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Startseite@mediasresZäh wie erkaltetes Kaugummi21.10.2020

TV-DuelleZäh wie erkaltetes Kaugummi

Vor dem zweiten TV-Duell zwischen Trump und Biden steigt die Spannung - aber nicht nur Arno Orzessek fragt sich, was davon überhaupt zu erwarten ist.

Von Arno Orzessek

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US-Präsident Donald Trump von den republikanern und sein Herausforderer, der frühere US-Vize-Präsident Joe Biden während der ersten TV-Debate auf einem Smartphone-Bildschirm. Im Hintergrund eine Karte der USA. (imago images / ZUMA Wire / Pavlov Gonchar)
Am Donnerstag treffen Donald Trump und Joe Biden zum zweiten TV-Duell aufeinander (imago images / ZUMA Wire / Pavlov Gonchar)
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Vor vielen, vielen Legislatur-Perioden hat der Musikant Andreas - "Fred vom Jupiter" - Dorau das Album "Demokratie" herausgebracht und darin den wackeren Reim platziert: "Das ist die Demokratie – langweilig wird sie nie."

Leider war das auch schon damals Quatsch!

Selbst während Bundestagswahlkämpfen, die das politische Äquivalent zu erregenden Endspielen im Sport sein könnten, hört man Medien und Menschen immer wieder laut gähnen. Dass sie nicht komplett wegdämmern, liegt an den TV-Duellen.

Klar, auch die sind inhaltlich oft so zäh wie erkaltetes Kaugummi. Doch jeder weiß: Um Sachpolitik wird es hinterher kaum noch gehen, verlässlich aber werden die Medien Gesten und Grimassen, Fauxpas' und Flegeleien, Kleidung und Haltung kommentieren.

Schmuck statt Worte

Siehe 2013, Angela Merkel gegen Peer Steinbrück. Im Dekolleté der Kanzlerin ruhte eine schwarz-rot-goldene Kette, die mehr Aufmerksamkeit abräumte als jedes gesprochene Wort. In Anspielung auf Steinbrücks Konjunktiv-Skepsis "Hätte, hätte, Fahrradkette" tauchte unter dem Hashtag #schlandkette bald der Gaga-Tweet "Hätte, hätte, Deutschlandkette" auf – und ersoff in Likes.

So ist das mit TV-Duellen: Sie verwandeln zwar kein Wasser zu Wein, wohl aber Nebensächliches zur Hauptsache. Und das gilt, seit John F. Kennedy 1960 im ersten TV-Duell überhaupt den Kontrahenten Richard Nixon blasser aussehen ließ, als dieser aus Krankheitsgründen war.

Bis heute huldigen Journalisten dem "sonnengebräunten Kennedy" – und lassen offen, wie braun Sonnenbräune in Schwarz-Weiß-Flimmerkisten eigentlich rübergekommen kann.

Der Mythos vom entscheidenden Duell

Aber stimmt schon: Nixon... für die meisten Radio-Hörer übrigens der Gewinner des Duells schwitzte sichtbar Schweißperlen aus und, nun ja, er verlor die Wahl. Damit war der Mythos geboren, TV-Duelle seien wahlentscheidend...

Ein Mythos, dessen wahrer Kern kaum messbar ist, obwohl Indizien andeuten: So klein kann er nicht sein, der wahre Kern.

Legendär die Behauptung von US-Präsident Gerald Ford 1976: "Es gibt keine sowjetische Vorherrschaft in Osteuropa." Fords Amt ging an Jimmy Carter – und wenn die im Kreml darüber nicht gelacht haben, haben sie nie gelacht.

Die Hochkultur früherer Zeit

Anders Ronald Reagan. 1984 lautete die Frage: Ist der 73jährige zu alt für eine zweite Amtszeit?

Reagan, der gegen den viel jüngeren Walter Mondale antrat, lächelte in die Kamera: "Ich werde nicht die Jugend und Unerfahrenheit meines Kontrahenten für politische Zwecke ausnutzen." Selbst Mondale lächelte – und verlor.

Klingt heute wie lupenreine Hochkultur, wenn man an Donald Trump denkt.

Nein, wir vergessen nicht, dass sich in der hiesigen "Elefantenrunde" Kohl, Genscher, Schmidt und Strauß schon 1976 gezofft haben wie schwer erziehbare Halbstarke – die Konserve bei Youtube ist sehr unterhaltsam.

"Das Lügen. Heilige Scheisse."

Und in Frankreich geiferten sich vor drei Jahren Marine Le Pen und Emmanuel Macron dermaßen an, dass ein halbes Land schamrot wurde.

Dennoch: Der politische Trash Talker Nr. 1, die Apokalypse in jeder Kommunikation ist Donald Trump. Dass man ihm im zweiten TV-Duell mit Joe Biden das Maul per Stummschaltung stopfen will, zeugt von jener tiefen Verzweiflung, die Donalds Schwester Maryanne Trump Barry in unvergängliche Worte gekleidet hat: "Das Ändern der Geschichten. Die fehlende Vorbereitung. Das Lügen. Heilige Scheisse."

(Erik Zimmermann)Arno Orzessek (Erik Zimmermann)Arno Orzessek. Seit 1966 Arbeiter- und Bauernsohn, geboren in Osnabrück. Studierte in Köln Philosophie und anderes. Dank "unverlangt eingesandt": SZ- und DLF-Autor; auch: zwei Romane. Lebt seit 2000 rundfunktreu in Berlin. Angesichts der Unordnung der Dinge thematisch unspezialisierter Stoffwechsel-Spezialist. Welt-Erfahrung per Motor- und Rennrad, plus Lektüre. Radio-Ideal: Geistvolles in sinnlicher Sprache; Ziel: Gedankenübertragung; Methode: Arbeit am Text; Verfassung: der Nächste bitte!

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