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StartseiteTag für TagDas lange Schweigen der Politik27.01.2021

Trauma KinderverschickungDas lange Schweigen der Politik

Nachdem durch DLF-Autorin Lena Gilhaus Berichte von Betroffenen über Missstände in ehemaligen Kinderkurheimen publik wurden, versprachen viele verantwortliche Träger eine umfassende Aufarbeitung. Doch die ist zaghaft - auch deshalb, weil politischer Druck fehlt.

Von Lena Gilhaus

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Aufnahme vom 21.10.1987, Turnen im Kindersanatorium Bad Muskau, (imago images / Werner Schulze)
Aufnahmen wie diese aus dem Kindersanatorium Bad Muskau Ende der 80er Jahre sind selten. Die Aufarbeitung für Betroffene von traumatischen Kurverschickungen ist schwierig - dabei scheint es auch an politischem Willen zu fehlen (imago images / Werner Schulze)
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Weil Johannes Möllers als Grundschulkind inkontinent war, habe seine Lehrerin den Eltern zu einem Kinderkuraufenthalt geraten. Dort würde man Johannes das Einnässen abgewöhnen. Mit acht Jahren wurde er 1972 neun Wochen in ein Kinderkurheim nach Bad Sassendorf bei Soest verschickt.

"Ich kann mich daran erinnern, dass ich eigentlich in den neun Wochen nur klebrigen, stacheligen trockenen Reis bekommen hab. Man konnte ihn eigentlich auch überhaupt nicht essen. Wenn man den halt ausgebrochen hatte, dann musste man ihn halt nochmal essen. Dann kam auch die Schwester und man kriegte das dann regelrecht eingeflößt. Das Weinen der Kinder habe ich also heute noch in den Ohren. Vergisst man eigentlich nicht. Ja und als Bettnässer war man natürlich auch das Allerletzte, sage ich mal so, wurde wohl irgendwie erniedrigt, immer wieder. Und ich weiß auch, dass ich immer auf der Seite schlafen musste, also mit dem Gesicht zur Wand. Wahrscheinlich um psychischen Druck aufzubauen. Man hat immer Angst gehabt. Tag und Nacht. Ich war eigentlich immer der Meinung, dass meine Eltern mich einfach abgegeben haben und wollten mich nicht mehr haben. Für den Rest deines Lebens bleibst du halt hier."

  (Picture Alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich) (Picture Alliance / dpa / Hauke-Christian Dittrich)Trauma Kinderverschickung
Vor drei Jahren machte unsere Autorin erstmals öffentlich, was Kinder erlebt hatten, die in den 1950er- und 80er-Jahren zur Kur geschickt wurden: Gewalt, Sadismus, Zwangsernährung. Jetzt hat sie bei den Einrichtungen noch einmal nachgefragt, wie sie die Vergangenheit aufarbeiten.

Weiter erinnert sich Möllers nur noch an einen militärischen Ton, Holzfässer und Moorbäder während seiner Kinderkur. In welchem Haus er und in wessen Trägerschaft es war, weiß er nicht mehr.

"Das war auch nachher ein Tabuthema. Ich konnte auch meine Eltern nicht fragen: Wieso, weshalb, warum habt ihr mich weggegeben. Hab ich nie begriffen und hab immer auch meinen Eltern dafür die Schuld gegeben. Ich habe bis heute auch überhaupt noch gar keine Unterlagen, keine Briefe, nichts mehr. Meine Eltern leben nicht mehr. Die kann ich auch nicht mehr fragen. Diese ständige Angst, die man sein ganzes Leben bis heute in sich trägt, kommt immer wieder hoch. Hauptsächlich nachts."

Wo sind die Berichte?

Heute will Möllers die traumatische Kurverschickung verarbeiten. In Namenslisten und Abbildungen, die er von der Gemeinde Bad Sassendorf und des Stadtarchivs bekommt, erkennt er das Haus nicht wieder. Wo könnten Berichte über Kinderkurheime in Bad Sassendorf liegen? Laut der Initiative der Verschickungskinder waren die Landesjugendämter für die Heimkontrollen zuständig. Aber als ich beim Landschaftsverband Westfalen Lippe anfrage, sagt man mir, in NRW nicht: "Für Westfalen scheinen nach unserem jetzigem Wissensstand solche Berichte nicht flächendeckend vorzuliegen – ohnehin müsste man zunächst wissen, wie konkret die Heimaufsicht in den Kinderkureinrichtungen überhaupt umgesetzt wurde."

Schreibt Jeanette Metz vom Museum Westfälische Salzwelten in Bad Sassendorf. Sie forscht seit 2017 mit der Westfälischen Wilhelms Universität Münster zu den Zuständen in Kinderkurheimen vor Ort und konnte Johannes Möllers auch nicht weiterhelfen. Auch viele Betroffene, die sogar noch den Träger und das Haus kennen, kommen nicht weiter, weil die sagen, keine Daten mehr zu besitzen. Manche Amtsmitarbeiter und Archivare seien inzwischen mit den Nachfragen von Betroffenen überfordert, weil sie auch nicht wüssten, wo Daten liegen könnten, sagt Metz.

Betroffene spüren starken Widerstand

Die Betroffenen wollen seit längerem selber Licht ins Dunkel bringen. Anja Röhl, Gründerin der Betroffeneninitiative Verschickungskinder, hat 2019 mit ihrem Verein "Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung e.V." einen Antrag für eine Bürgerforschung beim Bundesforschungsinstitut eingereicht. Doch der sei mit der Begründung abgelehnt worden, dass die Initiative schon viele Unterstützer habe, sagt Röhl. Dabei hat dem Verein bislang nur Baden-Württemberg finanzielle Unterstützung zugesichert. Insgesamt 30.000 Euro für eine ehrenamtliche Landeskoordinierungsstelle, sagt Röhl: Sie glaubt, die Träger der Heime hätten die Politik ausgebremst.

Sie sagt: "Da spüren wir sehr starke Widerstände. Die sind auf die Angst vor Rufschädigung zurückzuführen und das kann eventuell auch auf die Politiker zurückgeschlagen sein. Dass die Politiker hier mit den Trägern in Kontakt gekommen sind und die haben dann gesagt: Naja, wir wollen mal schön den Ball flach halten, so vermute ich mal. Ich kann den Trägern nur raten, es hilft dem Ruf ja sehr, wenn man sich als erstes um Aufklärung bemüht."

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Charlotte Quik, Landtagsabgeordnete der CDU, fordert mehr Eigeninitiative von den Trägern: "Wenn keine Information vorliegen, dann kann man aber immer noch sagen, man ist zum Gespräch bereit oder versucht, was weiß ich, ehemalige Mitarbeiter zu finden. Also eine Bereitschaft erwarte ich von jedem einzelnen Träger in diesem Land. Das will ich auch ganz klar so formulieren. Wenn aber sozusagen beispielsweise ein Betroffener sagt, ihm wurde jetzt im Heim XY das angetan, dann erwarte ich auch von diesem Träger, dass er sich damit auseinandersetzt und nicht eine Aussage tätigt wie: Bitte melden Sie sich nicht mehr!"

Politische Initiative bei Aufklärung gering

Doch dass auch die schwarz-gelbe Landesregierung wenig Eigeninitiative bei der Aufarbeitung zeigt, hat eine kleine Anfrage des SPD-Landtagsabgeordneten Dennis Mälzer im März 2020 gezeigt.

Die Landesregierung antwortete, zur Anzahl verschickter Kinder keine Daten zu besitzen und dass sie von drei NRW-Verschickungsheimen wisse. Dabei hatten die Betroffenen da bereits prominent auf der Website "Verschickungsheime" 177 NRW-Heime platziert. Die Landesregierung hatte offensichtlich nicht einmal auf die Seite geklickt.

Ich erzähle Anja Röhl davon. Sie sagt: "Unmöglich. Das finde ich unfassbar. Das zeigt, wie wenig interessiert diese Partei an dem Problem ist."

"Eigentlich will eine Landesregierung da nicht so viel mit zu tun haben mit dem Thema, ist auch nicht bereit, eigene Recherche in das Thema zu investieren," sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Dennis Mälzer. Er hat am 29. September 2020 einen Antrag veröffentlicht, in dem er von der Landesregierung fordert, die Betroffenen bei der Aufarbeitung mehr zu unterstützen. "Da hören wir immer wieder, dass angeblich der Datenschutz eine sehr große Rolle spielt und dass deswegen Betroffene selbst ihre eigenen Akten nicht einsehen dürften. Und das zweite ist, dass oftmals die Behauptung ist, es wären überhaupt keine Akten oder keine Daten mehr vorhanden. Wir haben aber, als es um die Aufklärungsarbeit bei den Heimkindern gegangen ist, schon erlebt, dass, wenn man aktiv danach sucht, man auch Dokumentationen findet."

Bund oder Länder - welche Ebene ist verantwortlich?

Anfang Oktober verkündete Karl-Josef Laumann, NRW-Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales, dass es im Gesundheitsministerium bereits eine Arbeitsgruppe zum Thema Verschickung gebe. "Da spreche ich jetztine ungeschützte Vermutung aus. Diese Arbeitsgruppe ist eingesetzt worden, als wir angekündigt haben, dass auch parlamentarisch zu einem Thema zu machen, und diese Arbeitsgruppe besteht in erster Linie aus einer oder aus Mitgliedern einer bestimmten Abteilung," sagt Mälzer dazu.

Laut Anselm Kipp, Leiter der Arbeitsgruppe, im Gesundheitsministerium existiert sie seit dem 1. Oktober 2020. Das Gründungsdatum und Melzers Antrag stünden in keinem Zusammenhang, sagt Kipp. Die Gruppe bestehe aus drei Ministeriumsmitarbeitern und beschäftige sich mit Kinderverschickung und anderen Aufarbeitungen. Man habe Betroffene bereits zur Gründung eines Landesverbandes beraten. Ob es inzwischen eine Liste über NRW-Verschickungsheime gebe, man Betroffenen mit Informationen aushelfen konnte, frage ich. Anselm Kipp:

"Also diese Informationen gibt es ja nicht. Das heißt, wir reden jetzt hier von einem Feld, das noch nicht erforscht ist. Da ist jetzt der Bund gefordert, eine wirklich umfassende Studie auf den Weg zu bringen, damit dieses Feld ausgeleuchtet wird. Das für NRW zu machen, wäre wenig sinnvoll und würde, glaube ich, auch dem Thema nicht gerecht werden."

