Dienstag, 27. September 2022

Archiv

Türkei
"Unternehmen brauchen vor allem Rechtssicherheit"

Immer wieder Anschläge und der gescheiterte Putschversuch vor rund drei Monaten: Der türkische Tourismus und die Wirtschaft leiden darunter. Doch die Türkei lässt sich nicht beirren: Sie will es unter die Top Ten der weltweit führenden Wirtschaftsnationen schaffen. Wie aber ist die Stimmung bei deutschen Unternehmen?

Von Karin Senz | 25.10.2016

    Skyline von Istanbul in der Abendsonne.
    Die Türkei will es unter die ersten zehn Top-Wirtschaftsnationen bringen (AFP / Daniel Mihailescu)
    Die Türkei will unter die Top Ten der weltweit führenden Wirtschaftsnationen. Im Moment steht sie da auf Platz 17. Auch nach dem Putschversuch bleibt Ministerpräsident Yildirim selbstbewusst:
    "Das Wirtschaftswachstum der Türkei ist doppelt so hoch wie das des weltweiten Durchschnitts. Reicht uns das? Nein. Drei bis vier Prozent an Wachstum - das reicht uns nicht."
    Und die Türkei setzt Zeichen: Hat eine nagelneue dritte Brücke über den Bosporus eröffnet und baut einen Großflughafen nahe Istanbul.
    Allerdings wurden in den vergangenen Monaten auch Tausende Unternehmen und Institutionen staatlichen Treuhändern übergeben oder geschlossen. Sie alle werden verdächtigt,eine Verbindung zum islamischen Prediger Gülen zu haben. Die türkische Regierung schreibt ihm den Putschversuch zu. Auch auf Behörden und Ämtern wurden Mitarbeiter ausgetauscht. Damit fehlen bewährte Ansprechpartner. Unternehmen müssen manche Anträge komplett neu stellen, oder der Vorgang liegt auf Eis. Auch die deutsch-türkische Unternehmerin Gabriele Kern-Altindis kennt das Problem. Es ist chaotischer geworden in den letzten Wochen, sagt sie. Kern-Altindis vermietet in Istanbul Ferienwohnungen. Sie bekommt schon seit den ersten Terroranschlag vor einem Jahr deutlich zu spüren, dass sich weniger Touristen in die Türkei trauen.
    Vor der Hagia Sophia, vor der sich im Januar ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte, steht niemand mehr Schlange. Im Großen Basar in Istanbul muss man sich nicht mehr durchdrängeln. An einigen Ständen hängen Schilder "zu vermieten". Andere Händler halten noch durch:
    "Die Lage im Land ist ja allseits bekannt. Diese Bombenanschläge und so. Das hat die Touristen verscheucht."
    "Es läuft sehr schlecht. Wenn es so weiter geht, werde ich wahrscheinlich gegen Jahresende auch schließen müssen."
    Experten bemängeln fehlende Rechtssicherheit
    Die Türkei hängt nicht so stark vom Tourismus ab, wie beispielweise Ägypten. Darum zeichnen manche deutschen Experten ein anderes Bild, wie Jan Nöther, Geschäftsführer der deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul.
    Die Lage habe sich wieder stabilisiert, sagt er – zumindest was Auftragseingänge bei deutschen Unternehmen angeht, die mit türkischen zusammenarbeiten. Vor allem große Unternehmen, wie Bosch oder Siemens würden ihre langfristigen Investitionspläne nicht ändern - kleinere allerdings schon, sagt auch Hans-Georg Fleck von der Naumann-Stiftung in Istanbul. "Manch kleineres oder mittelständisches Unternehmen hat seine Türkei-Pläne auf Eis gelegt, wartet erst mal ab." Das könnte zum Problem werden, meint Fleck. Denn die türkische Wirtschaft sei auf ausländisches Kapital angewiesen. Unternehmen investieren nur:
    "Erstens, wenn man die Erwartung hat, dass die Renditen, die man dort erzielen kann, interessant sind. Und zweitens, dass man ein sicheres rechtsstaatliches Umfeld hat und drittens, dass man eine politische Stabilität hat, die garantiert, dass man nicht jederzeit Sorge haben muss, dass eine Investition in den Sand gesetzt wird, weil Eingriffe des Staates vorgenommen werden. Ich denke mal, dass der wichtigste Faktor für ausländische Investoren die Frage der Rechtssicherheit ist, die, wie der Umgang mit den Bürgern zeigt, nicht mehr gegeben ist."
    Jan Nöther von der deutsch-türkischen Industrie- und Handelskammer ist in einem Punkt auf jeden Fall optimistisch. Wenn Präsident Erdogan tatsächlich ein Präsidialsystem einführt, kehrt Stabilität ins Land zurück.