Dienstag, 27.07.2021
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteHintergrundMehr Nachteile für geschiedene Frauen01.12.2020

UnterhaltsrechtMehr Nachteile für geschiedene Frauen

2008 wurde das Scheidungs- und Unterhaltsrecht reformiert, die geschiedenen Partner sind für ihren eigenen Lebensunterhalt selbst verantwortlich, wenn keine Kinder unter drei Jahren betreut werden. Seitdem hat sich die Situation für geschiedene Frauen tendenziell verschärft.

Von Katrin Sanders

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Frau geht mit einem kleinen Kind durch einen Tunnel (Julian Stratenschulte/dpa)
Für Frauen hat sich durch das Scheidungs- und Unterhaltsrecht von 2008 die Situation tendenziell verschlechtert - denn es gibt viele strukturelle Hindernisse für sie (Julian Stratenschulte/dpa)
Mehr zum Thema

Scheidung und die Folgen Trauerjahr für Trennungskinder

Altersvorsorge Wie sich Scheidung, Jobverlust oder Todesfall aufs Riestern auswirken

Familienpolitik Wenn Vater Staat den Unterhaltsvorschuss übernimmt

Eltern und Kinder in Deutschland Wie stark ist die deutsche Familienpolitik?

Einen Schritt in eine moderne Familienpolitik hatte Brigitte Zypries versprochen, als sie - damals Bundesjustizministerin - vor zwölf Jahren das Unterhaltsrecht reformierte. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts hatte weitgehende Änderungen beim Unterhalt nach einer Scheidung unumgänglich gemacht. Und es betraf vor allem Paare mit Kindern. Die Kinder sollten künftig bei Unterhaltszahlungen nach einer Scheidung grundsätzlich Vorrang vor der Ehefrau oder dem Ehemann haben, egal, ob sie vor, während oder in einer späteren weiteren Ehe gezeugt worden waren. Und so erklärte Brigitte Zypries 2007 im Bundestag:

"Die Reform des Unterhaltsrechts, die wir heute hier nach langen Diskussionen beschließen werden, hat vor allen Dingen einen großen Gewinner: Und das sind die Kinder. Wir müssen einfach konstatieren, dass nach wie vor mehr als jede dritte Ehe geschieden wird. Die Lebensentwürfe und die Familienmodelle werden vielfältiger. Und das Recht darf sich von den Realitäten nicht abkoppeln. Deshalb haben wir gesagt: Die Kinder stehen künftig im ersten Rang. Sie haben Vorrang vor allen anderen."

08/15-Regel gilt nicht mehr

Die neue Regelung zu Gunsten der Kinder beim Unterhalt brachte das Aus für die Versorgerehe - auch 08/15 Regel genannt. Sie hieß so, denn es brachte die Rollen nach der Scheidung so eingängig auf den Punkt: Bis zum 8. Lebensjahr des Kindes musste die Mutter gar nicht arbeiten, bis zum 15. in Teilzeit und erst danach voll. Jetzt hieß es: "Jeder sorgt nach der Trennung für sich selbst." Es traf vor allem die Frauen in den Familien. Dabei hatte die SPD-Ministerin sie in ihrer Bundestagsrede zum neuen Unterhaltsrecht nicht einmal explizit erwähnt. Brigitte Zypries 2007:

"Wir sehen jetzt vor - im zweiten Rang - alle erziehenden Elternteile für drei Jahre."

Also bis zum dritten Geburtstag des Kindes. Solche "erziehenden Elternteile" waren damals zu 90 Prozent weiblich. Daran hat sich wenig geändert. Noch immer ist es so, dass zu 85 Prozent die Frauen nach der Scheidung die Kinder behalten. Vor allem für diese Mütter wurden die Karten neu gemischt. Sie mussten jetzt Kind und Beruf unter einen Hut bekommen. Ob und wie das in Nachtrennungsfamilien gelingt, zeigen aktuelle Datenanalysen einer sozialwissenschaftlichen Forschungsgruppe aus dem Jahr 2018. Professorin Michaela Kreyenfeld, Soziologin an der Hertie School Berlin, ist Sprecherin der Studiengruppe "Familien nach Trennung und Scheidung in Deutschland":

"Es hat sich ja durchaus einiges getan. Die Erwerbstätigenquoten von Frauen, die sind über die Zeit gestiegen. Wir wissen jetzt auch, die detaillierten Analysen zur Elterngeldreform und auch zum Ausbau der Kinderbetreuung, das hat einen Einfluss gehabt: Frauen sind nach der Geburt des ersten Kindes häufiger wieder Vollzeit. Die Männer beteiligen sich auch mehr an der Kindererziehung als das früher der Fall war. Aber nichtsdestotrotz, das sind ganz langsame Prozesse, die jetzt in Gang gekommen sind. Und die Unterschiede zwischen den Erwerbsverläufen von Müttern und Vätern gerade in Westdeutschland - in Ostdeutschland sind die ein bisschen ähnlicher - sind immer noch riesig."

