Samstag, 26. November 2022

Unterwasser-Archäologie
Expedition auf den Grund der Nordsee

Wo heute Stürme über die Nordsee fegen, fand sich einst Land. Mammutknochen und Flintsteine zeugen von dieser Zeit. Auch aus späteren Epochen liegen am Meeresboden einzigartige Zeugnisse, die mit neuen Methoden erforscht werden. Aber die Zeit drängt.

Von Tomma Schröder | 02.10.2022

Ein Archäologenteam im Wattenmeer hat Stativstangen mit Magnet-Messköpfen aufgestellt
Mit Messungen des Erdmagnetfelds versuchen Archäologen, alte Bodenstrukturen aufzuspüren - die ersten Versuche sind sehr vielversprechend verlaufen (Tomma Schröder/Dlf)
Es ist ein sonniger, kalter Frühjahrstag an der nordfriesischen Küste. Eine Gruppe von Archäologen trifft sich auf der Halbinsel Nordstrand, um ins Watt hinauszugehen. In den Wintermonaten, so die Hoffnung, könnten Gezeiten, Wind und Wellen dort spannende Fundstücke freigespült haben. Auf dem Parkplatz werden noch schnell Gummistiefel und warme Sachen angezogen und dann geht es mit Wattwagen und Messgeräten über den Deich. Die Nordsee ist bereits weg. Gut zwei Stunden vor Niedrigwasser sieht man nur einige kleine Priele – und ansonsten: Watt, soweit das Auge reicht.

„Der Priel, der hier vorne so verläuft, ist schon relativ weit abgelaufen, wenn ich es richtig sehe. Den müssen wir überqueren, aber das ist relativ unproblematisch hier.“

Es sind acht Kilometer Fußweg bis zu der Stelle, an der das nordfriesische Atlantis liegen soll. Beziehungsweise das, was davon übrig blieb. Die ersten Überreste des mittelalterlichen Handelsplatzes „Rungholt“ wurden bereits vor über 100 Jahren entdeckt. Heute wollen Stefanie Klooß vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein und ihre Kollegen von der Universität Kiel in ein Gebiet gehen, das Rungholt-Forschende bereits seit den 1950er-Jahren kennen.

„Im Wattenmeer wird ja ständig Sediment neu abgelagert und nur in bestimmten Bereichen abgetragen. Und wir gehen in einen Bereich, der auch schon seit einigen Jahren immer frei kommt. Deswegen liegen ja auch die Fundstücke da frei herum und wir bergen die, um eben anhand dieser archäologischen Fundstücke auch erforschen zu können: Wer hat da gewohnt unter welchen Bedingungen?“

Fundstellen auf Zeit

Doch nach eineinhalbstündigem Fußmarsch von Nordstrand ins Watt macht sich erst einmal Enttäuschung breit. Normalerweise helfen die Pricken bei der Orientierung. Doch plötzlich sind sie nicht mehr da, wo sie sein sollten. Bente Majchczack, Archäologe an der Uni Kiel, schaut etwas ratlos in die Runde: Watt, Priele, Muschelbänke – aber sonst?

„Ich denke, dass wir hier richtig sind. Und wie wir sehen, sehen wir nichts. Ich glaube, hier ist ziemlich viel Sediment drauf gekommen. Der erste Eindruck ist erstmal nicht günstig. Der Erfahrungswert ist ja eigentlich, dass die Winterstürme das Sediment wegspülen und irgendwie sieht es danach noch nicht aus, aber wir gucken mal.“

Wäre die Fundstelle an Land, so hätte man natürlich längst an dieser Stelle eine Ausgrabungsstätte errichtet, vorsichtig ausgeschachtet und jedes wichtige Detail sorgfältig geborgen und dokumentiert. Im Wattenmeer aber ist das nicht möglich. Zum einen würde sich jede noch so kleine Ausschachtung innerhalb von Sekunden mit trübem Nordseewasser füllen. Zum anderen wird dort, wo nun gerade ein paar Forscher etwas bedröppelt in die Gegend schauen, schon in wenigen Stunden wieder Nordseewasser schwappen. Deshalb will niemand Zeit verlieren. Die ersten laufen, den Blick zu Boden gerichtet, in verschiedene Richtungen los.

