Mittwoch, 28. September 2022

Trockenheit und Niedrigwasser
Warum Flüsse ein Wirtschaftsfaktor sind

Aufgrund des Niedrigwassers von Rhein und Elbe können Schiffe dort deutlich weniger oder gar keine Waren mehr transportieren. Das hat Folgen. Sinken die Wasserstände weiter, erhöhe das die Gefahr für eine Rezession deutlich, warnen Ökonomen.

Von Sandra Pfister | 10.08.2022

Oberwesel: Ein Frachtschiff passiert auf dem Rhein einen Felsen.
Durch die anhaltenden Trockenheit des Hochsommers fällt der Wasserspiegel etwa des Mittelrheins immer weiter. Bei weitem nicht alle Binnenschiffe können voll laden. (dpa/Thomas Frey)
Die seit Wochen sinkenden Wasserstände, insbesondere an Rhein, Elbe und Donau, bereiten Sorge und führen dazu, dass Schiffe nur noch einen Teil der sonst üblichen Ladung mitnehmen können, um nicht auf Grund zu laufen. Noch sind die historischen Niedrigwasserstände des Jahres 2018 nicht erreicht, aber die Pegelstände sinken weiter.

Pegelstände sinken

Der für den Oberrheinverkehr wichtige Pegel Kaub wies am Mittwoch (10.08.2022, 5:00 Uhr) einen Stand von 48 Zentimetern aus (2018: 25 cm). In Duisburg-Ruhrort am Niederrhein stand der Pegel bei 1,70 Meter (2018: 1,53 m) und in Köln betrug der Rhein-Pegelstand 91 Zentimeter. Der niedrigste bekannte Wasserstand wurde dort im Oktober 2018 mit 69 Zentimetern gemessen. Der langjährige Mittelwert liegt bei knapp drei Metern.

Pegelstände als Indikator

Die Pegelstände sind nicht gleichzusetzen mit der Wassertiefe, geben den Experten aber wichtige Hinweis auf die Befahrbarkeit der Wasserwege. Damit sind sie auch ein Indikator für mögliche wirtschaftliche Folgen.

Warum sind die Flüsse ein Wirtschaftsfaktor?

Weil sie Wasserstraßen sind. Alle Wasserstraßen in Deutschland zusammengenommen sind 7.300 Kilometer lang. Das bedeutet grob gesprochen: Wenn diese Wasserläufe eine einzelne Strecke wären, würde diese von Köln bis zum Nordkap reichen.
Die wichtigste Wasserstraße hierzulande ist der Rhein, einer der großen Ströme Europas. Auf ihm werden sehr viele Waren transportiert. Allerdings nicht derzeit, denn die Pegelstände vor allem im Süden sind so niedrig, dass die Schiffe den Rhein entweder gar nicht mehr befahren können – was noch die Ausnahme darstellt –, oder dass sie sehr oft nur noch ein Drittel der Waren laden können, die sie sonst transportieren. Andernfalls würden sie auf Grund laufen. Auf der Elbe könnten schon seit Wochen keine Frachter mehr verkehren.

Welche Auswirkungen hat das Niedrigwasser?

In gewisser Weise bedeutet es Mangelwirtschaft. Noch bis vor kurzem waren es die Frachter aus China, die nicht gekommen sind. Das ist teilweise auch immer noch der Fall. Doch jetzt können auch deutsche Binnenschiffe viel weniger liefern, vor allem deutlich weniger Kohle, viel weniger Diesel, Benzin, Tierfutter, Getreide, aber auch weniger chemische Grundstoffe.

Wie hoch sind die Verluste?

2018 gab es schon mal eine große Trockenheit. Dass damals die Schiffe kaum noch fahren konnten, hat Deutschland 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung gekostet. Das sind sieben Milliarden Euro. Ökonomen der Deutschen Bank, der Landesbank Baden-Württemberg und des Kieler Instituts für Weltwirtschaft sagen jetzt: Wenn die Wasserstände weiter sinken, erhöht das die Gefahr für eine Rezession in Deutschland deutlich; dann "könnte das Wachstum auch knapp unter ein Prozent sinken", so der Deutschland-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Stefan Schneider.
Mehrfarbiges Balkendiagramm, das die Menge der beförderten Güter in den größten Rheinhäfen in den Jahren 2017 bis 2020 abbildet. Weit vorne liegt Duisburg, mit großem Abstand gefolgt von Köln und Mannheim.
Menge der beförderten Güter in den größten Rheinhäfen in den Jahren 2017 bis 2020 (in Millionen Tonnen) (Statista)

Was sind konkrete Folgen?