Ein Mann trägt bei einem Spaziergang über eine Brücke ein Kleinkind auf seinen Schultern (picture-alliance / ZB / Arno Burgi)Vater mit seinem Kind: In der Regel ist der geschiedene Mann voll berufstätig (picture-alliance / ZB / Arno Burgi)

Dabei scheint alles dafür zu sprechen, dass die ökonomische Selbstständigkeit der Frauen gelingen kann. Die Voraussetzungen stimmen: Sie haben oft sogar bessere Abschlüsse als die Männer und sind insgesamt bestens ausgebildet. Falls die Ehe scheitert, so war der politische Gedanke beim neuen Scheidungsrecht, sollte es ihnen gelingen, wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Die Soziologin Michaela Kreyenfeld dazu:

"Von der Idee stimmte da einiges, aber anderes auch nicht, wenn man sich es dann genauer anguckt. Wenn Kinder geboren werden, auch gerade in der Ehe, ist es dann doch eher die Frau, die die Arbeitszeit reduziert nach der Geburt des ersten Kindes. Wenn sie sich die Erwerbsquoten auch heute noch angucken: Frauen sind erwerbstätig, aber Teilzeitanteile bei Müttern liegt bei 85 Prozent in Westdeutschland. Bei Vätern ist das fünf Prozent. Das heißt, wir haben natürlich weiterhin noch eine extreme Schieflage, sodass diese Idee, die sind ja eigentlich schon auf Augenhöhe, wir können da die Reform problemlos durchziehen, im Nachhinein ist das ein fragwürdiges Argument gewesen."

Schwierigkeiten, die Familie zu ernähren

Ein Anruf bei Katja Kaluzza, Kauffrau für Büromanagement bei der QuaBeD, einem Qualifizierungs- und Beschäftigungsträger in Witten. 41 Jahre ist sie jung, zweifache Mutter, berufstätig, seit der Scheidung allerdings unter neuen Vorzeichen.

"Ich war im Einzelhandel tätig, dann kamen die Kinder, dann habe ich mich getrennt und habe gesagt, mit Kind und alleine hab ich im Einzelhandel keine Chance. Und habe dann überlegt, was kann ich machen? Dann war ich hier bei der QuaBeD bei Maßnahmen und habe auch mit den Pädagogen gesprochen und gesagt, ja, ich würde ja gerne ein neue Ausbildung machen und dann kam die eine Pädagogin und sagt: Teilzeitausbildung gibt es. Mach dich schlau. Und das habe ich gemacht und habe Glück gehabt, dass ein Platz frei wurde zu dem Zeitpunkt und konnte dann meine Ausbildung hier anfangen."

Ein kleines Mädchen läuft mit Regenkleidung an der Hand ihrer Mutter über einen Gehweg (dpa/Julian Stratenschulte) (dpa/Julian Stratenschulte)Keine Zeit für eine große Reform: Diskussion um ein neues Sorge- und Umgangsrecht
Das bestehende Sorge- und Umgangsrecht für Kinder passt nicht mehr zu neuen Familienmodellen, finden Experten. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) will das ändern. In ihrem Reformentwurf sehen Eltern und Experten durchaus Verbesserungen – aber auch Potenzial für neue Konflikte.

Mit ihrem gelernten Beruf hätte sie die Familie selbst in Vollzeit nicht ernähren können. Dazu kam der Schichtdienst: abends bis um 10 im Discounter Regale auffüllen. Es gibt in Deutschland nur sehr wenige Kitaplätze für solche Arbeitszeiten. Die Mutter von zwei Grundschulkindern wagt den Schritt, beantragt Arbeitslosengeld II und lässt sich in Teilzeit umschulen - angewiesen auf das Entgegenkommen der Berufsschule:

"Ich habe eine Ausnahmegenehmigung. Ich darf ein paar Minuten später kommen. Also vom Schulleiter direkt. Die sind bei mir in der Berufsschule sehr human. Und dadurch kann ich die Kleine zu einer Nachbarin bringen morgens, die gehen dann zusammen zur Schule und ich fahre dann beruhigt in die Schule."

