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StartseiteInterview"Es ist wichtig, dass wir in den Dialog treten"27.05.2016

Umgang mit Pegida"Es ist wichtig, dass wir in den Dialog treten"

Heinrich Timmerevers wird künftig als Bischof das sächsische Bistum Dresden-Meißen führen. Im Umgang mit Pegida-Anhängern in der Region setzt der designierte Bischof auf Dialog: Man könne die Ängste in der Bevölkerung nicht aus der Welt schaffen, indem man lautstark mit Gegenparolen darauf antworte, sagte er im Deutschlandfunk.

Heinrich Timmerevers im Gespräch mit Christoph Heinemann

Heinrich Timmerevers, designierter Bischof von Dresden, spricht in ein Mikro. Im Vordergrund ist ein Smartphone zu sehen, das ihn filmt. (dpa/picture alliance/Ingo Wagner)
Heinrich Timmerevers, designierter Bischof von Dresden (dpa/picture alliance/Ingo Wagner)
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Man müsse versuchen, "auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen". Er habe keine Angst davor, dass die Muslime in Deutschland stark werden, sondern, "dass die Christen schwach sind". Sie müssten ihren Glauben mehr leben.

Angesichts der Flüchtlingskrise dürfe man sich als Christ nicht aus der Menschenpflicht entziehen und die Notleidenden außen vor lassen. Natürlich könnten nicht alle Flüchtlinge nach Deutschland kommen, die Politik sei da gefragt, nach gemeinsamen Lösungen in Europa zu suchen. Wenn man jedoch die Türen schließe, suchten sich die Menschen andere Wege - das könnte für sie dann zur Todesfalle werden. "Wir sind als Menschen gefragt, diesen Menschen beizustehen und zu helfen."


Das Interview in voller Länge: 

Christoph Heinemann: Vor dem Kölner Dom hat Kardinal Rainer Maria Woelki gestern ein Flüchtlingsboot aufstellen lassen. Jesus säße heute in einem solchen Boot, ist der Erzbischof von Köln überzeugt. Beim Katholikentag in Leipzig geht es heute um die Flüchtlingspolitik. An einer Diskussionsrunde wird dazu unter anderem Bundesinnenminister Thomas de Maizière teilnehmen.

Wie sollen Christen mit der Ankunft, lateinisch Advent, der Menschen umgehen und wie mit der Kehrseite der Medaille, mit Pegida und der AfD? Diese Fragen beschäftigen auch den Katholikentag in Leipzig. Das 100. Treffen der katholischen Laien findet in einem beinahe katholizismusfreien Raum statt: In Leipzig, wo sich höchstens vier Prozent der Bevölkerung zu dieser Konfession bekennen.

Künftig wird Heinrich Timmerevers das sächsische Bistum Dresden-Meißen führen. Timmerevers ist ernannt, tritt sein Amt bald an. Das heißt, er zieht dann von Münster nach Dresden und aus dem Weihbischof wird ein Bischof. Beim Katholikentag in seinem künftigen Bistum hat der Mann viel zu tun. Deshalb haben wir ihn gestern in Leipzig erreicht. Ich habe ihn gefragt, wie er den Katholikentag dort erlebt, wo kaum Katholiken leben.

Katholikentag in Leipzig: "Ein beeindruckendes Ereignis"

Heinrich Timmerevers: Es ist ein wunderschönes Ereignis, ein beeindruckendes Ereignis. Ich bin hier gerade auf dem Augustusplatz, was mir heute Nachmittag berichtet wurde, mit dem Blick auf die Universität. Dort ist den 60er-Jahren noch die Jesuitenkirche gesprengt worden von den damaligen Verantwortlichen, dem DDR-Staat bewirkt und angewiesen.

Und wer hätte sich zu der Zeit in den 60er-Jahren je vorstellen können, dass jetzt hier in diesem Jahr 2016 hier auf diesem Platz der Eröffnungsgottesdienst und der Abschlussgottesdienst des Katholikentages sein würde. Das zu erleben, das mit den Menschen hier zu erleben und zu feiern, das finde ich schon sehr beeindruckend. Das spürt man auch.

