattung über Transidentität habe sich zwar in den vergangenen Jahren grundsätzlich verbessert, findet Kalle Hümpfner, aber sie stelle manchmal immer noch wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Thesen gleichberechtigt nebeneinander.
Medien über Transmenschen: Wie gelingt angemessene Berichterstattung? - Interview mit Leo Yannick Wild
"Und ich finde es tatsächlich auch schwierig, diskriminierende Positionen unkommentiert zu verbreiten. Also da ist eine Einordnung extrem wichtig. Und ich finde tatsächlich aber auch die Abwägung essentiell: Möchten wir tatsächlich einer diskriminierenden Position gerade Raum geben, gerade wenn es dafür keine wissenschaftliche Grundlage mehr gibt? Ich finde, das sollte sich jede Redaktion als Frage stellen, bevor bestimmte Personen eingeladen werden zum Interview."

Ärzte warnen vor Diskriminierung und Stigmatisierung

Alice Schwarzer bezieht sich in ihrem Gastbeitrag unter anderem auf den Münchener Jugendpsychiater Alexander Korte, der von Medien regelmäßig zitiert wird. Nicht immer wird dabei deutlich, dass er zum Teil Außenseitermeinungen vertritt. Auf ein langes „Spiegel“-Interview mit Korte reagierten mehrere seiner Kollegen 2019 mit einem offenen Brief: Kortes Positionen seien im Lichte aktueller medizinischer Standards bedenklich und könnten Behandlungssuchende stigmatisieren, diskriminieren und verunsichern.
Auch in der „Zeit“ taucht Alexander Korte ab und zu auf. Von einer unausgewogenen Debatte könne dennoch keine Rede sein, findet „Zeit“-Wissenschaftsredakteur Martin Spiewak. Er schreibt seit 2004 über Trans-Themen und hat nachgezählt: 90 Artikel seien in der „Zeit“ in den vergangenen fünf Jahren zum Thema erschienen, mit sehr vielfältigen Perspektiven. Dass der Anteil von Trans-Jugendlichen steige, sei ein Trend, über den unbedingt berichtet werden müsse, findet er.
"Es ist einfach eine Frage, die wissenschaftlich, pädagogisch, psychologisch geklärt werden muss, inwiefern Jugendliche, insbesondere sind es ja Mädchen, die, um jetzt mal so einen allgemeinen Begriff zu sagen, sich im falschen Körper fühlen, tatsächlich eine Transidentität entwickelt haben oder ob andere Gründe eine Rolle spielen. Und das abzuklären, ist ein wichtiges Thema und darüber zu berichten halte ich ebenso für wichtig."

"Zeit"-Redakteur verweist auf wissenschaftliche Debatte

Journalistinnen und Journalisten dürften sich nicht vorschreiben lassen, mit wem sie sprechen und mit wem nicht, betont Martin Spiewak, aber natürlich müssten Einzelmeinungen eingeordnet werden. Der Gastbeitrag von Alice Schwarzer erschien nicht im Ressort Wissen, sondern im Feuilleton. Er folge somit einem anderen Ansatz, sagt Martin Spiewak:
"In der Wissenschaft argumentieren wir natürlich wissenschaftlich. Das heißt, wir argumentieren mit Empirie, mit Evidenz, mit Studien.  So argumentiert das Feuilleton, also die Kultur natürlich weniger. Da spielen auch Einzelmeinungen eine Rolle, weil man Debatten anstoßen will. Und da fragt man nicht immer sofort: Ja, welche Studie steht dahinter?"
Eine Einordnung solcher Einzelmeinungen wünscht sich auch Kalle Hümpfner vom Bundesverband Trans. Thesen wie die von Alice Schwarzer würden in der Trans-Community immer wieder zu Wut, Empörung und Ohnmachtsgefühlen führen. Denn Feministinnen wie Schwarzer äußern sich über andere. Für Trans-Menschen ist die Debatte persönlicher: Für sie geht es um ihr Recht auf Selbstbestimmung.