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StartseiteDie neue PlatteEindrucksvolles Plädoyer28.04.2019

Via Crucis von Franz LisztEindrucksvolles Plädoyer

Via Crucis, die Kreuzweg-Kantate von Franz Liszt zeigt, wie ernsthaft und ambitioniert Liszt katholische Kirchenmusik schrieb. Eine Facette des Komponisten, die heute oftmals vernachlässigt wird. Vollkommen zu Unrecht, wie eine neue Aufnahme deutlich macht.

Am Mikrofon: Michael Stegemann

Reinbert de Leeuw sitz in einem Hauseingang (J. van Durme)
Pianist und Dirigent: Reinbert de Leeuw (J. van Durme)
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Franz Liszt, zum Ersten: der Hexenmeister am Klavier. Der Hyper-Virtuose, bei dessen Konzerten das Publikum in staunende Verzückung geriet und Frauen kreischend in Ohnmacht fielen. Der erste Popstar der Musikgeschichte. Franz Liszt, zum Zweiten: der großherzogliche Kapellmeister in Weimar. Der Erfinder der Symphonischen Dichtung, gegen dessen "Zukunftsmusik" Robert Schumann und Johannes Brahms Sturm liefen. Und schließlich Franz Liszt, zum Dritten: der Abbé. Komponist von rund fünf Dutzend Kirchenmusik-Werken, die heute fast völlig vergessen sind – sehr zu Unrecht, wie "Die neue Platte" zeigt, die ich Ihnen gern vorstellen möchte: Die Kreuzweg-Kantate Via crucis, mit dem Collegium Vocale Gent und Reinbert de Leeuw, erschienen bei Alpha.

Musik: "Vexilla regis" aus Via crucis von Franz Liszt

Das war der Beginn der Kreuzweg-Kantate Via crucis von Franz Liszt, nach dem gregorianischen Hymnus Vexilla regis prodeunt. Reinbert de Leeuw leitete vom Klavier aus das Collegium Vocale Gent. Das zwischen 1873 und 1878 entstandene, gut halbstündige Werk für Soli, Chor und Klavier ist eines der radikalsten und (auch noch im heutigen Sinne) modernsten, die Liszt je geschrieben hat. Auch Liszts Lebensgefährtin Carolyne von Sayn-Wittgenstein war irritiert:

"Nie hat er noch so komponiert; man möchte glauben, daß er die höchste Spitze der Erde verlassen hat, um im ätherischen Blau zu schwimmen."

Via crucis versucht eine quasi ökumenische Verknüpfung von katholischer und protestantischer Tradition. Der Text ist teils lateinisch, teils deutsch, Gregorianik steht neben lutherischen Chorälen, die instrumentale Begleitung – Klavier, Klavier zu vier Händen oder Orgel – ist eher karg und von einer kompromisslosen Strenge und Expressivität, die weit ins 20. Jahrhundert voraus weist. Etwa die grell-dissonanten, von gespenstischen Pausen zerteilten Akkorde der 11. Station: "Jesus wird ans Kreuz geschlagen".

Musik: "Station XI: Jesu wird ans Kreuz geschlagen" aus "Via crucis" von Franz Liszt

Reinbert de Leeuw und das Collegium Vocale Gent mit der 11. Station »Jesus wird ans Kreuz geschlagen« aus Franz Liszts Kreuzweg-Kantate Via crucis. Der großartige, 1970 von Philippe Herreweghe gegründete Chor ist hier mit nur 16 Stimmen besetzt (die auch die drei Soli übernehmen) – deutlich kleiner als der Niederländische Kammerchor, mit dem de Leeuw das Werk bereits 1986 für Philips aufgenommen hat, und auch sehr viel straffer: dauerte die alte Aufnahme noch 48:03, so sind es jetzt nur noch 36:53. Eine weitere, erst 1980 edierte Fassung Liszts für Klavier solo (ohne Gesang) hat Reinbert de Leeuw 2012 für das Label Etcetera eingespielt; sie liegt mit einer Spieldauer von 41:55 genau dazwischen. Mit ihren zügigen Tempi (die dennoch innere Ruhe atmen und nie übereilt klingen) kommt de Leeuws neue Aufnahme fast beiläufig daher; die spektakuläre Modernität des Werkes entsteht quasi en passant und muss nicht eigens durch die Interpretation betont werden. In perfekter Balance zwischen Klavier und Chor ist diese Via crucis so konzentriert und ›bei sich selbst‹, dass sie fast wie meditativ wirkt. Wenn man so will, zeichnet die Diskographie des Werkes den Interpretationsweg des heute 80-jährigen Pianisten, Dirigenten und Ensembleleiters von der Romantik zur Moderne nach, für die de Leeuw ja tatsächlich als Spezialist gilt. Und wie modern Via crucis ist, zeigt zum Beispiel die 4. Station: "Jesus begegnet seiner heiligen Mutter". Es ist eine von fünf (der insgesamt 14) Stationen, die Liszt rein instrumental gestaltet hat – an der Grenze zur Atonalität.

