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StartseiteInterview"Der Terror in Afghanistan wird sich wahrscheinlich zuspitzen"31.08.2021

US-Außenpolitik-Experte Rough"Der Terror in Afghanistan wird sich wahrscheinlich zuspitzen"

Der US-Außenpolitik-Experte und ehemalige Berater im Weißen Haus, Peter Rough, hat den Abzug der US-amerikanischen Streitkräfte aus Afghanistan kritisiert. Aus seiner Sicht hätte es einiges geändert, wenn die Amerikaner als Unterstützer mit einem kleinen militärischen Kontingent im Land geblieben wären.

Peter Rough im Gespräch mit Philipp May

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Gewehrlauf (dpa/AP Photo/Jalaluddin Sekandar)
Die afghanischen Streitkräfte hätten weiter Unterstützung durch die Amerikaner gebraucht, sagt Peter Rough. ( Auf dem Foto sieht man ein Training von selbsternannte Milizen in der Provinz Panjshir, die versuchen die Taliban zu bekämpfen.) (dpa/AP Photo/Jalaluddin Sekandar)
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Die USA haben ihren Abzug aus Afghanistan offiziell beendet. US-Präsident Joe Biden dankte in seiner Rede an die Nation den Einsatzkräften. Doch auch den USA ist es nicht gelungen, alle Ortskräfte und US-amerikanische Staatsbürger vor ihrem Abzug aus Afghanistan herauszuholen. Der Sinn des 20 Jahre dauernden Militäreinsatzes und vor allem der chaotische Abzug werden international und auch im eigenen Land scharf kritisiert. Das Vertrauen in die USA habe stark gelitten berichtet Dlf-Korrespondentin Doris Simon aus Washington.

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Der US-Außenpolitik-Experte Peter Rough war unter Präsident George W. Bush Berater im Weißen Haus. Er hält den kompletten Abzug der Amerikaner aus Afghanistan für einen Fehler. Aus seiner Sicht hätte ein Teil der amerikanischen Streitkräfte im Land bleiben sollen, sagte er im Dlf. Dann hätte man zum Beispiel die Luftwaffenbasis nördlich von Kabul sichern können und den Streitkräften den Rücken stärken – denn die hätten zum Teil nach dem Bekanntwerden des Abzugs - Deals mit den Taliban abgeschlossen, so Rough.

Philipp May: War das der letzte große Kriegseinsatz der USA auf lange Zeit?

Peter Rough: Wenn man sich die Umfragen genauer anschaut und durchforstet, sieht man schon, dass es eine bestimmte Kriegsmüdigkeit in den USA gibt. Aber man muss gleichzeitig sagen – das verbreitet sich jetzt wie Lauffeuer, das Zitat von Winston Churchill nach München _38 -, sie hatten die Wahl zwischen Krieg oder Schande, sie haben die Schande gewählt und werden den Krieg jetzt bekommen. – Der Terror in Afghanistan wird sich wahrscheinlich jetzt zuspitzen. Das Heck des Kalifats in Syrien und Irak haben wir schon erlebt, dass da ein Schwung erzeugt worden ist. Es gibt auch möglicherweise neue Flüchtlingskolonnen. Insofern, dass sich viele Analytiker und auch Mitglieder der Biden-Administration erhofft haben, dass sie hier durch einen Befreiungsschlag sich mehr auf ein Abschreckungskonzept wie China und Russland einstellen können, glaube ich, wird man sich jetzt umso mehr mit Zentralasien und dem Nahen Osten beschäftigen müssen, weil die Art und Weise, wie der Abzug organisiert worden ist, einiges zu wünschen übriggelassen hat.

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May: Sie sagen, der Abzug war ein Fehler? Oder nur die Art und Weise des Abzugs war ein Fehler?

