Freitag, 30. September 2022

Uwe Tellkamp: „Der Schlaf in den Uhren“
Proust von rechts

Knapp eine Million Exemplare hat Uwe Tellkamp vom 2008 erschienenen Bestseller „Der Turm“ verkauft. Nun erscheint sein Nachfolgeroman „Der Schlaf in den Uhren“ – und weil Tellkamp inzwischen als rechtsnationaler Intellektueller auftritt, gibt es viele Fragen an dieses neue Buch.

Von Jan Drees | 15.05.2022

Uwe Tellkamp: "Der Schlaf in den Uhren"
Uwe Tellkamp: "Der Schlaf in den Uhren" (Foto: picture alliance/Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa, Buchcover: Suhrkamp Verlag)
Biblisch, episch, kafkaesk beginnt dieser Roman, der hinabführt ins dunkle Bergwerk der politischen Dystopie. Es ist das Jahr 2015. Fabian Hoffman, eine von vielen Figuren aus Uwe Tellkamps „Der Turm“, nun Erzähler und Protagonist des jetzt erscheinenden Nachfolgers, arbeitet in den Katakomben der fiktiven Kohleninsel, einem unterirdisch-labyrinthischen Ort der sogenannten „Sicherheit“, die sich wie ein Spinnennetz aus den einstigen Fäden der „Stasi“ weitergesponnen hat – einflussreicher und mächtiger als je zuvor.
In dieser phantasierten Schaltstelle unserer politischen Ordnung ist Fabian Hoffmann als Lektor, Archivar und Texter in der „Tausendundeinenachtabteilung“ angestellt und vornehmlich mit einer gigantischen Chronik befasst, die anlässlich des 25. Jahrestags der deutsch-deutschen Wiedervereinigung erscheinen soll. Er, der Mann des Worts, sitzt inmitten eines babylonisch anmutenden Archivs der kulturellen, privaten, der gesellschaftspolitischen Erinnerungen und schreibt mit seinen Kollegen an einem ausufernden, mäandernden, niemals endenden Text.
 “Die Chronik genießt kein hohes Ansehen, selbst in der Tausendundeinenachtabteilung nicht, wir sind zu langsam, zu genauigkeitssüchtig, heißt es, ein direkter Nutzen ist nicht erkennbar, alle Jahre erscheint ein Stück der Chronik in Buchform und elektronisch, wem sollen diese Versuche, Wirklichkeit zu erfassen, etwas bringen, heißt es.“

Dem Verteidigungsministerium berichtspflichtig

Ein Ausschnitt dieser Chronik liegt nun unter dem Titel „Der Schlaf in den Uhren“ vor, und wer in dieses 900-seitige Erzählbergwerk fährt, wird mit einer nachgerade phantastischen Erzählung des 20. und 21. Jahrhunderts konfrontiert; gebildet aus unzählbar vielen, ebenso verworrenen wie verwirrendenden Szenen – von den 1950er Jahren bis jetzt, mit besonderem Augenmerk auf die Nachkriegsgesellschaft und –literatur von BRD und DDR, der Wendezeit von 1989/90, der Flüchtlingssituation in Deutschland ab dem Sommer 2015 und der privaten Verwicklungen des hier erzählenden Fabian Hoffmann. Einerseits, so stellt er sich vor, sei er Lektor besagter Chronik,
„andererseits bin ich Mitarbeiter des Flottenamts im Referat für Seeminen, Abteilung Bekleidung/Ausrüstung, doch löst sich dieser Widerspruch (oder Zwiespalt) bei näherer Betrachtung auf: die Chiffre 1001 findet man in den internen Berichten, wir gehören zur Kohleninsel, zur Sicherheit, und sind, wenigstens behauptet das der Dienstweg, dem Verteidigungsministerium berichtspflichtig.“