Zum einen können Wasserkraftwerke nicht mehr normal arbeiten. Vor allem aber gilt das für die Kohlekraftwerke. Diese werden gerade voll hochgefahren, um damit die Gasabhängigkeit von Russland teilweise zu kompensieren. Kohle wird in Deutschland jedoch fast ausschließlich über den Rhein transportiert. Es gibt ohnehin nicht genug Schiffe dafür, weil 30 bis 40 Stück, so schätzen Experten, nach Osteuropa verkauft wurden. Sie sollen dort Getreide aus der Ukraine abholen. Die verbliebenen Schiffe können aber nur viel leichter beladen werden.

Wie reagieren betroffene Konzerne?

Die EnBW, ein Kraftwerksbetreiber im Süden, hat bereits den Betrieb von drei Kohlekraftwerken eingeschränkt. Der Energiekonzern Uniper hat angekündigt, möglicherweise in den nächsten Wochen im Kraftwerk Staudinger 5 im hessischen Großkrotzenburg die Stromproduktion drosseln zu müssen, weil der niedrige Wasserstand im Rhein den Kohlenachschub gefährdet.
Auch für die Chemiekonzerne könnte es schwierig werden: Die BASF in Ludwigshafen hängt weitgehend davon ab, dass sie über den Rhein versorgt wird und Waren an- und abtransportieren kann. Selbst Autoteile werden über die Flüsse transportiert. Viele Unternehmen haben ihre Lieferketten gerade erst wieder notdürftig instandgesetzt. Jetzt werden die Firmen durch die große Trockenheit erneut zurückgeworfen.

Was bedeuten die Probleme der Schifffahrt für Verbraucher?

Indirekt merken die Menschen es über die Preise, die für Strom oder etwa Chemieprodukte vermutlich weiter steigen werden. Denn die Unternehmen bekommen nicht mehr ausreichend viele Vorprodukte. Oder sie müssen sie auf Lkw oder die Bahn verladen. Beide sind bei den Transportkapazitäten allerdings schon an der Belastungsgrenze.
Der Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB), Jens Schwanen, erklärte: „Lkw sind keine grundsätzliche Alternative, weil wir viel größere Mengen transportieren. Schon ein 110-Meter-Schiff kann bis zu 3.000 Tonnen befördern.“ Diese Menge kann schwerlich auf Lkw verteilt werden.
Das Lastschiff Fuerte der BLG Logistics transportiert Traktoren der Marke John Deere den Rhein hinauf. Das 135 Meter lan
Ein Lastschiff transportiert Traktoren den Rhein hinauf. Das Schiff kann bei voller Beladung bis zu 500 Fahrzeuge transportieren. (imago images/Future Image)

Gibt es Aussichten auf eine Besserung der Lage?

Aus meteorologischer Sicht vorerst nicht. Aus den Nachbarländern ist auch keine Hilfe zu erwarten: Frankreich hat zu wenig Wasser, um seine Atomkraftwerke zu kühlen. In Norwegen ist es ebenfalls ungewöhnlich trocken. Von dort hieß es zuletzt, man müsse nach Europa weniger Strom liefern, weil die norwegischen Wasserkraftwerke ebenfalls zu wenig Wasser haben.
BDB-Chef Jens Schwanen machte zudem darauf aufmerksam, dass etwa eine Vertiefung des Untermains bis Aschaffenburg nötig ist - das sei aber noch nicht einmal in Planung. Besonders wichtig sei die Beseitigung von sechs Flachstellen im Rhein zwischen Wiesbaden und St. Goar. Hier soll die Fahrrinne von garantierten 1,90 Metern auf durchgängig 2,10 Meter vertieft werden - bis Anfang der 2030er Jahre.
Quellen: Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes, dpa, aha