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StartseiteInterview"Russland muss vom Sport ausgeschlossen bleiben"28.12.2016

Vermeintliches Doping-Geständnis"Russland muss vom Sport ausgeschlossen bleiben"

Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands, Clemens Prokop, hat im DLF einen kompletten Ausschluss aller russischen Sportler von internationalen Veranstaltungen gefordert. Russland dürfe erst wieder teilnehmen, wenn es glaubwürdige Reformen auf den Weg bringe.

Clemens Prokop im Gespräch mit Sarah Zerback

Der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) Clemens Prokop spricht am 30.07.2014 auf einer Pressekonferenz in der Geschäftsstelle des Landessportbundes Hessen in Frankfurt am Main (Hessen).  (picture alliance / dpa - Fredrik Von Erichsen)
Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. (picture alliance / dpa - Fredrik Von Erichsen)
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Wenn das Land nun tatsächlich vom Doping-Eingeständnis abrücke, wäre dies eine Rolle rückwärts. Zudem erwarte er personelle Konsequenzen im russischen Sport, sagte er. Ein Neuafang könne ohne einen Wechsel der Personen nicht stattfinden. Es müsse eine glaubwürdige Anti-Doping-Politik geben. Wenn dies nicht geschehe, müsse man den russischen Sport bis auf Weiteres abschreiben.


Das Interview in voller Länge:

Sarah Zerback: Systematisches Staats-Doping, eine institutionelle Verschwörung über mehrere Jahre und mehrere sportliche Großereignisse hinweg, das wird Russland vorgeworfen, das haben die beiden Berichte von Richard McLaren belegt, dem Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA. Doch egal, wie groß die Beweislast gewesen sein mag, wie groß der Druck auch in den vergangenen beiden Jahren, die Reaktion Russlands war bisher immer dieselbe: Abstreiten, Abstreiten, Abstreiten. Bis heute. Und über dieses Thema sprechen wir jetzt mit Clemens Prokop. Er ist Chef des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und hat Russlands Doping-Praxis wiederholt scharf kritisiert. Guten Tag, Herr Prokop!

Clemens Prokop: Guten Tag!

Zerback: Ist das jetzt das Geständnis, auf das Sie gewartet haben?

Prokop: Ich hatte es natürlich erhofft, weil diese Wagenburgmentalität der Vergangenheit war ja auf der einen Seite nicht aufrechtzuerhalten, auf der anderen Seite, ohne dass zunächst mal als erster Schritt überhaupt die Praxis der Vergangenheit eingestanden wird, gibt es ja auch keine Chance auf eine Reform. Und das wäre natürlich auf die Dauer dramatisch gewesen, weil irgendwann wäre keine Organisation mehr dran vorbeigekommen, Russland einfach vom internationalen Sportgeschehen auszuschließen.

Russischer Geheimdienst war in Doping mit verwickelt

Zerback: Welche Konsequenzen hat das denn nun? Lassen Sie uns doch erst mal schauen, wer da überhaupt was wusste.

Prokop: Die Frage kann ich natürlich selbst nicht beantworten, aber ich denke, wenn es zutreffend ist, dass nun sowohl in dem McLaren-Bericht als auch jetzt in den Äußerungen der Leiterin der russischen Anti-Doping-Behörde bestätigt wird, dass der russische Geheimdienst verwickelt war, dann kann dies sicherlich nicht ohne Informationen, vermutlich nicht einmal ohne aktives Mitwirken führender russischer Politiker geschehen.

Zerback: Das heißt auch, der Staatspräsident, der russische, und höhere Regierungskreise könnten damit etwas zu tun gehabt haben. Kann das wirklich sein?

Prokop: Ich weiß es natürlich auch nicht, aber ob der Präsident mit diesen Dingen "belästigt" wird, das weiß ich nicht, aber ich denke, das müssen führende Köpfe der Regierung mindestens gewesen sein.

Systematisches Doping: "Zum ersten Mal offiziell eingeräumt"

Zerback: Das bestreitet ja zumindest die Rusada-Chefin, Anna Antseljowitsch, wir haben es gerade in dem Bericht gehört. Sie spricht da zwar von institutioneller Verschwörung, sagt aber, dass höchste Regierungsvertreter da eben nicht involviert gewesen sein sollen. Welche Rolle hatte sie denn selbst in dieser ganzen Causa?

Prokop: Das kann ich natürlich jetzt so auch nicht aus der Ferne diagnostizieren, und ich glaube, entscheidend ist aber nicht, welche Rolle sie jetzt in der Vergangenheit hatte, sondern dass sie den wirklich historisch fast zu nennenden Schritt nach vorn gegangen ist und zum ersten Mal ganz offiziell eingeräumt hat, jawohl, in Russland gibt es, gab es systematisches Doping, gesteuert mit Involvierung des Geheimdienstes. Das, denke ich, hat eine ganz neue Qualität. Die gab es eben so noch nicht.

Zerback: Bisher haben wir immer nur ein Abstreiten, ein Zurückrudern auch erlebt. Jetzt ist es so, Herr Prokop, in diesen Minuten erreichen uns Agenturmeldungen, dass die russische Anti-Dopingagentur Rusada behauptet, dass die Worte eben in diesem Interview von Anna Antseljowitsch eben verdreht wurden. Wie ist das denn jetzt zu bewerten?

Russlands Chance: "Glaubwürdige Reformen auf den Weg zu bringen"

Prokop: Das wäre natürlich jetzt die klassische Rolle rückwärts. Nachdem hier zunächst mal ein Zeichen des Aufbruchs gesetzt worden ist, jetzt wieder Bestreiten – das wäre wirklich

dramatisch. Ich glaube, der russische Sport hat nur eine Chance, aus dieser wirklich für ihn schwierigen Situation herauszukommen, und das ist nämlich zum ersten die Doping-Vergangenheit, die ja durch den McLaren-Bericht wirklich in erdrückender Weise belegt worden ist, hier einzugestehen und zweitens glaubwürdige Reformen auf den Weg zu bringen. Und wenn dies nun, was sich möglicherweise wieder abzeichnet, wieder nicht geschieht, dann, denke ich, werden wir irgendwann den russischen Sport einfach abschreiben müssen, weil er eben nicht zu den gleichen Bedingungen am internationalen Sportgeschehen teilnehmen möchte wie die übrige Sportwelt.

Zerback: Was könnten das denn für Reformen sein, die den russischen Ruf wiederherstellen könnten?

Prokop: Ich denke, es muss einfach eine glaubwürdige Anti-Doping-Politik stattfinden. Die Anti-Doping-Institutionen müssen unabhängig und von internationalen Organisationen zunächst kontrolliert, glaubwürdige Arbeit leisten. Das System muss strikt den WADA-Code einhalten. Dann, denke ich, werden die ersten wichtigen Schritte gemacht, damit der russische Sport auch wieder international wettbewerbsfähig wird.

Personenwechsel nötig

Zerback: Und unabhängig davon, müssen denn auch Köpfe rollen?

Prokop: Ich denke, wenn man hier Verantwortungen zuordnen kann, kann es aus meiner Sicht ohne Wechsel der Personen nicht stattfinden, weil ich kann mir nicht vorstellen, dass Personen, die in das System involviert waren, dann auch glaubwürdig den Neuaufbruch hier vollziehen sollen – ich glaube, das ist einfach vom System her kaum möglich.

Zerback: Und was bedeutet das denn für künftige Veranstaltungen? In der Vergangenheit wurden ja einige Russland bereits entzogen. Vergangene Woche war das unter anderem die Bob- und Skeleton-WM. Welche Konsequenzen sollte und müsste das jetzt für die Fußball-WM zum Beispiel haben?

Prokop: Es ist die Frage, wie weit Fußball hier tatsächlich involviert ist. Aber generell denke ich, kann es momentan eigentlich nur eine Konsequenz geben, und die lautet, dass der russische Sport bis auf Weiteres von internationalen Veranstaltungen ausgeschlossen wird. Wenn in einem Land mit staatlicher Hilfe systematisch, institutionell veranlagt hier die Spitzensportler gedopt werden, dann ist eben das System momentan nicht in der Lage, zu den gleichen Bedingungen wie andere Sportler am internationalen Sportgeschehen teilzunehmen. Und da muss ich noch einmal sagen, das kann nur bedeuten, der russische Sport müsste nach meiner festen Überzeugung bis auf Weiteres vom internationalen Sportgeschehen ausgeschlossen bleiben.

Zerback: Und was müsste denn dann das IOC auch tun, also ist da der Anti-Dopingkampf von Bach gescheitert in dem Fall?

Prokop: Ich glaube, dass hier das IOC sehr unglücklich agiert. Es gibt die Regel 59 der Charta des IOC, in der ausdrücklich festgehalten wird, dass das Nationale Olympische Komitee und damit der dahinter stehende Sport suspendiert werden kann, wenn gegen den Welt-Anti-Doping-Code verstoßen wird. Und diese Verstöße sind in dem McLaren-Bericht dokumentiert. Diese Berichte sind nun eingeräumt durch die Leiterin der russischen Anti-Dopingbehörde. Was sollte denn noch passieren, damit endlich diese Regel auch angewendet wird?

Sportler fordern Chancengleichheit

Zerback: Und Sie persönlich, Herr Prokop – wenn jetzt deutsche Athleten auf Sie zu kommen, Sportler, die sich selbst nie haben was zuschulden kommen lassen, und sagen, ich habe einfach keine Lust, gegen Athleten anzutreten, die gedopt sind, was sagen Sie denen?

Prokop: Das ist immer eine ganz schwierige Sache, weil natürlich man den Sportlern nicht ansieht, ob sie gedopt oder nicht gedopt sind. Aber ich kann Ihnen durchaus sagen, es ist ein Dauerthema. Die Sportler kommen immer wieder auf mich zu und sagen, macht alles, damit wir international endlich Chancengleichheit haben. Und wenn wir nun in einem Land wie in Russland so viele Dokumente haben, dass hier Doping systematisch stattfindet, dann entspricht das einfach auch der festen Erwartungshaltung unserer Sportler, dass dann die Sportler aus diesem Land eben zunächst mal nicht weiter teilnehmen dürfen.

Zerback: Denken Sie denn, dass derartige Zustände jetzt mit staatlich gelenktem und von Staatsseite vertuschtem Doping nur in Russland herrschen, oder muss man da auch andere Länder im Blick haben.

Prokop: Es gibt einige Länder, in denen der Welt-Anti-Doping-Code nicht konsequent umgesetzt wird, in denen zum Beispiel ein funktionierendes Anti-Doping-System überhaupt nicht besteht. Hier müsste schon seit Langem die WADA, das IOC tätig werden und hier diese Länder vor einschneidende Konsequenzen stellen, wenn sie eben diesen WADA-Code nicht einhalten oder diese Konsequenzen bereits ziehen. Das geschieht nicht, und das schadet der Glaubwürdigkeit des Sports.

Zerback: Clemens Prokop war das, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands. Besten Dank an dieser Stelle! Russland hat heute Morgen staatlich organisiertes Doping eingestanden und dementiert mittlerweile wieder.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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