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StartseiteEuropa heuteSkurriler Wahlkampf zwischen Oligarch und Fernsehstar 18.04.2019

Ukraine Skurriler Wahlkampf zwischen Oligarch und Fernsehstar

Am Sonntag entscheiden die Ukrainer darüber, wer der nächste Präsident ihres Landes wird. Amtsinhaber Petro Poroschenko liefert sich ein mitunter komisches Duell mit dem Fernsehstar Wolodymyr Selenskyj - und wirkt von dessen politischer Taktik überfordert.

Von Florian Kellermann

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Fußgänger gehen an einem Plakat von Petro Poroschenko an einer Hauswand vorbei.  (Emilio Morenatti/AP/dpa )
Auf einsamer Flur: Petro Poroschenko trifft selten auf seinen Konkurenten Wolodymyr Selenskyj im ukrainischen Wahlkampf (Emilio Morenatti/AP/dpa )
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Wolodymyr Selenskyj sitzt in der Lobby eines Pariser Hotels, im himmelblauen Anzug. Er wird mit einer Handy-Kamera gefilmt und gibt eine Art Interview. Dieses Video machte vor wenigen Tagen Furore in der Ukraine. Der Grund dafür ist einfach: Der 41-Jährige gibt so gut wie keine Interviews.

Und wenn, wie in der Pariser Hotellobby, spricht er am liebsten über sich selbst: "Wenn ich Präsident werde, und wenn Sie dann mit mir sprechen werden, dann werde ich nie von oben herab mit Ihnen sprechen. Ich bin ein berühmter Mensch, seit vielen Jahren. Trotzdem bin ich immer bereit zu gemeinsamen Fotos mit meinen Fans. Ich höre den Menschen zu, und ich spreche über meine Fehler."

Die Show dominiert den Wahlkampf, nicht die politischen Inhalte

Der Kabarettist macht sich rar - und dadurch hat er Erfolg. Wenn er doch einmal Journalisten an sich heranlässt, dann kann er seine Themen setzen. Die für ihn unangenehmste Frage kann er so meistens umgehen: Wie will er seine Versprechen eigentlich umsetzen? Auf seinen Wahlplakaten heißt es: Die Ära der Gier, der Lüge und der Armut gehe mit ihm zu Ende. Aber wie, bleibt unklar.

Außerdem teilt sich Selenskyj über kurze Videobotschaften mit, die er lässig mit dem Smartphone aufnimmt. Immer wieder richtet er sie, mit schmerzhaften Seitenhieben, an dem Amtsinhaber Petro Poroschenko.

Der liegt in den Umfragen deutlich zurück und nimmt deshalb jede Chance auf ein Interview wahr: "Ich wälze die Verantwortung nicht ab, ich bin bereit zum ehrlichen Dialog mit der Gesellschaft. Ich bin bereit zu Veränderungen. Die vergangenen fünf Jahre waren die schwersten in meinem Leben. Es gab viele Erfolge. Aber die Unzufriedenheit in der Gesellschaft dürfen wir auf keinen Fall übersehen."

Poroschenko klingt dabei zwar etwas demütiger als sonst. Aber warum die Bekämpfung der Korruption nur höchst schleppend vorankommt, erkläre er nicht, meinen Kritiker.

Viel schlimmer für den Amtsinhaber sei jedoch, dass er sich die Themen des Wahlkampfs vorgeben lasse, sagen Beobachter. So das Feilschen um eine Fernsehdebatte mit Selenskyj. Poroschenko steht eine solche Debatte gesetzlich zu. Aber Selenskyj, mit seinem Vorsprung in den Umfragen im Rücken, stellt immer neue Bedingungen. Und der Präsident gibt nach. Voraussichtlich wird eine Debatte nun morgen im Kiewer Olympiastadion stattfinden, so wollte es Selenskyj - statt wie gesetzlich vorgesehen im Fernsehstudio.

Höhepunkt im Wahlkampf: Ein politisches Duell im Fußballstadion

Der Kiewer Politologe Anton Finko: "Für Wolodymyr Selenskyj wäre es am günstigsten, wenn er eine Debatte vermeiden kann. Poroschenko ist viel erfahrener in politischen Diskussionen. Und Selenskyj hat schon große Erwartungen in der Gesellschaft geweckt. Im Stadion allerdings wird eine Atmosphäre wie bei einem Fußballspiel herrschen, mit dem Jubel und den Buhrufen der jeweiligen Anhänger - und so wird das keine ernsthafte Debatte, sondern eine Show."

Poroschenko ließ sich bei einem Fernsehinterview sogar per Telefon mit Selenskyj verbinden. Doch der hängte nach einem kurzen Wortwechsel einfach auf. Der Präsident versuchte auch, den Stil seines Opponenten nachzuahmen. Er griff Gerüchte auf, Selenskyj könne drogenabhängig sein. Einer der skurrilsten Momente im Wahlkampf: Poroschenko gab vor laufenden Kameras einen Bluttest ab, um zu beweisen, dass er kein Drogenproblem hat.

Doch das alles scheint die Wähler wenig zu überzeugen, wie Umfragen zeigen. Daran wird auch eine Debatte im Kiewer Olympiastadion morgen, sollte sie überhaupt stattfinden, wohl kaum mehr etwas ändern.

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