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StartseiteInterview"Rente nicht zum Wahlkampfthema machen"25.04.2016

Versorgung im Alter"Rente nicht zum Wahlkampfthema machen"

Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen warnt davor, die Rente zu einem Thema im Bundestagswahlkampf zu machen. Die Politik springe schnell auf das Thema an. Die Rente sei durch eine Falschmeldung in die politische Auseinandersetzung getragen worden. Es sei eine Ente, dass 50 Prozent der Alten von Armut bedroht seien, sagte Raffelhüschen im Deutschlandfunk.

Bernd Raffelhüschen im Gespräch mit Mario Dobovisek

Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen (dpa / picture-alliance / Patrick Seeger)
Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen (dpa / picture-alliance / Patrick Seeger)
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Nach Berechenungen von Raffelhüschen wird die Altersarmut von drei auf allenfalls fünf Prozent steigen. Von Armut bedroht seien nicht Alte, sondern Niedrigverdiener und Kinder, betonte der Wissenschaftler. Raffelhüschen verteidigte in diesem Zusammenhang die private Zusatzvorsorge im Rahmen der Riester-Rente. Diese funktioniere in vielen Facetten.

Mit Blick auf die historisch niedrigen Kapitalmarktzinsen meinte er, natürlich sei es ein bisschen heikel, wenn die Riester-Rente vor allem mit Staatspapieren finanziert werde. Es komme eben auf die richtige Mischung an. Das sei nicht anderes als "Überwindung des ökonomischen Analphabetismus". Hier müsse man mehr aufklären.


Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Mario Dobovisek: Die Rente ist sicher; fragt sich nur, in welcher Höhe und in welchem Alter. Um die Zukunft der deutschen Alterssicherung ist in den vergangenen Tagen Streit entbrannt. Die Rente wird zum Wahlkampfthema. Seehofer und die CSU haben vorgelegt, Gabriel und die SPD haben geantwortet, die Linkspartei äußerte sich, auch die Grünen und die Liberalen.

Am Telefon begrüße ich Bernd Raffelhüschen. Er ist Finanzwissenschaftler an der Universität Freiburg, Rentenexperte dort, und leitet das Forschungszentrum Generationenverträge, dessen Förderverein unter anderem aus der Versicherungswirtschaft unterstützt wird. Ich grüße Sie, Herr Raffelhüschen!

Bernd Raffelhüschen: Guten Tag, Herr Dobovisek.

Dobovisek: Die Rente als Wahlkampfthema - eine gute Nachricht in diesen Tagen, Herr Raffelhüschen?

Raffelhüschen: Nein, es ist die schlechteste Nachricht, die man so haben kann. Hier muss man Frau Merkel deutlich zustimmen: Die Rente hat im Wahlkampf nichts zu suchen. Aber - und das muss man auch klar sehen - die Rente wurde in den Wahlkampf getragen durch schlichte Fehlmeldungen der Presse und der entsprechenden, sagen wir mal, Medien. Denn die WDR-Mitteilung, dass 50 Prozent altersarm ist, ist schlichtweg eine Ente gewesen. Sie ist falsch, grottenfalsch. Und daraufhin hat sich dann natürlich die Politik darauf gestürzt.

Dobovisek: Aber es ist nicht falsch, dass die Politik sich mit der Rente beschäftigt?

Raffelhüschen: Na ja, sagen wir so: Wenn so offensichtlich groteske Meldungen in der Presse nicht als Falschmeldungen erkannt werden, dann springt die Politik natürlich schnell darauf auf. Das hat dann entsprechend Seehofer gemacht, das haben die anderen gemacht. Und da muss man ganz klar sagen: Besser wäre es, man geht mit ruhigem Blut daran und hält solche heißen Themen aus den heftigsten Wahlkampfdiskussionen heraus.

Dobovisek: Zurück zur Konsenspolitik?

