Samstag, 20. April 2024

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European Peace Ride
Virtuelle Friedensfahrt - Radeln gegen den Krieg

Der "European Peace Ride" startete am Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine virtuell in Chemnitz. Über 300 Teilnehmer aus der ganzen Welt radelten auf der Rolle via App für den Frieden. In der Zukunft soll es gerne auch mal nach Kiew gehen.

Von Jennifer Stange | 26.02.2023
Radfahrer warten auf den Start zum "European Peace Ride".
Beim "European Peace Ride" engagierten sich Radsportler virtuell für den Weltfrieden. (dpa / picture alliance / Hendrik Schmidt)
Jenny Chittka: "Easy Start bitte. Jetzt gehts schon los, verrückt muss ich mich mal anstrengen."
Jenny Chittka startet aus ihrem Schlafzimmer beim ersten virtuellen European Peace Ride. Die Hinterachse ihres Rennrads ist eingespannt in eine Vorrichtung, die ihre Pedalleistung auf den digitalen Asphalt einer animierten Welt online umrechnet. Auf dem Computermonitor sieht Jenny Chittka sich selbst im Feld der rund 260 Starter*Innen.
Chittka: "Schau mal, der die Fahrt sozusagen anführt, ist der Event-Mitveranstalter, der hat so einen ganz großen Beacon, dass man den auch immer sieht."
Arndt Hecker: "Ich bin in Karl-Marx-Stadt, jetzt Chemnitz geboren."

European Peace Ride als Teil von Chemnitz' Programm als Kulturhaupstadt

Und dort wird das Rennen auch organisiert, von Arndt Hecker, der sich an das Vorbild für den European Peace Ride, die Internationale Friedensfahrt gerne zurückerinnert.
"Dann stehst du da als kleiner Junge natürlich an der Straße und guckst denen zu und dann willst du natürlich dabei sein und hab angefangen Fahrrad zu fahren, dann bin ich in den Leistungssport gewechselt und dann mit 16 wird auch irgendwann nachgeholfen in der DDR und dann haben meine Eltern gesagt so jetzt ist Schluss."
Jetzt ist er selbst in der Organisation dabei. Vor drei Jahren wollte die Chemnitzer Radsport-Szene einen Beitrag leisten zur Bewerbung der Stadt als Kulturhauptstadt 2025. In 48 Stunden radelten rund 40 Leute nach Berlin und übergaben die Bewerbungsunterlagen und es hat funktioniert: Chemnitz wird Kulturhaupstadt und der European Peace Ride ist Teil des Programms.

"Frieden, Völkerverständigung und miteinander Sport treiben"

Arndt Hecker: "Wir holen einfach die Narrative hoch mit denen die internationale Friedensfahrt mal gegründet worden ist. Also Frieden, Völkerverständigung miteinander Sport treiben und haben eben keinen Wettkampf draus gemacht, sondern eine gemeinsame Ausfahrt."
Ab 1952 führt die Internationale Friedensfahrt durch die Hauptstädte von Polen, der damaligen Tschechoslowakei und der DDR. Ein Jointventure der nationalen Sportverbände dieser Länder, dass nach dem Zweiten Weltkrieg keineswegs selbstverständlich war. Die Deutschen hatten beide Nachbarländer überfallen, Städte zerstört und Teile der Bevölkerung ermordet. Es brauchte also tatsächlich einen Neuanfang der Beziehungen. Offizielles Symbol für die Friedensfahrt wurde Pablo Picassos Friedenstaube. Damals ein starkes Symbol, das sich bis heute auf den Trikots findet. Offline und online.

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Jenny Chittka fährt entspannt im hinteren Mittelfeld beim virtuellen European Peace Ride, am Jahrestag des russischen Überfalls auf die Ukraine. Ginge es nach ihr, könnte das ein bisschen mehr Thema sein.

Nicht nur den Ukraine-Krieg im Blick

Jenny Chittka: "Man kann durchaus ein bisschen mehr erzählen, aber wir wissen ja alle warum wir da sind."
"Wir gucken trotzdem nicht nur auf den Ukraine-Russland-Konflikt", sagt Veranstalter Hecker, der virtuell Teilnehmer aus vielen Ländern begrüßen kann. "Syrien hat einen Krieg noch, im Iran ist eine Protestbewegung unterwegs, die sich gegen Regime auflehnt. Es geht uns darum, auf Gewalt auf bewaffnete Gewalt und bewaffnete Konflikte hinzuweisen."
Zündstoff bietet allerdings gerade im Osten der Russland-Ukraine-Konflikt, dessen sind sich die Veranstalter bewusst, ihre Friedensbotschaft soll nicht verklären, das sich die Ukraine gegen einen völkerrechtswidrigen Angriff verteidige, sagt Hecker:
"Ich will das gar nicht entschuldigen, wenn hier Russlandfahnen durch die Gegend getragen werden, ich will das auch nicht mit einer irgendwie gearteten DDR-Sozialisation begründen, das ist ein neues Phänomen. Das hat eher mit dem Protest zu tun der hier eh seit vielen Jahren diffus im Ostern vorhanden ist, das ist immer dieses Opfernarrativ, dieses 'wir sind zurückgelassen, um uns wird sich nicht gekümmert' und man sucht sich dann immer neue Symbole und ich glaube dafür steht die Russlandfahne."

European Peace Ride nach Kiew?

1969 führt die Friedensfahrt infolge der Niederschlagung des "Prager Frühlings" durch Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten nicht durch die damalige Tschechoslowakei. Kaum vorstellbar, dass sich damals Bürgerproteste in der DDR auf die Seite der Sowjetunion geschlagen hätten. Die politische Landschaft hat sich verändert, man sieht das auch virtuell: kein Russlandfähnchen an diesem Freitagabend in der digitalen Welt.
Die Straßenausgabe des European Peace Ride im September verläuft traditionell im Dreieck Polen, Deutschland Tschechien. Dabei soll es zukünftig nicht bleiben.
Hecker: "Es gibt Überlegungen den European Peace Ride auch mal nach Spanien zu tragen. Wir denken über alles nach und warum sollen wir nicht auch mal nach Kiew fahren." 

Munition im Kalten Krieg

Das wäre nicht das erste Mal. 1986 startet die Friedensfahrt in Kiew. Kurz zuvor ereignete sich der Reaktorunfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl. Das Gros der gemeldeten Fahrer vor allem aus Westeuropa sagt ab, die Fahrer der DDR berichten später, sie seinen gezwungen worden zu fahren. Die Erfolge im Leistungssport waren damals Munition im Kalten Krieg. Die Zeiten sind vorbei.
Jenny Chittka fährt beim virtuellen Peace Ride eine Stunde bei durchschnittlich lässigen 150 Herzschlägen pro Minute und einem guten 30er Schnitt. Genießerin statt Kämpferin. Jenny Chittka: "Bye bye, das war’s. Guck mal ich kriege auch Konfetti."