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StartseiteJazz LiveSupergroup ohne Egos29.09.2020

Trio FlySupergroup ohne Egos

Wenn Jazz-Prominenz zusammenkommt, kann das leicht ins Schaulaufen ausarten. Bei Fly dagegen ziehen drei brillante Musiker an einem Strang. Ihre Musik verbindet Komplexität mit Leichtigkeit und Spannung. Damit definierten sie das Genre "Saxofontrio" im Jazz neu.

Am Mikrofon: Odilo Clausnitzer

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Drei Männer stehen lachend nebeneinander vor einem Garagentor. Der rechte und linke tragen jeweils ein blaues Hemd, der mittlere eine große Ballonmütze (Robert Lewis / ECM Records)
Sie veröffentlichten gemeinsam drei Platten unter dem Bandnamen Fly: Jeff Ballard, Mark Turner, Larry Grenadier (v.l.) (Robert Lewis / ECM Records)
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Fly gründete sich 2000 als Gemeinschaftsprojekt: Alle drei Musiker tragen gleichberechtigt Stücke zum Repertoire bei. Schlagzeuger Jeff Ballard und Bassist Larry Grenadier waren bis dahin vor allem als begehrte Sideman aktiv, u.a. bei den Pianisten Chick Corea und Brad Mehldau. Im pianolosen Trio mit dem Saxofonisten Mark Turner öffnen sie das traditionell mit dieser Besetzung assoziierte „Powerhouse“-Spiel für weite Räume, überraschende Grooves  und komplexe Ideen. Turner gehört zurzeit zu den einflussreichsten Stilisten auf seinem Instrument. Sein Spiel verschmilzt die geschmeidige Melodik des Cool Jazz-Pioniers Warne Marsh und die explosive Energie John Coltranes - und das mit bemerkenswerter Kontrolle bis in die höchsten Lagen des Tenorsaxofons. Der Konzertmitschnitt aus dem Dlf-Archiv zeigt die Band eindrucksvoll in all ihren Facetten - von filigran bis zupackend. 

Mark Turner, Tenorsaxofon
Larry Grenadier, Bass
Jeff Ballard, Schlagzeug

Aufnahmen vom 4.7.2010 bei Jazz Baltica in Salzau

Einen Audiobeitrag zur Geschichte von Fly mit einem exklusiven Interview mit Mark Turner finden Sie hier:

Fly - Gespräch mit Mark Turner (18:35)


Jazz Live-Interview mit Mark Turner:

Wie und wann hat das Trio angefangen?

"Es begann, als Jeff mit Chick Corea spielte. Chick plante eine Compilation-CD, auf der alle Mitglieder seiner damaligen Band "Origin" ein oder zwei eigene Stücke vorstellen konnten. Jeff hat uns dann gefragt: "Ich muss da etwas zu dieser CD beisteuern, können wir nicht was zusammen dafür machen?" Darum ging es im Prinzip; ich will das im Nachhinein nicht größer machen, als es war. Nach einer Weile hat es sich dann konzeptionell entwickelt. Aber am Anfang war es noch ohne großes Konzept."

Welcher Art waren die konzeptionellen Überlegungen, die ihr dann in die Trioarbeit eingebracht habt?

"Ich erzähle das mal aus meiner Perspektive. Mein Zugang war der, dass ich schon eine gewisse Vorstellung davon hatte, was ich wollte, bevor das Trio anfing. Wir spielten alle drei in Bands mit reicher Harmonik. Jeff und ich mit Kurt Rosenwinkel, Larry mit Brad Mehldau. Ich denke, wir wollten alle drei etwas in dieser Hinsicht weniger Dichtes. Ich wollte mal sehen, wie weit ich mit Zweistimmigkeit kommen konnte -  Saxofon und Bass - ohne dabei auf Komposition und Harmonien zu verzichten, und ohne dass ein Klavier vermisst würde. Ich weiß nicht genau, ob Larry und Jeff das auch so sahen, aber das war mein Zugang. Und ich finde, die beiden spielen auf eine sehr "kompositorische" Weise. Das Wort gefällt mir selber nicht, aber ich weiß kein besseres. Ich meine damit, dass sie sich, wie alle großen Musiker, solcher Elemente wie Tempo und Dichte, wie Ton und Klangfarbe und Time bewusst sind. All der Dimensionen, die aus Musik mehr machen als nur eine "Blowing Session", ein ungezwungenes Drauflosspielen.
Ich glaube, wir wollten mit Fly ungefähr das Gegenteil von dem, wofür die meisten Saxofontrios bisher standen. In den meisten Saxofontrios ging es um so viel Freiheit wie möglich. Das ist natürlich toll, aber uns ging es eher um das Gegenteil, um Beschränkungen: Kompositorische Vorgaben, bestimmte Stücke mit bestimmten Längen und Formen, Harmonien, die auf eine bestimmte Weise gespielt werden müssen. Im Grunde genommen also mehr Struktur als Freiheit. Ich weiß nicht, ob uns das gelungen ist, aber darum ging es uns. Zumindest mir, aber ich glaube, Larry und Jeff dachten auch so."