Rough: Meines Erachtens nach hat der Einsatz endlich eine Nachhaltigkeit erreicht. Wir haben an Ressourcen jetzt wirklich nur einen Bruchteil von dem, was wir vor 10 bis 15 Jahren alljährlich investieren haben müssen, so auch die Anzahl der Soldaten. Da waren ja 3500 bis zu 5000 amerikanische Soldaten im Lande vorhanden. Ich glaube, als Unterstützer der afghanischen Streitkräfte hat man einiges schaffen können im Land, nicht nur die Art und Weise auf operativer Ebene, aber auch die Entscheidungen an sich, glaube ich, waren aus meiner Sichtweise Fehlentscheidungen.

Rough: Deals mit den Taliban aus Angst

May: Das heißt, die USA hätte mit einem kleinen Kontingent im Land bleiben sollen, ohne sich auf Nation Building zu konzentrieren, sondern einfach nur, um weiterhin Augen und Ohren offenhalten zu können in dem Land?

Rough: Genau und die afghanische Regierung zu unterstützen sowie auch die Streitkräfte. Denn der Kollaps ist ja auch dadurch zu erklären, dass psychologisch der Abzug der Amerikaner von Bagram zum Beispiel – das ist die Luftwaffenbasis nördlich von Kabul – wirklich durch die Truppe gegangen ist in Afghanistan unter den afghanischen Streitkräften und dass viele sich dort eine Rückversicherung gesucht haben. Ich glaube, das war ja auch eine der großen Fehleinschätzungen, dass viele Afghanen sich dann mit den Taliban einen neuen Deal ausgearbeitet haben, weil sie über ihre eigene Zukunft gebangt haben. Das wäre nicht notwendig gewesen, wenn sie gewusst hätten, die Amerikaner bleiben vielleicht im kleinen Kontingent, aber weiterhin in einer Unterstützungsrolle im Lande.

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May: Aber die öffentliche Meinung ist ja eindeutig und die geht auch quer durch alle Parteien. Es sind ja nicht nur die Demokraten; es sind auch die republikanisch wählenden Menschen, die sagen, wir haben zuhause genug Probleme, wir haben in Afghanistan schlicht nichts zu suchen. Donald Trump wollte ja sogar noch früher raus aus Afghanistan. Kann sich ein US-Präsident diesem klaren Meinungsbild entziehen?

Rough: Trump und Biden Teil der gleichen politischen Schule

Rough: Ganz klar, dass man so wie 2009/2010, wo man ja Zehntausende von amerikanischen Truppen aufgestockt hat in Afghanistan, aktiv an Kampfhandlungen beteiligt war, dass man dies höchstwahrscheinlich über die Dauer in Afghanistan nicht rechtfertigen kann, und da sieht man ja, dass Biden und Trump, obwohl sie es beide vielleicht leugnen würden, Teil der gleichen politischen Schule sind, dass die auch den Umfragen nachgehen. Aber ich glaube, durch politische Führung, wenn man auch den Amerikanern erklärt, inwiefern jetzt die Ressourcen dort ausgegeben werden, dass diese Investitionen gerecht sind, dass es auch bei Abzug wie jetzt, wo diese 13 Soldaten umgekommen sind, auch zukünftig möglicherweise von Afghanistan aus Probleme geben wird, dass eine Truppenpräsenz dort notwendig ist.

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"Die Taliban haben auf Zeit gespielt"

May: Sie haben dem ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush gedient als Berater im Weißen Haus. Unter ihm hat damals der Einsatz in Afghanistan stattgefunden. Die Vorzeichen waren damals ganz andere und auch die Ambitionen waren damals ganz andere. Man wollte tatsächlich aus Afghanistan so etwas machen wie eine Demokratie westlicher Prägung. Das Wort Nation Building war damals das Schlagwort. Warum ist man damit gescheitert? War man damals zu blauäugig?