„Hier liegt noch ein Ziegelstein und noch einer und noch einer. Und eine Scherbe. Sieht gut aus hier, mit diesen Muscheln. Da ist meistens etwas zu finden. Was haben wir hier noch? Ach ja, noch so eine mittelalterliche Scherbe.“

Rungholt soll sagenhaft reich gewesen sein

Auch größere aus dem Watt herausragende Keramikteile werden entdeckt. Die Forscher versuchen, mit ihren Händen vorsichtig den Schlick um den Fund herum zu entfernen. Dabei können sie meist nur erahnen, was genau sie da vor sich haben und welche Form es hat. Hinzukommt, dass das Wasser und der Schlick an diesem Frühjahrstag nur wenige Grad über Null haben. Die Hände sind in kürzester Zeit taub und krebsrot.

Noch während der eine Fund freigelegt wird, ist ein paar Meter weiter aufgeregtes Diskutieren zu hören. Irgendjemand hat einen grauen bearbeiteten Stein gefunden. Mit den Händen versucht der Grabungstechniker Jan Fischer ihn im Watt abzutasten.

„Ja, was ist es? Ne, das sieht nach einem Mühlstein aus oder so. Das ist irgendetwas Außergewöhnliches. Müssen wir erstmal fotografieren. Ist auf jeden Fall etwas Größeres.“ „Da sind auch Riefen drin.“ „Ja eben.“ „Was ist das denn?“ „Es ist Stein, es ist groß, es ist rund. Guck mal, hier wir haben etwas Größeres gefunden. Das wird spannend.“

Die Sonne glitzert auf dem feuchten Watt, der wolkige Himmel liegt in den Pfützen zu Füßen - und nichts deutet darauf hin, dass sich hier einst eine Katastrophe abgespielt hat. Dort, wo bei Ebbe Wattwanderer die einzigartige Natur genießen, wo bei Flut Fähren die Urlauber auf Inseln und Halligen bringen, ging vor 660 Jahren ein ganzer Landstrich unter – und mit ihm wohl Tausende Menschen, Häuser und Vieh. Die Stadt Rungholt ist hier an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste Mythos und Forschungsgegenstand gleichermaßen.
Die Archäologin Stefanie Klooß hebt einen Gegenstand aus Ton aus dem Schlickboden, ein Kollege schaut zu
Der Fund im kalten Schlick des Wattenmeers entpuppt sich als Teil eines mittelalterlichen Tonkruges (Tomma Schröder/Dlf)

Nach der "Groten Mandränke" gab es Rungholt nicht mehr

Den Legenden zufolge soll Rungholt märchenhaft reich gewesen sein; Dichter, Geschichtenschreiber und Sagenerzähler berichten davon. Dass es diese tatsächlich wohl gar nicht mal so arme Stadt wirklich gegeben hat, weiß man erst seit dem letzten Jahrhundert; und auch das nur aus sehr wenigen Dokumenten. Einer der wichtigsten Belege ist eine Urkunde, die Hamburger Kaufleuten Handelsfreiheit zusicherte und die am 19. Juli 1361 unterzeichnet wurde. Sechs Monate später war sie nutzlos. Nach der „Groten Mandränke“, dem „Großen Ertrinken“ am 15. Januar 1362 gab es kein Rungholt mehr. Seitdem sind die Stadt und ihre Überreste den Launen der Natur überlassen. Mal spült die Flut etwas frei, mal nimmt sie Fundstücke unbesehen mit sich fort.
„Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.