Es geht nicht selten um eigentlich überschaubare Hürden. Da passen die Anfangszeiten von Schule und Job nicht zueinander. Es fehlen verlässliche Verbindungen im Nahverkehr oder das Geld für ein eigenes Auto. All das macht den Neustart ins Berufsleben nach der Familienzeit holprig. Die Zahlen zeigen es: Bei alleinerziehenden Müttern besteht laut der Nachtrennungsstudie aus dem Jahr 2018 das Haushaltseinkommen nur noch zur Hälfte aus Arbeitseinkommen und zu 34 Prozent aus staatlichen Transferleistungen.

"Es sind keine individuellen Hindernisse, die Frauen daran hindern, jedenfalls nicht mehr als bei Männern, sondern es sind eben strukturelle Hindernisse", sagt dazu Christa Beermann. Sie ist Demografiebeauftragte im Ennepe-Ruhr Kreis und koordiniert dort das Netzwerk W.  Das W steht für Wiedereinstieg in den Beruf. 20 Partnerinnen aus Jobcenter, Arbeitsagentur, Wirtschaftsförderung und Kammern engagieren sich in dieser Landesinitiative aus Nordrhein-Westfalen. Eines der Kernthemen: mangelnde fehlende Kinderbetreuung. Bei jeder zweiten Scheidung sind Kinder mit im Boot, die versorgt sein müssen, wenn die Mutter arbeitet. Und hier hapert es.

Strukturelle Probleme bei der Kinderbetreuung

"Es gibt zu wenig Kitaplätze. Wenn ich keinen Kitaplatz habe, kann ich keinen Job antreten. Eine andere Herausforderung: Immer wieder das Thema Randzeiten bei der Kinderbetreuung. Und da ist immer noch sehr viel Luft nach oben. Wir wissen, dass Frauen überwiegend in Teilzeit arbeiten, deutlich mehr als Männer, dass Frauen geringfügige Jobs annehmen, dass sie zurückstecken, wenn es darum geht, die Sorgearbeit für die Familie mit ihrem Job zu vereinbaren Und da denken wir auch, dass Gesellschaft und auch Politik, aber auch Unternehmen gefragt sind, da entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen."

"Wenn es da irgendwo Steine gibt, die im Weg liegen und da nicht liegen müssten, dann sollten wir natürlich als Gesellschaft die aus dem Weg räumen."

Bestätigt Christian Bredemeier. Er ist Professor für angewandte Volkswirtschaftslehre an der Bergischen Universität in Wuppertal. Nicht alles, was beim Jobeinstieg nach der Scheidung im Weg liegt, ist allerdings so klar wie das Thema Kinderbetreuung oder die Notwendigkeit flexibler Arbeitszeiten, weiß Bredemeier. Die Weichen für die spätere ökonomische Schlechterstellung von Frauen würden seiner Forschung zufolge regelmäßig früh von den Paaren selbst gelegt:

"Ich denke, ein wesentlicher Aspekt ist, dass die Karriere vieler Frauen darunter leidet, dass die Karriere des Mannes für das Paar in gewisser Weise Priorität genießt. Zum Beispiel kann es so sein, dass ein Umzug an einen anderen Ort die Karriere eines Partners fördern kann, aber der Karriere des anderen Partners auch schaden kann. Und ob die Familie dann so einen Umzug tatsächlich macht, hängt dann auch davon ab, wessen Karriere jetzt wichtiger ist für das Paar."

Schattenriss , Eltern mit Kind. Das Kind ist in der Mitte und wird an beiden Armen von jeweils einem Elternteil gehalten (imago/photothek) (imago/photothek)Reform des Unterhaltsrechts: Entlastung für engagierte Ex-Partner
Wer zahlt? Nach einer Trennung kommt meist derjenige Elternteil für den Kindesunterhalt auf, der sich weniger intensiv an der Betreuung beteiligt. Das gilt oft auch, wenn ein Ex-Partner sich etwa zu 40 Prozent einbringt. Die Justizministerin will das ändern, alleinerziehende Mütter sind alarmiert.