Für die Sicherheit ein Desaster

Fabian Hoffmann, kommt aus einem Dissidentenhaushalt. Der Vater, einst Toxikologe in der DDR, wurde vor seiner geplanten Republikflucht an die Staatssicherheit verraten – und wer ihn verraten hat, hofft sein Sohn seit vielen Jahren mithilfe der Tausendundeinenachtabteilung herauszufinden. Denn diese hat ihre Augen und Ohren überall, sie sollte über jeden staatlichen Vorgang genau Bescheid wissen. Die Abteilung ist mächtig, berät nicht nur Ministerien, sondern manipuliert über ihre Nachrichtenagentur auch die öffentliche Meinung, beispielsweise die Journalisten der „Wahrheit“ – gemeint ist vermutlich das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ – und der „TRAZ“ – augenscheinlich die „FAZ“ die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, zusammen bilden sie die Abteilungen „Außen Eins“ und „Außen Zwei“. Die ihnen vorgeschaltete Nachrichtenagentur, vermutlich ist hier die DPA gemeint,
„gibt Vorschläge nach draußen, aber was daraus wird, was davon in welcher Gestalt in der Außen Eins, der Außen Zwei erscheint, wird in der Außen Eins und Zwei entschieden. Obwohl sie zur Tausendundeinenachtabteilung gehören, haben sie Entscheidungsfreiheit, können weder Elisabeth noch der Colonel mit Anweisungen oder Befehlen arbeiten, das hätte kontraproduktiv gewirkt, wie Analysen zeigen, die Journalisten der ‚Wahrheit’ und der TRAZ stehen nicht in einem militärischen Dienstverhältnis und hätten Anweisungen von außen niemals akzeptiert, hätten sie wahrscheinlich sogar publik gemacht, das wäre für die Sicherheit ein Desaster gewesen, die Sicherheit muß, so gut es geht, unsichtbar bleiben.“

Schwer zu folgen, konfus konstruiert

Tragende Mauer dieses Romanungetüms ist also die Phantasie, eine übergeordnete, im Geheimen operierende Institution manipuliere staatlicherseits das Leben unseres Landes – und weil das alles so ungeheuerlich wie konfus klingt, kann über „Der Schlaf in den Uhren“ nur langsam sortierend gesprochen werden. Ansonsten wird man unrettbar in den Schlund dieses Ungeheuers gezogen. Es ist schwer, Tellkamps Geschichte zu folgen, noch schwerer, sie nachzuerzählen. Der Klappentext wirkt eindeutig, klar. Das Buch selbst hingegen ist verquast und verworren, es ist nicht leicht einen Sinn einzuziehen in das, was Tellkamp erzählt.
Das hier vorgestellte Land ist deutlich die Bundesrepublik, wird aber konsequent als „Treva“ bezeichnet, ist also eine phantasierte Version unseres Landes. Treva also, vermutlich abgeleitet von „tre via“, den drei Wegen der westlichen Besatzungsmächte nach dem Zweiten Weltkrieg, zugleich auf den romfeindlichen, keltischen Volksstamm der Treverer verweisend. Diesem Volksstamm verdankt Deutschlands älteste Stadt Trier ihren Namen – und ist nur eines von vielen ersten Phänomenen, die im Roman angespielt werden.

Löschfahrzeuge als Brandbeschleuniger

In Tellkamps Treva hat sich die Nomenklatura der einstigen DDR festgesetzt. Feinde wurden zerstört, bekehrt oder gekauft. Einige von denen, die 1989 auf die Straße gingen, um zuerst „Wir sind das Volk“ und dann „Wir sind ein Volk“ zu skandieren, sitzen nun mit ihren Schäfchen im Trocknen. Darunter auch Fabians damalige Freundin Anne.
„In der vogtländischen Stadt Plauen hatte es eine Demonstration gegeben, Anne hatte über Megaphon zu Besonnenheit, zu Gewaltfreiheit aufgerufen. Die Berufsfeuerwehr bekam den Befehl, die Demonstranten mit Löschfahrzeugen auseinanderzutreiben, was viele unbeteiligte Menschen so erbitterte, daß sie sich dem Demonstrationszug anschlossen.“
Später wird Anne, bekanntlich das türkische Wort für „Mutter“, tatsächlich zur Mutter, genauer zur „Mutti“ der Nation Treva. Gemeint ist im kalauernden Sinne des Romans Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, die nicht 1989 in Plauen, sondern 2015 in der Bundespressekonferenz zur Besonnenheit angesichts der damaligen Flüchtlingssituation aufgerufen hat.