Noch schlagen die Wellen da wild und empört,
Wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
Trutz, Blanke Hans!“


(Detlef von Liliencron, 1883)
Im Gegensatz zu Fundstätten an Land lassen sich in dem feuchten Boden des Meeres aber nicht nur Scherben, Steine und Ziegel finden, sondern auch organische Reste. Stefanie Klooß zieht an diesem Tag nicht nur 600 Jahre alte Reste eines Korbgeflechts aus dem Watt, sondern auch ein säuberlich vernähtes Stück Leder. „Das ist der Schuh. Hier sieht man Lederreste und hier. Das fällt aber schon auseinander. Aber ich denke, dass das hier ein Teil der Sohle ist. Ich pack das mal ein.“

Was den Archäologen im Wattenmeer jedoch oft fehlte, ist die Sicht aufs große Ganze. Anders als an Land können sie nicht großflächig ausgraben, finden sich auf dem Boden keine Überreste von Gebäuden, Warften oder Deichen, weil das Meer längst alles weggeschwemmt hat.
Das Archäologen-Team vom Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein und der Uni Kiel geht mit Gummistiefeln, Anorak und Mützen durchs Watt, die Ausrüstung in einer Schubkarre
Keine Watt-Wanderer, sondern ein Archäologen-Team auf dem Weg zur Arbeit - die Suche nach Fundstücken vor der nordfriesischen Küste ist aufwendig (Tomma Schröder/Dlf)

Magnetmessung spürt Bodenstrukturen auf

Doch eine neue Technologie könnte das jetzt ändern. Denn mit ganz feinen Messungen der Erdmagnetik lassen sich alte Strukturen wie Warften oder Gebäude aufspüren, da sie eine Art Gewichtsabdruck im Boden hinterlassen. Bente Majchczack und seine Kollegen haben sie bereits angewendet:

„Wir laufen jetzt hier gerade über so eine schöne Wattfläche, die haben wir komplett mit der Magnetik vermessen und wir laufen gerade über eine ganze Reihe von großen rechteckigen Warften. Und eine davon haben wir uns ausgesucht, um da eine neue Methode auszuprobieren, damit wir mal mit so ganz kleinen Fenstern von einmal ein Meter ganz gezielt einige Dinge ausgraben können, um mal ein bisschen zu gucken, ob das im Boden denn tatsächlich genau das ist, was wir uns vorstellen.“

Dafür müssen die Forscher am nächsten Tag noch einmal ins Watt kommen. Für heute ist der Arbeitstag zu Ende. Das Wasser kommt, die Archäologen müssen gehen. Wenn sich aber die geophysikalischen Messungen als zuverlässig erweisen und durch die Ausgrabungen verifiziert werden können – und das tun sie bisher weitestgehend – werden zufällige Fundstücke nicht mehr die einzigen Hinweise dafür sein, wie die Menschen hier früher gelebt haben, meint Ulf Ickerodt, Direktor des Archäologischen Landesamtes in Schleswig-Holstein:

„Das heißt, wir finden ganze Kröge und Entwässerung-Systeme. Und das wird wissenschaftlich Wahnsinn werden - also das Ganze aufzubereiten, wie gesagt, weil es einfach alle Dimensionen sprengt. Das hat für uns die Herausforderung, dass wir für den Bereich komplett umdenken müssen. Weil wir nicht mehr von Fundstellen sprechen - Pfarrhäuser, eine kleine Siedlung oder Gräber oder so was - sondern wir haben auf einmal ganze Landschaftsbereiche.“
Ein Teleskopstab mit Magnetfeld-Messkopf steckt im Wattenmeer, dahinter ein Archäologe mit einem weiteren Stab
Die Archäologen versprechen sich viel von ihrer Magnetfeld-Messung - sie könnte ganze Landschaftsbereiche sichtbar machen (Tomma Schröder/Dlf)

Versunkene Welt Doggerland

Wenn man aber quasi von oben in den Meeresboden hineinschauen kann, dann muss man sich auch nicht mehr nur mit den Rändern der Meere beschäftigen, die von den Gezeiten regelmäßig freigegeben werden. Man könnte tiefer hineingehen ins Meer – und damit immer weiter zurück in die Vergangenheit.

