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StartseiteHintergrundLeben retten, Müttern helfen 01.05.2015

Vertrauliche GeburtLeben retten, Müttern helfen

Vor einem Jahr trat das Gesetz zum "Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt" in Kraft. Es richtet sich an schwangere Frauen in Notlagen und verspricht Beratung, Anonymität und nicht zuletzt die vertrauliche Geburt. Gegner und Befürworter stehen sich nach wie vor unversöhnlich gegenüber.

Von Monika Köpcke

Zwei Hände berühren den Bauch einer Schwangeren. (Imago/Westend61)
Ist die vertrauliche Geburt ein wirkliches Hilfsangebot an die betroffenen Frauen? (Imago/Westend61)
Weiterführende Information

Hamburg - Erste Babyklappe vor 15 Jahren eröffnet
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 08.04.2015)

Vertrauliche Geburt - Anonym im Kreißsaal
(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 27.04.2015)

"Dieses Gesetz war sehr umstritten und dieses Gesetz hat aus meiner Sicht eine Schwäche. Die Schwäche, dass es sich nicht verhält zu den Angeboten der Babyklappe und auch der anonymen Geburt."

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) präsentierte vor gut einem Jahr das Gesetz zum "Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt".

"Dieses Gesetz ist aber eine Möglichkeit, diesen Spagat zwischen Wunsch der Anonymität, der nicht dazu führen sollte, dass diese Frau ohne jegliche Hilfe ihr Kind bekommt, und gleichzeitig dem Recht des Kindes auf Herkunft, was auch sehr stark wiegt, diese beiden schutzwürdigen Interessen zusammenzubringen. Ob und wie es angenommen wird, das werden wir sehen."

Neues Gesetz sollte anonyme Geburt und Babyklappe ersetzen

Babyklappe (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)Babyklappe in Potsdam (dpa / picture alliance / Bernd Settnik)

Am 1. Mai 2014 trat das Gesetz in Kraft. Entworfen hatte es noch Schwesigs Amtsvorgängerin Kristina Schröder von der CDU. Es richtet sich an Frauen, die aus einer Notlage heraus ihre Schwangerschaft geheim halten wollen. Die Betroffenen können über eine bundesweite Hotline Kontakt mit einer Beratungsstelle aufnehmen. Dort wird versucht, gemeinsam eine Lösung für ihre Probleme zu finden - zum Beispiel eine vertrauliche Geburt. Die Schwangere kann unter einem Pseudonym in einer Klinik entbinden, die Kosten übernimmt der Bund. Nach acht Wochen wird das Kind zur Adoption freigegeben. Nur die Beratungsstelle kennt die Personalien der Frau.

"Die Schwangerschaftsberatungsstelle wird den Herkunftsnachweis, wenn gewünscht, ausfüllen, ihn in einen verschlossenen Umschlag stecken. Und dieser Umschlag geht in einen gesicherten Schrank. Und es ist dann möglich für das Kind, nach 16 Jahren seine Herkunft zu erfahren."

Die vertrauliche Geburt sollte eigentlich anonyme Geburt und Babyklappe ersetzen. Doch obwohl verfassungswidrig, laufen diese einfach weiter.  

" Dann liegt das Kind in 37 Grad Körpertemperatur. Das Bett ist ausgestattet mit Sensoren.Und wir erfahren sofort von dem Alarm und sind in fünf bis zehn Minuten vor Ort."

Unter dem Beifall der Medien und mit Unterstützung zahlreicher Prominenter eröffnete der Hamburger Verein Sternipark im April 2000 die erste Babyklappe Deutschlands. Einige Monate zuvor hatte Sternipark ein Mutter-Kind-Heim für anonyme Geburten eingerichtet. Innerhalb eines Jahres waren vier Säuglinge in Hamburg getötet oder ausgesetzt worden, und man hoffte, mit den beiden Angeboten endlich ein Mittel gegen diese Verzweiflungstaten der Mütter gefunden zu haben.