Raffelhüschen: Na es war keine Konsenspolitik. Da muss man klar sagen, Kanzler Schröder hat damals gesagt - und das war die Reform, die aus der Rürup-Kommission stammte -, wir können die Beiträge und die Steuerlast nicht auf ewig steigen lassen, sodass die Rentenniveaus konstant bleiben, sondern wir wollen, dass die junge Generation ein Fünftel ihres Einkommens gibt. Und wenn dann die Tatsache, dass da sehr viele von profitieren wollen und nur sehr wenige zahlen, wenn diese Tatsache demografisch schlichtweg bedingt ist, dann muss man denen, die im Jahr 2030, 2040 oder2050 ihre Rentenniveaus haben wollen, ganz klar sagen, es wäre besser gewesen, ihr hättet Kinder in die Welt gesetzt. Denn es ist ein schlicht demografischer Fakt, dass, wenn immer weniger immer mehr und immer länger bezahlen müssen, wir hier natürlich nachbessern müssen.

Dobovisek: Ich bin jetzt Mitte 30. So viel kann ich verraten, Herr Raffelhüschen. Wann darf ich dann demnach in Rente gehen, mit 70, mit 75?

Raffelhüschen: Das ist auch immer so etwas, was als Chimäre aufgebläht wird. Noch mal: Man hat in den 1960er-Jahren 45 Jahre gezahlt und zehn Jahre Rente bezogen. Im Moment bezieht man 20 Jahre die Rente und zahlt mal gerade im Durchschnitt 40 Jahre. Und Ihre Generation wird noch weniger lang arbeiten müssen im Verhältnis zu dem, was Sie an Rente beziehen, schlichtweg, weil Sie so lange leben.

Dobovisek: Und was bedeutet das für die Zukunft?

Raffelhüschen: Das bedeutet, wenn Sie Jahre um Jahre an Lebenserwartung dazulegen, dass Sie nicht davon ausgehen können, dass Sie jeden Tag, den Sie länger leben, als einen Tag länger Rente beziehen können. Dafür sind die Beitragszahler nicht da. Denn das muss man den Baby-Boomern sagen: Sie selbst haben das Problem ja verursacht durch schlicht die geringe Kinderzahl.

"Rente mit 63 ist Kardinalfehler"

Dobovisek: Gleichzeitig blickt zum Beispiel die Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles von der SPD auf ihren Vater, ein Maurer, und sagt ganz klar, das geht nicht, eine Rente mit 70 oder mehr.

Raffelhüschen: Sie hat ja auch das Rentenniveau auf 63 gesenkt im Grunde genommen, und das war ein Kardinalfehler. Das war wirklich schlicht ein Kardinalfehler, den man nicht hätte machen dürfen. Auch die Rentenversicherung hat dagegen sehr stark moniert. Es geht halt nicht. Wir können nicht Menschen vorgezogen in den Ruhestand lassen und dann auf die Abschläge verzichten. Denn das sollte selbst im Arbeitsministerium bekannt sein, dass ein Mensch, der zwei Jahre früher in Rente geht, natürlich auch zwei Jahre länger die Rente bezieht. Ein Faktum, das offensichtlich aber immer wieder negiert wird.

Dobovisek: Anderer Punkt die private Altersvorsorge, Stichwort Riester-Rente. Horst Seehofer hat vorgelegt, die Riester-Rente für gescheitert erklärt. Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm sagte, Riester sei Pfusch, den man nicht mehr reparieren könne. Ist Riester am Ende?

Raffelhüschen: Auch hier muss man wieder ganz klar sagen, welche meint er denn und welche meinen Sie bei der Frage. Sie sprechen von der Riester-Rente. Es gibt 1500 verschiedene und ich weiß jetzt nicht, welche Riester-Rente der Herr Seehofer meint.

Dobovisek: Zu viele, zu komplexe?

"Ich weiß nicht, welche Riester-Rente Herr Seehofer meint"

Raffelhüschen: Nein. Wir haben in etwa doch ganz klar 40, 50 verschiedene Grobstrukturen. Wenn ich eine Riester-Rente habe in der Refinanzierung auf Staatspapiere und der Staat zahlt auf seine Staatspapiere keine Zinsen mehr, weil er das einfach nicht mehr kann, dann ist das natürlich ein bisschen heikel.

Dobovisek: Heikel ist es auch, auf Aktien zu setzen. Die können nämlich abstürzen.

Raffelhüschen: Es kommt ja immer auf die Mischung an und deshalb würde ich immer versuchen, eine vernünftige Mischung da zu beziehen. Und wie gesagt: Ich weiß nicht, welche Riester-Rente Herr Seehofer hat. Ob die jetzt schlecht läuft oder gut läuft, weiß ich nicht. Meine ist okay.

Dobovisek: Fakt ist, die Zinsen liegen am Boden. Ohne erhebliche Risiken zum Beispiel mit spekulativen Aktien lassen sich kaum noch Gewinne erwirtschaften. Darüber ächzen auch die vielen Lebensversicherer in Deutschland. Wie soll in diesem Umfeld eine kapitalgedeckte Zusatzrente wie Riester funktionieren?

Raffelhüschen: In vielen Fassetten funktioniert sie. Man darf nicht alle Eier in einen Korb legen. Man sollte gut aufpassen, dass der Riester-Kontrakt, den man da zeichnet, im Prinzip gemischt refinanziert ist. Das ist aber nichts anderes als die Überwindung von ökonomischem Analphabetismus, denn das weiß doch jeder, dass er immer von allem ein bisschen machen muss.

"Altersarmut ist eine Chimäre"

Dobovisek: Aber wenn ein Niedrigverdiener nur ein Ei hat, dann kann er auch nur ein Ei in einen Korb werfen.

Raffelhüschen: Das ist richtig. Aber die Körbe sind ja auch Mischstrukturen. Auch hier, wenn man ein bisschen mehr aufklären würde, wäre das viel hilfreicher, und auch hier muss man sagen, die verschiedenen Fassetten der Riester-Rente, die verschiedenen Fassetten der betrieblichen Altersvorsorge, die verschiedenen Fassetten auch der immobiliengestützten Altersvorsorge - 30 Prozent der Menschen haben Wohnraum -, all das zusammen schützt uns vor Altersarmut. Wir haben keine Altersarmut. Das ist eine Chimäre. Die Alten sind diejenigen als Altersgruppe, die am wenigsten überhaupt von Armut bedroht sind. Kinder sind arm in Deutschland, Niedrigverdiener mit Kindern sind arm, aber doch nicht die Alten. Die Altersarmut wird von drei Prozent heute, das niedrigste, was wir jemals gehabt haben, vielleicht sich auf fünf Prozent nach oben schrauben, nicht 50 Prozent, wie der WDR da rechnet, oder welcher Volontär auch immer das gerade gerechnet hat. Aber mit Verlaub: Sich um den Faktor zehn zu verschätzen, das ist schon schlicht ein stolzes groteskes Stück.

"Der Rente geht es immer gut, wenn die Politik die Finger davon lässt"

Dobovisek: Arbeitsministerin Nahles garantiert den 16 Millionen Riester-Sparern ihre Rente samt staatlicher Förderung, ist aber gleichzeitig bereit zu einer größeren Rentenreform, wie sie selber sagt. Klingt ziemlich zwiegespalten?

Raffelhüschen: Noch mal: Der Rente geht es immer gut, wenn die Politik die Finger davon lässt. Und sobald sie anfängt, da zu stark zu intervenieren, weil sie schlichtweg Wahlkampfgeschenke verteilen will, ob das Mütterrenten sind oder Rente mit 63, das sind Wahlkampfgeschenke an die Alten, bezahlt von den jungen Beitragszahlern, bezahlt von Ihrem Jahrgang und den Jüngeren. Das, denke ich mir, sollte ein Spiel sein, mit dem wir aufhören müssen.

Dobovisek: Wir reden ja die ganze Zeit eher über Stellschrauben, an denen die Politik gerade dreht. Muss man möglicherweise grundsätzlich an die Rente gehen? Oder anders gefragt: Funktioniert der Generationenvertrag noch?

Raffelhüschen: Auch das noch mal: Wir haben eine sehr, sehr gute Basisversorgung im Alter, die vollkommen sicher ist. Unsere Rentenversicherung ist gut strukturiert. Sie hängt davon ab, wie viel man einzahlt, und wer nicht viel einzahlt, kriegt nicht viel. Das ist unser System. Seit 100 Jahren oder seit über 100 Jahren hat sich das bewährt. Dabei sollten wir bleiben. Die Suche nach Vorbildern irgendwie ist ein vorpubertärer Zustand, den die Politik gefälligst zu unterlassen hat. Es ist gut. Ein paar Stellschrauben wie das Lebensalter, daran müssen wir natürlich in Zukunft noch drehen.

Dobovisek: Der Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen über die Zukunft der Rente in Deutschland. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Raffelhüschen: Bitte schön.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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