Freitag, 19. April 2024

Mobilität
Wie die Verkehrswende auf dem Land gelingen kann

„Ohne Auto habe ich keine Chance“, ist ein oft zu hörender Satz auf dem Land. Aber muss das so sein? Es gibt viele Ideen und Beispiele wie eine Verkehrswende im ländlichen Raum funktionieren kann.

21.06.2023
    Landstrasse mit Auto an einem blühenden Rapsfeld, dahinter ein Radfahrer
    Längere Wege zum Einkauf, Arzt oder Sport: Im ländlichen Raum werden bereits verschiedene Modelle für eine nachhaltige Mobilität ausprobiert. (picture alliance / Jochen Tack / Jochen Tack)
    Mobilität auf dem Land heißt vor allem, mit dem Auto fahren. Dort, wo die Einwohnerdichte geringer ist als in der Stadt, ist es - auch wegen der Kosten - schwieriger, den öffentlichen Nahverkehr zu organisieren. Doch eine Verkehrswende ist auf dem Land möglich, wie viele Beispiele zeigen. Eine andere Mobilität kann nicht nur dazu beitragen, CO2 einzusparen, sie kann sogar den ländlichen Raum aufwerten und Orte beleben.

    Der selbstorganisierte Bürgerbus

    Eine Alternative zum Auto in dünn besiedelten Regionen ist ein Bürgerbus wie in der Gemeinde Balow, rund 50 Kilometer südöstlich der Landeshauptstadt Schwerin gelegen. Den Bürgerbus betreiben die ansässigen Vereine gemeinsam, um schnell und unkompliziert Fahrten in benachbarte Dörfer, zu Veranstaltungen, zum Arzt oder Behörden zu ermöglichen.
    Gefahren wird der Bürgerbus von einem Dutzend Freiwilliger. Außerdem hat Balow einen Gemeindearbeiter, der über eine Ehrenamtspauschale entlohnt wird und ebenfalls bei Bedarf hinter dem Steuer des Busses sitzt.
    Ein Bürgerbus in Salach (Baden-Württemberg) hält an einer eigens eingerichteten Haltestelle.
    Der Bürgerbus - selbstorganisierte Mobilität im ländlichen Raum (picture alliance / dpa / Daniel Maurer)
    Für Anschaffung und Betrieb des Busses beantragten die Balower Fördergeld von der Europäischen Union. Den Eigenanteil, der Voraussetzung für die EU-Förderung ist, wird durch eine Begegnungsstätte und bei verschiedene Veranstaltungen erwirtschaftet, etwa im Advent und beim Schützenfest oder dem jährlichen Trekkertreffen.

    Die Ruf- und Zirkelbussysteme

    Kleinere Fahrzeuge, individuelle Fahrstrecken, mehr Flexibilität – die Vorteile hat inzwischen auch der Öffentliche Nahverkehr erkannt: Vielerorts werden auf festen Strecken verkehrende Busse durch Rufbussysteme ersetzt, die Einheimischen und Touristen helfen, aufs Auto zu verzichten. Einziger Unterschied zum eigenen Pkw: Die Fahrt mit dem Rufbus muss einen Tag im Voraus gebucht werden.
    Eine andere Möglichkeit sind Zirkelbusse wie im ländlichen Berlin-Kladow. Dort fährt in einem regelmäßigen Takt ein Zirkelbus um den Ortskern. Er hält dabei auch an einem großen Alten- und Pflegeheim und bringt Seniorinnen und Senioren zur Einkaufstour, ins Café oder zum Arzt. Zirkelbussysteme gibt es auch in ländlichen Regionen, die dichter besiedelt und touristische erschlossen sind, etwas im Oberallgäu.