"Uns Fachleuten war von vornherein klar: Das funktioniert nicht. Denn die Neugeborenen-Tötung hat eine ganz bestimmte Psychodynamik. Die reagiert nicht auf irgendwelche Einrichtungen, die verstreut in der Bundesrepublik sind."

Kritik von Experten an Babyklappen

Die Adoptionsforscherin und Kriminologin Christine Swientek war von Anfang an eine Wortführerin der Babyklappen-Kritiker. Studien zu Neugeborenen-Tötungen haben gezeigt, dass die Frauen sich in einer seelischen Verfassung befinden, die jedes planvolle Handeln ausschließt - etwa die Recherche nach der nächstgelegenen Babyklappe. In der Regel verheimlichen oder verdrängen diese Frauen ihre Schwangerschaft, weil sie wissen, dass ihr Partner das Kind nicht will, und sie große Angst haben, ihn zu verlieren. Bei der Geburt geraten sie dann in Panik.

"Es ist natürlich immer die Frage: Warum reagieren sie nicht früh genug? Warum tun sie dies nicht, das nicht, warum verhüten sie nicht? Warum geben sie das Kind nicht zur Adoption frei? Warum bringen sie es nicht wirklich in eine Babyklappe? Das tun sie nicht. Sie sind von einer durchgehenden Passivität und einer gewissen stupiden Abwartehaltung. Sie harren so lange aus, sie wissen ganz genau, meine Bauchschmerzen sind Wehen und sie lassen es einfach geschehen."

Erst Anfang April wurde ein Säugling in einer kalten, stürmischen Nacht in einem Hauseingang abgelegt. In Berlin - einer Stadt mit fünf Babyklappen.

"Wenn ein Baby in einer Klappe liegt, weiß keiner, wer es reingelegt hat. Es kann sein, es war der Kindsvater, in einem Fall wissen wir das definitiv. Es kann der Zuhälter sein, der sagt, so eine Schweinerei hier in meinem Puff. Wir haben Fälle, wo ein Pärchen gemeinsam das Kind in die Babyklappe bringt. Sie wollen es nicht. Es ist drei Tage alt, es nervt, es schreit, es ist nicht das süße Reklamebaby. Diese ganze Szene, die so einfach erscheint: Verzweifelte Mutter bringt ihr Kind in eine Klappe, damit sie es nicht töten muss. Und da liegt dieses gerettete Kind und kommt zu glücklichen Adoptiveltern. Diese ganze Szene ist so komplex und die ist so gefährdend für alle Beteiligten, am meisten natürlich fürs Kind.

Wir haben viele alleinerziehende Frauen, die schon zwei, drei, vier Kinder haben, das fünfte einfach nicht mehr durchfüttern können, beziehungsweise die familiäre Situation absolut zum Kippen bringen. Und dann kommt das Kind. Und da bin ich dann schon froh, dass sie lieber zu uns kommen."

Gabriele Stangl ist Seelsorgerin am Krankenhaus Waldfriede in Berlin-Zehlendorf. Seit September 2000 haben 230 Frauen hier anonym entbunden und 20 Kinder wurden in der krankenhauseigenen Babyklappe abgelegt.

Zahl der Kindstötungen hat sich mit der Babyklappe nicht verändert

"Ich glaube, die Babyklappe ist ein ganz spezielles Angebot. Das sind Frauen, die zu niemandem Vertrauen fassen können, die einfach nur sagen, ich krieg mein Kind ganz alleine, das darf niemand mitkriegen, und dann bringe ich es dorthin. Ich denke, diese Orte der Geborgenheit für diese Kinder können wir nicht ersetzen."