Bredemeier verweist auf Studien, die zeigen, dass in dieser Frage tradierte Rollenmodelle wirken. Demnach neigen Familien dazu, die Karriere des Mannes stärker zu fördern als die der Frau. Das gilt selbst dann, wenn ihre Karriere gleich gute oder sogar bessere Chancen bietet. Wenn das Paar aber auf das tradierte Modell setzt, wird sich zwangsläufig einer um den Beruf, die andere mehr um die Familienaufgaben kümmern. Dass die eigene berufliche Entwicklung darunter leidet, merkt die Frau erst später beim Wiedereinstieg, sei es nach der Scheidung oder generell nach der Familienphase.

"Ich denke dann auch an Erwerbsunterbrechungen, an Karriereunterbrechungen, an Teilzeit, die mehrheitlich von Frauen erbracht wird. In der Zeit kann keine Berufserfahrung gesammelt werden. Berufserfahrung ist ein ganz wichtiger Einflussfaktor später für Bezahlung, auch für Beförderungen und so weiter. Und das kann natürlich nicht so einfach rückgängig gemacht werden. Insofern gibt es da schon klare Anreizstrukturen, die am Ende dazu führen, dass es einer der beiden Ex-Partner schwerer hat wirtschaftlich."

"Ja, ein ärgerlicher Punkt. Ganz genau."

Fehlanreize im Steuerrecht

Das sagt Manuela Schweitzer. Die angesprochenen Fehlanreize im System sieht sie vor allem im Steuerrecht. Während ihrer Ehe war sie für die Kinder zuständig und in kleinerem Umfang berufstätig. Im Modell Hauptverdiener und Hinzuverdienerin lag das Ehegattensplitting nahe: für den Hauptverdienst die günstige Steuerklasse 3, für den Nebenverdienst die ungünstige Steuerklasse 5. Ungünstig deshalb, weil das kleinere Einkommen hoch besteuert wird und der Anreiz, mehr zu arbeiten, sinkt. Seit der Scheidung ist die zweifache Mutter Alleinverdienerin. Die einzige Möglichkeit ist in diesem Fall die Steuerklasse 2. An ihrem neuen Arbeitsplatz im Lohnbüro ist ihr diese erneute Schlechterstellung klargeworden:

"Und es kann nicht angehen, dass der Kollege, der die Steuerklasse 3 hat und den gleichen Bruttoverdienst mehrere hunderte Euro mehr rausbekommt, als der oder die Alleinerziehende mit der Steuerklasse 2, die sich unwesentlich besser stellt der Steuerklasse 1 gegenüber, dem Single. Und es kann nicht angehen, dass ich unwesentlich mehr rausbekomme als der Single, der für sich alleine sorgen muss. Der nicht drei Paar Hosen, drei Winterjacken, drei Sommerjacken, drei Paar Schuhe –braucht. Alles mal drei. Das ist ungerecht."

Ein Junge zeigt den Stinkefinger, im Hintergrund ist verschwommen ein erwachsener Mann zu sehen. (imago/photothek) (imago/photothek)Streitereien: Warum Konflikte in Familien entstehen und wie man sie löst
Familienleben verläuft nicht immer harmonisch. Vieles kann zu Streitigkeiten führen, von der Kindererziehung über den Geschwisterzoff bis hin zu Trennungskonflikten. Hat sich die Wut erst einmal aufgestaut, lassen sich die Probleme nur noch schwer lösen. Professionelle Hilfe ist oft die letzte Rettung.

Manuela Schweitzer fordert eine Reform des Steuerrechts. Das Ehegattensplitting gehöre abgeschafft, sagen auch die Grünen im Bundestag. Es benachteiligt Alleinerziehende und unverheiratete Paare. Eine solche Reform aber ist aktuell nicht in Sicht, weil insbesondere die CDU auf das Splitting besteht. Ungleiche Besteuerung aber, das bestätigt Christian Bredemeier, bestärkt Paare in ihrer Entscheidung, auf einen Hauptverdiener zu setzen und befördert das ökonomische Ungleichgewicht:

"Das ist eins der klassischen Argumente gegen das Ehegattensplitting. Dass man gerade da, wo Leute überlegen, ob und wie viel sie arbeiten wollen, dass man gerade da hohe Steuersätze anlegt, ist aus ökonomischer Theorie kritisch."

Fehlanreize im Steuersystem tragen so dazu bei, dass Frauen nach der Familienphase regelmäßig einen Kraftakt machen müssen, damit es beruflich noch einmal vorangeht. Das weiß Yvonne Grün. Sie ist Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Arbeitsagentur Hagen und Teil des regionalen Netzwerks Wiedereinstieg. Wenn der Abschluss lange zurückliegt, nach den Kindern vielleicht noch die Mutter versorgt werden musste, stünden die Frauen vor einer Riesenherausforderung namens Arbeitsmarkt.

