Archiv

Türkische Politik gegenüber Armeniern"Heute geschieht etwas, was wir fast in die Nähe eines Völkermordes bringen können"

Es sei richtig, dass der Bundestag den Völkermord an den Armeniern als solchen bezeichne, sagte Mihran Dabag, Direktor des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der Universität Bochum, im DLF. Die türkische Politik sei immer noch "durch das Fernhalten der Armenier" bestimmt und verhindere jeglichen Annäherungsprozess.

Mihran Dabag im Gespräch mit Mario Dobovisek | 02.06.2016

Bei Demonstrationen in Istanbul zum 101. Jahrestag des Massakers an den Armeniern halten Menschen Plakate von armenischen Intellelktuellen, die 1915 deportiert wurden.
Armenier fordern weiterhin die Türkei auf, den Völkermord an ihrem Volk zu gestehen. Doch die Türkei wolle "ihre eigene negative Geschichte nicht in ihre moderne Geschichte integrieren", sagte der armenischstämmige Historiker Mihran Dabag im DLF. (AFP / Ozan Kose)
Dabag sagte, der Völkermord kratze am türkischen Gründungsmythos und sei zur Identitätsfrage geworden. Es habe mit dem Selbstbildnis des Landes und des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu tun, dass die Ermordung von bis zu 1,5 Millionen Armeniern während des Ersten Weltkriegs nicht als Genozid bewertet werde. Es solle nicht Teil der modernen türkischen Geschichte werden. Dabei sei die Wissenschaft schon längst zu dem Ergebnis gekommen, dass es ein Völkermord sei, betonte der Historiker.
Er fügte hinzu, die Resolution des Bundestags mache einen Unterschied und sei längst überfällig. "Wenn diese Entscheidung nicht wäre, wenn die armenische Diaspora in der Beharrlichkeit der Erinnerung und Gedenken nicht so weiter gemacht hätte, würde das Wort 'Armenier' heute in der Türkei überhaupt nicht ausgesprochen werden."

Das Interview in voller Länge:

