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StartseiteGesichter EuropasWem gehört die Insel Poveglia?04.11.2017

Venedig und die Touristen (1/5)Wem gehört die Insel Poveglia?

Rückzugsorte für Venezianer sind rar geworden. Die Insel Poveglia sollte an einen großen Investor verkauft werden, wie viele andere Inseln der Lagune, die zu einem Luxusresort umgewandelt wurden. Doch eine Bürgerinitiative hat sich gegen den Verkauf Poveglias gewehrt.

Von Kirstin Hausen

Stadtansicht Venedig - Ansicht vom Strand auf das Hotel Westin Excelsior Venice Lido Ressort auf der Insel Lido am 11.07.2008 (picture alliance / S. Stache)
In Venedig werden immer mehr Inseln touristisch erschlossen und Einheimische de facto verdrängt. Als die verwilderte ehemalige Krankenhaus-Insel Poveglia versteigert werden sollte, leisteten die Venezianer Widerstand (picture alliance / S. Stache)
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Unterwegs in Venedig Feindbild Tourist

Strahlender Sonnenschein, kein Wind und kaum Boote auf dem breiten Kanal, der die Insel Giudecca von Venedig trennt. Ideale Bedingungen für einen Ausflug in die Lagune. Marco Rugliancich stellt sich gerne als Bootsführer zur Verfügung, wenn ihn der Verein "Poveglia per tutti", "Poveglia für alle" darum bittet.

"Durch den Verein habe ich eine Zivilgesellschaft wiederentdeckt, die sich engagiert, das fehlte mir in Venedig. Dieses Schutzprojekt für die Insel Poveglia hat mich in Kontakt gebracht mit vielen Menschen, die Lust haben, sich einzusetzen und aktiv zu werden."

Einer davon ist Lorenzo Pesola, der Vereinspräsident. Mitte 40, raspelkurzes Haar, durchdringender Blick, Architekt von Beruf.

Mit Tramezzini, dick belegten Weißbrotdreiecken, und einer großen Flasche Wasser im Rucksack legen die beiden Männer ab. Lorenzo hat kein eigenes Boot, er sei auch kein richtiger Venezianer sagt er:

"Ich bin ein Adoptiv-Venezianer. Seit 1993 lebe ich hier, aber das reicht natürlich nicht, um als echter Venezianer durchzugehen. Dafür müssen deine Vorfahren auf der Friedhofsinsel San Michele begraben sein."

Manche Inseln in der Lagune sind reine Hotel-Inseln

Vor dem Boot tauchen rechts und links kleine Inseln auf.

"Diese Insel hier heißt Le Grazie. Sie soll ein Luxusresort werden so wie die Insel dort drüben, San Clemente. Auf San Clemente wurden früher psychisch Kranke untergebracht. Heute ist sie eine reine Hotelinsel, fünf Sterne natürlich. Und auf der Insel Sacca Sessola, die in Insel der Rosen umgetauft wurde, hat sich die Hotelkette Marriott eingerichtet. Dort hinten sieht man Santo Spirito. Die Insel wurde vor einigen Jahren für einen Spottpreis verkauft und es entstand eine Siedlung mit Luxus-Wohnungen, die von Ausländern wenige Monate im Jahr bewohnt werden."

Lorenzo hat die Hände zu Fäusten geballt. Was er von dieser Entwicklung hält, ist klar:

"Als Poveglia, die Insel, zu der wir jetzt fahren, zum Verkauf angeboten wurde, drohte ihr dasselbe Schicksal und das war auch der Grund warum sich so viele darüber empört haben."

Ein traditioneller Rückzugsort für Venezianer

Auch Marco. Poveglia liegt ihm am Herzen. Als Kind verbrachte er unbeschwerte Sonntage auf dem Eiland, das im 18. Jahrhundert als Quarantänestation und Lazarett für Pestkranke gedient hatte. Später kamen Cholera-, noch später Tuberkulosepatienten. 1968 wurde das Krankenheim geschlossen und die Insel verwilderte. Für die Venezianer wurde Poveglia zu einem Rückzugsort in der Lagune, wo man noch unter sich war, weil sich keine Touristen dorthin verirrten.

Das Boot nähert sich der achteckigen Festungsinsel, die Poveglia vorgelagert ist.

Lorenzo sagt, die Festung sei aus dem 16. Jahrhundert, Marco hält sie für älter. Zumindest den Grundriss. Er steuert auf einen Anlegepfahl zu, den er selbst in den Lagunengrund gerammt hat.

"Wir vom Verein haben diese Pfähle angebracht, damit hier Boote anlegen können. So um die 50 Pfähle sind es."

Insel sollte an den Meistbietenden gehen

Lorenzo springt vom Boot und folgt einem Saumpfad ins Innere der Insel.

Den Pfad hat der Verein angelegt. Dazu Schilder über die Flora und Fauna aufgestellt. Bäume gepflanzt. So als gehöre die Insel dem Verein. Ganz so ist es aber nicht.

"Im März 2014 verbreitete sich die Nachricht, dass Poveglia versteigert werden sollte. Um mitzubieten, reichten 10.000 Euro. Die Idee der Staatsbeamten war, dass der Markt den Wert der Insel bestimmt. In nur 40 Tagen hat sich unser Verein gegründet und wir haben eine halbe Million Euro gesammelt."

Ein sensationelles Ergebnis für ein lokales Crowdfunding-Projekt und eine tolle Geschichte für die Medien. Plötzlich wurde der Kampf der Venezianer um ihre Insel weit über Italien hinaus bekannt.  Internationale Hotelketten zogen es vor, sich nicht an der Versteigerung zu beteiligen, sie fürchteten schlechte Presse.

Staat zieht Notbremse bei Verkauf

"Schliesslich hat nur ein Unternehmer aus Venedig ein Gebot eingereicht. 513.000 Euro hat er geboten. Unser Verein hat ihn nicht überboten, weil er sonst sein Gebot hätte steigern können und dann wäre die Insel an ihn gegangen. So aber konnte er nicht noch mehr bieten, und der italienische Staat hat entschieden, dass 513.000 Euro zu wenig sind."

Der Unternehmer wurde also nicht Inselbesitzer. Dafür aber Bürgermeister von Venedig. Italienische Widersprüche. Poveglia ist nach wie vor im Besitz des Staates. Der Bürgerverein kämpft um eine Art Sorgerecht für die Insel und ist bereit, das gesammelte Geld in die Restaurierung des Krankenhauses zu investieren, das auf der Insel langsam verrottet.

Lorenzo Pesola (links) und Marco Rugliancich vom Verein "Poveglia für alle" (Deutschlandradio / Kirstin Hausen)Lorenzo Pesola (links) und Marco Rugliancich vom Verein "Poveglia für alle". Poveglia war einmal eine Krankenhaus-Insel (Deutschlandradio / Kirstin Hausen)

Lorenzo will sich mit Marco heute den Zustand des Hauptgebäudes ansehen. Der Pfad ist von Brombeerbüschen gesäumt.

"Die Brombeeren schmecken hervorragend, wir machen aus ihnen Marmelade. Aber die Sträucher wachsen sehr schnell und müssen regelmäßig geschnitten werden, sonst ist bald wieder alles überwuchert, was wir freigelegt haben.

Verein will Insel bepflanzen und vielleicht wiederbesiedeln

"Als das Krankenhaus noch aktiv war, wurde hier Obst und Gemüse angebaut. Wir wollen das wiederaufleben lassen, indem wir auf der ganzen Insel Obstbäume anpflanzen. So können die Venezianer hierherkommen und das Obst ernten und essen. Wer Poveglia besucht, um Kirschen zu pflücken und zu essen, empfindet diese Insel als seine Insel."

Das ist der erste Schritt. Der zweite ist eine Nutzung der Insel, ihrer Gebäude. Vielleicht sogar eine Wiederbesiedlung. Lorenzo beschleunigt seinen Schritt, dann steht er vor einem mit Efeu bewachsenen Haus mitten im Grünen. Marco inspiziert kritisch das Mauerwerk.

"Wie früher üblich bestand das Krankenhaus aus einzelnen Gebäuden, die sich über einen Park verteilen. Einige sind eher klein, wie dieses, vor dem wir stehen. Oder auch das des Hausmeisters, das vollständig zerstört ist, das Dach ist eingestürzt."

Poveglio soll wieder leben, aber nicht vom Tourismus

Die Fensterscheiben sind zerbrochen, die Bodenfliesen haben Sprünge und Risse. Viel Arbeit wartet hier. Aber das schreckt Marco und Lorenzo nicht ab.

Die beiden Männer steigen über die aus den Angeln gefallene Tür, schmieden Pläne. Der Verein hat Geld und viele Mitglieder, die sich ehrenamtlich engagieren. Darunter Handwerker, Gärtner, Architekten wie Lorenzo. Poveglia soll wieder leben, und zwar nicht vom Tourismus, das ist das Ziel.

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