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StartseiteInformationen am MorgenZweifel an Italiens Corona-Strategie09.03.2021

Über 100.000 ToteZweifel an Italiens Corona-Strategie

Italien vermeldet den traurigen Rekord von 100.000 Toten, die Inzidenz liegt landesweit bei 236 - dreimal so hoch wie in Deutschland. Die Regierung Draghi kommentiert das nicht. Der Wissenschaftliche Rat will nun ganz Italien für drei Wochen in einen harten Lockdown schicken - und so viel impfen wie möglich.

Von Jörg Seisselberg

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 Flagge auf einem Balkon mit einer Pflegerin in Schutzkleidung erinnert an die Corona-Opfer in ganz Italien.  (Fotogramma/IPA)
Nach einem Jahr Pandemie ist die Bilanz der italienischen Anti-Corona-Politik ernüchternd - mit welcher Strategie man der sich wieder zuspitzenden Krise begegnen will, ließ die Regierung Draghi offen. (Fotogramma/IPA)
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Die bittere Grenze von offiziell 100.000 Todesfällen überschritten und eine Covid-19-Pandemie, die in Italien wieder Tempo aufnimmt: Kurz bevor diese Daten offiziell wurden, hat sich Mario Draghi per Videobotschaft an die Italienerinnen und Italiener gewandt. Mit einem Appell, der als Aufruf zu mehr Engagement und Disziplin in der Corona­bekämpfung verstanden werden kann.

"Wir alle stehen in diesen Tagen einer neuen Verschlechterung des Pandemie-Notstands gegenüber. Jeder muss seinen Beitrag dazu leisten, die Ausbreitung des Virus einzudämmen."

Seit rund zehn Tagen steigt die Infektionskurve in Italien sprunghaft. Um rund ein Drittel hat die Zahl der Ansteckungen zugenommen. Während in anderen Teilen Europas Lockdown-Beschränkungen langsam fallen, rutscht Italien wieder tiefer in die Krise. Aus dem Wissenschaftlichen Rat der Regierung wächst nach Berichten mehrere italienischer Medien der Druck, im Kampf gegen die Pandemie das derzeit gültige regionale Ampelsystem fallen zu lassen und wieder landesweit einheitliche Maßnahmen zu erlassen.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Experten fordern härtere Schritte

Auch Patrizia Laurenti, Professorin für Hygiene und Infektionskrankheiten an der Universität Cattolica, hat angesichts der aktuellen Entwicklung Zweifel, ob Italien mit den bisherigen Lösungen auf dem richtigen Weg ist.

Diese Unterscheidungen zwischen den einzelnen Regionen lässt sich meiner Ansicht nach nicht mehr rechtfertigen. Es hat sich gezeigt, dass in den sogenannten gelben Zonen Fehler gemacht wurden. Die Farbe Gelb ist gelebt worden als ein Übermaß an Freiheit. 

In den gelben Zonen mit nur wenigen Beschränkungen dürfen beispielsweise Bars und Restaurants tagsüber öffnen. Große Regionen wie die Lombardei und das Piemont aber rutschten schnell wieder mit hohen Infektionszahlen in die orangene Zone, Restaurants und Bars mussten erneut schließen. Kampanien ist seit Wochenbeginn sogar roten Zone. Insgesamt leben wieder knapp zehn Millionen Italiener im Lockdown, mit geschlossenen Geschäften, Schulen und Restaurants.

  (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)Coronavirus in Italien - Sterblichkeit in stark betroffener Gemeinde stieg um Faktor elf
In der italienischen Gemeinde Nembro sind einer Studie zufolge im März 2020 etwa elf mal so viele Menschen gestorben wie im Vorjahresmonat, die Hälfte davon wurde als Corona-Tote erfasst. Trotzdem stehe der gesamte Anstieg im Zusammenhang mit der Pandemie, sagte der Epidemiologe Tobias Kurth im Dlf.

"Der Trend erscheint eindeutig"

Der Inzidenzwert, Stand gestern, liegt in ganz Italien bei 236 - mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland (68). Hygiene-Spezialistin Laurenti sagt: "Es ist zweifellos eine Situation, die eine Verschärfung der Maßnahmen mit mehr Einschränkungen erfordert. Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber die Daten sprechen eine deutliche Sprache, der Trend erscheint eindeutig."

Die Zeitung Repubblica berichtet konkret über einen Vorschlag des Wissenschaftlichen Rates der Regierung, auch wegen der sich stark ausbreitenden britischen Virusvariante ganz Italien für drei Wochen in einen harten Lockdown zu schicken - und in dieser Zeit so viele Impfungen wie möglich durchzuführen. Von Regierungsseite wird die Meldung, wie seit Amtsantritt Draghis üblich, nicht kommentiert.

Ein bisschen Mutmachen

Der neue Ministerpräsident beschränkt sich in seiner aktuellen Videobotschaft auf Allgemeines und ein bisschen Mutmachen.

Die Pandemie ist noch nicht besiegt. Aber man sieht mit einer schnelleren Impfkampagne einen nicht weit entfernten Silberstreif am Horizont. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, um allen ein wirkliches Signal des Vertrauens zu senden. 

Wie dieses Signal aber genau aussieht und vor allem, mit welcher Strategie die Regierung der sich in Italien wieder zuspitzenden Corona-Krise begegnen will, ließ Draghi offen - auch am Tag des Überschreitens der 100.000-Toten-Grenze. Nicht ausgeschlossen aber ist, dass hinter Draghis Schweigemauer an Korrekturen der schwächelnden italienischen Anti-Corona-Politik gearbeitet wird, vor allem an einer Beschleunigung der Impfkampagne.

Alle bislang in diesem Bereich Verantwortlichen, vom Corona-Sonderkommissar bis zum Leiter des Zivilschutzes, hat Draghi in den vergangenen Tagen ausnahmslos ausgewechselt. Auch dies kommentarlos.

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