2018: Kontroverse um Tellkamp

Zu den Quellen

Wenn Tellkamp also von den Montagsdemonstrationen spricht, denen sich immer mehr verbitterte Menschen anschließen, meint er spiegelbildlich die Pegida-Aufmärsche, die nach Angela Merkels berühmt gewordenem Ausspruch „Wir schaffen das“ Zulauf bekamen. In der Allegorese Tellkamps wird also „Wir schaffen das“ verglichen mit Feuerwehrfahrzeugen – die bekanntlich Brände löschen, so wie die Beschwichtigung von Bundeskanzlerin Merkel damals versucht hat, ein sich ausbreitendes Feuer einzudämmen. Doch in der Logik des Romans hat eben dieser Satz den Brand erst entfacht und wie besagte Löschfahrzeuge die Menschen auseinandergetrieben. Die Szene steht beispielhaft für die Sichtweise von Tellkamps „Der Schlaf in den Uhren“, der anhand bildlicher Beschreibungen zeigen will, in welcher Weise sich unter Angela Merkels Führung die Ordnung des Staates und des Alltags, in welcher Weise sich Ordnungen überhaupt entfalten – und wo die Wurzeln, die Quellen dieser Ordnungen liegen.
“Ad fontes, heißt es immer wieder, zu den Quellen“.

Schiffssegel, Seeminen und Rasiermesser

Dieses Zu-den-Quellen-Gehen wird Tellkamp-typisch als Mosaik gezeigt. Nur mit fortschreitender Lektüre ahnt man, welches Bild dieses von Hauptfigur Fabian Hoffmann vorgestellte Mosaik zeigt, warum wild durcheinander Privates aus den 1980er Jahren, medienkritische Annotationen zu Konrad Adenauer, die Literaturgeschichte der jungen Bundesrepublik im Spannungsverhältnis zur DDR bruchlos zusammengebracht werden. Wieso die zahlreichen Treffen, Demonstrationen und Debatten während der Wendezeit 1989/90 gezeigt werden, dann wieder zurückspringend die inhaltspolitischen Diskurse des DDR-Verlagswesens, unterbrochen von seitenlangen Referaten über verschiedene Schiffssegel, über Seeminen und Rasiermesser.
„Sie lagen im Licht und schimmerten matt, die Messer von ‚Wade & Butcher’, Sheffield, ‚Thiers-Issard’ aus Frankreich, deren bissige Schärfe sie für Anfänger ungeeignet macht, die Kamisori aus Japan und die ‚Filarmónica’-Klingen von José Monserrat Pou aus Barcelona, geschmiedet aus Toledostahl, wie er auch für Stierkämpferdegen verwendet wurde.“