Mario Dobovisek: Der Druck auf den Bundestag wächst vor der Abstimmung über die Resolution zum Völkermord an bis zu 1,5 Millionen Armeniern vor über 100 Jahren, und zwar aus der Türkei und aus Armenien. Ankara warnt vor der Zustimmung, sieht die deutsch-türkischen Beziehungen in Gefahr, das Flüchtlingsabkommen gar, den Europakurs des Landes. Armenien wiederum fordert die Bundestagsabgeordneten auf, sich nicht einschüchtern zu lassen.
Am Telefon begrüße ich Mihran Dabag. Er ist armenischer Herkunft, 1944 in der Türkei geboren, ist heute deutscher Staatsbürger und leitet als Historiker das Institut für Diaspora- und Genozid-Forschung an der Ruhr-Universität in Bochum. Guten Morgen, Herr Dabag.
Mihran Dabag: Guten Morgen, Herr Dobovisek.
Dobovisek: Wie wichtig ist es, dass der Deutsche Bundestag heute diese Resolution beschließt?
Dabag: Das ist eine ganz wichtige und längst fällige Entscheidung, die man heute im Bundestag eigentlich erreichen möchte, und deswegen längst fällig, weil das meiner Meinung nach schon im vergangenen Jahr geschehen sollte. Dass wir heute das nachholen, verdanken wir auch einigen Abgeordneten im Bundestag, vor allem Herrn Özdemir, der diese Sache so vorangetrieben hat.
Späte Entscheidung des Bundestags: "Zögern hat mit einer Drohung der Türkei zu tun"
Dobovisek: Die deutsche Politik hat sich ja ganz offensichtlich schwer getan, das Massaker an den Armeniern vor über 100 Jahren als Völkermord zu benennen. Wie bewerten Sie dieses Zögern?
Dabag: Dieses Zögern hat eigentlich mit einer Drohung und mit einer Haltung der Türkei zu tun, auf die wir leider in Europa immer noch Rücksicht nehmen müssen.
Dobovisek: Warum müssen wir das?
Dabag: Weil es ein wichtiger Partner der europäischen Politik ist. Die Türkei ist kein Griechenland, die Türkei ist kein Armenien, sondern die Türkei ist ein mächtiger, ein wichtiger Partner dieser europäischen Politik.
Dobovisek: Erdogan-Gefolgsmann Yildirim sagte gestern erst, die Vorwürfe gegen das Osmanische Reich seien aus der Luft gegriffen. Er sprach gar von gewöhnlichen Vorfällen unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs. Leugnet die Türkei weiter den Völkermord, oder ist da einfach eine andere Sicht der Dinge, die möglicherweise auch wissenschaftlich nachvollzogen werden kann?
Dabag: Wissenschaftlich ist das nicht mehr nachzuvollziehen. Die Wissenschaft hat gesprochen. Jetzt sozusagen soll der Souverän in der Bundesrepublik Deutschland zu dieser Geschichte sich bekennen. Und da ist der Bundestag die richtige Stelle, der Ort, um diesen Ausdruck endlich mal in der Deutlichkeit auszusprechen. Und was die deutsch-türkische Politik anbetrifft, das sind die Sätze, die wir seit hundert Jahren hören. Nein, seit hundert Jahren nicht: seit 1923 nämlich.
Es hat zwischen 1918 und 1920 eine andere Debatte im Osmanischen Reich gegeben. Es war eine Debatte, die vom Bekennen der Schuld bestimmt war. Diese Politik, die von der türkischen Regierungsseite kommt und wo Gott sei Dank heute nicht alle türkischen Bürger diese Meinung teilen, gehört zu einer Politik, einer Narration, die mit dem türkischen Gründungsmythos und der Legende eng verbunden ist. Mit diesen Äußerungen lassen sie der Generation eine Belastung, eine Last, die ich als verantwortungslos bezeichne.
"Historische Aufarbeitung kann nicht Angelegenheit einer Historikerkommission sein"
Dobovisek: Als wir gestern getwittert haben im sozialen Netz, dass wir beide miteinander reden, und auch, dass wir mit Cem Özdemir reden über die Armenien-Resolution, haben wir ganz viele Rückmeldungen erhalten von Hörern und auch Lesern im Internet, die unbedingt, aus der türkischen Community stammend, darauf hingewiesen haben wollen, dass Erdogan zum Beispiel 2005 auf der Münchner Sicherheitskonferenz durchaus eine internationale Historikerkommission gefordert hat einzusetzen, also durchaus willens ist, historisch aufzuklären. Warum geht das trotzdem nicht voran?
Dabag: Es geht nicht voran, weil die historische Aufarbeitung nicht eine Angelegenheit einer Historikerkommission sein kann. Die Staaten haben die Aufgabe, die Rahmenbedingungen, und zwar freie Rahmenbedingungen für die Wissenschaft zu schaffen. Wir sind nicht in einem Zivilprozess, wo unterschiedliche Parteien ihre Argumente bringen. Wir müssen hier über die wissenschaftliche Aufarbeitung reden und diese wissenschaftliche Aufarbeitung, ob es Völkermord ist oder nicht, das ist schon längst entschieden.
Es geht sozusagen durch die Anerkennung darum, die Erforschung der Ereignisse in die Tiefe hinein zu bringen und zu treiben, damit wir unterschiedliche Sichtweisen, unterschiedliche Entscheidungen, die Vollzugsmechanismen genau kennenlernen können. Stellen Sie sich mal vor, ohne Anerkennung vom Holocaust, ob wir heute eine solche Forschung über den Holocaust selbst in Deutschland gehabt hätten, ja oder nein.
Dobovisek: Aber sehen das, was Sie sagen, Historiker, Wissenschaftler, Forscher in der Türkei genauso?
Dabag: In der Türkei sehen das nicht alle so, aber heute haben wir Gott sei Dank - und ich freue mich sehr darüber - eine Menge türkische Historiker, die diese Meinung von mir teilen.
"Die türkische Gründungslegende kann und will diese Geschichte nicht integrieren"
Dobovisek: Wenn wir auf die Annäherung blicken, da wurde immer wieder in den vergangenen Jahren gesagt, ja, es gäbe einen Annäherungsprozess. Ich habe um 6:50 Uhr mit Cem Özdemir von den Grünen ein Interview geführt. Wir haben schon über ihn gesprochen. Er sagt, es gäbe gar keinen Annäherungsprozess. Wie sehen Sie das?
Dabag: Es gibt keinen Annäherungsprozess, weil diese Regierung jegliche Annäherung verhindert. Es ist immer noch die Leugnung und in Folge dieser Politik dürfen wir nicht vergessen: Heute geschieht etwas, was wir fast in die Nähe eines Völkermordes bringen können. Mit der Politik gegenüber den Armeniern, die in den syrischen Gebieten leben, betreibt die Türkei eine Politik, die immer noch durch das Fernhalten der Armenier bestimmt ist.
Dobovisek: Das ist Ihre Auffassung. Das sehen Ihre Kollegen in der Türkei vielleicht anders. Aber noch mal nachgefragt: Was hat Erdogan denn zu verlieren, die Geschichte aufzuarbeiten und möglicherweise am Ende, wenn Wissenschaftler wie Sie zu dem Schluss kommen, das war ein Völkermord, das auch einzuräumen?
Dabag: Es hat, ich glaube, mit dem Selbstbild der Türkei und des Erdogans zu tun, weil irgendwie die Türkei ihre eigene negative Geschichte nicht in ihre moderne Geschichte integrieren möchte. Die türkische Gründungslegende, die von einer heroischen Geschichte bestimmt ist, kann und will diese Geschichte nicht integrieren. Das ist eine Identitätsfrage geworden und diese Identitätsfrage zeigt, dass Erdogan und die Erdoganz nicht bereit sind, dies zu relativieren, zu verändern und eine Türkei zu schaffen, in der eine neue Generation mit einem neuen Bewusstsein in die Geschichte, in die Zukunft schauen kann.
Dobovisek: Macht die Resolution des Deutschen Bundestages diesen Prozess noch schwieriger, noch unmöglicher?
Dabag: Nein, im Gegenteil. Wenn diese Entscheidung nicht wäre, wenn die armenische Diaspora in der Beharrlichkeit der Erinnerung und des Gedenkens nicht so weitergemacht hätte, wäre in der Türkei heute das Wort Armenier überhaupt nicht ausgesprochen worden.
Dobovisek: Der Historiker Mihran Dabag von der Ruhr-Universität in Bochum. Ich danke Ihnen für das Gespräch.
Dabag: Ich danke Ihnen auch.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.