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StartseiteFirmenporträtAugen zu und durch den Gotthard27.05.2016

TunnelbauAugen zu und durch den Gotthard

17 Jahre nach der ersten Sprengung eröffnet die Schweiz am 1. Juni den Gotthard-Basistunnel als längsten Eisenbahntunnel der Welt. Genau genommen sind es zwei Röhren, die das Sankt-Gotthard-Massiv durchstoßen. Möglich wurde das Mammutprojekt durch den Einsatz einer besonderen Tunnelbohrmaschine eines deutschen Tüftlers: Martin Herrenknecht.

Von Mirko Smiljanic

Mineure warten am 7.11.2002 im Gotthard-Basistunnel bei Bodio auf die Inbetriebnahme der 400 Meter langen und 3000 Tonnen schweren Tunnelfr (picture-alliance / dpa/Keystone Karl Mathis)
Im Gotthard-Basistunnel bei Bodio warten Mineure auf die Inbetriebnahme der Tunnelfräse der Firma Herrenknecht. (picture-alliance / dpa/Keystone Karl Mathis)
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14. Oktober 2010, 14 Uhr 17, tief im Schweizer Sankt-Gotthard-Massiv. Ein paar Hundert Minenarbeiter und geladene Gäste schauen gebannt auf das Ende des Tunnels. Ein paar Sekunden noch, dann erleben sie, was selbst langgediente Mineure nicht häufig sehen: Mit brachialer Kraft fräst sich ein neun Meter hoher Bohrer durch die Felswand.

Applaus, Jubel, Musik – der Durchbruch hat auf den Millimeter geklappt. Als der Bohrkopf schließlich steht, kriecht ein Arbeiter von der anderen Seite im orangenen Overall durch eine Felsenlücke und reckt die Statue der Heiligen Barbara in die Höhe. Ohne die Schutzpatronin der Minenarbeiter geht gar nichts.

Gerade mal 17 Jahre haben die Bauarbeiten an den beiden Eisenbahnröhren gedauert, eine Rekordzeit, die ohne Hightech-Bohrmaschinen aus badischer Produktion nicht möglich gewesen wäre, erklärt der stolze Bauleiter Werner Zeder:

"Sie sehen tatsächlich hier eine große Anzahl Rollen, die Rollen haben einen Durchmesser von circa 17 Zoll, die Rollen haben in der Mitte einen harten Kranz, und dieser Kranz, diese Rollen, werden mit großen Kräften auf die Ortsbrust gepresst. Dann dreht sich dieser ganze Bohrkopf, und auch die Rollen drehen sich, sie pressen sich in die Ortsbrust ein und es springen dann Gesteinsteile, so genannte Chips, weg."

Fleißig, sparsam, eigenwillig und erfolgreich

Mehr als 400 Meter misst der stählerne Lindwurm, neun Meter ragt er in die Höhe. Wirklich beeinflussen kann der Maschinist kaum noch etwas, selbst die Richtung findet die Bohrmaschine selbstständig. Entwickelt haben "Gabi" – auf diesen Namen wurde der Bohrer getauft – Ingenieure der Herrenknecht AG aus Schwanau. Ein Familienbetrieb, den der heute 73-jährige Martin Herrenknecht seit über 40 Jahren leitet. Seinen Weg als Unternehmer beschreibt er so: 

"Mit 21 habe ich das Studium abgeschlossen als Maschinenbauingenieur, vier Jahre Schweiz haben mich geprägt, anderthalb Jahre Nordamerika und dann zurück in die Schweiz in den Tunnelbau. Das war für mich faszinierend, da zu arbeiten. Entweder bist Du dann im Tunnelbau nach einem halben Jahr, oder bist keiner, gehst raus aus dem Geschäft."

Martin Herrenknecht ist ein Tüftler durch und durch – fleißig, sparsam, eigenwillig und erfolgreich. Die Idee, Tunnel zu bohren und nicht zu sprengen, brachte er aus den USA mit und stieß in den 1980er- und 1990er-Jahre des letzten Jahrhunderts auf eine rege Nachfrage. Sprengen dauert zu lange und ist gefährlich. Eleganter sind Bohrmaschinen, von denen die Herrenknecht AG mittlerweile alle denkbaren Größen produziert: Mikrobohrmaschinen haben Durchmesser von etwa einem Meter, die mittleren kommen auf sechs Meter, Großgeräten, wie sie im Gotthard-Basistunnel zum Einsatz kamen, auf neun Meter. Technisch wie ökonomisch kritisch sind immer die ersten 300 Meter erklärt Martin Herrenknecht:

"Wenn wir Verträge abschließen, müssen wir die ersten 300 Meter Gewährleistung garantieren, Vortriebsleistung, und gehen dann ganz langsam nachher auf die Leistung, bis das Personal angepasst ist, bis das Zusammenspiel vom Abtransport nachher funktioniert, bis die Betonelemente korrekt reinkommen."

Große Märkte im Osten

5.000 Mitarbeiter beschäftigt die "Herrenknecht AG" weltweit, zwei Drittel arbeiten in der Hauptniederlassung in Schwanau. Der Konzernumsatz lag 2014 bei etwas mehr als einer Milliarde Euro. Wobei die Auslandsaktivitäten immer wichtiger werden. Natürlich sei Europa von zentraler Bedeutung.  Herrenknechtmaschinen bohren in Paris, London und Moskau. Die ganz großen Märkte sieht Martin Herrenknecht aber weit im Osten.

"Wenn Sie China anschauen, da haben wir 1995 die ersten Vorträge gehalten. Bis wir die ersten Maschinen verkaufen konnten, waren wir fünf Jahr in China tätig, um eben Projekte zu akquirieren und maschinellen Tunnelbau dann zu aktivieren."

Das klingt einfach, ist es aber nicht. Ohne politische Unterstützung lassen sich solche Projekt kaum umsetzen. Wenn die Kanzlerin oder der Wirtschaftsminister auf Tour gehen, sitzt Martin Herrenknecht ebenfalls im Flugzeug, berichtet er:

"Wenn man gute Projekte hat und gute Produkte hat, wird das von Politikern sehr geschätzt, dass die Produkte aus Deutschland kommen und solche Arbeiten nachher durchführen."

Ach ja, da war ja noch Stuttgart 21. Martin Herrenknecht hatte gedroht, seine Firma in die Schweiz zu verlegen, sollte das Bahnprojekt im politischen Streit zerrieben werden. Ist die Drohung noch aktuell? Nein, das bleibe wohl bei der Drohung, räumt Firmenchef Herrenknecht ein, denn:

"Das wäre unrealistisch von der Kostenseite, Erbschaftssteuer, die ganze Problematik wäre nicht möglich nachher vom Standort wegzufahren."

 Anmerkung der Redaktion: Im Beitrag hat der Autor den Ort Schwanau nach Schwaben versetzt. Dieses haben wir online korrigiert. Selbstverständlich liegt Schwanau in Baden.

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