Denn dort, wo die Nordsee heute hundert Meter tief ist, waren vor 12.000 Jahren noch Graslandschaften. Erst nach dem Ende der letzten Eiszeit rückte die Nordsee allmählich – aus dem Norden und aus dem westlichen Ärmelkanal kommend – an die heutigen Küsten heran. Davor hätte man noch trockenen Fußes von Deutschland nach England gehen können. Der Archäologe Vince Gaffney von der Universität Bradford: „Dass es unter der Nordsee wahrscheinlich eine Landschaft gibt, wussten wir schon seit mindestens 100 Jahren, wahrscheinlich sogar fast 200 Jahren. Aber die Arbeit in diesen Gebieten ist wahnsinnig schwierig.“

Das sogenannte Doggerland – das heutige Nordseegebiet zwischen Großbritannien, Belgien, Niederlande, Deutschland und Dänemark, war bis vor 20 Jahren noch archäologisches Niemandsland. Die einzigen Ausgräber waren hier lange Zeit die Fischer, die mit ihren Bodenschleppnetzen hin und wieder einen Flintstein oder einen Tierknochen an die Oberfläche beförderten.

„Und als Ergebnis geschah etwas ziemlich Seltsames. Die Leute bezeichneten Doggerland einfach als Landbrücke. Jetzt denken Sie mal darüber nach, wozu Brücken da sind. Nun, man geht auf einer Brücke von A nach B. Nur sehr wenige Menschen leben auf Brücken. Und man hatte einfach die Vorstellung, dass da draußen eine leere Fläche war, deren einziger Zweck darin bestand, dass man von Europa herüberkommen konnte, um Brite zu werden – oder umgekehrt, natürlich. Aber es wurde nicht als ein besonders bedeutendes Gebiet darüber hinaus angesehen. Und das, obwohl der Doyen der britischen Mittelsteinzeit, Graham Clark, bereits vor fast einem Jahrhundert gesagt hat, dass das Land dort draußen wahrscheinlich nicht nur gut zum Leben geeignet war, sondern wahrscheinlich zu den besten Orten in Nordwesteuropa gehörte."
Bei der Frage, wie es aussah, das Doggerland, der „place to be“, bleibt Gaffney jedoch vorsichtig. „Das kommt auf die jeweilige Zeit an. Wenn Sie 12.000 Jahre oder mehr zurückgehen würden, hätten Sie damals Flüsse gesehen, die über Kiesebenen flossen – mit vielen kleinen Kanälen, die sich sehr schnell bewegten. Allerdings ist es so, dass sich die ganze Welt während der Existenz des Doggerlands verändert hat. Man sagt manchmal, die Vergangenheit sei ein fremdes Land. Nun, diese erste Zeit war fremder, als man sich vorstellen kann. Sie war fremder als die Römerzeit, fremder als die Eisenzeit, die Bronzezeit und sogar die nahe Jungsteinzeit. Während der Zeit, in der Doggerland existierte, hat sich auch die Wirtschaftsweise weltweit verändert. Zuerst bestand sie zu hundert Prozent aus Jägern und Sammlern; und am Ende, als das Doggerland schon fast komplett vom Meer überschwemmt worden war, gab es in Nordwesteuropa die Landwirtschaft.“

Bisher gibt es zum Doggerland nur wenige Mosaiksteinchen: Knochen von Auerochsen oder Wollnashörnern etwa, oder verschiedenste Werkzeuge, die Archäologen zumindest Hinweise darauf geben, wann die Menschen hier wie gelebt haben. Aber das große Bild fehlte noch.
Das Bild zeigt eine Bohrinsel in der Nordsee
Um Ölfelder zu lokalisieren, werden umfangreiche seismische Messungen durchgeführt - die dabei gewonnenen Daten sind aber auch für Archäologen höchst aufschlussreich (picture alliance / empics | Jane Barlow)

Ölindustrie teilt Explorationsdaten

Zumindest bis Gaffney und seine Kollegen auf die Idee kamen, mal bei denen nachzufragen, die tagtäglich auf der Nordsee arbeiten: der Offshore-Ölindustrie. „Sie waren zunächst ein bisschen misstrauisch, um ehrlich zu sein. Aber sie kannten unseren Freund Ken Thompson und sie sagten: ‚Wir haben noch nie von diesem Ort gehört. Wir wissen nichts darüber. Aber wissen Sie, wir geben Ihnen eine paar Daten. Schauen sie drauf!‘“

Gaffney und seine Kollegen bekamen seismische Daten für ein rund 6.000 Quadratkilometer großes Gebiet. Sie unterschieden sich von den genaueren geomagnetischen Messungen im Wattenmeer, aber aussagekräftig waren sie dennoch. Innerhalb weniger Wochen konnten Vince Gaffney und seine Kollegen darin den ersten Fluss unter der Nordsee entdecken. Da, so berichtet Gaffney heute, wurde ihnen klar, dass sie mit diesen Daten wahrscheinlich die Landschaft unter dem Meer würden kartieren können.

