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StartseiteInterview"Vielleicht bräuchte es wirklich mal Banknarren"27.02.2009

"Vielleicht bräuchte es wirklich mal Banknarren"

Das Weltparlament der Clowns und die Finanzkrise

In Dresden tagt derzeit im Schauspielhaus das Weltparlament der Clowns. Das ist nicht nur eine Ideenbörse für Komiker, hier geht es auch um die großen Fragen der Menschheit. Die Clowns Jekaterina Moschajewa und Olli Hauenstein erklären ihre Sicht auf den internationalen Finanzkollaps und zeigen mit Humor den Weg aus der Krise.

Jekaterina Moschajewa und Olli Hauenstein im Gespräch mit Jekaterina Moschajewa und Olli Hauenstein

Die aus Russland stammende Antoschka, "Königin der Clowns", jongliert im im Circus&Clown-Museum in Wien. (AP)
Die aus Russland stammende Antoschka, "Königin der Clowns", jongliert im im Circus&Clown-Museum in Wien. (AP)
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Christoph Heinemann: In Rüsselsheim oder Eisenach wird man das vielleicht anders sehen: Die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzkrise habe auch sehr komische Seiten, meinte zu Beginn dieser Woche der Satiriker Martin Sonneborn in einem Zeitungsinterview. Der Kapitalismus wandele sich in Enteignungspolitik und die FDP profitiere davon, Bänker hätten auf einmal einen noch schlechteren Ruf als Journalisten, Trickbetrüger oder die Pius-Brüder, sagte Sonneborn der Süddeutschen Zeitung. Wir fragen Fachleute für das Komische, denn in Dresden tagt heute im Schauspielhaus das Weltparlament der Clowns. Das ist nicht nur eine Ideenbörse für Komiker, hier geht es auch um die großen Fragen der Menschheit. Und das Weltparlament zeichnet regelmäßig Ehrenclowns aus, etwa den Regisseur Wim Wenders, den Sänger Thomas Quasthoff oder Desmond Tutu, den südafrikanischen Erzbischof und Friedensnobelpreisträger. Heute geben die Clowns Kostproben ihres Könnens zum Besten, morgen diskutieren sie auf dem Weltkulturforum in der Elbestadt mit Wissenschaftlern, zum Beispiel dem Hirnforscher Gerald Hüther, über das spannende Thema Dummheit. Mit zwei Teilnehmern sind wir jetzt verbunden, zwei veritablen Clowns, Antoschka, die mit bürgerlichem Namen Jekaterina Moschajewa heißt, lebt und arbeitet heute in Deutschland, war lange in der Manege des großen Moskauer Staatszirkus zu Hause, und Olli Hauenstein spielte im Zirkus Roncalli und im Cirque du Soleil. Guten Morgen nach Dresden!

Olli Hauenstein: Guten Morgen!

Jekaterina Moschajewa: Dobra utra!

Heinemann: Heißt?

Moschajewa: Guten Morgen!

Heinemann: Wunderbar! Antoschka, welchem Ziel dient das Weltparlament der Clowns?

Moschajewa: Das Weltparlament der Clowns möchte unseren bisschen tristen Planeten jetzt wieder zum Lachen bringen, dass neue Möglichkeiten aus diesem Chaos erfunden werden, wie immer Clowns das machen, aus schlechten Situationen, vom Stolpern, vom Unglück neues Leben bauen, neue Philosophie mit Lust, mit "smile" und mit schönem Lächeln.

Heinemann: Olli Hauenstein, wie bekommt man den tristen Planeten zum Lachen?

Hauenstein: Ich glaube, indem man dem Geld weniger Wert gibt. Geld dominiert die Welt und wir haben gesehen, wo das hinführt, und was noch viel schlimmer ist: Geld dominiert auch unsere Herzen und unsere Seele, und wir Clowns sind damit natürlich nicht einverstanden. Wir möchten, dass eigentlich der Humor, die Freude und nicht das Geld die Seele dominiert, und wir möchten da was beitragen mit unseren Ideen, mit unserer Poesie, mit unserem Geist.

Heinemann: Mit welchen Mitteln, Antoschka?

Moschajewa: Da gibt es zwei Möglichkeiten, weinen, wenn der Luftballon platzt, oder lachen. Wir lachen. Wir zeigen die Situation aus Sicht eines Clowns. Verstehen können Sie das, wenn Sie einen Handstand machen. Und wenn Sie auf dem Kopf stehen, sieht die Welt total anders aus. Und Lachen über schwierige Situationen ist die beste Medizin, Lachen überhaupt ist die beste Medizin. Diese Botschaft, das bringt das Parlament der Clowns rüber.

