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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenInformationsverhalten kann Bewältigung der Pandemie beeinflussen26.11.2020

Umgang mit Corona-BerichterstattungInformationsverhalten kann Bewältigung der Pandemie beeinflussen

Die Informationsflut zu Corona-Themen stresst die Menschen, wenn auch nicht alle gleich. Das ist ein Ergebnis einer Untersuchung an der Universität Mannheim. Der empfundene Stress wirkt sich aber auch unterschiedlich aus - auf den Umgang mit den Informationen und mit den Anti-Corona-Maßnahmen.

Katharina Siebenhaar und Georg Alpers im Gespräch mit Barbara Weber

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Schleswig-Holstein, Kiel: Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin, spricht bei Beratungen der deutschen Ministerpräsidenten in einer Videokonferenz und ist dabei auf einem Monitor in der Staatskanzlei in Kiel zu sehen.  (Axel Heimken/dpa)
Informationen zur Corona-Pandemie zu vermeiden, hat häufig negative Folgen, so eine aktuelle Studie (Axel Heimken/dpa)
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Themen mit Bezug zur COVID-19 nehmen in der Medien-Berichterstattung einen großen Raum ein. Wie Menschen mit dieser Informationsflut umgehen und welchen Einfluss dies auf ihre Akzeptanz von Anti-Corona-Maßnahmen hat, das haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter der Leitung des Angstforschers Georg Alpers an der Universität Mannheim untersucht. Sie befragten dazu mehr als 1.000 Freiwillige. Alpers und die an der Studie beteiligte Sozialwissenschaftlerin Katharina Siebenhaar erläuterten im Dlf, was die Befragten über ihr Rezeptionsverhalten berichteten und welche Schlüsse daraus zu ziehen sind.

Katharina Siebenhaar: Bezüglich des Medienkonsums haben wir Verschiedenes abgefragt. Wir haben ja einmal abgefragt, wie viele und welche Informationsquellen die Individuen genutzt haben und wie zuverlässig sie diese finden. Da haben wir einmal rausgefunden, dass die Nutzerinnen und Nutzer generell drei bis vier Medienquellen verwenden, also durchaus eine Auswahl an verschiedenen Quellen. Zudem hat sich eben noch gezeigt – und das fanden wir sehr interessant –, dass die Nutzer von einer Quelle diese Quelle auch als zuverlässiger interpretiert haben als die Leute, die diese Quelle nicht genutzt haben. Das heißt, wenn wir jetzt das Beispiel öffentlich-rechtliches Fernsehen verwenden, haben wir herausgefunden, dass die Leute, die Nachrichten aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen beziehen, das öffentlich-rechtliche Fernsehen auch für zuverlässiger halten als die, die das eben nicht tun.

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Informationsvermeidung hat direkte Verhaltensimplikationen

Barbara Weber: Inwiefern fühlten sich diejenigen, die sie befragt haben, von der Corona-Nachrichtenflut gestresst?

Georg Alpers: Ganz klar ist, dass sich nicht alle gleichermaßen gestresst gefühlt haben, aber es gab eine erhebliche Variation. Das ist für uns als Sozialwissenschaftler gut, weil immer, wenn wir etwas finden, wo es eben Menschen gibt, die mehr oder weniger gestresst sind, dann können wir nach den Zusammenhängen oder auch eben nach den Gründen fragen. In diesem Fall war es schon so, dass es auch Leute gab, die sagten, sie wollen das nicht mehr ertragen, sie können das nicht mehr ertragen, diese vielen bedrohlichen Nachrichten zu erhalten. Dann macht es eben Sinn, zu fragen, ja, womit hängt das denn zusammen.

Weber: Und?

Siebenhaar: Eben auch, wie sich das auswirkt. Unser Fokus war ja tatsächlich Informationsvermeidung in dieser Studie. Was uns ja interessiert hat, ist, ob eben diese erhöhte Belastung durch die Nachrichtenflut die Motivation oder die Tendenz von Menschen, Informationen dann gänzlich zu vermeiden, steigert. Das haben wir eben in unseren Daten gefunden.

Alpers: Ich denke, es ist auch wichtig, eine Sache noch nachzutragen, die wir in den Daten gesehen haben, und zwar, dass das alles etwas zu tun hat mit dem Befolgen oder dem Einhalten der Regeln, die uns ja alle auferlegt sind, um das Infektionsrisiko zu verringern. Da gab es eigentlich zwei total interessante Befunde: Erstens haben wir gesehen, dass diese individuelle Betroffenheit, also auch schon ein gewisser Stress, den die Leute erleben durch Medienberichte, dass das eben erst mal dazu führt, dass die Regeln besser eingehalten wurden. Man muss sich schon irgendwie betroffen fühlen, um mitzumachen bei diesem ganzen Aufwand, um die Ansteckung zu reduzieren.

Was aber noch interessanter ist, dass wir eben festgestellt haben, wenn die Belastung dazu führt, dass Informationen vermieden werden, dass die Leute eben nicht mehr zuhören in den Nachrichten oder nicht mehr alle Berichte lesen, also bewusst abschalten, dann machen die auch weniger gut mit bei den Maßnahmen zur Reduktion von Ansteckungsgefahr. Das ist natürlich besonders interessant, weil das wirklich direkte Verhaltensimplikationen hat, dieses Vermeidungsverhalten.

"Vermeidung hat häufig negative Folgen"

Weber: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie jetzt aus der Studie?

Siebenhaar: Hier würde ich sagen, ziehen wir auf jeden Fall die ganz zentrale Schlussfolgerung daraus, dass wir feststellen konnten, dass das Informationsverhalten der Bürgerinnen und Bürger auch eine entscheidende Rolle für die Bewältigung der Pandemie spielen kann, da es eben, wie in unseren Ergebnissen gezeigt wurde, das Verhalten der Menschen tatsächlich beeinflusst und folglich ja auch naheliegend ist, dass es eben auch das Infektionsgeschehen beeinflussen kann. Noch mal mit dem Hinblick auf Repräsentativität müssen wir natürlich festhalten, dass wir die nicht ganz repräsentative Stichprobe haben, aber dennoch gehen wir sehr stark davon aus, dass das ja Befunde sind, die wir auf die Bevölkerung verallgemeinern können.

Alpers: Ich würde gerne noch hinzufügen, dass mich als jemand, der vor allem Angstforschung betreibt, also untersucht, wie die Emotion Angst auf uns wirkt und auf unser Verhalten einen Einfluss hat: Mich hat fasziniert daran, zu sehen, dass dieses Muster, das wir kennen, dass Vermeidung von etwas, das bedrohlich zu sein scheint für uns, dass das häufig negative Folgen haben kann. Das sehen wir eben auch hier an diesen negativen Auswirkungen auf die Bereitschaft, mitzumachen bei den Präventionsmaßnahmen. Vermeidung hat häufig negative Folgen, und das sehen wir auch hier.

33D-Modell des Coronavirus SARS-CoV2 (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte) (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

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