„Wir haben diese Datensätze überprüft und nach und nach immer größere Karten erstellt. Und diese Karten zeigen Dutzende Seen und tausende Kilometer an Flüssen und Bächen, die verschwunden sind. Hunderte von Quadratkilometern Sumpfland unter dem Meer, Küste um Küste, riesige Gebiete, einige riesige Flüsse. Und das zeigt, was das für eine riesige Sache ist. Ich meine: Das ist wirklich Europas verlorene Welt. Es ist sicherlich eine der am besten erhaltenen prähistorischen Landschaften. Und sie liegt vor unserer Haustür!“

Anhand der Daten, so viel war schnell klar, ließen sich nun ziemlich genau auch diejenigen Orte bestimmen, wo vielleicht einmal Menschen gesiedelt haben könnten. Doch um wirklich Belege dafür zu finden, müsste man vor Ort nachgucken. Am besten mit dem Schiff und am besten mit Bohrkernen – aber das ist teuer. Tatsächlich gelang es Gaffney und seinen Kollegen, Forschungsgelder für rund 100 archäologische Bohrungen in der Nordsee zu bekommen. Aber für welche Stellen entscheidet man sich in einem riesigen Meer?

Tsunami-Spuren in den Bohrkernen

Die Archäologen wanderten mit ihren Bohrungen einen Fluss entlang, den „Southern River“, den sie in den Daten der Ölfirmen entdeckt hatten. Dieses ausgedehnte, von weißen Kalksteinklippen gesäumte Flusstal erstreckte sich einst von der heutigen Küste von East Anglia nach Osten in ein Hochlandgebiet. Die fruchtbare Niederung, so meint Gaffney, könnte ein guter Lebensraum für die Menschen der Mittelsteinzeit gewesen sein. Einer der ersten Bohrkerne an der Spitze des Flusstals aber barg zunächst eine ganz andere Überraschung.

„In dem Moment, wo wir den Bohrkern in zwei Hälften geteilt hatten, sagten alle: Meine Güte, was ist das? Wenn sich in Flüssen Ablagerungen ansammeln, sieht das wie eine Torte oder wie ein Baumring aus. Überall kann man Schichten sehen: schwarz, grau, grau, schwarz, schwarz, schwarz, je nach den Bedingungen der Zeit, in der die Sedimente abgelagert wurden. Und wir hatten dann plötzlich da 40 bis 50 Zentimeter einfach komplett gestörtes Sediment, ich meine, nur ein Mischmasch aus allem. Und danach folgten dann wieder diese ganz regelmäßigen Schichten.“

Darüber, was sie da vor sich sahen, mussten Vince Gaffney und seine Kollegen allerdings nicht sehr lange rätseln. Es sind, so nehmen sie an, die Spuren einer riesigen bereits bekannten Naturkatastrophe, der sogenannten Storegga-Rutschung.

„Im Jahr 6200 vor Christus rutschte in der Nordsee ein Gebiet von der Größe Schottlands ab. Es hat riesige Tsunamis ausgelöst, die in Norwegen und in die Ostküste Schottlands einschlugen und bis nach Island und darüber hinaus gingen. Und es wird oft gesagt, dass dies das Ende von Doggerland gewesen sei, dass alles getötet wurde.“

Nicht der Tsunami, sondern der Klimawandel löschte Doggerland aus

Tatsächlich finden sich Sedimentablagerungen durch den Tsunami noch 30 bis 40 Kilometer landeinwärts. Allerdings nur in dem untersuchten Flusstal. Darüber hinaus könne man anhand der Verteilung und der Ablagerung aber auch auf die Höhe der Wellen schließen, meint Gaffney.