Ein Werk rechter Gegenwartsliteratur

„Der Schlaf in den Uhren“ ist eine Chronik, in der nahezu alles erfasst wird, nichts unwichtig erscheint, kein Erlebnis, keine Mitschrift, kein Dokument. Fabian Hoffmanns Suche nach den Verrätern seiner Eltern und seiner Schwester ist auch die Suche nach einer verlorenen Zeit, dargeboten in langen, gedrechselten, teilweise überästhetisierten und -konstruierten Sätzen. „L'art pour l'art“, Kunst für die Kunst, könnte man denken. Doch es geht nicht allein um Kunst, es geht in und mit „Der Schlaf in den Uhren“ um die Wirklichkeit, genauer: die Deutung der Wirklichkeit von Kräften, die bisher keine nennenswerte literarische Stimme hatten, wie AfD, NPD, Pegida, Legida, Thule-Seminar.
Der überbordende Gestaltwille dieses Romans formuliert offensichtlich den Anspruch, das erste ästhetisch relevante Werk rechter Gegenwartsliteratur zu sein, ein nationalkonservatives Stimmungs- und Gesinnungsbild, dessen Malweise auf Seite 532 formuliert ist, wenn der Schriftsteller Karl Philipp Moritz zitiert wird, Autor des berühmten „Anton Reiser“, enger Freund Johann Wolfgang von Goethes.
“Wer sich zum eigentlichen Beobachter des Menschen bilden wollte, der müßte von sich selber ausgehen: erstlich die Geschichte des eignen Herzens von seiner frühesten Kindheit an sich so getreu wie möglich entwerfen, auf die Erinnrungen aus den frühesten Jahren der Kindheit aufmerksam sein, und nichts für unwichtig halten, was jemals einen vorzüglich starken Eindruck auf ihn gemacht hat, so daß die Erinnrung daran sich noch immer zwischen seine übrigen Gedanken drängt.”

Literatur aus, über und in der DDR

Fluchtplan der Eltern

Eben diese „Geschichte des eigenen Herzens“ zeigt Tellkamps Roman am Beispiel seines Helden und Alter Egos Fabian Hoffmann. Durch ihn gehen die Zeiten, die Kindheit und Jugend in der DDR, die Historie eben dieses Landes, dann der Aufbruch zu neuen Ufern im wiedervereinigten Treva bis zur Flüchtlingssituation ab 2015. Es gibt zahlreiche Szenen, die einzeln für sich stehend beeindruckend sind. So wird geschildert, wie Hoffmanns Eltern ihre geplante Fluchtroute Anfang der 1980er mit Einrichtungsgegenständen und nur scheinbar unverdächtigen Wandbildern in der eigenen Wohnung nachgebaut haben – und wie der Gang durch diese dreidimensionale Karte in einem Lied festgehalten wird.
„All die im Wohnzimmerlied besungenen Dinge hatten eine Mitte, den Tisch. Der Tisch hatte eine Glasplatte, und unter dieser Glasplatte lag offen der zweite Teil des Fluchtplans meiner Eltern. Es war eine aus Seidenschnur gehäkelte runde Decke, einen Meter im Durchmesser“.

4000 Euro für fünf Kilometer Fluchtroute

Auch ist es durchaus packend, wie die Situation der 1989 aus der DDR nach Prag, in die Deutsche Botschaft entkommenden Flüchtlinge geschildert wird. Diese Schilderungen werden mehrere hundert Seiten später mit dem überfüllten Flüchtlingslager auf der griechischen Touristeninsel Samos kontrastiert. Dort ist Fabians Onkel Christian, eine der Hauptfiguren aus „Der Turm“, im Jahr 2015 auf Urlaub. Er kommt mit einem Afrikaner ins Gespräch, der angibt, er habe teuer für seine Überfahrt bezahlt – was Christian Hoffmann seltsam erscheint.
„Ich denke über den Mann und seine Geschichte nach. Wieso muß er 4000 Euro für ein Schlauchboot mit Motor bezahlen, und wozu braucht er einen Schlepper für die fünf Kilometer von Bodrum nach Kos?“
Christian Hoffmann zeigt Mitleid, wirbt unter den Urlaubern für eine Hilfsaktion. Doch es bleibt der Eindruck, den sein Zweifel gesät hat – ist die Geschichte des Geflüchteten wahrscheinlich? Der Deutsche erscheint hier als Naivling, der manipuliert wurde. Permanent werden solche Bilder gegeneinander geschnitten.

Neue Sächsische Weltchronik

Es wird angedeutet und evoziert. Dazwischen stehen Goethe, Proust, eine mehrseitige Abhandlung zu Thomas Manns „Der Zauberberg“. Darunter macht es dieser Roman nicht, der – wie gesagt – eine Chronik sein will, die Leben und Geschichte Trevas abbildet. Zugleich ist „Der Schlaf in den Uhren“ eine der unverständlichsten Chroniken, die je geschrieben wurden. Ihr Mittelpunkt mag eine paralogische Variante von Tellkamps Geburtsstadt Dresden sein, doch ist es leichter der auf Mittelhochdeutsch verfassten „Sächsischen Weltchronik“ zu folgen, der ersten deutschsprachigen Prosa-Chronik, als dieser neuen „Sächsischen Weltchronik“, die Tellkamp zusammengestellt hat.
Wer sein Buch nicht als durchsuchbaren Digitaltext vorliegen hat, wird sich schwerlich orientieren, höchstwahrscheinlich nicht einmal den einzigen Spannungsplot sehen können, die Suche Fabian Hoffmanns nach den Verrätern seiner Eltern. Um zu erhellen, welche Wirkung dieses Buch entfalten möchte, lohnt zunächst, seinem Titel zu folgen. An einer Stelle heißt es:
“wenn die Uhren Schlaf und im Schlaf Aufstehen befahlen, nimm deinen Platz ein in der Mühle, zieh im Kreis und leb dahin, dem Tod entgegen, so verkreiselten Jugend, Reife, Alter, so kamen und gingen die Tage im vierzigsten Jahr der Republik, so klopften die Nächte an, kaum daß es Morgen war, so endete der Frühling und hatte keine Erinnerung,”

Ruft die Uhr, ist er bereit

Tellkamp, Enkel eines sächsischen Uhrmachers, ist seit jeher von Uhren fasziniert. Aufgrund dieser Faszination sind Uhren bei ihm nicht bloß technische Apparate, sondern informierte Gegenstände mit Eigenschaften, mit einem Charakter. Der Schlaf ist im Sinne des Romans die bleierne Zeit der DDR, das lange Schlummern vor der Wende im Jahr 1989, als das Volk erwachte und auf die Straße ging. Der Schlaf bezieht sich ebenso mindestens auf die Zeit, bevor deutsche Bürger bei Pegida- und ähnlichen Demonstrationen auf die Straße gingen. Doch sind längst nicht alle erwacht, man denkt unweigerlich an den pejorativen Begriff der sogenannten „Schlafschafe“. Damit ein Volk aus Schlafschafen erwachen kann, braucht es eine Uhr. Diese Uhr wird von einem Uhrmacher gebaut – und dass Tellkamp den Künstler als eben diesen Uhrmacher sieht, erhellt die kleine, poetologische Schrift „Die Uhr“, 2010 erschienen in der Edition Eichthal. Da steht:
“Der Uhrmacher wird von der Uhr geboren, von Uhrmachern erzogen. Der Uhrmacher wird früh aufstehen, denn das Ticken ist ihm Mahnung genug. Ruft die Uhr, ist er bereit.“
Daran anschließend beschreibt er auf wenigen Seiten, dass der Uhrmacher seine Kunst „wach betreten und wach verlassen“ soll. Zudem sei Rechtfertigung “keine Kategorie der Uhr“, es sei nämlich so:
„der Uhrmacher besitzt den Mut, die Stufen, die zu seinen Überlegungen führen, nicht in die Uhr einzubauen.“