Musik: "Station IV: Jesus begegnet seiner heiligen Mutter" aus "Via crucis" von Franz Liszt

Liszt war 50 Jahre alt, als er sich im Oktober 1861 in Rom niederließ. Die glanzvollen Virtuosenjahre lagen ebenso endgültig hinter ihm wie die Zeit als Kapellmeister in Weimar; von nun an galt sein Hauptaugenmerk dem Aufbau einer Musikakademie in Budapest und einer Reform der Kirchenmusik.

"Zum einen ist mir absolut klar geworden, dass meine Aufgabe in dieser Welt integrativer Teil des nationalen Ruhms ist. [...] Zum anderen habe ich mich ernsthaft als katholischer Kirchen-Komponist positioniert. Das ist künstlerisch ein unbegrenzt weites Feld, und ich fühle mich dazu berufen, es mit allem Eifer zu bestellen."

Als er 1865 in Rom zum Abbé geweiht wurde, gab es viel Unverständnis oder sogar Spott. Aber Liszts religiöse Berufung war absolut aufrichtig und lässt sich bis in seine frühe Jugend zurückverfolgen. Seine Idee einer Versöhnung, wenn nicht gar Verschmelzung der katholischen und der protestantischen Kirchenmusik, die er jetzt verfolgte, ist auch der Kerngedanke der Via-crucis-Kantate. So erklingt in der 6. Station ("Sancta Veronica") der Choral "O Haupt voll Blut und Wunden", an den sich in der 7. Station ("Jesus fällt zum zweiten Mal") die gregorianische Stabat-Mater-Sequenz anschließt. Reinbert de Leeuw leitet wieder vom Klavier aus das Collegium Vocale Gent.

Musik: "Station VI: Sancta Veronica" & "Station VII: Jesus fällt zum zweiten Mal" aus "Via crucis" von Franz Liszt

Reinbert de Leeuw und das Collegium Vocale Gent mit den Stationen 6 und 7 aus Via crucis von Franz Liszt. Diese Musik ist nicht nur zutiefst unromantisch – sie ist auch dermaßen avantgardistisch, dass der Regensburger Kirchenmusik-Verleger Friedrich Pustet die Veröffentlichung der Via crucis entschieden ablehnte, obgleich Liszt ihm das Werk sogar kostenlos angeboten hatte. Der Komponist wunderte sich kaum, dass die Stücke auf so wenig Verständnis stießen.  

"Sie zu veröffentlichen bekümmert mich wenig; denn sie passen nicht zu dem gewöhnlichen Musikgebrauch und -Betrieb... Warum damit markten?"

Ihre Uraufführung erlebte die Kreuzweg-Kantate erst am Karfreitag des Jahres 1929 in Budapest – ein halbes Jahrhundert nach ihrem Entstehen.

Die Aufnahme von Reinbert de Leeuw mit dem Collegium Vocale Gent ist in ihrer Konzentration und Konsequenz ein eindrucksvolles Plädoyer für ein Werk, bei dem man wohl eher auf einen Komponisten wie György Kurtág tippen würde als ausgerechnet auf Franz Liszt. Hier noch ein letztes Beispiel: Der Anfang der 12. Station »Jesus stirbt am Kreuze«. Sebastian Myrus (Bariton) und das Collegium Vocale Gent mit Reinbert de Leeuw am Klavier.

Musik: "Station XII: Jesus stirbt am Kreuze" aus "Via crucis" von Franz Liszt

Sebastian Myrus (Bariton) und das Collegium Vocale Gent, vom Klavier aus dirigiert von Reinbert de Leeuw. Außer der Kreuzweg-Kantate Via crucis, aus der Sie gerade den Beginn der 12. Station ("Jesus stirbt am Kreuze") gehört haben, stellt die neue CD des Labels Alpha noch drei weitere Kirchenmusikwerke von Franz Liszt vor: das Vater unser und die Motette Ave verum corpus für Chor und Orgel – gespielt von Marnix de Cat –, und das einzige A-capella-Chorwerk Liszts – ein Salve Regina von 1885, seine letzte Kirchenmusik. Hören Sie noch einmal das Collegium Vocale Gent unter der Leitung von Reinbert de Leeuw.

Musik: "Salve Regina" von Franz Liszt

"Die neue Platte" im Deutschlandfunk – heute mit einer Neuproduktion des Labels Alpha mit der Kreuzweg-Kantate Via crucis und drei kleineren Kirchenmusik-Werken von Franz Liszt – darunter das späte Salve Regina für Chor a capella, dessen Schluss Sie gerade gehört haben. Reinbert de Leeuw dirigierte das Collegium Vocale Gent.

Franz Liszt - Via crucis
Collegium Vocale Gent
Reinbert de Leeuw, Leitung und Klavier
Alpha Classics

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