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StartseiteTag für TagKein Abschied, keine Trauer02.12.2019

Traumatisierte Mütter in der DDRKein Abschied, keine Trauer

Nach mehr als 30 Jahren erzählen Frauen einen bisher kaum beachteten Teil der DDR-Geschichte: Ihr Kind sei kurz nach der Geburt gestorben, wurde ihnen in der Klinik gesagt. Trauer war ebenso wenig erlaubt wie Zweifel. Manche vermuten aber, dass ihr Baby an SED-treue Paare weitergegeben wurde.

Von Michael Hollenbach

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Bleiverglasung im Treppenhaus des Dokumentationszentrums Alltagskultur der DDR im Wohngebiet 2Bleiglasfenster, Bleiglas, Fenster in Eisenhüttenstadt (Landkreis Oder-Spree) in Brandenburg. Gebaut wurde die einstige Kinderkrippe im Jahr 1954 bis 1955. Künstler war Walter Womacka. Foto: Volker Hohlfeld (imago/Voker Hohlfeld)
Wurden in DDR-Krankenhäusern Kinder nach der Geburt für tot erklärt, in Wahrheit jedoch an regimetreue Familien weitergeben? (imago/Voker Hohlfeld)
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Am 13. Februar 1983 kam Karin Dubbe-Heitmann hochschwanger in die Entbindungsstation des Kreiskrankenhauses Hagenow in der Nähe von Schwerin. Sie hatte einen vorzeitigen Blasensprung, ihr Sohn kam zu früh zur Welt:

"Ich habe ihn wirklich nur die paar Sekunden gesehen, wo ich eigentlich meine Augen geschlossen halten sollte. Ich sehe das Gesicht immer noch vor mir, als wenn es gestern gewesen wäre."

Kurz nach der Geburt wurde ihr nur mitgeteilt, das Kind sei verstorben.

"Ich konnte das einfach nicht glauben"

Sie erzählt: "Ich hatte ganz starke Zweifel, das lief alles mit so vielen Widersprüchen und widersprüchlichen Meinungen ab. Ich konnte das einfach nicht glauben, wie das war."

Karin Dubbe-Heitmann, damals Anfang 20, fühlte sich allein gelassen. In Hagenow gab es damals keine Klinikseelsorge, keine psychologische Betreuung. In ihrer Familie bekam sie zu hören, sie solle einfach nach vorne blicken. Das Leben gehe weiter. Aber die Zweifel blieben:

"Ich habe immer gedacht, der lebt irgendwo anders. Der ist bei irgendeiner Familie, die keine Kinder kriegen kann, ob es jetzt Bonzen waren oder eine normale Familie. Ich habe immer gedacht, dass er in eine andere Familie gekommen ist."

Knochen einer Katze im Grab

So erging es auch Brigitte Riebe aus Güstrow. Sie brachte ihr 16 Monate altes Kind mit einer Kehlkopfentzündung in die Klinik. Am nächsten Morgen sagte der Arzt, ihr Kind sei leider verstorben und schon im Keller zur Obduktion. Brigitte Riebe war fassungs- und sprachlos. Kein Abschied, kein Trauerprozess. Doch die Zweifel, ob ihr Kind wirklich tot sei, ließen sie nicht los – bis 2014.

Brigitte Riebe sagt: "Die Zweifel waren immer da. Da habe ich es durchgesetzt mit der Exhumierung und ich stand vor dem Grab: Nichts von Nico zu sehen. Die Herren vom Beerdigungsinstitut sagten gleich, das sind keine Kinderknochen, das sind Knochen von einer Katze."

Das habe die Rechtsmedizin später bestätigt. Allerdings sei dies kein Beweis dafür, dass in dem Grab nicht vor mehr als 30 Jahren ein Kind bestattet wurde, meint Anne Drescher. Sie ist Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern.

Suche nach Erklärung

Drescher sagt: "Da sieht man, dass die Not sehr groß ist. Das verzweifelte Suchen nach einer Erklärung, wenn die Dokumente nicht ausreichen oder nicht überzeugend genug sind. Man muss sehen, das sind Verfahren, die 30, 40 Jahre zurückliegen, und dass auch eine Exhumierung nicht unbedingt eine Aufklärung bringen kann, da gerade Kinder, Säuglinge keine feste Knochenstruktur haben, die nach 30, 40 Jahren noch nachweisbar ist."

Doch für Brigitte Riebe steht fest:

"Mein Kind lebt, das sage ich immer wieder. Im Grab war mein Sohn nicht und ich werde nicht aufhören, meinen Sohn zu suchen."

"Es holt einen immer wieder ein"

Karin Dubbe-Heitmann erzählt: "Ich habe es versucht zu verdrängen, aber ich bin dadurch krank geworden, richtig krank, aber es holt einen immer wieder ein", sagt Karin Dubbe-Heitmann. "Ich habe mir so oft vorgestellt, wenn es klingelt und dein Kind steht vor der Tür und der hat auch gesucht;  und das frisst an einem, das macht wirklich krank."

