Venezuela
Zum Erdbeben kommt auch noch Missmanagement

Nach schweren Erdbeben in Venezuela wächst die Kritik am ineffektiven Krisenmanagement der Regierung. Die Katastrophe zeigt, wie fern wirtschaftlicher Aufschwung und politischer Neuanfang noch sind.

    Zwei zivile Helfer vor den Trümmern von während des Erdbebens in Venezuela zerstörten Häusern.
    Viele Venezolaner kritisieren Behördenversagen und die langsame Bergung der Toten – Familien versuchen selbst, die Leichen ihrer Angehörigen in den Trümmern zu finden. (picture alliance / Nexpher Images)
    Das schwere Erdbeben trifft Venezuela hart – in einer ohnehin schwierigen Übergangsphase. Die Wirtschaft befindet sich im Niedergang, die politische Zukunft ist unklar: Im Januar hatten die USA bei einer Militäroperation Venezuelas autoritären Machthaber Nicolás Maduro gefangengenommen. Seitdem hat Vizepräsidentin Delcy Rodríguez im dem Land das Sagen.
    Doch viele Venezolaner hoffen auf einen wirtschaftlichen wie politischen Neuanfang und freie Wahlen. Das Beben hat diese Hoffnungen nun stark gedämpft. Die Katastrophe ist ein Stresstest für die neue Regierung – vielerorts wird die mangelnde Unterstützung durch Behörden kritisiert, die obendrein freiwillige Helfer und zivile Hilfsaktionen behindern.

    Inhalt

    Erdbeben mit verheerenden Folgen

    Am 24. Juni erschütterten zwei starke Erdbeben den Norden Venezuelas. Am schwersten wurde der Bundesstaat La Guaira nördlich der Hauptstadt Caracas getroffen. Laut venezolanischer Regierung liegt die Zahl der Todesopfer inzwischen bei über 3.500, weit über 16.000 Menschen wurden demnach verletzt. Zehntausende werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen noch vermisst.
    Vermutlich sind mehr als 58.000 Gebäude beschädigt oder zerstört, so die US-Raumfahrtbehörde NASA. Deswegen sind viele Menschen obdachlos, sie schlafen in Notunterkünften – oft ohne Zugang zu sauberem Wasser und unter schlechten sanitären Bedingungen, was den Ausbruch von Krankheiten begünstigen könnte.

    Schlechtes Krisenmanagement fördert die Wut

    In Teilen der Bevölkerung wächst nun die Wut. Denn die Beben legen die mangelnde Leistungsfähigkeit des Staates offen, so Phil Gunson von der Crisis Group Venezuela: Der Regierung mangele es in der Katastrophe an Führung und Koordination.
    Auch die Hilfsorganisation Caritas International bezeichnet das Krisenmanagement der Übergangsregierung als „Desaster“: Hilfskräfte würden behindert, zivile Helfer seien auf sich allein gestellt und Behörden überfordert.
    Nach dem Beben hatte das Militär die am schwersten betroffene Region La Guaira teilweise abgeriegelt: zum Schutz von Rettungswagen und aus Sicherheitsgründen, so die offizielle Begründung. Viele Freiwillige müssen sich seitdem registrieren, um Spenden, Lebensmittel und Arbeitskraft anzubieten – doch die Registrierungsstellen sind meist geschlossen. Vor Ort fehlt Hilfsorganisationen zufolge auch schweres Gerät zur Trümmerbeseitigung.

    Rückschlag für eine bereits marode Wirtschaft

    Das Beben trifft das Land in einer ohnehin schwierigen wirtschaftlichen Lage. Zwar hat Übergangspräsidentin Rodríguez den Ölsektor für internationale Unternehmen geöffnet. Doch die Förderanlagen des Landes sind marode. 20 Jahre lang wurde kaum investiert, sagt der venezolanische Wirtschaftswissenschaftler Oswaldo Felizzola.
    Etwa 100 Milliarden US-Dollar müssten US-Analysten zufolge in Reparaturen gesteckt werden. Das Weiße Haus hat einen Fonds eingerichtet und verwaltet die Gelder, die im Ölsektor in Venezuela erwirtschaftet werden. Sie fließen gezielt in den Wiederaufbau der venezolanischen Erdölindustrie. Doch Felizzola warnt: Der Ölmarkt werde künftig kleiner. Venezuela müsse eigentlich neue Wirtschaftszweige etablieren, beispielsweise in erneuerbare Energien investieren.
    Der Weg zu Aufschwung und Wachstum ist jedenfalls noch weit. Derzeit leben rund acht Millionen der insgesamt 28 Millionen Menschen in Venezuela dem katholischen Hilfswerk Misereor zufolge unter der Armutsgrenze. Der Mindestlohn liegt aktuell bei etwa 240 US-Dollar im Monat.

    Der demokratische Wandel bleibt aus

    Viele Venezolaner sind enttäuscht, dass sich im Land so wenig bewegt. Sie wünschen sich einen Regierungswechsel, freie Wahlen sowie bessere Löhne und Renten.
    Dabei war nach dem Sturz Maduros in Venezuela zunächst eine neue Offenheit zu spüren. So verkündete Delcy Rodríguez im Februar 2026 ein Amnestiegesetz: politische Gefangenen sollten freigelassen werden – der venezolanischen Menschenrechtsorganisation Foro Penal zufolge waren dies Anfang 2026 etwa 860 Menschen.
    Doch Ende April hat die Regierung das Amnestiegesetz wieder ausgesetzt. Die Begründung: Es habe seine Funktion erfüllt. Noch immer sind laut Foro Penal fast 400 politische Gefangene inhaftiert.
    Auch wann es Neuwahlen gibt, steht in den Sternen. Rodríguez hat Maduro-treue Minister entmachtet und eigene Vertraute eingesetzt: Sie ist seit Januar 2026 geschäftsführende Präsidentin. Eigentlich sieht Venezuelas Verfassung vor, dass bei Abwesenheit des Präsidenten innerhalb von 180 Tagen Neuwahlen ausgerufen werden. Ein demokratischer Wandel sei aber nicht abzusehen, sagt Anaís Plaza, sozialdemokratische Abgeordnete in der Nationalversammlung.

    Onlinetext: Catherine Shelton / Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen