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Ukrainische Kampfpilotin SawtschenkoPlädoyer für einen Dialog mit dem Feind

Sie war die berühmteste Gefangene Russlands: die ukrainische Soldatin Nadja Sawtschenko. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hatte sich persönlich für ihre Freilassung eingesetzt, wie auch viele Politiker des Westens. Jetzt ist sie Parlamentsabgeordnete und eckt überall an.

Von Sabine Adler | 23.12.2016

Nadja Sawtschenko
Die ehemalige Kampfpilotin Nadja Sawtschenko am 11.10.2016 in Kiew. (picture alliance/dpa/Foto: Sputnik)
Die ehemalige Kampfpilotin Nadja Sawtschenko hört derzeit auf kein Kommando. Die einstige Spitzenkandidatin der Partei Vaterland von Julia Timoschenko trat aus der Partei aus, kurz darauf schloss ihre Fraktion sie aus. Grund: Sie hatte ihre Ankündigung wahr gemacht und allein, mit den beiden Vertretern der sogenannten Donezker und Lugansker Volksrepublik, Alexander Sachartschenko und Igor Plotznitzki, verhandelt. Dieses Geheimtreffen in der weißrussischen Hauptstadt abseits des Minsker Friedensprozesses noch dazu unter Vermittlung des russischen Geheimdienstes nahmen ihr viele in der Ukraine übel. Denen gilt sie jetzt als Verräterin. Momentan besucht die Ukrainerin Berlin und wollte zuallererst diese Botschaft vermitteln:
"Ich bin zum ersten Mal in Deutschland zu dieser eigentlich sehr schönen Vorweihnachtszeit, die durch den Terroranschlag nun so traurig ist. In der Ukraine werden jeden Tag Menschen getötet, deswegen ist mir ihr Schmerz, den die Bürger jetzt in Berlin empfinden, sehr vertraut."
Vor allem ein Ziel: Austausch der Gefangenen
Es waren auch deutsche Politiker, die sich für ihre Freilassung aus dem russischen Gefängnis im Mai dieses Jahres immer wieder eingesetzt hatten. Die 35-jährige ehemalige Pilotin trägt ein blaues Kostüm, das an eine Ausgehuniform erinnert. Die Vorwürfe, sie falle mit ihren Reisen nach Moskau und Minsk den Ukrainern in den Rücken, pariert sie in Berlin gelassen. Sie benennt Russland als Feind, der gegen ihr Land Krieg führt und Grenzen in Europa verändert, das von der humanitären Katastrophe in der Ostukraine mit dem Eingreifen in Syrien ablenken wolle, und spricht sich dennoch für einen Dialog aus, der vor allem eines bewirken soll: den Austausch der Gefangenen auf beiden Seiten.
"Der weitere Austausch ist wichtig für die, die noch inhaftiert sind, mit jedem, der frei kommt, steigt die Hoffnung, dass man selbst irgendwann an der Reihe ist."
Nadja Sawtschenko weiß, wovon sie spricht, bis zu ihrer Freilassung im Mai hatte sie 709 Tage Haft in einem russischen Gefängnis hinter sich, wo sie 22 Jahre absitzen sollte.
Viel Respekt für die beiden Separatistenführer
Dass sie sich nun ausgerechnet mit den Separatisten traf, die sie im Juli 2014 nach eigener Aussage gekidnappt und an Russland ausgeliefert hatten, belegt die Unberechenbarkeit, die der ehemaligen Soldatin nachgesagt wird. Bei ihrem Auftritt in Berlin überraschte, mit wie viel Respekt sie von den beiden Separatistenführern Sachartschenko und Plotznitzki sprach.
"Ich habe Menschen getroffen, keine Teufel. Menschen, die vom Krieg völlig erschöpft sind. Die zugeben, dass sie sich in Russland getäuscht haben, auf das sie sich verlassen haben. Kluge Menschen, schlau, die nüchtern die Lage beurteilen. Wir haben uns getroffen in dem Bewusstsein, aufeinander geschossen zu haben und dies morgen wieder zu tun. Ich habe einen Gegner getroffen, der meine Achtung verdient: Sachartschenko und Plotnitzki, beides Ukrainer, wir sind aus einem Volk."
Als politischer Neuling den Alleingang gewagt
Eine Sichtweise, die vielen Kiewer Politikern abhandengekommen ist, weil sie die Ostukrainer pauschal nur noch als Abtrünnige begreifen. Als politischer Neuling hat Nadja Sawtschenko den Alleingang gewagt und er habe sich gelohnt, weil man nun genaue Namenslisten der Gefangenen besäße. Sawtschenko droht jetzt der Ausschluss aus dem Sicherheits- und Verteidigungskomitee der Werchowna Rada, den ihre ehemalige Partei Vaterland gegen sie anstrengt. Über das Treffen in Minsk hätte sie das ukrainische Außenministerium informieren müssen, da sie als Abgeordnete Zugang zu Staatsgeheimnissen habe, sagen ihre Kritiker in und außerhalb ihrer Partei. Sie nimmt‘s gelassen:
"Unsere politischen Ansichten, meiner Partei und mir, sind immer weiter auseinandergegangen. Ob mit oder ohne meine Reisen nach Moskau und Minsk: Wir hätten uns früher oder später getrennt. Wir haben es mir zwei Feinden zu tun: dem äußeren, das ist Russland, und dem inneren, der Korruption. Und ich habe nicht nur den äußeren, sondern auch den inneren Feind im Auge."
Parlament wie Regierung hätten weder für die Krim noch für die Ostukraine einen Plan, würden nur noch Sprüche wie im Wahlkampf von sich gegeben. Sie dagegen habe durchaus Ideen, wie man diese Gebiete zurückholen könne, doch noch würde sie ihre Karten bedeckt halten.