Heinemann: Westfalen ist katholisch, Sachsen nicht einmal besonders christlich. Was steht Ihnen im neuen Amt bevor?

Timmerevers: Ich bin ja nicht nur Westfale, sondern ich komme ja aus dem Oldenburger und Münsterland. Da sind zwei Länder verbunden, das Münsterland und das Oldenburger Land. Das Münsterland ist traditionell katholisch, das Oldenburger Land ist eher protestantisch geprägt. Und in meiner bisherigen Tätigkeit habe ich beides erlebt, etwa die Gemeinden im katholischen Oldenburger Münsterland, aber auch die Gemeinden, die als Heimatvertriebene aus den Ostgebieten sich im Oldenburger Land niedergelassen haben und dort Gemeinden gegründet haben.

Ich kenne beides: das katholische Land, ich kenne aber auch die Diaspora, dass Christen, Katholiken in der Minderheit sind. Und das wird jetzt natürlich in diesem neuen Bistum für mich die Wirklichkeit sein. Aber Diaspora habe ich immer erlebt als eine Gemeinde, da, wo Christen sich treffen mit einer großen Entschiedenheit, die in Freude ihren Glauben gelebt haben, und wer seinen Glauben leben will, der muss sich bewegen. Man muss zusammenkommen, um sich zu treffen, man muss sich bewegen.

Pegida und AfD: "Dialog ist angesagt"

Heinemann: Stichwort Zusammenkommen. Sie werden in Dresden künftig mit Pegida zu tun bekommen. Sollte die Katholische Kirche mit diesen Menschen oder auch mit Politikern der AfD reden?

Timmerevers: Ich kenne die ganze Vorgeschichte im Detail nicht. Das ist etwas, was ich mir noch aneignen muss, um zu verstehen, was tut sich da, was bewegt sich da, was gibt es da für Sorgen, was gibt es da für Ängste. Ängste, die in der Bevölkerung da sind, die dann möglicherweise auch etwas laut kundgetan werden, die kann man nicht dadurch aus der Welt schaffen, indem man mit Gegenparolen und lautstark darauf antwortet, sondern ich glaube, es ist wichtig, dass wir versuchen, in den Dialog zu treten, versuchen, das Gespräch zu suchen, versuchen, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Heinemann: Wie macht man das?

Timmerevers: Dialog heißt, wir müssen reden, reden, reden. Das ist ja gerade die Botschaft von Papst Franziskus. Anlässlich der Verleihung des Karlspreises hat er sehr deutlich gesagt, die Stärke, die Größe Europas besteht doch darin, durch alle Jahrhunderte hinweg, dass es immer wieder den Dialog geschaffen, den Dialog gesucht hat. Und ich finde, das ist der Auftrag.

Heinemann: Also das, was der Katholikentag jetzt den AfD-Politikern verweigert hat?

Timmerevers: Das kann ich jetzt so nicht sagen.

Heinemann: Es sind keine Politiker eingeladen worden.

Timmerevers: Das hat ja eine Geschichte, die kenne ich nicht und deswegen muss ich das erst mal so zur Kenntnis nehmen, wie es jetzt ist. Aber auf Dauer wird man sicher einfach reden müssen. Dialog ist angesagt.

"Ich habe eher Angst davor, dass die Christen schwach sind"

Heinemann: Was antworten Sie jenen, die Deutschlands christliche Prägung durch muslimische Migranten gefährdet sehen?

Timmerevers: Ich weiß nicht, wie weit Deutsche christliche Prägung ausgeprägt ist. Ich bin der Meinung, da würde ich gerne mit dem Bundespräsidenten sprechen. Ich habe nicht Angst davor, dass die Muslime stark werden. Ich habe eher Angst davor, dass die Christen schwach sind. Die Christen müssen vielleicht stärker einfach ihren Glauben leben, bezeugen, es ins Wort bringen, wofür sie stehen.