    Ein Auto teilen: Carsharing-Konzepte

    Ob Arbeit, Schule oder Sport - viele Menschen auf dem Land sind auf das Auto angewiesen. Die meiste Zeit werden die Fahrzeuge indes nicht genutzt. Das birgt Potenzial, sie mit Nachbarn, Freunden, Bekannten zu teilen. Mögliche Probleme mit der Versicherung bei Schäden und Unfällen werden durch Anbieter gelöst, die es Privatpersonen ermöglichen, ihre eigene Carsharing-Community zu gründen. Darin inbegriffen ist ein Rundumschutz sowie App-basierte Technik, um privates Carsharing mit wenig Aufwand zu organisieren.
    Ein Beispiel für Elektro-Carsharing in ländlichen Regionen ist das 2016 in der nordfriesischen Gemeinde Klixbüll initiierte Projekt Dörpsmobil. Es Mobil wird für Fahrten der Gemeinde genutzt, ist aber auch für Bürgerinnen und Touristen buchbar. Nach diesem Vorbild werden inzwischen in mehr als 30 Gemeinden in Schleswig-Holstein Dörsmobile betrieben, vereinsbasiert oder über die Gemeinde.
    Andere Carsharing-Angebote im ländlichen Raum setzen auf ein Konzept von Haupt- und Mitnutzenden: Die Verwaltung, regionale Unternehmen und Vereine schaffen E-Fahrzeuge an, die tagsüber von ihren Mitarbeitern genutzt werden können. Am Abend und am Wochenende können die Fahrzeuge von Bürgerinnen und Bürgern gemietet werden. Solche Modelle gibt es beispielsweise seit 2019 im brandenburgischen Landkreis Barnim oder im Schalm-Eder-Kreis in Nordhessen.

    Das neue Trampen: Mitfahrgemeinschaften

    Daumen raus am Straßenrand – das Trampen wird auf dem Land wiederentdeckt, ob individuell oder organisiert. Interessierte schließen sich zu Mitfahrgemeinschaften zusammen, Gemeinden richten Mitfahrbänke oder feste Mitfahrtreffpunkte ein, wo gehalten und ein- und ausgestiegen werden kann. Wo keine Busse und Bahnen fahren, können Fahrgemeinschaften eine nachhaltige Ergänzung für den ÖPNV sein.
    Eine eine rote Mitfahrbank steht in der Ortsmitte der Gemeinde Oberlödla im Altenburger Land.
    Die Mitfahrbank - Treffpunkt für Mitfahrteinteressierte und Fahrerinnen und Fahrer (picture alliance / dpa / Bodo Schackow)
    Bei einigen Initiativen müssen sich Mitfahrerin oder Mitfahrer bzw. Fahrerin oder Fahrer registrieren. Damit soll die Sicherheit für alle Beteiligten garantiert und ermöglicht werden, sich gegenseitig zu erkennen. Manche Mitfahrgemeinschaft nutzen dazu farbige Punkte oder Zettel, die an die Windschutzscheibe geklebt oder von Mitfahrinteressierten an Treffpunkten sichtbar gezeigt werden können.

    Die Fahrradnetze ausbauen

    Eine kostengünstige Form der Mobilität ist das Fahrrad. Mancherorts würde es schon helfen, wenn es zwischen Dörfern brauchbare Radwege gebe, um sicher in den nächsten Laden oder Bahnhof zu kommen. Um das voranzubringen, braucht es engagierte Lokalpolitiker, die sich um den Ausbau von Radwegen oder um entsprechende Fördergelder dafür kümmern. Sie werden wie im Fall Schleswig-Holstein von RadSH unterstützt, der kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Fuß- und Radverkehrs. Solche Arbeitsgemeinschaften gibt es inzwischen in zwölf Bundesländern, wo sie mit Landesmitteln gefördert werden.
    RadSH berät Menschen, die sich um klimafreundliche Mobilität kümmern wollen. Außerdem sind Themen: Fördermittel und Fragen zum Prozedere, etwa wie Radwege aussehen können und welche Alternativen es vielleicht zu ihnen gibt, bespielsweise indem bestehende Infrastruktur genutzt wird.

    Verkehr vermeiden, Gemeinschaften stärken

    Wenn die Menschen Schwierigkeiten haben, Supermarkt, Bäcker, Arzt oder Bibliothek zu erreichen, warum nicht die entsprechenden Angebote zu den Menschen bringen? Verkehr kann so vermieden werden, zudem können solche Angebote auch eine soziale Funktion erfüllen, wenn Menschen zusammenkommen und so die Gemeinde wiederbelebt wird.
    Ansätze dafür gibt es bereits in Deutschland. Weiter ist man indes in Finnland. In dem dünn besiedelten Land transportieren Busse nicht nur Menschen, sondern dienen zugleich als mobile Bibliothek, Arztpraxis oder Paketannahmestelle.

    Katja Bülow, Sabine Krüger, mkn, ww