"Die meisten Frauen, mit denen ich darüber spreche, haben ein relativ geringes Selbstwertgefühl, wissen nämlich wirklich gar nicht so genau, was kann ich denn überhaupt. Wo stehe ich? Weil man leicht sagt, wer jetzt 3,4,5 Jahre oder auch länger aus dem Beruf raus war, der steht bei null. Das ist aber nicht der richtige Ansatz aus meiner Sicht."

Arbeitsmarkt ist große Herausforderung

Was aber gibt der Arbeitsmarkt in der Stadt Hagen für Alleinerziehende her? Auf den ersten Blick viel marginale Beschäftigung und kaum Angebote in Teilzeit, zumindest, wenn man nur auf die Stellenausschreibungen schaut. Yvonne Grün rät, sich nicht abwimmeln zu lassen und diese Fragen im Bewerbungsgespräch zu klären. Als Teamerin im Arbeitgeberservice weiß sie: Unternehmen sind oft gar nicht festgelegt, ob es wirklich eine Vollzeitkraft sein muss oder ob es auch zwei Teilzeitkräfte sein können. Da sei Mut gefragt, auch und gerade wenn es ums Gehalt geht.

"Auf jeden Fall mit einem gesunden Selbstbewusstsein da rangehen. Und selbst, wenn halt eben noch nicht so viel Berufserfahrung in dem Bereich da ist oder eine längere Abwesenheit: das nicht als so negativ ansehen . Das muss man verinnerlichen, damit es auch ehrlich dann so rüberkommt. Man hat in der Zeit durchaus etwas, das man dem Arbeitgeber dann anbieten kann. Also signalisieren einfach, ich bin mir durchaus bewusst, ich habe jetzt eine längere Pause gemacht, aber meine Ambition ist natürlich, ich möchte mich ja gerne auch weiter einfinden oder vielleicht auch mich hocharbeiten im Unternehmen."

Solange die Kinder klein sind - null, acht oder 15 Jahre - wollen die Frauen lieber weniger arbeiten. 8 Uhr bis 12 Uhr ist die Wunschzeit von 99 Prozent aller Wiedereinsteigenden. Die Beraterin Yvonne Grün geht die Sache systematisch an und öffnet den Blick.

"Mein Impuls ist immer, ganz konkret noch mal darüber nachzudenken, ist das tatsächlich das einzige Zeitfenster? Als Symbol nehmen wir immer gerne einen kleinen grünen Kreis: Da schreibe ich meine Wunschzeit hin – das kann ja 8 bis 12 Uhr sein. In so einen kleinen grünen Kreis passen dann vielleicht zwei Stellenangebote rein, wenn es gut läuft. Wenn ich darum einen gelben Kreis ziehe und da einfach mal sage, na gut, wenn ich drüber nachdenke, meine Mama hat mir schon mal angeboten: Ich kann vielleicht jeden Dienstag einfach deinen Sohn vom Kindergarten abholen. Dann hätte ich schon mal wieder einen Nachmittag, erweitert diesen Radius an Stellenangeboten, die infrage kommen."

Es braucht viel Zuspruch und viele Akteure, damit der Wiedereinstieg gelingt. Das weiß auch Katja Kaluzza, die allein verdienende Mutter von zwei Kindern. Soviel hat sie selbst geschafft, sich aus dem System staatlicher Transferleistungen herausgearbeitet und jetzt einen Job gefunden, der passt.

"Man muss einen Arbeitgeber finden, der natürlich auch sich im Klaren ist, dass, wenn was ist mit den Kindern, dass man dann los muss. Das habe ich schon öfters gehabt. Dass die Schule anrief und sagte: Sie müssen aber ihr Kind abholen. Die ist krank. Und da muss der Arbeitgeber sich im Klaren sein, dass das immer vorkommen kann."