"Ich glaube, dass sich an der Stelle das Land nicht aus der Verantwortung stehlen kann. Erstens. Wir haben so eine große Dimension an Betroffenen. Und da muss ein Land wie Nordrhein-Westfalen entsprechend auch unterstützen. Wenn wir über Zugang zu Archiven sprechen, sprechen wir ja auch über Krankenkassen, Gesundheitsämter, wo nicht nur der Bund Zugriff hat," sagt Dennis Mälzer.

Auch Anja Röhl von der Initiative Verschickungskinder kann die Haltung der Arbeitsgruppe nicht nachvollziehen:

"Es muss in den Ländern eine Aufarbeitung geben, weil dort in den Landesarchiven die Verwaltungsakten zu den Heimen liegen und natürlich eine enorme Verantwortung."

Tendenz zum Vertuschen und Verheimlichen

Im November 2020 ist aber nicht einmal klar, wer überhaupt die Aufsicht über die NRW-Kurheime hatte und wo Akten liegen könnten. Auch das solle der Bund klären, heißt es von der Arbeitsgruppe. Das Bundesfamilienministerium, an das sich Anja Röhl und Co. Ende 2019 mit 1.000 Betroffenenberichten gewendet hatten, schreibt mir auf die Frage, was bislang auf Bundesebene zur Aufarbeitung der Kinderverschickung getan wurde. Die Ressorts klärten noch Zuständigkeiten: "Wenn eine Abstimmung zwischen den Ressorts erreicht ist, sollen auf Grundlage eines Gesprächs und Austauschs mit den Betroffenen gegebenenfalls weitere Maßnahmen ergriffen werden. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Thematik geprüft werden sollte."

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Simon Lissner befürchtet ein Scheitern der Aufarbeitung, so wie schon bei den Heimkindern. Der ehemalige Bundesdelegierte der Grünen hat im August 2020 gebloggt, dass er die Betroffenheitsbekundungen der Politik für geheuchelt hält. "Es ist ein völliger Mangel an Eigeninitiative bei der Politik festzustellen, wenn es darum geht, Missstände aufzudecken und zu beseitigen. Das wird das Gegenteil gemacht. Man stellt sich vor die Täter, man vertuscht, verheimlicht und man lässt immer nur das raus und gibt immer nur das zu, wo sehr oft Journalistinnen und Journalisten sich hingestellt haben und haben monatelang recherchiert und haben das Punkt für Punkt nachgewiesen und erst dann, wenn überhaupt nicht mehr daran zu rütteln ist. Dann kommen Politiker oder auch Vertreter dieser Institutionen. Ja, wir haben gefehlt. Wir werden jetzt gucken, was wir wiedergutmachen können und das ist verlogen."

Staatliches Versagen beim Jugendschutz

Nicht nur für die Träger könnte eine weitere Aufarbeitung unangenehm werden. Dennis Mälzer sagt: "Wie genau ist eigentlich beim Thema Jugendschutz hingeschaut worden? Der Staat hat auch einen Schutzauftrag für die Kinder gehabt und ganz offensichtlich hat es keine staatliche Institution wirklich interessiert, was da hinter Mauern von vermeintlichen Kur-Einrichtungen passiert ist. Also hat es da auch staatliches Versagen gegeben.

Ob zumindest nachträglich hingeschaut wird, bleibt offen. Johannes Möllers fühlt sich aufgeschmissen: "Man ruft überall an und jeder sagt. Aber nee, weiß ich nicht. Man wird dann weiter verwiesen. Irgendwo hat man immer den Eindruck, man will auch gar nicht darüber reden. Das ist irgendwie immer noch ein Tabuthema und ich vergleiche das eigentlich auch immer mit der Kirche, sage ich mal. Mit diesen sexuellen Misshandlungen, da will auch keiner drüber reden."

Anm. d. Red:

Am 12. Januar, zwei Monate nach der Anfrage unserer Reporterin beim Bund, kam es nun doch zu einem ersten Gespräch auf Bundesebene, in Form einer Videokonferenz mit Vertretern von Bundessozial, - familien und -gesundheitsministerium, der Rentenversicherung und der "Initiative "Verschickungskinder". Das Treffen war ein Jahr lang verschoben worden. Laut der Initiative wurde vom Bund eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben, um festzustellen, ob die Aktenbestände eine Aufarbeitung der Kinderverschickungen überhaupt zulassen. Zugesichert wurde der Initiative laut Anja Röhl noch nichts. Nach Prüfung der Machbarkeit, sollen laut Röhl im Februar weitere Gespräche stattfinden und konkrete Unterstützungsvorschläge folgen. Eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums bestätigte, dass das Gespräch stattgefunden habe, zu Inhalten wolle man sich nicht äußern.

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