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StartseiteDeutschland heuteKölner Adil Demirci in Istanbul vor Gericht13.02.2019

TürkeiKölner Adil Demirci in Istanbul vor Gericht

Seit zehn Monaten sitzt der Kölner Adil Demirci in der Türkei in Untersuchungshaft. In Istanbul läuft ein Prozess gegen ihn – wegen des Verdachts auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. In Köln solidarisieren sich seine Familie und auch einige Kölner Politiker mit ihm.

Von Jonas Panning

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Tamer Demirci steht auf der Bühne und spricht in ein Mikrofon (Deutschlandradio (Jonas Panning))
Mahnwache für Adil Demirci in Köln (Deutschlandradio (Jonas Panning))
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"Wir stehen hinter ihnen und denken an Sie, werden Sie keinen Tag vergessen. Vielen Dank!

Mitte Januar im Kölner Rathaus. Die Oberbürgermeisterin der Stadt, Henriette Reker, erinnert im Rahmen eines "Rathausgesprächs" an zwei Kölner, die gerade aus "politischen Gründen" in der Türkei im Gefängnis sitzen: Hozan Cane und Adil Demirci. Während die Künstlerin im vergangenen Jahr schon zu einer Haftstrafe von über sechs Jahren verurteilt wurde, wartet der Sozialwissenschaftler noch auf einen Urteilsspruch. Neben Reker sitzt der Bruder von Adil Demirci, Tamer.

Nach dem Türkei-Urlaub keine Ausreise

"Der Grund für die Einreise war meine Mutter. Ganz banal: einfach zu sagen, dass die Woche für sie eigentlich eine Erholung sein sollte. Jetzt ist er neun Monate da drin und man merkt, dass ja die Stimmung immer auch schwankt." Die Mutter von Adil und Tamer Demirci ist an Krebs erkrankt. Die Heimreise nach Köln musste sie im April letzten Jahres ohne ihren Sohn antreten. Man hört ihr ihre Krankheit an. Sie ist geschwächt von der Chemotherapie. Es sei ein schreckliches Gefühl gewesen, ihren Sohn in Istanbul zurücklassen zu müssen, erzählt die 64jährige.

"Mir ging es an dem Tag sehr schlecht. Es war ein schlimmer Tag. Ich habe Adil da gelassen und bin hier hingekommen. Aber als Adil verhaftet wurde, hat er mir die Nachricht zukommen lassen, dass ich auf jeden Fall zurück fliegen soll. Er sagte, dass die Therapie weiter gehen soll. Ich solle mir keine Sorgen um ihn machen. Ich bin dann schweren Herzens zurück. Mit vielen schlechten Gedanken und Ängsten und immer in Aufruhr bin ich dann hierhin zurückgekommen. Immer mit der Frage im Kopf, was mit ihm in Haft geschieht, ob er geschlagen wird oder ihm sonst etwas Schlechtes widerfährt." Einmal die Woche telefoniert Elif Demirci mit ihrem Sohn – für zehn Minuten. Sie hat ihm auch erzählt, dass in seiner Heimatstadt Köln jede Woche Menschen für ihn auf die Straße gehen. Sein Bruder Tamer organisiert auf dem Wallraffplatz in der Innenstadt jeden Mittwoch eine Mahnwache. Die gab es auch schon vor der Inhaftierung. Adil Demirci hatte sie für seine Kollegin Mesale Tolu gemacht, die für dieselbe Nachrichtenagentur arbeitet wie er. Als Adil selbst ins Gefängnis kam, war für seinen Bruder klar, dass er die Mahnwache fortführt.

Solidarität von Familie und Freunden

"Als er inhaftiert wurde, war es relativ schnell klar, was wir machen mussten. Wir haben uns mit den Uni-Kollegen wieder hingesetzt als Freunde, als Familie und haben gesagt, dass wir so dringend wie möglich Öffentlichkeit brauchen, dass wir kontinuierlich uns treffen müssen, uns wöchentlich treffen und alles tun müssen, dass Adil bekannter wird in dem Sinne."

"Freiheit für Adil Demirci, Freiheit für Adil Demirci! Freiheit für Adil Demirci!"

Gut ein Dutzend Unterstützer – mal mehr, selten weniger – tragen Schilder mit dem Foto des Kölners und sammeln Unterschriften. Auch der Kölner Politiker von der Linkspartei Jörg Detjen nimmt regelmäßig an den Mahnwache in der Kölner Innenstadt teil. Er hält Adil Demirci für eine politische Geisel.

Mahnwache in der Kölner Innenstadt

 "Wir reden über deutsche Staatsbürger, die in der Türkei als Geisel genommen werden. Und das Phänomen ist ja, das ist ne neue Strategie in der Politik, dass man sich Geiseln nimmt und darüber verhandelt. Das ist undemokratisch."

Wenn morgen (am Donnerstag) in Istanbul der Prozess von Adil Demirci fortgesetzt wird, wird der Fraktionschef der Kölner Linken wieder im Gerichtssaal sitzen und die Verhandlung beobachten. So wie schon im November, als der Prozess begann. Das öffentliche Interesse sei wichtig und komme beim Richter durchaus an, so Detjens Erfahrung.

"Der Richter beobachtet das natürlich auch genau, dass es da Leute aus Deutschland, aus Europa gibt, die den Prozess verfolgen. Hat sich auch schon mal gefragt, warum wir uns da so laut unterhalten. Es ging um ne Übersetzung in dem Prozess. Also daran kann man schon mal sehen, dass da ne Sensibilität da ist und insofern glaube ich, dass das ziemlich wichtig ist, vor Ort zu sein, da zu sein, um solidarisch zu sein. Und ich finde auch, dass ist ein Respekt vor allen demokratischen Kräften in der Türkei."

Prozessbeobachter aus Deutschland

Der Bruder von Adil Demirci wird nicht zum Prozess reisen. Ihm ist das Risiko zu groß, selbst festgenommen zu werden. Er glaubt, dass seine Aktivitäten für seinen Bruder in der Türkei zur Kenntnis genommen werden. Er wartet deshalb in Köln gespannt darauf, dass sein Bruder freigesprochen oder zumindest freigelassen wird. Für die Tage danach hat er sich extra Urlaub genommen.

 "Wir waren beim ersten Verhandlungstag sehr optimistisch, zuversichtlich, dass er rauskommt – wegen der Anklageschrift. Jetzt gibt’s so nen inneren Selbstschutz, zu sagen, es kann alles passieren. Eigentlich müsste er freikommen. Aber ich bin dennoch zuversichtlich."

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