Heinemann: Herr Hauenstein, wenn die Finanzblase platzt, dann vergeht den Leuten eher das Lachen.

Hauenstein: Das ist richtig, aber ich meine: Das Leben geht weiter und wir müssen verstehen, dass nicht nur das Geld im Mittelpunkt steht. Ich glaube, wir können aus dieser Pleite, aus diesen Fehlern müssen wir irgendwie das Positive ziehen, dass jemand, der jetzt vielleicht nur noch Teilzeit arbeitet, das als eine Chance sieht. Okay, er muss sich vielleicht einschränken im Leben, aber er kann was anderes an Lebensfreude dazugewinnen, nämlich mehr Zeit. Früher hat es immer geheißen, Zeit ist Geld. Unser Leben ist Geld. Und ich glaube, das ist die große Gefahr unserer Gesellschaft. Und der Clown, er gewinnt aus den Fehlern. Ich meine, wir stolpern, wie Antoschka gesagt hat, oder wir machen Fehler, aber der Fehler ist unser Reichtum und nicht das Geld. Die Fehler sind unser Reichtum, wir lernen aus den Fehlern und das möchten wir den Menschen zeigen, nicht nur darüber lachen, sondern darüber auch noch eine, ich sage mal, innere Weisheit ziehen, einen Gewinn ziehen. Das können wir. Und dann ist auch der Verlust an Geld nicht mehr so schmerzhaft. Dann haben wir eine Chance, dass wir doch irgendwie, ohne sehr viel von unserer Seele einbüßen zu müssen, dies Krise überwinden können, indem wir einfach den Mut und die Freude am Leben nicht aufgeben und uns an Sachen freuen, die eigentlich zum Weinen sind, eben alles verkehrt herum angucken.

Heinemann: Kann man die Angst vor der Zukunft weglachen?

Hauenstein: Ja, ich glaube schon.

Moschajewa: Ich glaube auch. Wir haben nichts verloren, denn wozu braucht man Geld? Man möchte Sachen kaufen, besseres, mehr, schickes Auto, größere Häuser, mehr schicke Klamotten. Für was? Nur, damit die Leute dich bewundern und Leute dich lieben und Leute mit dir kommunizieren. Aber wir haben das ohne großes Geld, wir schenken Leuten Liebe und Lachen und Leute geben uns das zurück, das ist in den Augen und sie lachen, und wir sind reich. Alles, was man für großes Geld kaufen kann, haben wir schon.

Heinemann: Herr Hauenstein, übertrifft die Wirklichkeit manchmal das, was sich Clowns ausdenken können? Ist zum Beispiel das Bankensystem nicht der bessere Zirkus?

Hauenstein: Nein, das glaube ich nicht. Ich meine, das Bankensystem ist ein Gesellschaftssystem und leider für viele Menschen auch eine große Philosophie. Aber wir Clowns, wir haben andere Ideen, und ich würde auch das Bankensystem nicht als einen Zirkus bezeichnen. Ich meine, das ist Realität.

Heinemann: Da würde man den Zirkus beschimpfen?

Moschajewa: Das ist Horrorzirkus sozusagen. Es gibt verschiedene Arten von Zirkussen.

Hauenstein: Ich würde auch sagen, das ist Horrorzirkus oder respektive ... Ich meine, unter Zirkus verstehe ich etwas Fröhliches, was die Gemüter bewegt und was die Seele erfreut, und das kann man beim Bankensystem nicht sagen. Und wenn es das tut, dann tut es das auch immer nur wenig, ich meine, viele leiden nur unter dem Desaster, das verursacht wurde, aber von dem Gewinn, der jahrelang eingefahren wurde, hatten nur wenige eine Freude. Beim Zirkus haben alle Freude, die, die es machen und die, die da sind. Es ist nicht so einseitig, finde ich und es ist ein fröhlicher Zirkus.

Heinemann: Das heißt, in der Wirtschaft oder in der Finanzwirtschaft ist zu viel Narrenfreiheit auch nicht gut?

