Donnerstag, 21.03.2019
 
StartseiteSprechstundeSpeckschwarte und trotzdem unterernährt05.03.2019

Versteckter HungerSpeckschwarte und trotzdem unterernährt

Den Magen gut gefüllt - und trotzdem unterernährt: Millionen Menschen, vor allem in Schwellenländern, sind von diesem Phänomen betroffen. Fachleute bezeichnen es als "versteckten Hunger". Das Phänomen war jetzt Thema bei einer Fachkonferenz in Hohenheim.

Von Thomas Wagner

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(picture alliance / ZB / Arno Burgi)
Auch übergewichtige Menschen können unter Mangelernährung und dem sogenannten Hidden-Hunger-Phänomen leiden (picture alliance / ZB / Arno Burgi)
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Den Magen gut gefüllt haben – und trotzdem an Unterernährung leiden: Für den Ernährungsmediziner Professor Hans-Konrad Biesalski an der Universität Hohenheim ist das kein Widerspruch:

"Das ist relativ einfach: Wenn Sie sich von Lebensmitteln ernähren, die relativ wenig Spurenelemente, Vitamine, Mineralien enthalten, aber dafür umso mehr Energie, und das trifft bei vielen Lebensmitteln oft zusammen, dann wird man übergewichtig – und im Ergebnis hat man trotzdem zu wenig Nahrungsmittel-Qualität, also zu wenig Mikro-Nährstoffe. Da nennt man Double-Burden, also Doppelbelastung."

Demnach kann so ein wahrer Wonneproppen mit richtig griffigem Speckgürtel durchaus unterernährt sein – nämlich dann, wenn es ihm an so genannten "Mikro-Nährstoffen" fehlt, also an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen. Solche "Mikro-Nährstoffe" sind allerdings als Bestandteil des täglichen Speiseplans mindestens ebenso wichtig wie Fett und Stärke.

"Damit der Stoffwechsel laufen kann und der Energiestoffwechsel. Ich kann also nicht einfach sagen: Ich lass das mal jetzt eine Weile weg, wird schon nicht so schlimm sein."

Wachstumsstörungen als Folge von Mangelernährung

Das Gegenteil ist der Fall: Zu wenig Mikro-Nährstoffe können zu durchaus schlimmen Folgen führen, sagt Ernährungsmediziner Hans-Konrad Biesalski auf der Konferenz in Stuttgart-Hohenheim:

"Ja, wenn wir über Kinder mit Double Burden reden, kann es die Folge haben, dass sie nicht richtig wachsen, dass sie die Kraft, die sie später im Beruf brauchen, nicht in dem notwendigen Ausmaß entwickeln können. Und es gibt auch Hinweise, dass die kognitive Entwicklung gestört sein kann."

Solche ‚Double-Burden‘-Effekte treten vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern auf – also dort, wo die Menschen wenig Geld für Lebensmittel zur Verfügung haben. Sie bedienen sich, so Hans-Konrad Biesalski immer häufiger am Angebot billiger Fast-Food-Anbietern.

"Also im Speziellen beobachtet man das im Moment in Südamerika. Man beobachtet es aber auch in afrikanischen Staaten, also alle möglichen Formen von Snacks, Softdrinks und so weiter."

Bessere Lebensmittel-Märkte in Entwicklungsländern

Wie dem entgegensteuern? Beispielsweise durch eine Veränderung des Angebotes auf offenen Lebensmittel-Marktplätzen in Entwicklungsländern. Professor Matin Qaim vom Lehrstuhl für Welternährungswirtschaft an der Universität Göttingen:

"Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass die Märkte für Getreide und Grundnahrungsmittel ganz gut funktionieren, aber die Märkte für Mikronährstoff-reichere Produkte, also für Obst und Gemüse, aber auch für tierische Produkte, häufig ganz schlecht funktionieren."

Was auch damit zusammenhängt, dass solche Mikronährstoff-reichen Lebensmittel häufig verderblicher sind. Hier braucht es eine bessere Infrastruktur auf den Märkten.

"Sie brauchen gute Lagerhaltung, sie brauchen Kühlung, das sind alles Dinge, die schlecht vorhanden sind. Wir müssen die Märkte besser fördern und mehr in die Infrastruktur stecken, damit der Zugang zu dieser vielfältigen Ernährung für alle Menschen leichter wird."

Obst- und Gemüseanbau besser erforschen

Darüber hinaus sei ein Paradigmenwechsel in der Agrarforschung nötig, meint Agrarexpertin Professor Regina Birner von der Universität Hohenheim:

"Gut beforscht sind die Lebensmittel, die kalorienreich sind. Was im Vergleich viel zu wenig beforscht ist, das sind eben Obst- und Gemüsearten."

Mit mehr Forschung zu verbessertem Pflanzenschutz optimierter Bewässerung für Pflanzen mit Mikro-Nährstoffen ließe sich einiges erreichen, meint die Forscherin.

Doch nicht nur in Schwellenländern, sondern auch in Deutschland lässt sich "Hidden Hunger", "versteckter Hunger", beobachten, beispielsweise bei Kindern, deren Eltern Hartz IV beziehen. Ernährungsmediziner Hans-Konrad Biesalski:

"Das eine, was man sicherlich sagen kann, ist, dass der Satz für die Ernährung von Kindern für eine gesunde Ernährung nicht ausreicht. Das sind also gerade drei Euro. Das kann jeder versuchen, für drei Euro ein Kind den ganzen Tag über mit Essen zu versorgen, es geht ja um Frühstück, Mittag- und Abendessen. Und ein Kind damit halbwegs gesund zu ernähren, ist schwierig bis unmöglich. Es ist immerhin auffällig, dass Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen eine ganze Reihe von Erkrankungen haben, wie zum Beispiel Sprachentwicklungsstörungen. Die Kinder aus besser verdienenden Haushalten haben das sehr viel seltener."

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