Von der Mine zur Meinung

In summa kann man „Der Schlaf in den Uhren“ als künstlerischen Nachhall jener Äußerungen verstehen, die Tellkamp im Jahr 2018 formulierte, als er davon sprach, dass die aus Afrika nach Europa kommenden Flüchtlinge zu 95 Prozent eben keine Schutzbedürftigen, sondern lediglich Männer auf der Suche nach einem besseren Sozialsystem seien. Auch sprach er damals vom aktuellen „Gesinnungskorridor zwischen gewünschter und geduldeter Meinung.“ Seine Meinung sei beispielsweise „geduldet, erwünscht ist sie nicht.“
Ähnliche Überlegungen formuliert auch sein Held Fabian Hoffmann, der am Anfang des Buchs über Seeminen nachdenkt und von diesen Minen schnell zu den Meinungen kommt. Es geht in diesem Absatz um Minen, die sich losgerissen haben und scharfgestellt als sogenannte Schläfer durch die See treideln. Hoffmann nennt sie Abweichler. Lagen die Abweichler-Minen lange „unbehelligt im warmen Strom der applaudierten Meinungen“, so würden sie, einmal losgerissen, in tiefere, dunklere, nahrungsärmere Gewässer gezwungen.
“Der Abweichler ist nun auf Abstand zu den applaudierten Meinungen und ihren Geburtskanälen, den sogenannten Hauptstrommedien, und innerhalb der Hauptstrommedien zu den Statthaltern des Hauptstroms. Sie lassen die abweichende Position nicht auf der sogenannten Augenhöhe gelten, sondern strafen sie mit sozialer Verachtung, was den Abweichler in die Position des Grüblers und psychisch Herausgeforderten versetzt. Schwächere Vertreter des Abweichlertypus knicken ein oder resignieren, die Grundmine gräbt sich in den Schlick und wird von Seepflanzen überwachsen. Stärkere Vertreter halten die Stellung, warten auf Beute.“

Literatur im Alarmmodus

Dieser kleine Ausschnitt steht prototypisch für die verworrene Erzählung von Tellkamps „Der Schlaf in den Uhren“. Doch die Allegorese ist als politische Stellungnahme misslungen. Die Mine unterscheidet sich von der Meinung dadurch, dass sie passiv ist, die Meinung hingegen – ob gedacht oder geäußert – ein aktives Momentum hat. Und was soll die abschließende Unterscheidung von schwacher und starker Mine aussagen – auf welche Beute wird hier gewartet? Offensichtlich will der Roman eine Art Weckruf sein, eine Uhr im Alarmmodus, eine losgerissene Mine. Schon 2020 schreibt Tellkamp in seinem kleinen Essay „Das Atelier“, erschienen in der rechtskonservativen „edition buchhaus loschwitz“:
„Ich verachtete die Gutwetter-Geschmeidigen, Rectum-Puderbüchsen auf zwei Beinen, Charakterbettler, Daseins-Quallen, Harmonie-Harfner, die Feuilletonlyriker und Gefälligkeitsschnitzer, hübsch artig in der Prosa, nett in den Pinseln, vernünftig in der Oper, ja nichts riskieren, ja nicht aufs Große Ganze, und ja kein Pathos, da kriegst du Dresche von denen, die bei allem, was nicht durchironisiert ist, gleich den gereckten Arm sehen.“

Auf brackigem Grund

In diesem kleinen, zwischen Dichtung und Wahrheit changierenden Essay wird auch über den Historiker Hans Dieter Schäfer gesprochen, dessen Buch „Das gespaltene Bewußtsein“ 1981 die Alltagswelt des Dritten Reichs untersucht und bisher verborgene Kontinuitäten entdeckt hat. So gab es im nationalsozialistischen Deutschland bis 1940 Hollywoodfilme, bis 1942 Coca-Cola und bis 1945 Swing-Musik.
Diese Alternativbetrachtung der NS-Zeit machte Anfang der Achtziger Jahre international Furore, und dass Uwe Tellkamp mit seinen Mosaiksteinchen ebenfalls eine Alternativerzählung anbieten möchte, ist nun offensichtlich. Sein Werk, das neueste insbesonders, ist eine epische, verschwörungstheoretisch mäandernde Alternativerzählung von rechts. Ein interessantes Projekt, literarisch vergeigt. Mitnichten ist „Der Schlaf in den Uhren“ ein Weckruf, er ist auch kein Aufreger, sondern vielmehr ein fast Zweipfund schwerer Stein, der ins Wasser geworfen rasch niedersinkt, um auf brackigem Grund davon zu träumen, eine scharfgestellte Seemine zu sein.
Uwe Tellkamp: „Der Schlaf in den Uhren“
Suhrkamp Verlag, Berlin. 908 Seiten, 32 Euro.