Mittwoch, 01. Februar 2023

Jochen Jung: "Das Buch"
Verknallt in Druckerzeugnisse

Jochen Jung, der mittlerweile 80-jährige Verleger und Verlagsgründer, erklärt in den Worten eines Liebhabers, welche Geheimnisse sich im Gegenstand „Buch“ verbergen. Eine leise Melancholie schwebt zwischen den Zeilen mit.

Von Helmut Böttiger | 23.12.2022

Jochen Jung: "Das Buch"
"Hast du einen Garten und eine Bibliothek", sagt Cicero, "dann wird es dir an nichts fehlen." Der Verleger und Buchfreund Jochen Jung könnte auf den Garten vielleicht sogar verzichten und allein die Bibliothek beackern. Jetzt erscheint seine Liebeserklärung an das Mysterium Buch. (Foto: Aleksandra Pawloff, Buchcover: Residenz Verlag )
Dies ist ein kleines, elegant aufgemachtes Bändchen, das mit seinen 60 Seiten wie für Liebhaber gemacht ist. Jochen Jung, der langjährige Leiter des Residenz-Verlags in Salzburg und anschließend Gründer des Verlags Jung und Jung, hat kurze Betrachtungen darüber verfasst, was es grundsätzlich mit dem Gegenstand Buch auf sich hat – in der Reihe „Dinge des Lebens“ im Residenz-Verlag, zu dem er für diese kleine Prosa wieder zurückgekehrt ist.
Und der Ton des Büchleins ist so geartet, dass man von früheren Zwistigkeiten und Verwerfungen nichts mehr spürt: dieser Ton ist milde und, das kann man bei einem 80-Jährigen so sagen, auch altersweise. Jochen Jung suggeriert durchaus doppelbödig den bequemen Lehnsessel und sanften Lampenschein und weiß, dass durch die Lektüre die Zeit vorübergehend außer Kraft gesetzt scheint:  
„Voraussetzung für das Lesen eines Buches ist neben einem ungestörten Platz und ebenso ungestörter Stunde die Bereitschaft zur Konzentration auf anderes, ja Fremdes; vor allem aber braucht es die physische Fähigkeit: Die Augen müssen wach sein und imstande, die scheinbar unaufhaltsame unendliche Kombination kleiner schwarzer Zeichen zunächst mal unterscheidend und verbindend als Buchstaben oder Ziffern zu entziffern und kombiniert wahrzunehmen.“

Erfahrungen, die es nur beim Lesen gibt

Diese Reduktion auf das Wesentliche ist der Kern der Betrachtungen dieses Autors. Man wird erst einmal weggeführt von den aktuellen Aufregungen, und langsam setzen Überlegungen ein, die den gewohnten Alltag in Frage stellen. Es geht um Erfahrungen, die es nur beim Lesen gibt, um die Begegnung und Auseinandersetzung mit etwas Fremden, etwa wenn man sich bei einer Einladung mit einem Glas heimlich in einem Nebenzimmer wiederfindet und man bereits durch die Anordnung im Bücherregal viel mehr von dem Gastgeber erfährt als bei allgemeinen Gesprächen. Und auch im eigenen Regal, auf der Suche nach einer passenden Lektüre, begegnet man sich auf unvermutete Weise selbst: Es zeigt, was einem vor längerer Zeit einmal etwas bedeutet hat und wieviel Vergangenheit die Gegenwärtigkeit ausmacht.
Die einzelnen Abschnitte in Jungs Ausführungen umkreisen viele Facetten des Lesens, die Intimität zwischen Autor und Leser, aber blitzartig schieben sich auch konkrete Szenen aus dem Leben des Verlegers in die Sätze und entwickeln dadurch einen ganz speziellen Humor: wie etwa die Autorin Inge Merkel plötzlich zu ihrer Tochter nach Mexiko zog und ihr Verleger Jung sich aus ihrer Bibliothek im Zentrum von Wien bedienen durfte, oder wie Thomas Bernhard in einem Schrank seines Hauses in Ohlsdorf lauter Alkoholflaschen aufbewahrte, die er sich aus den Duty-Free-Shops der Flughäfen mitgebracht hatte und nie öffnete. Aber meistens geht es Jochen Jung doch darum, was in den Büchern selbst steht:
„Ein wirkliches Wunder, für wie wenig Geld wie viel Welt in Büchern zu finden und zu haben ist, die einem ohne die Lektüre entgangen oder gar nicht erst bewusst geworden wäre.“

Das kaufende Publikum hat nicht das letzte Wort

Die Sache bringt es wohl mit sich, dass man zwischen den Zeilen immer wieder eine leise Melancholie spürt. Der Autor stellt fest – aber das war vermutlich schon immer so –, wie sehr die Möglichkeiten der Literatur nicht so sehr von den Schriftstellern selbst als vom „kaufenden Publikum“ bestimmt werden. Er ist sich seiner Minderheitenposition bewusst und notiert: die „erweiternde Freiheit“ des Lesens gerate gegenüber der „erheiternden Freizeit“ oft ins Hintertreffen. Aber Jung hat sich von den Zeitläuften nie allzusehr aus dem Konzept bringen lassen, das merkt man seinen zwischen schlichten Benennungen und abgründigen Insider-Informationen wechselnden Reflexionen an. Es ist oft schwer, jemanden vom Reiz des Ästhetischen zu überzeugen, das sich per definitionem abseits der landläufigen Themen und Diskurse bewegt. Das Schöne, meint Jung, könne man kaum
„allgemeingültig definieren, auch wenn man es als Kunstbetrachter unverkennbar findet. Meist fällt es nicht schwer, auf die eine oder andere Stelle hinzuweisen, die diese Bezeichnung in den Augen des Lesers verdient hat, auch wenn es immer kompliziert, wenn nicht gar vertrackt ist, diese Einschätzung zu begründen oder zu definieren. Wir alle, die wir jemand Besonderen lieben, kennen das, wie unmöglich es letztlich ist, den Geliebten/die Geliebte nachspürbar so zu schildern, dass das Gegenüber mehr wahrnimmt als das Übliche (‚Ich weiß, du bist verknallt!‘)“
Franz Grillparzer hat einmal gesagt: Ich will mit jemandem zu tun haben, wenn ich ein Buch lese! Es ist schon gut, dass man es in diesem Fall mit Jochen Jung zu tun hat.
Jochen Jung: „Das Buch“
Residenz-Verlag, Salzburg und Wien
62 Seiten, 18 Euro.