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StartseiteCorsoWeg frei für die Selbstzensur10.05.2019

Türkisches Kino-GesetzWeg frei für die Selbstzensur

Die sinkende Meinungsfreiheit in der Türkei macht auch Filmemacherinnen und Filmemachern schwer zu schaffen: Anfang des Jahres wurde ein neues Kinogesetz verabschiedet, das der Zensur den Weg ebnet. Viele Filmschaffende zensieren sich seither selbst, andere suchen nach kreativen Auswegen.

Von Kristina Karasu

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Besucher vor der Atlas Kino Halle in Istanbul, wo ein Teil des Istanbuler Filmfestivals stattfindet. (picture alliance / dpa / Sedat Suna)
Kinobesucher bei einem Filmfestival in Istanbul im Jahr 2015 (picture alliance / dpa / Sedat Suna)
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Drei Geschwister begeben sich nach Jahrzehnten der Trennung auf die Suche nach ihrem Vater: Die türkische Tragikkomödie "Schmetterlinge" gewann 2018 den großen Jurypreis beim Sundance-Filmfestival in den USA. Der Produzentin des Films, Diloy Gülün, müssten jetzt eigentlich alle Türen offen stehen.

Der Druck auf die Filmbranche wächst weiter

Doch sie spürt genau das Gegenteil. Sorgen bereitet ihr ein neues Kinogesetz, im Januar von der Erdogan-Regierung verabschiedet. Es legt fest, dass die staatliche Filmkommission künftig zur Hälfte von der Regierung besetzt wird. Zudem darf die Kommission Filme, die sie für unpassend hält, aus den Kinos verbannen. Das erhöht den seit Jahren ohnehin wachsenden Druck auf die Filmbranche, klagt Gülün:

"Dass jetzt die Kommmission zur Hälfte in den Händen der Regierung ist, besorgt uns. Denn das stärkt den Zensur-Mechanismus, und sie können Filme verhindern, die ihnen nicht gefallen. Das hat sofort für Selbstzensur gesorgt. Die Drehbuchautoren zensieren sich selbst, ebenso die Regisseure und Produzenten. Schon von Anfang an gibt es keine Plattform, um zu sagen, was man eigentlich sagen will."

Der Mainstream dankt es Erdogan

Insbesondere türkische Arthouse-Filme bekommen nur noch selten staatliche Förderung. Auch Gülüns Film "Schmetterlinge" nicht, der nur mittels Crowdfunding verwirklicht werden konnte.

Vertreter des türkischen Mainstream-Kinos hingegen bedankten sich überschwänglich bei Präsident Erdogan für das neue Gesetz – weil es einige strukturelle Probleme der Branche behoben hat. Auch Produzentin Gülün kann manchen Teilen des Gesetzes etwas abgewinnen:

"Es wurde zum Beispiel ein finanzieller Anreiz für ausländische Filmproduktionen versprochen, die in der Türkei gedreht werden. Das ist sehr wichtig, denn wir stehen in Konkurrenz zu vielen Ländern. Andererseits wurde die bereits bestehende Zensur-Politik im neuen Gesetz fortgeführt. Hier gibt es einen Widerspruch: einerseits will das Land im Ausland Aufsehen erregen, zum anderen will man nicht, dass man von grundsätzlichen Problemen spricht. In so einem Klima ist es natürlich unmöglich, dass kreative Werke entstehen."

Diesem Druck hält nicht jeder Stand. Ein Großteil ihres Teams sei deswegen in den letzten Jahren ins Ausland ausgewandert, berichtet Gülün. Nun hat die Produzentin große Schwierigkeiten, qualifizierte Assistenten, Kameraleute oder Cutter zu finden.

Es gab schon immer rote Linien

Zensur hat es in der Türkei allerdings immer gegeben, betont Filmkritiker Şenay Aydemir. Bloß die Tabuthemen würden sich ändern.

Şenay Aydemir: "Beim Thema Sex gab es wesentlich freiere Zeiten, etwa in den 90er-Jahren. Doch während die Gesellschaft in den vergangenen Jahren immer konservativer wurde, wurde auch Sex zu einer roten Linie. Heute sieht man in türkischen Filmen nur noch sehr selten Sexszenen, es wird nicht einmal geknutscht. Die Kurdenfrage und die Armenierfrage hingegen waren in der Türkei schon immer rote Linien. Diese Themen zu behandeln ist für jeden Regisseur, jeden Produzenten riskant."

Das erleben vor allem Dokumentarfilmer: Noch vorige Woche mussten sich die Macher des dokumentarischen Kinofilms "Bakur" vor Gericht verantworten. Der Film zeigt den Alltag in einem PKK-Camp, gefilmt in Friedenszeiten.

Filmemacher unter Terror-Verdacht

Die Staatsanwaltschaft sieht darin Terror-Propaganda und fordert fünf Jahre Haft. Der Prozess zieht sich seit Jahren hin. Der Film gilt als Wendepunkt beim Thema Zensur: 2015 wurde ihm die Vorführung beim Istanbuler Filmfestival verweigert. Seither ist Selbstzensur bei den großen Festivals gang und gäbe, berichtet Festivalorganisator Önder Özdemir:

"Es gab Festivals, die schnell ihre eigene Filmauswahl zensierten, um eine Vorführungsgenehmigung zu bekommen. Vielleicht hat das mit dem allgemeinen Klima der Angst im Land zu tun: es wird die Angst verbreitet, dass man schon für einen Tweet im Gefängnis landet, also twittert niemand mehr. Ebenso führt das dazu, dass Festivalteams sich selber verbiegen."

Özdemir organisiert das landesweite "Arbeiter-Filmfestival". In Istanbul hat er zu einer öffentlichen Diskussion mit fünf Organisatoren anderer alternativer, kleiner Festivals geladen. Sie bezeichnen sich selbst als Piratenfestivals und verzichten auf offizielle Genehmigungen.

Manchmal läuft es besser als gedacht

Dafür zeigen sie die Filme, die sie wollen. Das jüngste Beispiel ist das "Kurdische Filmfestival Istanbul", das im März zum ersten Mal stattfand. Das lief problemloser als erwartet, erklärt Organisatorin Nalin Acar:

"Selbst bei der Vorbereitung des Festivals hatten wir ständig Angst, dass die Polizei kommt und uns behindert, denn unsere Filme sind, in Anführungsstrichen, etwas radikaler. Aber sie kam nicht. Wir waren selber überrascht."

Angespornt werden die alternativen Festivalmacher von ihrem Publikum. Besonders bei Festivals in Anatolien sind die Vorführungen meist restlos überfüllt. Normalerweise laufen in türkischen Kleinstädten nur harmlose Mainstreamfilme in den Kinos - doch auch dort hat das Publikum Hunger nach tiefgründigeren Stoffen und freien Gedanken.

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