Montag, 26.10.2020
 
Seit 21:05 Uhr Musik-Panorama
StartseiteTag für TagDarwin muss draußen bleiben06.07.2017

Türkei Darwin muss draußen bleiben

Die Evolutionstheorie wird aus dem Lehrplan türkischer Schüler gestrichen. Ein gläubiger Muslim könne nicht ernsthaft behaupten, der Mensch stamme vom Affen, lautet die Begründung. Theologen widersprechen: Darwins Lehre sei mit dem Koran vereinbar.

Von Luise Sammann

Kinder in einer Schule, Kaymakli, Kappadokien, Türkei, Asien. (imago/imagebroker)
In der Türkei wollen Evolutionskritiker Charles Darwin und seine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse aus den Lehrplänen streichen. (imago/imagebroker)
Mehr zum Thema

Türkei verbannt Charles Darwin aus den Schulen "Das sind einfach dumme Leute, die das Sagen haben"

Neue Lehrpläne für türkische Schulen Mehr Putsch, weniger Atatürk

Geschichte der Evolution Ist der Balkan die Wiege der Menschheit?

Superwerkzeug der Gentechnik Wird die Evolution durch Crispr zum Auslaufmodell?

Kulturelle Evolution Die Bibel als Tagebuch der Menschheit

Charles Darwin: "Die Fahrt der Beagle" Abenteuerliche Entdeckung der Evolution

Der Vorsitzende der türkischen Bildungsbehörde, Alpaslan Durmus, hatte eine einfach Erklärung, als er vergangene Woche die Streichung der Darwinschen Evolutionstheorie aus dem Lehrplan türkischer Schüler bekanntgab: Es gäbe Hunderte, vielleicht Tausende unterschiedliche Theorien in der Wissenschaft, so der AKP-Mann.

Für die Behörde ist das Thema damit erledigt. Für säkular geprägte Türken wie die 44-Jährige Bengü aber geht es um sehr viel mehr als die Vereinfachung des Lehrplans.

"Worum es hier eigentlich geht, ist, dass wir uns Stück für Stück vom Ansatz einer laizistischen Bildung entfernen."

So die Mutter des 12-Jährigen Alp, der seine Schullaufbahn nun wohl beenden wird, ohne den Namen Charles Darwin je gehört zu haben – dafür aber, so seine Mutter wütend, mit einem niegelnagelneuen Gebetsraum, der gerade an Stelle des dringend benötigten Chemielabors an seiner Schule eingerichtet wurde. "Die wollen hier einen zweiten Iran errichten", glaubt Bengü. Darwin habe da natürlich keinen Platz.

Uneinigkeit über die Evolutionsgeschichte im Koran

Tatsächlich passt es zu Präsident Erdogans berühmtem Satz "Wir wollen eine fromme Generation heranziehen", wenn türkische Prediger wie Cübbeli Ahmet Hoca in diesen Tagen offen gegen die Evolutionstheorie wettern:

"Kann ein Muslim, der auch nur ein kleines bisschen Glauben hat, ernsthaft behaupten, 'Wir stammen vom Affen ab'? Gott sagt: Ich habe den Menschen in einem Atemzug geschaffen – und diese Wissenschaftler wollen uns die Abstammung vom Affen weismachen. Wie kann jemand dem Koran widersprechen?"

Doch was der Koran tatsächlich über die Entstehung des Menschen sagt oder meint, darüber herrscht auch in der Türkei alles andere als Einigkeit. Professor Abdülazziz Bayindir zum Beispiel von der Theologischen Fakultät der Istanbul-Universität gehört zu denjenigen, die überzeugt sind, dass Darwin und Islam sehr wohl zusammenpassen.

"In der Sure 'Nuh' sagt der Koran ganz klar, dass Allah die Entstehung des Menschen bewirkt hat."

So Bayindir vergangene Woche im türkischen Fernsehen. "Er hat sie also ausgelöst. Aber sie ist dann als Entwicklung zu verstehen. Gott hat Adam nicht als fertige Skulptur aus Erde geformt, der zum Abschluss Leben eingehaucht wurde." Gottes Schöpfungsprozess und die Evolution seien also sehr wohl vereinbar, so der Theologe. Und mehr noch: Der englische Erfinder der Evolutionstheorie habe sogar im Sinne des Islams gehandelt:

"In einem anderen Koranvers heißt es: 'Sag den Menschen, sie sollen die Welt bereisen und sehen, wie die Schöpfung begann'. Darwin hat dieses Gebot befolgt. Egal ob seine Ergebnisse und Schlussfolgerungen nun richtig oder falsch sind. Das wichtige ist, dass Gott uns aufgetragen hat, den Schöpfungsprozess zu hinterfragen."

Als Ketzerei bezeichnen andere türkische Muslime solche Aussagen. Ähnlich wie in christlich-kreationistischen Kreisen in den USA oder auch Polen, gilt Darwin unter Gläubigen in der Türkei schon lange als rotes Tuch. Dass die AKP-Regierung sich mit der Reformierung des Lehrplans nun ihrer Sichtweise anschließt, liegt nach Meinung von Regierungskritikern wie dem Wissenschaftsautor Ender Helvacioglu jedoch nicht allein an ihrer religiösen Ausrichtung.

"Wenn wir uns fragen: Was ist eigentlich Wissenschaft? Dann lautet die Antwort: Wissenschaft ist die Suche nach Gesetzen und Erklärungen für die Veränderungen in unserem Universum. Es geht um ständiges Hinterfragen. Und die Evolutionstheorie ist die Grundlage dessen."

"Kritisches Denken muss schon in der Kindheit anfangen"

Genau deswegen aber soll sie weg, so der Herausgeber der in Istanbul erscheinenden Zeitschrift Wissenschaft und Zukunft. Die Erklärung des Bildungsministeriums, dass interessierte Schüler sich ja später an der Universität noch mit Darwin beschäftigen könnten, beruhigt ihn nicht.

"Es geht darum, dass kritisches Denken schon in der Kindheit angelegt werden muss. Jemand, der das nicht gelernt hat, wird auch später nicht nach seinen Rechten fragen. Und genau solche Leute wollen sie. Es geht der türkischen Regierung also gar nicht darum, dass an unseren Schulen nur noch Imame ausgebildet werden sollen. Was sie will, sind junge Menschen, die nicht untersuchen und nicht hinterfragen. Sie wollen eine Generation von "Dienern" heranziehen. Hörig nicht nur gegenüber Gott, sondern auch gegenüber der Regierung und dem System. "

Türkische Eltern, die dabei nicht mitmachen wollen, haben es schwer. Das zunehmend schlechte Abschneiden türkischer Schüler bei internationalen Vergleichstests, genauso wie die Entlassung Tausender kritischer Lehrer seit dem Putschversuch vor einem Jahr, machen Müttern wie der 37-jährigen Ece wenig Hoffnung. Wie viele andere wohlhabendere Türken will sie ihr Kind ab dem kommenden Schuljahr auf ein Internat in England schicken. Darwins Heimat.

"Ich habe als Mutter immer mehr das Gefühl, dass ich hier nicht mehr darüber mitbestimmen kann, in welche Richtung mein Kind erzogen wird. Es fühlt sich an, als ob sie es mir wegnehmen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk