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StartseiteWirtschaft und GesellschaftWarum der homo oeconomicus nicht an Verschwörungen glaubt28.05.2021

Verhaltensökonomie Warum der homo oeconomicus nicht an Verschwörungen glaubt

Menschliche Entscheidungen weichen von rationalen Wirtschaftstheorien ab. Warum das so ist, untersucht die Verhaltensökonomik – und bezieht dabei Emotionen und Überzeugungen mit ein, die uns etwa zur Wahl eines Impfstoffes oder zum Kauf eines Produkts bewegen.

Von Silke Hahne

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Schriftzug am Gebäude des Institut der deutschen Wirtschaft Köln (imago/Horst Galuschka )
Auch bei Impfstoffen spielen Verschwörungsmythen eine Rolle, sagen die Autoren der IW-Studie (imago/Horst Galuschka )
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Der homo oeconomicus würde niemals einer Verschwörungstheorie anhängen. Er hätte genug Zeit und mentale Kapazität, um alle Fakten und Diskussionen gründlich zu untersuchen, schreiben die Autoren einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zu Verschwörungsmythen. Die Krise aber, erklärt Verhaltensökonom Dominik Enste, wirft den echten Menschen auf sein Bauchgefühl zurück:

"Die Krise, wie wir sie jetzt erlebt haben, die aus heiterem Himmel gekommen ist; wir hatten jahrelanges Wirtschaftswachstum und man hatte nicht das Gefühl, dass irgendetwas dieses bremsen könnte, hat dazu geführt, dass wir eben stärker unser nichtrationales Entscheidungsverhalten aktiviert haben. Das führt dazu, dass wir uns sehr viel leichter auf sogenannte Heuristiken oder Biases hereinfallen, also auf vereinfachte Denk- und Entscheidungsmuster, die uns helfen, gerade in komplexen Situationen, sehr schnell Entscheidungen zu treffen."

Fehleranfälliger Überlebensmodus

Diese uralten Muster bewahren uns eigentlich davor, handlungsunfähig zu werden. Dieser Überlebensmodus ist aber fehleranfällig. Korrelation und Kausalität werden oft verwechselt – also bloße Begleiterscheinungen mit tatsächlichen Ursachen. Bei Verschwörungstheorien wird das oft gezielt vertauscht. Außerdem verlässt sich der Mensch bei schnellen Bauchentscheidungen eher auf Informationen, die der eigenen Meinung entsprechen und überschätzt sein eigenes Urteilsvermögen.

Nicht alle Menschen sind dafür gleich anfällig. Weder ein hoher Bildungsgrad noch Wohlstand schützen davor, auf Verschwörungen reinzufallen. Auch ob man in einer kapitalistischen Gesellschaft lebt oder in einer sozialistischen spielt keine große Rolle. Entscheidend ist vor allem, ob man das Gefühl hat, die Kontrolle über das eigene Leben zu haben, so Dominik Enste.

"Und da zeigt sich sehr stark, dass Menschen die generell eher schon fürchten, von außen gesteuert zu sein, dass die sehr viel empfänglicher für Verschwörungserzählungen sind. Weil sie darüber ein Stück weit selber auch aus der Selbstverantwortung herauskommen und dann einem anderen Verantwortung zuschieben können. Und darüber dann auch ihre Unsicherheit vermindern können, weil sie sagen können: ich kann ja eh nichts machen."

Gefahr für die Gesellschaft und Volkswirtschaft

Für den einzelnen kann sich das sogar erstmal positiv auswirken: Es kann beruhigend sein, einfache Antworten zu haben. Langfristig führt der Abschied von einer gemeinsamen Diskussionsgrundlage aber eben auch in die Isolation, beziehungsweise in die Filterblase – und damit zu einer gesellschaftlichen Spaltung. Hierin sieht die Analyse dann auch die potenzielle Gefahr für die Gesellschaft und die Volkswirtschaft.

"Wenn solche Entwicklungen stärker zunehmen, kann es dazu führen, dass wir dann auch im Wahlkampf heftiger übereinander herfallen und dann am Ende die politische Willensbildung schwieriger ist – damit die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sich verschlechtern, die Verlässlichkeit Deutschlands als politischer Partner, auch als Wirtschaftspartner, geringer wird. Und wir dadurch am Ende eben auch nicht nur als Einzelner sondern auch als Gesellschaft Wohlstandseinbußen hinnehmen müssen."

In der Corona-Pandemie kann außerdem ein volkswirtschaftlicher Schaden entstehen, wenn sich nicht ausreichend viele Menschen impfen lassen wollen und dadurch etwa Lockdown-Maßnahmen länger anhalten. Laut der Universität Erfurt waren im April etwa zwei Drittel der Bevölkerung bereit, sich impfen zu lassen.

Notwendiges Chancen-Risiko-Verhältnis

"Natürlich hilft es dann nicht, wenn Sie beispielsweise bei Johnson und Johnson lesen: das ist für Menschen, die keinen Wohnsitz haben, die man nicht so gut erreichen kann, vorgesehen, das ist der Billigimpfstoff. Oder: Astrazeneca ist der, wo man nicht so genau weiß mit Thrombose und so weiter. Eigentlich ist der Premiumimpfstoff – der ist auch der teuerste – Biontech, den muss man auch bei minus 70 Grad kühlen. Das sind alles emotionale Faktoren. Und dort dann tatsächlich eben eine Risikoinformation bereitzustellen, wie das Chancen-Risiko-Verhältnis für verschiedene Altersgruppen ist, oder für verschiedene Bevölkerungsgruppen ist, das erschiene mir notwendig und viel wichtiger."

Einfacher hätte es die Politik da mit dem homo oeconomicus – den könnte man wohl mit einer simplen Prämie überzeugen.

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