„Und das verrät uns eine ganze Menge. Erstens: Wenn Sie an diesem Tag an der Küste waren, war es ein schlimmer Tag für Sie, denn Sie wurden von einer Reihe von Tsunamis getroffen. Aber diese Wellen haben nicht die ganze Landschaft überrollt. Und die Ablagerungen in den Bohrkernen zeigen uns, dass sich nach dem Tsunami wieder die alte Schichtung fortsetzte. Das betroffene Gebiet wurde also wieder zu trockenem Land. Wenn man an der richtigen Stelle an Land gestanden hätte, hätte man diese Welle ganz entspannt kommen sehen können, ohne dass etwas passiert wäre. Der Tsunami war sicher nicht das Ende von Doggerland. Es war später der Klimawandel, der das Doggerland auslöschte, nichts anderes.“

Im Durchschnitt stieg der Meeresspiegel während der Mittelsteinzeit um ganze zwei Meter pro Jahrhundert. Die Nordsee schob sich also im wahnsinnigen Tempo, von Norwegen und aus dem Ärmelkanal kommend immer weiter vor. Um 6000 v. Chr., also in der Zeit kurz nach dem Tsunami, waren nur noch dünne Streifen längs der heutigen Küsten und ein kleiner Teil der Doggerbank mitten in der Nordsee vom einstigen Doggerland übrig. Die Menschen müssen sich also zwangsläufig immer weiter Richtung unserer heutigen Küsten zurückgezogen haben. Was die Forscher in den Bohrkernen allerdings vergeblich suchten, war ein Beweis für dieses menschliche Leben am heutigen Nordseegrund.

„Wenn es irgendeinen Ort gibt, an dem Sie in dieser Zeit der Jäger und Sammler nach einer halbwegs sesshaften Besiedlung suchen könnten, dann ist das in der Nordsee. Und wir haben so etwas einfach noch nie gefunden. In archäologischer Hinsicht ist hier noch viel zu gewinnen. Wir kennen bisher auch weltweit keine einzige Siedlung, die mehr als 12 Kilometer von der Küste entfernt oder weniger als 20 Meter tief ist. Über diese riesigen Gebiete weltweit haben wir also kein Wissen. Wir sind in dieser Hinsicht nicht weiter als vor einem Jahrhundert: Damals wusste man, dass da draußen Menschen waren. Und heute wissen wir, dass Menschen da draußen waren.“
Offshore-Windpark vor der deutschen Küste
Wo die Offshore-Windräder stehen, ist der Meeresboden für die archäologische Forschung gesperrt (pa/Zoonar)

Offshore-Windparks behindern archäologische Forschung

Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis dieser Beweis auftaucht. Aber da ist eine Entwicklung, die Gaffney im Hinblick auf die archäologischen Schätze in der Nordsee Sorgen macht. Das Meer vor unseren Küsten verändert sich gerade erheblich: Durch die Offshore-Windparks und die Verlegung großer Kabel oder Pipelines werden weite Gebiete des Meeresbodens für die archäologische Forschung gesperrt werden.

„Eine Sache, die Sie nicht wollen, nachdem Sie unzählige Kabel über große Nordseegebiete verlegt haben, ist, dass Archäologen auftauchen und in diesem Gebiet in den Meeresboden bohren. Die Geschwindigkeit des Wandels, die jetzt durch den Krieg in der Ukraine noch einmal zunimmt, bedeutet, dass innerhalb von fünf bis zehn Jahren die meisten Gebiete, die wir uns derzeit ansehen, von der archäologischen Forschung ausgeschlossen sein werden. Gerade zu dem Zeitpunkt, an dem wir in der Lage sind, nach diesen Beweisen zu suchen, könnte es also zu spät sein. Um das hier ganz klar zu sagen: Wir können, wir dürfen diese Entwicklung nicht stoppen. Denn wir brauchen diese Energiewende. Aber wir müssen partnerschaftlich mit den Industrien auf der Nordsee zusammenarbeiten.“

Eigentlich kennt man diese partnerschaftliche Zusammenarbeit ja schon ganz gut. Die Öl- und Gasindustrie leistete mit der Abgabe ihrer Daten sogar archäologische Pionierarbeit, und auch mit den Fischern lief es gar nicht so schlecht. Zwar war nie nachvollziehbar, von wo genau sie die Fundstücke vom Meeresboden gefischt hatten, aber immerhin kamen diese Funde an die Oberfläche.