Heute gibt es an die hundert Babyklappen in ganz Deutschland. Betreiber sind meist Krankenhäuser, kirchliche Initiativen oder private Vereine. Hinzu kommen 130 Kliniken, die anonyme Geburten durchführen. Trotz dieser Angebote werden jedes Jahr zwischen 20 und 35 Neugeborene ausgesetzt oder getötet. 2014 waren es 23. Diese Zahlen haben sich auch mit der Einführung von Babyklappe und anonymer Geburt nicht geändert.

"Ich möchte auch gar nicht wissen, wie hoch die Dunkelziffer ist von den ausgesetzten und getöteten Kindern. Wenn ich mir das ansehe, dass es trotzdem Kinder geschafft haben am Leben zu bleiben, dann muss ich sagen, jedes Kind war es wert, dass wir dieses Angebot geschaffen haben."

Vertrauliche Geburt ist in den Augen vieler zu bürokratisch

Eine Frau betritt die Konfliktberatungsstelle "Donum vitae" in Düsseldorf. (dpa picture alliance/ Martin Gerten)Beratungsstellen sollen über alle möglichen Hilfsangebote für Schwangere informieren. (dpa picture alliance/ Martin Gerten)

Wie die Mehrzahl der Anbieter von Babyklappen und anonymer Geburt, lehnt auch Gabriele Stangl die vertrauliche Geburt ab. Zu bürokratisch, zu kompliziert, nicht konsequent anonym: "Eine Frau würde nicht kommen, wenn sie nicht anonym ist. Und wir dürfen nicht vergessen, auch die Frau hat Rechte und nicht nur das Kind. Eine Frau, die zur Babyklappe und anonymer Geburt kommt, hat wirklich Chancen. Dass man nicht immer alles nur bürokratisch regeln muss, sondern man manche Dinge erst mal unbürokratisch angeht, damit zwei Menschen geholfen wird."

"Bei der anonymen Geburt ist sozusagen nach der Geburt alles vorbei. Und sie muss mit ihren Schuldkomplexen klarkommen, mit der ganzen Situation klarkommen. So und deswegen glaube ich, dass für beide Seiten die anonyme Geburt mit Sicherheit die schlechtere Lösung ist."

Für Elke Ferner, parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium, ist der große Vorteil der vertraulichen Geburt das umfassende Beratungsangebot, in das sie eingebettet ist.

"Man muss also bei der Beratung seine Identität nicht preisgeben. Und die Beratungsstellen werden dann über alle möglichen Hilfsangebote informieren, sodass die Schwangere dann für sich vielleicht dann auch eine bessere Entscheidung treffen kann. Vielleicht dann auch aus der ungewollten Schwangerschaft eine gewollte Schwangerschaft wird. Das Beratungsergebnis kann aber natürlich auch sein, dass die Schwangere immer noch nicht weiß, ob sie damit zurecht kommt. Und dann kann man ihr die Möglichkeit der vertraulichen Geburt auch noch mal nahebringen, auch die Frage noch mal erläutern, das Recht des Kindes auf Wissen der Abstammung. Darüber macht man sich wahrscheinlich keine Gedanken, weil man genug mit sich selber zu tun hat. Aber, was wir eben aus alten Untersuchungen wissen, ist, dass es den Schwangeren gar nicht so sehr darum geht, dem Kind das Wissen um die Abstammung zu verweigern, sondern eher um ihre persönliche aktuelle Situation geht."

Kinder sollten wissen dürfen, von wem sie abstammen

Es kommt immer wieder vor, dass Frauen, die ihr Kind anonym abgegeben haben, sich später doch noch melden, um ihre Daten zu hinterlassen oder um das Kind zu sich zu holen. Es sind häufig Frauen aus gutbürgerlichem Hause - immer wieder auch Studentinnen, die mit der Schwangerschaft in eine Krise geraten waren. Sie alle wären durchaus in der Lage gewesen, von vornherein eine vertrauliche Geburt oder eine reguläre geschlossene Adoption einzuleiten.

"Wenn ich in den Spiegel schau, ich weiß nicht, wem ich ähnlich sehe. Um mich selbst zu erkennen, muss ich wissen oder möchte ich wissen, wo ich herkomme und was meine Ursprungsgeschichte ist."

Peter Kühn ist Sozialpädagoge bei der Diakonie in Dresden und Mitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Adoptierter. Ihn beschäftigt ihre Motivation, sich auf die Suche nach den leiblichen Eltern zu machen.

"Eine junge Frau hat gesagt, sie hat ihre leibliche Mutter getroffen. In irgendeinem einem Café hatten sie sich verabredet, und sie hat sofort gesehen, dass sie es ist, unter 50, 100 Leuten dort. Dann auch die eigenen Handbewegungen, sich übers Haar zu streichen oder verschiedene Eigenschaften, die man so hat. Das ist eine beglückende Erfahrung. Wo die Menschen vielleicht genau das finden, was sie gesucht haben.

Das ist nicht unbedingt Abgrenzung zu den Adoptiveltern. Sondern es geht eigentlich wirklich um dieses: Wer bin ich und warum und was gehört noch zu mir? Wenn man so ein Puzzle vor sich liegen hat und da fehlen 20 Teile, und um ein ganzes Bild zu kriegen, braucht man diese. Ich kann zum Beispiel gut malen. In meiner Familie hat kein Mensch ein künstlerisches Talent. Hängt das vielleicht mit meiner Herkunftsfamilie zusammen?"

Auf diese Frage hat Peter Kühn noch keine Antwort bekommen. In der DDR wurde er anonym adoptiert. Auch ein Kind, das in die Babyklappe gelegt wird oder dessen Mutter nach der Geburt aus dem Krankenhaus verschwindet, ohne ihre Personalien hinterlassen zu haben, hat keine Chance, seine eigene Abstammung zu kennen. Das Recht auf dieses Wissen aber ist im Grundgesetz verankert.

"Das ist ein Grundrecht und auch in der Kinderschutzkonvention eine festgehaltene Position, dass ein Mensch ein Recht auf Wissen seiner Herkunft hat. Dass wenn dieses Herkunftswissen nicht erreichbar oder nur schwer erreichbar ist, dies für einen Menschen nicht nur sehr, sehr belastend sein kann, sondern sein ganzes Leben im Grund genommen prägen und zwar negativ prägen kann."

Michael Wunder ist Psychologe in Hamburg und Mitglied des deutschen Ethikrats. Dieser hatte bereits 2009 hatte der Ethikrat gefordert, die verfassungswidrigen anonymen Angebote durch eine vertrauliche Geburt zu ersetzen.

"Ich glaube wirklich, der Gesetzgeber hat bedauerlicherweise unsere Stellungnahme sehr selektiv gelesen. Er hat nur die vertrauliche Geburt gelesen, hat die dann auch noch sehr verwässert im Grunde genommen - was, wie ich finde, ohne Not geschehen ist."

Denn unter Umständen kann das Kind auch noch mit 16 Jahren nicht erfahren, wer seine Mutter ist. Macht diese vor Ablauf der Frist triftige Gründe geltend, ihre Anonymität weiter zu wahren, entscheidet ein Familiengericht.

"Wir hatten zum Beispiel ja gefordert aus dem Ethikrat heraus, dass diese Umschlaglösung nur für ein Jahr gelten kann, dann wirklich die Adoption unter den normalen Bedingungen, also auch der Kenntnis des Vaters, eingeleitet wird. Es gibt so zugespitzte Situationen, es gibt die Berechtigung des Wunsches, dass das niemand erfährt, dass ich schwanger bin. Nur muss man einen Ausgleich finden zwischen diesen Regelungen, die den Frauen in den entsprechenden Notlagen entgegenkommen und den Rechten der Kinder. Dieser Ausgleich ist meiner Ansicht nach mit dem jetzigen Gesetz nicht geschaffen.