Welche Rolle spielt Komposition dabei? Oft geht es im Jazz ja darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen sich möglichst bequem improvisieren lässt. Bei Euch dagegen, scheint mir, wird es eher absichtlich unbequem und ungewöhnlich gemacht, damit die Herausforderungen größer werden.

"Ja, so ist es. Wenn wir komponieren, ergibt das eine größere spielerische Herausforderung für die Band. Da geht es um Bögen, Dichte, die Stimmung einzelner Teile. Mit andern Worten: es entstehen dadurch Strecken, in denen es einfach nicht reicht, mit purer, maskuliner Energie zu spielen. Das kann auch toll sein, aber es ist nicht die einzige Art, interessanten Jazz zu machen. Wir haben etwas anders versucht. Ich kann da wieder nur für mich sprechen: Ich habe bewusst versucht, zu vermeiden, in diese Richtung zu gehen. Diese Art von Feuer und Energie kann toll sein, aber ich will es nicht immer hören. Und ich wollte es auch in dieser Band nicht ständig hören."

Wie entstanden die Arrangements – wurde die von jeweils einem ausgearbeitet oder von allen zusammen?

"Beides. Die meisten meiner Arrangements habe ich ausgeschrieben, und wir haben sie so gespielt. Aber manchmal haben wir im Lauf der Zeit etwas daran verändert. Das gilt eigentlich für alle unsere Stücke. Es gibt nur ein Stück, das wir wirklich zusammen geschrieben haben, "Fly Mr. Freakjar". Die anderen sind von jeweils einem geschrieben und arrangiert, aber von uns dreien nach wiederholtem Spielen ausgearbeitet. Zum Beispiel hat einer ein Stück geschrieben, das mehrere Teile hat, die unterschiedlich arrangiert werden können. Dann gehen wir auf Tour, haben ein paar Gigs, und stellen fest: Hey, wäre es nicht besser, wenn dieser Teil hier länger wäre, oder wenn wir hier ein paar Akkorde einfügen würden? Ich habe eine interessante Sache herausgefunden, was das Verhältnis von Harmonie und Rhythmus angeht: die Geschwindigkeit der harmonischen Bewegung macht meistens den Rhythmus dichter. Sie kann aber auch das Gegenteil bewirken: wenn der Schlagzeuger das Gefühl hat, er muss zu viel Raum füllen, kann die harmonische Dichte ihm ermöglichen, sich etwas zurückzuhalten und zu entspannen. Das sind zwei ganz entgegengesetzte Wirkungen, ich weiß, aber beides ist richtig! Deshalb habe ich manchmal etwas an den Harmonien geändert, wenn ich das Gefühl hatte, der Rhythmus braucht eine Änderung!"

Hatte der Wechsel zu ECM Records mit der zweiten Platte einen Einfluss auf Euren Bandsound?

"Auf unsere Musik? Ich glaube nicht. Jedenfalls nicht aus meiner Sicht. Vielleicht sehen Larry und Jeff das anders. Ich glaube, auf einem anderen Label hätten wir dasselbe gemacht. Es hat natürlich einen gewissen Einfluss darauf, wie Du im Studio spielst. ECM-Platten haben bekanntlich etwas mehr Hall. Über die Kopfhörer klingt es einfach räumlicher, anders als bei Aufnahmen, bei denen weniger Hall eingesetzt wird. Vielleicht spielt man deshalb auf eine weniger rhythmisch-perkussive Art. Ich habe andere Musiker davon erzählen hören. Das kommt schon vor. Aber vor allem hat es natürlich einen Einfluss auf das Klangbild auf der Platte."

