Sonntag, 14. August 2022

Abtreibungsurteil in den USA
Ein brutales Experiment am Leben von Millionen Menschen

Für Frauen in den USA bedeutet das Urteil des Supreme Court, das Recht auf Abtreibung aufzuheben, das Ende der Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Leben, kommentiert Doris Simon. Und es könnte noch einiges mehr kommen. Für die konservative Mehrheit am Obersten Gericht sei der Wortlaut der US-Verfassung maßgeblich.

Ein Kommentar von Doris Simon | 24.06.2022

Ein Gruppenfoto des US Supreme Court aus dem April 2021
Ein Gruppenfoto des US Supreme Court aus dem April 2021 (picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Erin Schaff)
Die Rücknahme eines individuellen Rechts nach fast 50 Jahren ist ein brutales Experiment am Leben von Millionen Menschen. Und wie immer in den USA trifft es am härtesten die weniger Reichen, die weniger Gebildeten, die, die sich am wenigsten wehren können.
49 Jahre lang hatten überall in den Vereinigten Staaten Frauen das Recht, ihre Schwangerschaft abzubrechen, die Epoche der gefährlichen Hinterzimmerabtreibungen war damit vorbei. Bis heute. Für Frauen in über zwei Dutzend US-Bundesstaaten bedeutet das Urteil das Ende der Selbstbestimmung über ihren Körper und ihr Leben.

Teilweise drakonische Strafen

Es wird wieder wie vor 50 Jahren: Wer Geld hat, wird eine Möglichkeit finden, in einem der übrigen US-Bundesstaaten die Schwangerschaft abbrechen zu lassen. Die meisten schwangeren Frauen, die sich nicht in der Lage sehen, ihr Kind auszutragen, werden es trotzdem bekommen müssen. Sie haben nicht das Geld und in der Regel nicht die Kenntnisse, um dafür anderswohin zu reisen. Hinzu kommen die teilweise drakonischen Strafen, die nicht nur Ärzten, sondern auch Frauen drohen.
Auf Unterstützung nach der Geburt können nur die wenigsten zählen: die Staaten, die Abtreibung verbieten, haben keine großzügigen Programme, die kinderreiche Familien unterstützen oder junge Frauen, die ihre Ausbildung oder Arbeit fortsetzen wollen. Armut gebiert hier Armut. Unter schwarzen und Latino-Frauen ist die Abtreibungsquote besonders hoch, aber schwarze Kinder werden selten adoptiert und bleiben oft jahrelang in trostlosen Waisenhäusern.

Folgen noch weitere Urteile?

Abtreibungsgegner haben auf diesen Tag seit Jahrzehnten hingearbeitet- und konservative Politiker im US-Kongress, die mit allen Mitteln sichergestellt haben, dass freiwerdende Richterstellen mit Abtreibungsgegnern besetzt werden. Nur so konnte das landesweite Recht auf Schwangerschaftsabbruch gekippt werden, nur über das Oberste Gericht. Denn eine Mehrheit gibt es dafür nicht, und das ist seit Jahrzehnten so. Die Abtreibungsgegner, so laut sie auch sein mögen, sind eine Minderheit in den USA.
Es könnte noch einiges kommen nach dem heutigen Urteil. Für die konservative Mehrheit am Obersten Gericht ist der Wortlaut der amerikanischen Verfassung maßgeblich, und da steht nichts zur Abtreibung und anderen gesellschaftlich relevanten Entscheidungen früherer Supreme-Court-Richter. Richter Thomas schlägt deshalb im aktuellen Urteil vor, sich auch andere Entscheidungen der Vorgänger genauer anzusehen.
Die Ehe für alle, seit sieben Jahren ein landesweites Recht in den USA, könnte als nächstes dran sein. Und so absurd es klingt, auch das Recht von Paaren, in den eigenen vier Wänden Verhütungsmittel zu gebrauchen. Das gibt es zwar noch länger als das Recht auf Abtreibungen - aber in der amerikanischen Verfassung kommt es auch nicht vor.
Porträt: Doris Simon
Porträt: Doris Simon
Doris Simon, geboren 1964 in Bonn, ist Deutschlandradio-Korrespondentin für die USA und Kanada. Nach ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und einem Studium der Geschichte, Politik und Kommunikation arbeitete sie als freie Journalistin für Fernsehen und Hörfunk in Bonn und Berlin. Für RIAS Berlin und später Deutschlandradio berichtete sie als Korrespondentin aus Bonn und Brüssel, sie hat als CvD und in der Programmdirektion im Deutschlandfunk gearbeitet und war viele Jahre Moderatorin und Redakteurin der „Informationen am Morgen“.