Wenn man christliches Gedankengut in unsere Gesellschaft einbringen will, wenn Christen sich zu Wort melden, dann geht es immer um Menschlichkeit, dann geht es um Solidarität, dann geht es darum, dass wir den Menschen in der Not helfen, soweit das eben möglich ist. Dass das schwierig ist, dass das auch zu Konflikten führen kann, das wissen wir, das ahnen wir. Es ist auch nicht alles einfach so hinzubiegen. Aber wir können uns nicht einfach aus der Menschenpflicht und der Christenpflicht entlassen und sagen, wir lassen die Notleidenden außen vor.

Heinemann: Stichwort Notleidende. Können alle nach Deutschland kommen?

Timmerevers: Alle können nicht kommen, klar.

Flüchtlingskrise: "Wir können dem nicht einfach zuschauen"

Heinemann: Und das ist das Dilemma der Politik, denn andere europäische Staaten nehmen die Flüchtlinge nicht auf.

Timmerevers: Ja gut. Da ist natürlich auch die Politik gefragt, dort nach Lösungen gemeinsam zu suchen und zu ringen. Das ist auch hier ein Ringen. Aber grundsätzlich die Türen zuzumachen, ich glaube, das kann man aus der ganzen Migrationsbewegung über die Jahrhunderte hinweg sehen. Wenn Flüchtlinge sich auf den Weg machen und irgendwo ein Tor geschlossen wird, dann suchen sie sich andere Wege, und manchmal sind diese anderen Wege auch diejenigen, die dann eine Todesfalle sind. Dem können wir nicht einfach zuschauen. Ich denke, da sind wir als Menschen gefragt, diesen Menschen beizustehen und zu helfen. Natürlich müssen die Politiker diese Wege suchen. Das ist wahrhaftig keine einfache Aufgabe.

Heinemann: Hat Europa, hat die europäische Politik die christliche Prägung vergessen?

Timmerevers: Das weiß ich nicht. Christen machen Politik. Ich glaube, dass es auch im Europäischen Parlament wie auch in den Länderparlamenten viele Christen gibt, die sich dem Anspruch, als Christen dort zu leben und zu agieren, stellen. Aber Politik ist immer auch die Realisierung des Möglichen und da kommen verschiedene Kräfte zusammen.

Ich würde das nicht grundsätzlich sagen, dass Europa die christliche Politik sozusagen abgehängt hat. Es gibt viele Christen, die ihr Bestes geben und tun und für christliches Gedankengut durch Beispiele christlichen Lebens werben und auch um christliche Haltung sich bemühen und werben.

"Glatte Antworten sind nicht immer sofort auf der Hand"

Heinemann: Aber wie ist das denn mit Anspruch und Wirklichkeit für Christen? Kann man Sonntags in die Kirche gehen und Montags bis Freitags eine Politik der geschlossenen Türen fordern?

Timmerevers: Das ist eine schwierige Frage. Das kann ich auch nicht beurteilen, was in dem Herzen eines Menschen vorgeht. Er kommt ja auch immer mit seiner ganzen Not, was er in der Woche bewältigen muss, am Sonntag in die Kirche und hat keine Klarheit. Das kann es ja auch geben. Es ist ja nicht so, dass Christen von vornherein wissen, wie es gehen kann, sondern als erstes frage ich natürlich danach, was könnte denn wohl der richtige Weg sein.

Ich würde das nicht gegeneinander ausspielen, sondern es kann sein, dass es einen Christen gibt, der am Sonntag in die Kirche geht und der in der Woche sich redlich müht, eine Lösung zu finden für die politischen Herausforderungen. Ich kann mir das vorstellen, dass es ein Fragen, ein Suchen gibt, und glatte Antworten sind nicht immer sofort auf der Hand.

Heinemann: Heinrich Timmerevers, der künftige katholische Bischof von Dresden-Meißen. Das Gespräch haben wir gestern aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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