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StartseiteBüchermarktDer verlorene Mond der Kindheit08.02.2019

Ulrich Woelk: "Der Sommer meiner Mutter"Der verlorene Mond der Kindheit

Der elfjährige Tobias ist ein begeisterter Weltraum-Fan. Gebannt verfolgt er 1969 die US-Apollo-Mission und die Mondlandung. Doch nicht nur die US-Astronauten verlassen in diesem Sommer die Erdumlaufbahn. Auch Tobias wird durch dramatische Ereignisse aus seinem Kindheitskosmos geschleudert.

Von Julia Schröder

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Buchcover: Ulrich Woelk: „Der Sommer meiner Mutter“ und Astronaut Buzz Aldrin auf dem Mond (Buchcover: C.H. Beck Verlag, Foto: picture alliance / dpa)
US-Astronaut Buzz Aldrin bei seinen ersten Schritten auf dem Mond 1969 (Buchcover: C.H. Beck Verlag, Foto: picture alliance / dpa)
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Wenn man dieses Buch zuschlägt, ist man in der Verfassung, Mitleid für die Einsamkeit von Raumsonden und Landerobotern in den unendlichen Weiten des Alls zu empfinden. Die Produkte menschlichen Erfindergeists sind in Ulrich Woelks jüngstem Roman "Der Sommer meiner Mutter" natürlich Stellvertreter für ganz menschliche Erfahrungen hienieden, auf der Erde. In Köln-Porz zum Beispiel.

In dem rechtsrheinischen, in der Nachkriegszeit von Städtern besiedelten Bauerndorf seiner eigenen Kindheit und Jugend hat Woelk diesen Sommer Ende der sechziger Jahre und seine Vorgeschichte angesiedelt. Aber es geht wahrlich nicht um das vorpubertäre Durchschnittsidylls irgendeines Kindheitssommer, sondern um Prägungen fürs Leben, wie schon der erste Satz des Buchs deutlich macht:

"Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten Mondlandung, nahm meine Mutter sich das Leben."

Im ersten Satz ist vom Selbstmord der Mutter die Rede

Wer sich von dem starken Auftakt zum Weiterlesen animieren lässt, findet sich in einer Geschichte wieder, die zunächst nach der vielzitierten Devise von Leonard Cohen zu verlaufen scheint: "In allen Dingen gibt es einen Riss. Dort kommt das Licht herein." Es ist das teils grelle Licht des gesellschaftlichen Aufbruchs jener Jahre, das in die Familie des Ich-Erzählers, in den kleinen Riss zwischen Mutter und Vater hineindringt. Und es entfesselt in der traditionellen familiären Rollenverteilung eine am Ende zerstörerische Dynamik.

Der bald elfjährige Tobias Ahrens teilt mit seinem Vater, einem Ingenieur, die Leidenschaft für das amerikanische Raumfahrtprogramm und jedes Detail der Apollo-Raketen. Dass die Mutter kein eigenes Geld verdienen muss, ist ausgemacht. Als in das Nachbarhaus eine neue Familie einzieht, eröffnet sich für Tobi eine neue Welt. Bei den Leinhards ist alles anders. Sie haben bis zum Militärputsch in Griechenland gelebt, sind gegen den Vietnamkrieg und gegen den US-Imperialismus. Die Frau trägt Jeans und bunte Flatterblusen und widerspricht ihrem Mann, einem Universitätsdozenten, ungeniert. Und dann ist da noch ihre Tochter Rosa - antiautoritär erzogen, auf- und abgeklärt, ein bisschen älter als Tobi. Trotz aller Unterschiede entspinnt sich zwischen den beiden etwas, das irgendwann über eine Kinderfreundschaft und das Hören von "Doors"-Alben weit hinausgeht.

Neu zugezogene Nachbarn mit frühreifer Tochter 

Im Quartett der Eltern entwickelt sich bei Grillnachmittagen und gemeinsamen Fernsehabenden auch etwas. Vor allem Tobis Mutter verändert sich, freundet sich mit Uschi Leinhard an, obwohl die von Walter Ahrends, Tobis Vater also, unverhohlen angeflirtet wird. Während die erotische Spannung wächst, werden Lebensentwürfe in Frage gestellt. Alles eskaliert in der Nacht der Mondlandung. Und eskaliert in völlig unerwarteter Weise - mit Tobi in der Rolle des Katalysators...

"Wahrscheinlich machte jetzt gerade Neil Armstrong seine ersten Schritte auf dem Mond. Wie sehr hatte ich mich darauf gefreut, das mitzuerleben! Und jetzt stellte ich fest, dass es mir nichts mehr bedeutete. Ich versuchte mir vorzustellen, ich hätte geträumt, aber das hatte ich nicht. Was geschehen war, war Wirklichkeit. Dabei wusste ich gar nicht, was eigentlich geschehen war. Vielleicht das, was Rosa mir prophezeit hatte: Ich hatte den Mond verloren."

In der Nacht der Mondlandung kommt es zur Katastrophe

Der Autor Ulrich Woelk ist Astrophysiker, was im runden Dutzend seiner Romane immer wieder von Bedeutung war. Das Buch "Der Sommer meiner Mutter" hat er mit just der planerischen Präzision konstruiert, die es für den Countdown eines erfolgreichen Raketenstarts braucht. Zunächst einmal verfügt es über Aufbau und Zutaten einer klassischen Novelle: Die "sich ereignete unerhörte Begebenheit", auf die von Anfang an alles zustrebt, und einen Ehebruch als Handlungsmovens. Was die 190 Seiten zu einem Roman macht, ist die virtuos parallel geschaltete, komisch-tragische Coming-of-Age-Geschichte des jugendlichen Helden Tobias mit ihren dezenten Stärken: Dazu gehören ein fein gearbeitetes Zeitkolorit, eine Erzählperspektive, die ganz unauffällig zwischen dem Blick des Kindes und der Erinnerung des Erwachsenen wechselt, und der leise melancholische Ausblick auf all das, was nach dem dramatischen Sommer des Erwachsenwerdens noch folgen sollte.

Viel später wird Tobias Ahrends als Entwickler bei der Europäischen Raumfahrt-Agentur zwanzig Jahre lang an der Mission der Sonde Rosetta und ihres Landeroboters Philae zum Kometen Tschuri arbeiten, den es vermutlich irgendwann aus unserem Sonnensystem hinaus schleudern wird.

"Dann wird Tschuri für immer in die Endlosigkeit des Weltalls eintauchen und die Überreste von Rosetta und Philae mit sich nehmen, ohne je zurückzukehren. - Es ist meine Geschichte, die er mitnehmen wird. Vielleicht ist es gut, dass wir dem Universum gleichgültig sind."

Ulrich Woelk: "Der Sommer meiner Mutter"
C.H. Beck Verlag, München. 190, 19.95 Euro.

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