„Wissen Sie, es ist manchmal ein bisschen deprimierend, wenn man sieht, dass ein Teil der Funde bei eBay landet, was ja tatsächlich passiert. Aber nichtsdestotrotz haben die meisten Länder rund um die Nordsee im Laufe der Zeit Protokolle für die Zusammenarbeit mit Fischern und anderen Menschen, die auf der Nordsee arbeiten, erstellt. Und das hat funktioniert. Wir können nicht ändern, was in der Vergangenheit geschehen ist. Aber wir arbeiten viel enger mit den Menschen und der Industrie zusammen, die von der Nordsee leben und Geld verdienen. Und ich denke, in den meisten Fällen ist es uns gelungen, eine wirklich gute Arbeitsbeziehung aufzubauen. Es ist wie eine Symbiose, wir sind aufeinander angewiesen.“

Auch heutige Küstenlinien nicht unverrückbar

Mit der Windindustrie aber könnte eine Zusammenarbeit schwieriger werden, meint Gaffney – weil Offshore-Parks nicht befahren werden dürfen und weil auf Gebieten, in denen Pipelines oder Leitungen verlaufen, natürlich nicht in den Boden gebohrt werden darf. Zudem wurde auch das UNESCO-Abkommen zum Schutz des Unterwasserkulturerbes, das hier bestimmte Regeln bei Bautätigkeiten außerhalb der Küstenmeere vorschreiben könnte, von vielen Ländern noch nicht ratifiziert. Auch Großbritannien und Deutschland sind darunter. Das Auswärtige Amt verweist auf Nachfrage auf „komplizierte Abstimmungsprozesse“ und bestätigt, dass dieses Abkommen unterzeichnet werden soll. Diese Aussage aber wiederholt sich nun schon seit ein paar Jahren. Die Zeit indes dränge, meint Vince Gaffney.

„Es geht längst nicht nur um die Nordsee. Es gibt weltweit riesige Gebiete untergetauchter Landschaften zum Beispiel in Südostasien, rund um die Sundastraße. Um diese Gebiete herum ist eine Fläche von der Größe Indiens an das Meer verloren gegangen. Und all diese Landschaften werden wichtig für die zukünftige Entwicklung grüner Energie. Von China bis zur Beringstraße. Und all diese sind jetzt bedroht. Und es muss weltweit irgendeine Form von archäologischer Reaktion geben. Innerhalb eines Jahrzehnts.“

Die Prioritäten indes sind klar: Nicht um den Erhalt des kulturellen Erbes am Nordseegrund geht es derzeit in erster Linie, sondern vor allem darum, dass unsere Lebensräume nicht bald auch diesem Erbe anheimfallen. Letztlich zeigen uns die versunkenen Landschaften aber auch: Küstenlinien sind nicht unverrückbar. Wer weiß schon, über was Archäologen in ferner Zukunft stolpern werden? Ob sie nicht den Glockenturm des Markusdoms suchen und die Emdener Schiffswerft am Meeresgrund entdecken? Über welche Gegenstände werden sie rätseln?
Drei Archäologen mit Schubkarre auf dem Rückweg von der Spurensuche im Watt
Die Flut kommt zurück, der Arbeitstag der Archäologen im Wattenmeer ist zu Ende (Tomma Schröder/Dlf)
„Das passiert auch nicht so oft, dass wir keine Idee haben.“ Die Archäologen im Rungholt-Watt werden die Bedeutung des großen grauen Steins an diesem Tag nicht mehr herausfinden. Erst einige Tage später wird klar werden, dass an dem Stein mit dem Loch in der Mitte vor 700 Jahren Messer geschliffen wurden. Aus dem 14. Jahrhundert war solch ein Werkzeug bisher noch nicht bekannt. Es wird nicht das letzte Geheimnis sein, dass der Meeresboden bewahrt hat.
„Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,
Und Hunderttausende sind ertrunken.
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
Schwamm andern Tags der stumme Fisch.
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Trutz, Blanke Hans?“