Habt ihr Euch aufgelöst oder macht ihr einfach zurzeit andere Sachen?

"Wir haben uns nicht aufgelöst. Es gibt uns noch! Unsere letzte Tour hatten wir...vielleicht vor zwei Jahren? Wir haben uns nicht getrennt, wir sind nur drei ziemlich entspannte Kalifornier! Wir machen alle auch andere Sachen. Wir müssen nur mal wieder die Initiative ergreifen. Ich kann mir gut vorstellen, dass wir noch eine Platte machen. Vielleicht auf ECM, vielleicht woanders. Und wahrscheinlich werden wir auch wieder auf Tour gehen – wenn das wieder möglich ist."

Du hast öfters über die Bedeutung von Warne Marsh für die Entwicklung Deines eigenen Stils gesprochen. Welchen Einfluss hat er genau ausgeübt?

"Die Beschäftigung mit Warne Marsh hat mein Spiel tatsächlich erheblich beeinflusst. Ich glaube, ich hatte nach jemandem wie ihm gesucht, und nach Musik mit solchen Eigenschaften. Vor allem ist da das hohe Level der Improvisation. Damit meine ich: er geht Wagnisse ein, riskiert dafür auch, eventuell Fehler zu machen. Das Gegenteil von Warne Marsh, wenn es um Saxofonisten geht, wäre wohl jemand wie Sonny Stitt. Der ist natürlich auch großartig, aber er würde nie solche Wagnisse eingehen.
Klar wir improvisieren alle, schon, wenn wir Sprache nutzen, aber manche bauen damit vielleicht mehr als andere – ergibt das einen Sinn?
Ich weiß nicht, ob so etwas wie "reine Improvisation" existiert, das würde wohl letztlich die Neuerfindung des Rades bedeuten. Aber im Vergleich trägt jemand wie Warne Marsh das Prinzip Improvisation im Sinne von "etwas wagen" viel weiter als Sonny Stitt. Nach so jemandem hatte ich gesucht. Jemandem, der mein Instrument spielt. Marsh hat das schon früh getan, in den späten 1940er Jahren. Letztlich hat er natürlich meistens dieselben 20 Stücke gespielt. Aber er hat mein eigenes Spiel nachhaltig geändert, indem er auf eine – wie soll ich das sagen – rationale Art Wagnisse einging. Also, zum Beispiel im Umgang mit Harmonien und Rhythmus. Es gibt natürlich im Free Jazz auch eine Menge Leute, die wirklich improvisieren. Aber das ist eine ganz andere Art Improvisation. Ich meine die Improvisation über Formen, die Art, die sehr detailliert mit Harmonien und Rhythmen umgeht. Ich behaupte nicht, dass ich selbst das beherrsche, aber ich versuche, eine Spannung aufzubauen, ohne zu sehr auf Drama und Lautstärke zu setzen."

Ist Dir eigentlich klar, dass Du mit Deiner Spielweise inzwischen selbst einflussreich geworden bist?

"Oh, davon habe ich gehört. Aber ehrlich gesagt...dem schenke ich nicht so viel Beachtung. Ich nutze kein YouTube, ich habe keinen Social Media Account, auf dem ich das verfolgen könnte, und es interessiert mich auch nicht so sehr. Wenn das so ist, toll, super, aber solche Sachen ändern sich ja ständig. Heute ist es so, morgen wieder anders."

Dein Einsatz des hohen Registers – kommt das auch von Warne Marsh, oder hast Du das schon vorher gemacht?

"Das kommt unter anderem von Warne Marsh. Er ist nicht der einzige. Der erste, der mich in dieser Hinsicht beeinflusst hat, war wohl George Garzone. Ich kannte ihn persönlich, er war mein Lehrer in Berklee. Er spielte auf eine kontrollierte Art im oberen Register, also wirkliche Melodien, ohne den Ton und die Lautstärke im hohen Register drastisch zu ändern. Und später habe ich dann Warne Marsh entdeckt. Aber es gibt auch noch Eddie Harris. Paul Desmond ist noch jemand, der das zumindest ein bisschen tut. Das sind die, die mir auf Anhieb dazu einfallen."

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