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StartseiteKultur heuteRasendes Geschlechterhopping13.11.2018

Tschechows "Drei Schwestern" in BerlinRasendes Geschlechterhopping

Die Regisseurin Karin Henkel hat Anton Tschechows berühmtes Drama der Weltliteratur "Drei Schwestern" schon 2009 in Frankfurt inszeniert – und nimmt es sich nun, neun Jahre später, ein zweites Mal am Deutschen Theater in Berlin vor. Diesmal stehen dabei drei Männer als Olga, Mascha und Irina auf der Bühne.

Von Barbara Behrendt

Die Schauspieler Felix Goeser, Benjamin Lillie, Bernd Moss und Michael Goldberg in einer Szene der Premiere von "Die drei Schwestern" am Deustchen Theater in Berlin (Arno Declair)
Eine Szene der Premiere von Karin Henkels Inzenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Deutschen Theater in Berlin (Arno Declair)
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Angela Winkler, bald 75 Jahre alt, wundersam mädchenhafte Theaterzauberin, steht in weißem Sommerkleid auf dem sich drehenden Bühnenkasten: ein verwinkeltes Haus, bedrohlich beleuchtet. Plötzlich kippt es ein Stück zur Seite, die Möbel rutschen die Schräge herab, aus dem Schrank heraus rollt der Brummkreisel, den Irina von ihrem Verehrer zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, und jener Oberleutnant Tusenbach in Uniform, dem das Blut über die Schläfe rinnt. Aus Liebe zu Irina hat er sich erschossen und bewegt jetzt wie eine Puppe die Lippen, während seine Stimme vom Band hallt.

Tusenbach: "Irina, ich habe Ihnen einen Brummkreisel mitgebracht. Klingt enorm. Woran denken Sie, Irina?"
Irina: "An nichts."
Tusenbach: "Wir sind noch so jung. Wir haben noch so viele Jahre vor uns, eine endlose Zahl von Tagen, und jeder einzelne ist erfüllt von meiner Liebe zu Ihnen."

Ein starker Auftakt, der eine Rahmenhandlung setzt: Die gealterte Irina erinnert sich zurück – im Verlauf wird sich das Drama in ihrem Kopf abspulen. Den Tod des Verehrers inszeniert Karin Henkel als Irinas Trauma, das sie ein Leben lang verfolgt, immer wieder knallt der Pistolenschuss durch ihre Erinnerung.

"Groteske Porzellanpüppchen"

Man könnte also meinen, Henkel konzentriere sich auf diese Irina als Charakterfigur. Doch dann treten die drei Schwestern in jungen Jahren auf: Bernd Moss, Benjamin Lillje und Michael Goldberg in Frauenkleidern und mit Masken überm Gesicht, die sie zu grotesken Porzellanpüppchen kostümieren. Als karikiertes Schwägerinnenmonster Natascha kommt Felix Goeser hinzu. Ein Verfremdungseffekt, der Olga, Mascha und Irina zu bloßen Symbolfiguren für so universale Themen wie das Vergehen der Zeit, das Vergessenwerden macht. Zur Identifikation dienen diese Puppen jedenfalls nicht.

Und weil im Stück natürlich deutlich mehr Personen auftreten als jene vier, schlüpft jeder Spieler zusätzlich in die Rolle des jeweiligen Ehemanns oder Verehrers seiner Frauenfigur - ein Geschlechterhopping, das zuweilen mit seinen rasenden Kostümwechseln zu kämpfen hat. 

Henkel erschafft eine eigene Kunstwelt

Die stark gekürzte Textfassung von Henkel und ihrem Dramaturgen John von Düffel greift hauptsächlich Stimmungen auf: der Stillstand, den die Schwestern spüren, ihr Lebenshunger, dem sie nie nachgehen werden. Das klingt wie eine Tschechow-Zitatensammlung:

"Man wird uns vergessen..."
"Wir müssen weiterleben, immer weiter!"
"Arbeiten, wir werden arbeiten!"
"Moskau!"

Die gesellschaftspolitische Ebene Tschechows, der Umbruch in eine neue Zeit ist gestrichen. Die Regisseurin spitzt zu und erschafft – ihre große Stärke – eine eigene, geschlossene Kunstwelt. Das sich drehende Haus, auf das Schemen und Schatten projiziert werden, durch das ferne Stimmen und Musiken hallen, entwickelt eine schaurige Albtraumatmosphäre.

"Ein Mensch auf der Bühne, der liebt, leidet, lebt"

Bevölkert wird diese Welt von den entmenschlichten Puppen. Wie diese männlichen Schwestern vom Regiekonzept immer wieder abgehalten werden, in ihre Rollen einzutauchen, ist schnell ermattend. Man möchte sich schon nach Moskau wünschen, da tritt in den letzten Minuten noch einmal Angela Winkler an den Bühnenrand. Sie wiederholt die Sätze, die an diesem Abend schon oft gefallen sind.

Doch wie sie sie aus ihrem Innersten just in diesem Moment zu befreien scheint, bekommen die Worte so viel Kraft, so viel Verzweiflung, Trotz, Leben, dass das überflüssige Maskenspiel zuvor tatsächlich wie ein entfernter Albtraum wirkt: "Man wird uns vergessen, unsere Gesichter, unsere Stimmen, keiner wird mehr wissen, wer wir waren. Aber unser Leben ist noch nicht zu Ende. Wir werden weitermachen. Immer weiter. Und ich glaube, bald werden wir wissen, warum wir leben."

Ein Mensch auf der Bühne, der liebt, leidet, lebt - was für eine Seltenheit. Innerhalb von nur drei Minuten rettet Angela Winkler die Erinnerung daran, wie groß diese Tschechow’schen "Drei Schwestern" sein können.

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