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StartseiteInterviewUnwetter als Vorboten der Klimakatastrophe12.08.2002

Unwetter als Vorboten der Klimakatastrophe

Klaus Milke
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Gerner: Mit dem Dauerregen der letzten Tage kommt die Klimakatastrophe näher, titelt heute eine große deutsche Tageszeitung. Ausländische Beobachter werden vermutlich von typisch deutschem Alarmismus reden. Die Unwetter sind aber kein deutsches Privileg, sondern finden in ganz Europa in den letzten Tagen statt, inklusive Millionenschäden und Toter. Steckt etwas dahinter? Was steckt dahinter? Am Telefon Klaus Milke von German Watch , einer Nichtregierungsorganisation, die sich mit Ursachen und Konsequenzen von Klimaveränderungen beschäftigt. Herr Milke, "Die Klimakatastrophe kommt näher", titelt die Süddeutsche Zeitung - jetzt können wir es enthüllen - in dicken Buchstaben heute auf Seite 1, ohne Fragezeichen. Steht das auch für Sie wie das Armen in der Kirche fest?

Milke: Ja, leider steht das so gut wie fest. Klimaveränderungen haben sich in den letzten Jahren in ihren Auswirkungen immer häufiger in die Schlagzeilen gedrängt und in die Bilder, die wir abends im Fernsehen sehen können, aber eben nicht nur in Europa oder in Deutschland, sondern weltweit. Es ist ein Phänomen, was wir beobachten können, von China bis Niedersachsen, von Mittel- und Südamerika bis nach Bayern. Überall müssen sich Menschen damit auseinandersetzen, dass es eines der größten Experimente der Menschheit gibt, nämlich dass der Mensch selber dazu beiträgt, dass sich das Klima verändert.

Gerner: Wenn Sie mit dieser Schlagzeile übereinstimmen, dann zeichnen Sie uns doch bitte ein Bild dieser Klimakatastrophe.

Milke: Wir werden zunehmend mit Wetterextremata zu tun haben. Wetterextremata heißt eben auf der einen Seite nicht nur, dass wir mehr Niederschläge haben - das was wir jetzt gerade hier in unserem schönen Sommer beobachten müssen oder direkt fühlen und austragen müssen -, sondern in anderen Regionen der Welt, da wo vorher Niederschläge waren, sind ganz enorme Dürren zu verzeichnen. Also, das Wetter reagiert anders als es über Jahrzehnte, Jahrhunderte vorher festgestellt wurde, und das wird sich wahrscheinlich, oder auch wie die Wissenschaftler immer deutlicher feststellen, in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten noch verstärken.

Gerner: Wird es hier in Deutschland bei reißenden Bächen und wegbrechenden Erdteilen, also Erdhängen, bleiben, oder wird es in seinen Auswirkungen schlimmer werden?

Milke: Es wird wahrscheinlich sogar schlimmer werden, weil das, was wir heute an Auswirkungen feststellen müssen, auf die CO2-Ausstösse zurückzuführen ist, die fünf oder zehn Jahre zurückliegen. Und leider haben die Menschen ja noch nicht so weit gelernt und sich verändert, dass sie sich wirklich von dem Verbrennen und Verbrauchen von fossilen Brennstoffen abgewandt haben, sondern es sind sogar Steigerungsraten in bestimmten Bereichen festzustellen, so dass wir also die Konsequenzen von dem, was wir heute immer noch falsch machen - und nicht nur hier bei uns, sondern weltweit - in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch deutlicher zu spüren bekommen.

Gerner: Herr Milke, extreme Unwetterperioden hat es ja immer wieder gegeben. Warum schließen Sie einen Zyklus der Natur aus?

Milke: Dem muss man sich natürlich sehr redlich stellen, dass das Wetter immer Veränderungszyklen unterworfen war. Was wir hier nur feststellen müssen, ist, dass der Mensch noch etwas oben drauflegt, und das innerhalb von 100 bis 150 Jahren, also ungefähr in der Periode, wo in verstärktem Maße Kohle, Erdöl und andere fossile Brennstoffe benutzt wurden. Das heißt, Veränderungen, die immer schon existierten, die sich dann aber über 100000, 250000 Jahre erstreckt haben, die muten wir uns und dem Planeten innerhalb von kürzester Zeit zu.

Gerner: Herr Milke, eine Sache verstehe ich nicht: Sie sagen, Klimaeffekt, Erderwärmung - die Unwetter aufgrund der Erderwärmung - verstehe ich Sie richtig?

Milke: Ja.

Gerner: Dann müsste es doch auch bei den aktuellen Unwettern draußen doch viel wärmer sein als in den letzten Tagen?

Milke: Ja, wenn wir uns die Temperaturen ansehen - das sind ja immer nur ganz kleine graduelle Steigerungen -, dann muss man eben schon feststellen, dass innerhalb des 20. Jahrhunderts die Erderwärmung um 1 Grad Celsius zugenommen hat. Es gibt Berechnungen von den internationalen Wissenschaftlern, die in einem großen Gremium zusammengefasst sind, dass es sogar bis 2100 Erderwärmungen um 6 Grad Celsius geben kann. Vorsichtigere Messungen gehen von mehr als einem Grad Celsius auch im nächsten Jahr aus. Diese kleinen graduellen Änderungen führen aber doch dazu, dass in den Rückkoppelungseffekten, die ja nun einmal das Wetter ausmachen - keiner kann ja heute genau sagen, wie das Wetter an dieser oder jener Stelle in zwei Wochen ist - zusammenhängende Effekte gesehen werden müssen, dass extremer reagiert wird, weil natürlich das Wetter, die Natur, sich anpasst.

Gerner: Herr Milke, Sie sind Lobbyist, auch für German Watch . Sie können jetzt noch in einem Dreisatz eine politische Forderung loswerden.

Milke: Das ist auf der einen Seite, das Kyoto-Protokoll so schnell wie möglich in Kraft zu setzten, damit die Prävention stattfindet, das heißt, dass CO2-Minderungen vorgenommen werden. Die Europäer haben alles getan, dass das möglich ist. Einer fehlt uns noch im Boot: Das sind nach wie vor die USA, aber auch noch ein paar andere große Länder. Das zweite ist, dass wir uns über ein neues Haftungsmodell Gedanken machen müssen. Wir müssen uns nämlich überlegen: Wer hat das eigentlich auszubaden, was hier verursacht wird, von einigen in ganz besonderer Weise, nämlich denen, den es sehr gut geht, die sehr reich sind.

Gerner: Herr Milke, wir müssen an dieser Stelle einen Punkt machen. Danke Ihnen. Das war der Wetterexperte von German Watch hier im Deutschlandfunk.

Link: Interview als RealAudio

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