Diese Zweifel der verwaisten Mütter kann Anne Drescher gut nachvollziehen:

"Wir wissen von vielen Verbrechen, die in dieser SED-Diktatur begangen worden sind, wie viel es an Unrechtshandlungen gegeben hat und da schwingt immer mit, wenn solche Geschichten berichtet werden, dass man diesem Staat alles zutraut; dass also auch Kinder verschwinden oder eventuell regimetreuen Genossen zur Adoption angeboten werden, anderen Familien weggenommen werden und das schwingt immer mit -mit der Hoffnung, dass man sein Kind eventuell doch noch mal sieht."

Schwierige Beweislage

Zugleich verweist die Schweriner Landesbeauftragte darauf, dass in der DDR bei dem Tod von Kindern eine intensive Ursachenforschung betrieben wurde. Die Senkung der Säuglingssterblichkeit war ein Prestigeprojekt der SED. Fast alle verstorbenen Kinder und Jugendlichen wurden obduziert.

"Und wir erleben, dass wir bis heute noch keine Belege zum Beispiel für zu Tode gekommene Kinder haben, die jemanden anders angeboten wurden", sagt Drescher.

Außerdem seien bei jeder Geburt von der Hebamme, über Krankenpfleger, Ärzte und Behörden so viele Personen in den Ablauf involviert, dass man nur schwerlich ein Kind für tot erklären und dann heimlich zur Adoption geben könne.

"Und zum anderen ist es einfacher und ungefährlicher für einen Staat, solche Kinder, die man dann adoptieren möchte, aus Säuglingsheimen oder Kinderheimen zu holen, wo man nicht so einen Skandal hätte verursachen müssen, wenn es rauskommen würde."

Erst heute Zugang zu Obduktionsbericht

Karin Dubbe-Heitmann hat sich im vergangenen Jahr an die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen gewandt. Mit Unterstützung von Anne Drescher konnte sie Unterlagen einsehen, die den Tod ihres Sohnes einwandfrei belegten.

"Ich bin ruhiger geworden, innerlich, das Suchen hat aufgehört. Ich hatte endlich diesen ominösen Obduktionsbefund, der nie da war zu Ostzeiten, und konnte anhand der Diagnosen wirklich sehen, dass es da keine Chance gab. Und das hätte man alles ausräumen können, wenn man ehrlich gewesen wäre."

Doch die Zeit nach der Geburt, der Schock und die Zweifel seien für sie traumatisch gewesen.

"Diese Verlustängste begleiten mich heute noch, diese Leere, diese Angst. Ich kann das gar nicht beschreiben. Das ist ganz schlimm."

Keine Seelsorge

Das ist auch bei Barbara so, die ihr Kind 1980 bei der Geburt verlor. Dass ihr Mädchen tot sei, daran habe sie nie gezweifelt, aber:

"Dieses ganze technokratische und in keiner Weise mitfühlende Umgehen mit Betroffenen hat bei mir dazu geführt, dass ich heute nach 40 Jahren …"

Dann kann sie nicht weitersprechen. Auch 40 Jahre danach schmerzt es sehr, dass sie nicht Abschied nehmen konnte:

"Auf jeden Fall wurde ich seelsorgerisch gar nicht betreut. Mir wurde im Nachgang gesagt, dass ich die Wahl habe, ob ich das Kind beerdigen möchte oder in die Pathologie geben. Und durch mein Überfordertsein durch die Situation und auch mein Alleinsein war ich nicht in der Lage, das so zu entscheiden, dass ich sage, ich möchte mein Kind beerdigen. Eher aus dem Grund: Nein, ich möchte es eher vergessen, ich möchte nicht zu einem Grab gehen müssen. Das würde ich heute ganz anders entscheiden."

Trauerprozess nicht abgeschlossen

Der evangelische Pfarrer Curt Stauss ist Seelsorger für Verfolgte des DDR-Regimes. Er geht davon aus, dass viele der betroffenen Mütter bei ihrem Trauerprozess in einer bestimmten Phase stecken geblieben seien:

"Also in einer Phase heftige Emotionen, die kaum noch einzufangen sind und die auch schwer zu benennen sind und die sich dann vor allem in einer Aggression nach außen darstellen, die ganz weglenkt von den eigenen Anteilen, und die Schuldige sucht."

Entscheidend für einen gelingenden Trauerprozess sei auch ein selbstbestimmter und würdevoller Abschied:

"Wenn man von einem Verstorbenen nicht Abschied nehmen kann, einem früh verstorbenen Kind, dann ist das eine oft jahrzehntelange, schreckliche Ungewissheit, wie Menschen sie nach dem Krieg empfunden haben, wenn Angehörige vermisst waren. Und mit einer solchen Leere zu leben, zerrt die Menschen aus."

"Er wird nicht vergessen"

Nachdem Karin Dubbe-Heitmann nun schwarz auf weiß lesen konnte, wann und woran ihr Sohn gestorben ist, ist sie zu einem gewissen Abschluss gekommen.

"Ich habe jetzt bei meinen Eltern auf dem Grab diesen Gedenkstein und wir sitzen an seinem Geburts- und Todestag zusammen und trinken Kaffee mit unseren Kindern und Enkelkindern. Er wird nicht vergessen, er ist immer da, er ist auch hier."

Und sie zeigt auf ihren Arm, auf den sie den Namen ihres Sohnes hat tätowieren lassen.

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