Rough: Na ja, da gibt es auch einen Taliban-Spruch: "Ihr habt die Uhren, aber wir haben die Zeit." Die Taliban haben auf Zeit gespielt und es kann sein, dass die amerikanische Strategie vielleicht über 20 Jahre jeweils ein Ein-Jahres-Konzept erarbeitet hat, statt einmal ein 20-Jahres-Konzept aufzubauen. Es gab bürokratische Hürden, es gab sicherlich eine Blauäugigkeit, was die Geschichte, die Kultur, die Unterschiede unter den Stämmen betraf und weiterhin betrifft, und da hätte man vielleicht andere strategische Akzente setzen sollen.

"Man setzt möglicherweise mehr auf die Türkei"

May: Wo werden sich die USA denn in Zukunft noch engagieren? Auf welches Engagement kann man sich in Amerika noch einigen?

Rough: Ein großes Denkmuster dieser Entscheidung ist, dass die USA sich vorbereiten musste, die wirklich großen Abschreckungsmanöver, die großen militärischen Aufgaben im Kerngebiet Europas, im Kerngebiet Südchinesisches Meer, dass man zum Beispiel Taiwan und die Ostflanke der NATO absichert und sich gerade deswegen nicht mehr erlauben kann, in Afghanistan einen so langen militärischen Einsatz durchzuführen. Ich denke aber auch, dass in Afghanistan man möglicherweise jetzt mehr auf die Türkei setzen wird, dass man dort Anti-Terror-Bekämpfung durchführen wird wollen. Die Türkei hat ja beste Beziehungen innerhalb der sogenannten Northern Alliance. Das sind die Stämme im Norden Afghanistans im Gegensatz zum Paschtunen-Gebiet im Süden. Ich glaube, dass man auch für Afghanistan bestimmte Wege suchen wird, aber im Großen und Ganzen ist das ein Signal, dass man sich auf das Essentielle fokussieren möchte, auf die Großmacht-Rivalität, und versuchen wird, (…unverständlich…) Terrorismusbekämpfung einer anderen Ära zuzuschieben. Hier gibt es auch einen berühmten Spruch: "Der Feind hat auch eine Stimme." Und es ist mir nicht so sicher, dass er es unbedingt erlauben wird, uns jetzt nur auf diese "Großmacht"-Rivalität zu konzentrieren.

"Bidens außenpolitisches Konzept ist angeschlagen"

May: Aus europäischer Sicht ist großer Frust zu vernehmen. Sie bekommen das sicher mit. Sie sind ja nicht nur US-Amerikaner, sondern auch Österreicher. Joe Biden, der sagt, America is back, und dann doch im Alleingang, ohne große Konsultationen der NATO-Partner, abzieht. – Ist Amerika jetzt back, oder in Wirklichkeit doch nicht?

Rough: Ich würde sagen, dass sein außenpolitisches Konzept schon sehr angeschlagen ist. Er hat auch in seiner großen Ansprache an die Nation herausgehoben einen Satz, dass Menschenrechte essentiell und wichtig für ihn sind, auch nach diesem Abzug und den katastrophalen Bildern, die man aus Afghanistan mitbekommen hat. Heute sieht man schon neue Videos erscheinen, die Brutalität, mit der die Taliban dort vorgehen. Da verspürt man jetzt schon, glaube ich, berechtigt unter den Bündnispartnern etwas Kopfzerbrechen, ob Joe Biden jetzt wirklich ernst zu nehmen ist in dieser Sache. Ich würde aber auch unterscheiden zwischen Kredibilität und Glaubwürdigkeit einerseits und andererseits Inkompetenz. Ich glaube, die Bilder aus Afghanistan, insbesondere die ersten Bilder lassen einen überlegen, inwiefern die Amerikaner hier kompetent waren. Aber ob man bereit ist, Kernsicherheitsaufgaben wahrzunehmen in baltischen Staaten, in Polen oder in Taiwan oder Japan oder in Südkorea, glaube ich, dafür stehen in Peking und Moskau die relevanten Personen. Ich denke schon oder hoffe zumindest schon, dass das auf einer anderen Ebene existiert wie das Engagement in Afghanistan.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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