Ökonomischer Abstand zwischen Männern und Frauen fast gleichbleibend

Das Unterhaltsrecht aus dem Jahr 2008 war ein harter Schnitt vor allem für die Familienfrauen in Westdeutschland. Weit mehr als die Frauen in der Ex-DDR zu Zeiten der Teilung hatten sich Frauen im Westen der Republik auf die Vereinbarung verlassen, er kümmert sich ums Geld, sie um die Kinder. Jetzt zeigt sich: Die mit dem Gesetz verbundene Aufforderung an die Frauen "ab auf den Arbeitsmarkt" allein genügt nicht. Der ökonomische Abstand zwischen Männern und Frauen ist nicht wesentlich kleiner geworden. Michaela Kreyenfeld, Hertie School Berlin und im Wissenschaftlichen Beirat für Familiensoziologie und -demografie des Bundesfamilienministeriums:

"Die geschiedenen Frauen sind natürlich weit davon entfernt, ökonomisch eigenständig im Schnitt nach der Scheidung zu sein. Weil da reicht einfach das eigene Einkommen zum größten Teil nicht aus. Und Grund ist natürlich: Das Kind bleibt meistens bei der Frau. Das heißt, das ist der kinderbetreuende Elternteil. Im Gegensatz zu anderen Ländern, wie beispielsweise Belgien aber auch die nordischen Länder, wo das Wechselmodell viel häufiger ist, wo die Eltern sich nach Trennung und Scheidung die Betreuung der Kinder teilen. Da können beide Eltern am Arbeitsmarkt teilhaben und da sind wir in Deutschland noch sehr weit von entfernt."

Geschäftsleute mit Trolleys laufen über einen Gang  (picture alliance/dpa - STOCK4B/VisualEyze) (picture alliance/dpa - STOCK4B/VisualEyze)Bezahlung von Frauen und Männern: Deutliche Unterschiede zwischen Ost und West
Der Gehaltsunterschied zwischen Männern und Frauen ist im Westen größer als im Osten, das geht aus einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Im Osten sind zudem mehr Frauen in Führungspositionen. Ein Grund dafür ist, dass es im Osten mehr Betreuungsangebote für Kinder gibt.

Nur zehn Prozent der getrennten Eltern leben das Wechselmodell. Auch aus diesem Grund liegen die ökonomischen Scheidungsfolgen vor allem bei den Frauen. Die geschiedenen Männer dagegen werden gemeinhin als Gewinner der Reform angesehen. Doch so einfach ist das nicht, sagt die Soziologin Kreyenfeld. Das Hauptverdienermodell während der Ehe belaste auch die Väter nach der Trennung. Es bedeute erstens für sie erheblich weniger Kontakt zu ihren Kindern. Und ihr gleichbleibend hohes Einkommen behielten die Männer nur vorübergehend, betont die Soziologin. Im Versorgungsausgleich wird nach der Scheidung die spätere Rente geteilt.

"Das ist für beide Partner im Prinzip dann möglicherweise nicht ausreichend. Also weder für den Mann noch für die Frau. Und wir sehen im Prinzip für Männer wie für Frauen, dass sie eben keine  auskömmliche Rente haben aus unterschiedlichen Gründen. Bei den Männern, weil sie eben ihre während der Ehe erwirtschafteten Anwartschaften teilen müssen und bei Frauen, weil sie eben auch nach der Scheidung nicht wieder so in den Arbeitsmarkt reinkommen, dass sie wirklich auf eine sehr hohe Rente hoffen können."

Eine Arbeitsteilung in der Familie, die es beiden ermöglicht, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, ist also im hohen Interesse beider Partner. Dazu brauchen Männer wie auch Frauen nach der Scheidung flexible Kitas und Arbeitsplätze, an denen Vereinbarkeit von Familie und Beruf kein Fremdwort ist. Es braucht außerdem ein Steuersystem, das keine einseitigen Fehlanreize für weniger Beschäftigung setzt. Braucht es am Ende wirklich ein ganzes Dorf, damit insbesondere die Frauen nach der Scheidung besser dastehen? Frage an Christa Beermann, Demografiebeauftragte im Ennepe-Ruhr Kreis:

"Was ich schwierig finde, ist eben, dass Frauen dieses Dorf brauchen. Männer bräuchten das ja eigentlich auch, aber die brauchen es deshalb nicht, weil sie eben noch andere Rahmenbedingungen haben. Und auch dieser Gedanke, dass Frauen, weil sie gut ausgebildet sind, das wuppen können, auch nach einer Trennung und einer Scheidung, den finde ich prinzipiell auch super, aber es müssen natürlich auch die Rahmenbedingungen für alle gleich sein. Und das war und ist nach wie vor nicht gegeben."

Solange auf den familienpolitischen Baustellen die Arbeit ruht, bleibt die "jeder sorgt für sich allein"-Regel nach der Scheidung aus der Sicht vieler Frauen - aber auch aus der Perspektive von Männern - ungerecht.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk