Mittwoch, 24. April 2024

Archiv

US-Vorwahlen
"Amerika nicht einem polemischen Verführer überlassen"

In den USA läuft bei der Präsidentschaftswahl im November alles auf ein Duell zwischen Hillary Clinton und Donald Trump hinaus. Trumps Wahlkampfstrategie sei gefährlich, sagte der SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose im DLF. Die Führungsmacht in seinen Händen ein Albtraum. Doch Clintons Wahlkampf werde besser.

Hans-Ulrich Klose im Gespräch mit Jasper Barenberg | 08.06.2016
    Der SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose bei der Verleihung des Henry-Kissinger-Preises am 17.06.2015 in Berlin.
    Der SPD-Politiker Hans-Ulrich Klose hofft, dass Donald Trump nicht neuer US-Präsident wird. (dpa / picture alliance / Jörg Carstensen)
    Trumps Anti-Establishment-Kurs falle in den USA auf fruchtbaren Boden, so Klose. Es gebe eine breite Unzufriedenheit in der Bevölkerung, vor allem in der Mittelschicht, die sich abgehängt fühle. Klose erwartet, dass Trump seinen Wahlkampf nun noch stärker auf Clinton als Repräsentantin dieses Systems ausrichten wird.
    Es sei nicht sicher, dass Clinton gegen Trump gewinne, meint Klose. Doch der Wahlkampf der früheren US-Außenministerin sei "leidenschaftlicher und kämpferischer" geworden. Hinzu komme, dass viele Amerikaner wüssten, dass Trump als Präsident eine Katastrophe sei - im Gegensatz zu Clinton. "Amerika ist zu wichtig, als dass man es den Händen eines polemischen Verführers überlassen könnte", so Klose.

    Das Interview in voller Länge:
    Jasper Barenberg: Die Vorwahlen in den USA gehen zu Ende. Das eigentliche Rennen ums Weiße Haus beginnt damit aber erst. Was hat die bisherige Auseinandersetzung über die USA offenbart? Was steht uns bei dem Duell Trump gegen Clinton jetzt ins Haus? Darüber wollen wir mit einem sprechen, der die USA seit Jahrzehnten sehr gut kennt, der im Bundestag viele Jahre an der Spitze der Parlamentariergruppe USA stand. Am Telefon ist der SPD-Politiker und Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose. Schönen guten Morgen.
    Hans-Ulrich Klose: Guten Morgen.
    Barenberg: Herr Klose, viele Beobachter rechnen nach einem schmutzigen Vorwahlkampf jetzt mit einem besonders schmutzigen Rennen um das Weiße Haus. Sie auch?
    Klose: Ich glaube nicht, dass Donald Trump seinen Stil ändern wird. Er wird groben Wahlkampf machen und er wird versuchen, die Anti-Establishment-Linie, die er bisher gefahren ist, jetzt zu personalisieren und Clinton zu der Repräsentantin des Establishments zu machen. Und das ist eine Strategie, die gefährlich ist, denn es gibt eine breite Unzufriedenheit in Amerika mit der Situation. Insbesondere die, wie soll ich sagen, weiße Mittelschicht, die mittlere Unterschicht vielleicht, die zurückgeblieben ist und sich abgehängt fühlt, die hat eine Neigung, solchen Reden zu folgen.
    Barenberg: Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen, Chef des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, der hat gerade gesagt, mir macht Donald Trump Angst.
    "Sanders' Anhänger könnten am Ende die Wahlen entscheiden"
    Klose: Ja. Ich glaube, das muss man, ein bisschen Angst haben, denn das ist blanker Populismus und eine Redeweise und Handlungsweise, die ein bisschen Ähnlichkeit aufweist mit manchen Entwicklungen, die wir hier auf der anderen Seite des Atlantik auch beobachten können. Und man muss auch ganz klar sehen, dass der große Erfolg von Sanders auch ein bisschen so zu erklären ist, und wie dessen Anhänger sich entscheiden werden, das könnte am Ende die Wahlen entscheiden.
    Barenberg: Was verrät denn dieser große Erfolg von Donald Trump über die Vereinigten Staaten?
    Klose: Ich glaube, da muss man sehr tief blicken und einen ersten Blick auf die Demografie werfen. Was wir im Augenblick erleben in Amerika ist ja, dass der weiße Bevölkerungsanteil, die sogenannte WASP-Society, White Anglo-Saxon Protestant, in eine Minderheitenposition gerät. Es wird die größte Minderheit sein, aber eben doch Minderheit, und das hat Auswirkungen auf das Lebensgefühl vieler Amerikaner.
    Wenn man zum Beispiel durch den mittleren Westen reist und spricht an Tankstellen, in Grocery Stores mit den Leuten, dann hört man vielfach so Redeweisen, dies ist nicht mein Amerika mehr, da verändert sich etwas. Dies plus die materielle Situation der mittleren Schichten, die sich als Verlierer sehen, das ist eine Mischung, die ist brisant und die öffnet Populisten erhebliche Chancen.
    Barenberg: Und Donald Trump weiß sehr geschickt mit seiner Rhetorik und seinen Provokationen diese Stimmungen aufzugreifen. Nun haben wir alle ja monatelang gesagt, dass es keine Chance gibt, dass Donald Trump überhaupt der Kandidat der Republikaner werden wird. Wenn es jetzt darum geht, ob er in den allgemeinen Wahlen eine Mehrheit gewinnen wird, müssen wir uns da jetzt sehr zurückhalten mit Prognosen, dass Donald Trump da auf alle Fälle gegen Hillary Clinton verlieren wird?
    Anti-Establishment-Entwicklungen: der Trend der Zeit
    Klose: Ich glaube/ich hoffe, dass am Ende Hillary Clinton gewinnen wird. Aber ein leises Fragezeichen mache ich auch dabei, denn die Wucht der trumpschen, verleumderischen Kampagne, die ist groß, und so etwas wie Anti-Establishment-Entwicklungen, das ist, wenn man so will, der Trend der Zeit, und der ist in Amerika eher noch stärker entwickelt als derzeit in Europa, wo wir ihn allerdings auch erleben.
    Barenberg: Wie viel Aufbruch sehen Sie denn in der Kampagne von Hillary Clinton?
    Klose: Mein Eindruck ist, dass sie im Verlauf der Kampagne besser geworden ist. Sie ist leidenschaftlicher, kämpferischer geworden, und das ist gut, weil sie ist ja im Prinzip eine Frau, die nicht sofort die Herzen aller Leute gewinnt. Sie gilt als kühl, sie gilt als eine Frau, die wenig Emotionalität zeigt, aber sie scheint jetzt bereit zu sein zu kämpfen. Wenn sie kämpft, dann hat sie gute Aussichten, zumal es doch viele Amerikaner gibt, ganz viele, die wissen, dass Trump für die Vereinigten Staaten eine Katastrophe wäre und für die Welt nebenbei auch. Die Führungsmacht des Westens in den Händen eines Mannes wie Donald Trump ist in der Tat ein Albtraum.
    Barenberg: Sie haben selbst erwähnt, dass auch in der Kampagne von Bernie Sanders und in dem Erfolg dieser Kampagne ein Element Anti-Establishment mitschwingt.
    Klose: Kräftig!
    Barenberg: Wird das Hillary Clinton zwingen, ihre eigene politische Linie so zu verändern, dass sie auch die Wähler von Bernie Sanders mit ins Boot holen kann?
    Klose: Viele Jüngere möchten mehr Teilhabe
    Klose: Sie muss das versuchen, aber das ist nicht ganz einfach. Denn Sanders, den ich übrigens persönlich kenne, der ein eher sehr angenehmer Gesprächspartner ist, der hat viele Leute insbesondere im Bereich der Jüngeren angesprochen, die unzufrieden sind mit der Entwicklung, die mehr Teilhabe möchten. Hillary Clinton ist eine Macherin. Das allerdings ist etwas, was die Amerikaner brauchen und was der westlichen Supermacht gut bekommt. Aber es über die Rampe zu bringen, sodass die Leute begeistert sind und glauben, das ist eine andere Geschichte. Ich glaube, dass Hillary Clinton das bringen kann. Sie hat wie gesagt im Verlauf der Kampagne dazugelernt. Sie sollte ein bisschen auf ihren Mann hören, der konnte das meisterhaft.
    Barenberg: Wenn bei Wahlen in den USA Charisma eine wichtige Rolle spielt und den Ausschlag geben könnte, ist das schon mal ein erster großer Vorteil für Donald Trump in dieser Auseinandersetzung?
    Klose: Na ja. Wissen Sie, bei Donald Trump gibt es ganz gegensätzliche Reaktionen. Er ist ein Mann, der Teile der Bevölkerung in der Tat begeistert und unterstützt in ihren Vorurteilen. Aber es gibt auch die ganz, ganz vielen Amerikaner, die sich abgestoßen fühlen von dieser Art Wahlkampfstil, und ich glaube und hoffe, dass am Ende sich die Vernunft durchsetzen wird. Amerika ist zu wichtig, als dass man es den Händen eines polemischen Verführers überlassen könnte, und Hillary Clinton hat den Vorteil, die Leute wissen jedenfalls, sie kann es. Sie kann es, und das ist wichtig.
    Barenberg: Wäre dann eine Präsidentschaft von Hillary Clinton, sollte es dazu kommen, so etwas wie eine dritte Amtszeit von Barack Obama mit Themen, die weiterverfolgt werden, die er aufgegriffen hat?
    "Eine Großmacht braucht verlässliche, berechenbare Führung"
    Klose: Das würde ich so nicht formulieren. Barack Obama war schon eine Einzelfigur und er hat am Ende eine Präsidentschaft geführt, die ich trotz mancher Enttäuschungen, die es bei mir auch gegeben hat, als groß bezeichnen würde. Er ist ein Mann, der in der Tat ein Intellektueller ist, der in der Lage ist, zu den Menschen so zu sprechen, dass sie es verstehen. Dieses persönliche Maß von Leidenschaft, von intellektueller Leidenschaft, das traue ich Hillary Clinton nicht zu. Sie ist ein anderer Typ. Sie ist kühler, sie ist, wenn man so will, berechnender, aber sie ist eben das, was man als Großmacht braucht. Man braucht eine verlässliche, berechenbare Führung und das ist Donald Trump nicht, und es gibt viele, viele Leute, die sich vor einem Präsidenten Donald Trump regelrecht fürchten.
    Barenberg: Die Einschätzung von Hans-Ulrich Klose heute Morgen hier im Deutschlandfunk. Vielen Dank.
    Klose: Nichts zu danken. Auf Wiederhören!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.