Als Sozialarbeiter haben wir viel mit Leuten zu tun, mit Leuten, die wirklich ernsthafte tiefe Probleme haben, und das Wichtigste ist für die eigentlich immer, ein Gegenüber zu haben, wo wir gemeinsam versuchen, eine Lösung zu finden. Und nicht: Ich gebe Dir jetzt eine Lösung vor und mach' doch einfach."

Babyklappe und anonyme Geburt weiter in der rechtlichen Grauzone

(dpa)Auch adoptiere Kinder haben ein Recht darauf zu erfahren, wer die leiblichen Eltern sind. (dpa)

Für den Sozialpädagogen Peter Kühn steht fest: Ein Gespräch können Babyklappe und anonyme Geburt nicht ersetzen. Das Kind ist dann zwar weg, aber der gewalttätige Partner, die repressive Familie oder die Drogensucht bleiben.

"Wir schaffen ein leichtes Angebot, und da muss ich mir gar nicht weiter Gedanken machen, und das finde ich schwierig. Meine Tochter ist jetzt in der Schule, da sind sie zur Babyklappe gegangen und haben sich das angeguckt, so als Teil des Unterrichts. Das ist einfach im kollektiven Bewusstsein inzwischen drin. Aber wenn es um die Kinder geht, darf das nicht in den Händen von mehr oder weniger seriösen Trägern liegen. Es gibt sehr seriöse Träger, das möchte ich ausdrücklich noch mal betonen, es gibt viele, die gut arbeiten, aber ich kann das nicht für alle sagen. Ich hab das mal recherchiert: Für die Einfuhrgenehmigung von Gummibärchen gibt es 300 Seiten Gesetzespapiere, für die Aussetzung in Babyklappen Null."

Da der Gesetzgeber nicht legalisieren kann, was gegen die Verfassung verstößt, existieren Babyklappe und anonyme Geburt in einer rechtlichen Grauzone. Es gibt keine Kontrollen und keine Pflicht zur Dokumentation.

Von 200 Kindern weiß man nicht, wo sie geblieben sind

Eine Studie des Deutschen Jugendinstituts brachte 2012 etwas Licht in das Dunkel. Auch wenn längst nicht alle Befragten Auskunft gaben, war das Ergebnis alarmierend: Die Studie zählte 973 Kinder, die zwischen 2000 und 2010 anonym geboren oder in Babyklappen abgegeben worden waren. Bei 200 von ihnen konnten weder die Träger der anonymen Angebote noch die Jugendämter Angaben zu ihrem Verbleib machen. Bis heute fehlt von diesen 200 Kindern jede Spur. Christine Swientek:

"Da muss ein Aufschrei durch die Politik und durch die ganze Szene gehen: Kann es sein, dass diese Kinder in irgendwelchen dunklen Kanälen verschwunden sind? Oder ist einfach schlampig Buch geführt worden? Wir reden von Anfang an über Babyhandel. Wenn niemand weiß, dass es das Kind gibt, außer dem Betreiber selber, und das Kind nicht gemeldet wird, dann kann das verkauft werden, und die Preise sind hoch."

Wenn die anonymen Angebote nicht sicher sind vor kriminellem Missbrauch, wenn sie gegen das Grundrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung verstoßen, und wenn bis heute nicht nachgewiesen werden konnte, dass sie Kindstötungen verhindern, warum hat der Gesetzgeber sie dann noch nicht abgeschafft?

"Ich muss wirklich sagen, das haben wir auch im Ethikrat erlebt, dass die Betreiber von Babyklappen einen unheimlichen Druck machen, einen politischen, lobbyistischen Druck, der dadurch sich natürlich auszeichnet, dass mit Kindern argumentiert wird, ohne wirklich den Beweis anzutreten, ob das auch wirklich stimmt.

Nehmen Sie irgendeine Kleinstadt und der Rat hat jetzt beschlossen, endlich diese Babyklappe zu schließen und zwei Monate später gibt's in der Kleinstadt ein totes Baby - das erste nach 150 Jahren. Dann rollen Köpfe. Und das weiß jeder. Das geht bis hin in den Bundestag: Wer gegen Babyklappen ist, will dass Kinder auf dem Müll sterben. Eine hochemotionale Angelegenheit mit einem Gefährdungspotenzial für jeden Politiker."

Natürlich - auch wenn Babyklappe und anonyme Geburt die Zahl der Kindstötungen nicht zu beeinflussen scheinen, mit letztgültiger Sicherheit kann niemand sagen, ob diese Angebote nicht doch die eine oder andere Frau von solch einer Verzweiflungstat abgehalten haben. Elke Ferner vom Bundesfamilienministerium:

"Man kann das ja durchaus so oder so sehen. Also, nur die Tatsache, dass die Zahlen nicht zurückgehen, sagt nix darüber aus, ob es ohne diese Angebote nicht noch mehr wären."

Unversöhnlich stehen sich die Gegner und Befürworter der anonymen Angebote gegenüber: Der deutsche Ethikrat oder die Kinderschutzorganisation terre des hommes verweisen auf schwerwiegende Identitätsstörungen bei Kindern, die nie etwas über ihre leiblichen Eltern erfahren können. Befürworter wie der Sozialdienst katholischer Frauen halten dagegen, dass gerade die Zusicherung unbedingter Anonymität viele Frauen dazu bringe, diese nach der Geburt doch aufzugeben. Die Gegner sprechen von einer künstlich produzierten Nachfrage und listen Fälle auf, bei der wiederholt Kinder derselben Mutter oder auch ältere Babys mit Behinderungen in die Klappe gelegt wurden.

Doch gerade dieses niedrigschwellige Angebot, führen die Befürworter ins Feld, könne auch die Frauen erreichen, die unfähig seien, anderswo Hilfe zu suchen.

Die vertrauliche Geburt, bei der eine Frau unter Pseudonym entbindet, sucht nun den Kompromiss: Sie gewährt der Frau Beratung und Anonymität, zugleich respektiert sie das Grundrecht des Kindes, das mit 16 seine Herkunft erfahren kann. Noch laufen alle drei Angebote nebeneinander her. Bis 2017 sollen sie evaluiert werden:

"Die Fragestellung ist natürlich: Erreichen wir die Frauen? Kann man möglicherweise das Instrument der vertraulichen Geburt noch bekannter machen? Wie viele Kinder sind trotzdem in Babyklappen abgegeben worden oder über anonyme Geburt zur Welt gekommen? Man wird das ganze Setting untersuchen und dann versuchen, dann auch Rückschlüsse zu finden: Werden bestimmte Instrumente weiterhin gebraucht oder muss man andere Rahmenbedingungen setzen?"

Seit einem Jahr ist das Gesetz zur vertraulichen Geburt in Kraft. Seitdem sind 90 versiegelte Umschläge mit den Daten der Mütter beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln eingegangen. Eine Nachfrage scheint es also durchaus zu geben. Und es ist zu hoffen, dass die Zahl der anonym abgegebenen Kinder proportional zu dieser Nachfrage sinken wird. Doch was immer die Wissenschaftler bis 2017 zusammengetragen haben werden, Christine Swientek, die seit 15 Jahren für die Abschaffung von Babyklappe und anonymer Geburt streitet, glaubt nicht, dass sich damit etwas ändern wird:

"Ich nehme an, dass diese drei Maßnahmen weiter nebeneinander bestehen bleiben. Und zwar so lange, bis ein Betroffener vor das Verfassungsgericht geht. Ein Betroffener, der anonymisiert wurde und der jetzt sagt: Ich habe mich klug gemacht, das war verfassungswidrig, und ich will jetzt mein Recht. Und dann kann sich jeder Politiker hinter dem Bundesverfassungsgericht verstecken und sagen: Wir können ja nicht anders. Und dann wird es geschlossen. Das ist meine Prognose."

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