Hauenstein: Die Narrenfreiheit finde ich in der Wirtschaft sicher richtig. Man muss, um neue Ideen zu haben, vielleicht mal seinem Geist freien Lauf lassen und auch närrisch sein oder eben die Welt auf den Kopf stellen. Aber man darf nicht mit der Arbeit von anderen das machen, sondern dann muss man das selber machen, dann müssen die Bankdirektoren mal selber den Narren spielen und nicht die anderen zum Narren machen, ich glaube, das ist der große Unterschied. Und was jetzt passiert, ist eigentlich, dass doch die Direktoren sich irgendwie das Leben leicht machen, indem sie sagen, ja, wir sind mit einem kleinen Bonus zufrieden und ziehen sich dann aus der Affäre. Das finde ich nicht ganz richtig. Und darum denke ich, wäre es vielleicht gut, sie hätten Hofnarren. Früher beim Königshaus gab es Hofnarren, die den König immer kritisiert haben, und wenn es dann halt zu herbe wurde, wurde der Hofnarr geköpft, also, wenn der König es nicht hören wollte. Ich weiß es nicht. Die Bankdirektoren hatten ja auch ihre Hofnarren, Kritiker, die da schon lange kritisiert haben. Man hat nicht genug hingehört. Vielleicht bräuchte es wirklich mal Banknarren, die da ein bisschen ... Das wäre mal was!

Heinemann: Eine neue Berufsbezeichnung, der Banknarr ist geboren.

Hauenstein: Ja. Aber ich muss ehrlich sagen, ich bleibe lieber im Theater oder im Zirkus, denn da habe ich die strahlenden und freudigen Gesichter, und bei den Banken überlasse ich doch das lieber den politischen Kabarettisten respektive den Bankaufsehern.

Heinemann: Antoschka, Herr Hauenstein - könnten Sie sich vorstellen, die Krise, das Versagen von Eliten, die sich elitär, aber nicht vorbildlich verhalten, in einem Programm darzustellen?

Moschajewa: Ja, warum nicht? Ich denke, dass es bei Finanzen, Banken und bei Geld um Macht geht. Die Leute, die diese Strippen ziehen, möchten die Herrscher sein. Das Problem ist, dass sie das Volk zum Narren machen, das Resultat ist, dass das Volk leidet. Und wenn ich das lese, lache ich mich immer kaputt, weil da mal wieder drei Milliarden verschwunden sind, sechs Milliarden verschwunden sind, drei Billionen verschwunden sind. Das ist eine Magie, David Copperfield ist ein kleiner Junge dagegen. Der Clown ist Philosoph und er sieht alles und alles geht durch sein Herz, und diese große Buffanade, das alles so vergrößern, bis das keinen Sinn mehr hat, das ist dieses ausgeblasene Geld, es war sowieso nicht da. Das war nur Spiel, das ist klar, und die Leute, die mit Finanzen zu tun haben, die nehmen nur. Und unsere Politik, die ganze Politik vom Parlament der Clowns, wir geben. Der Mensch existiert nur dann, wenn er sich in den Augen von anderen spiegelt, und diese Augen, diese Gestalt, die in die Augen der anderen blickt, Kinder oder Kranke oder Bedürftige - das schöne Bild ist schon im Menschen. Und ich denke, dass man die Liebe und Freude bekommt, schließlich ist auch dieses Reden vom Geld und so weiter nur Begierde nach Liebe. Machen Sie einen einfacheren Weg, schenken Sie Lächeln und das bekommen Sie zurück. Und das ist der beste Gewinn, die besten%e, die Sie haben können.

Heinemann: Das gehörte ja auch zur Berufsbeschreibung des Banknarren sicherlich. Herr Hauenstein, wenn Sie es darstellen sollten: Was passierte mit dem Börsenspekulanten, dem Bankdirektor, dem Politiker, dem Journalisten, die wollen wir nicht vergessen, in der Manege, wenn sie als Clown auf ihn treffen oder ihn darstellen sollten? Würden Sie ihm mit der Pritsche eins drübergeben?

Hauenstein: Ja, vielleicht, aber ich meine, es gibt viel schönere Bilder. Ich würde so einen Bankdirektor vielleicht so ... Wenn Sie sich eine Sanduhr vorstellen, die voll ist mit Geld, nicht mit Sand, und der Bankdirektor, der tanzt da in dieser Sanduhr wie Dagobert Duck, und unten rinnt es aber immer mehr heraus und am Schluss klemmt er da in diesem Trichter. Das würde ich mir so als schöne Clownnummer vorstellen.

Heinemann: Ein Thema in Dresden ist die Dummheit. Was ist für Sie Dummheit und wo beginnt sie?

Moschajewa: Das ist das Heilmittel von der ganzen Welt.

Hauenstein: Die Clowns haben eine kluge Dummheit, wie man so schön sagt, die machen einen Fehler, weil sie dumm sind, aber dann sind sie doch wieder schlau und witzig genug, aus diesem Fehler einen Gewinn zu ziehen. Das ist so, ich sage mal vereinfacht, die Mechanik oder die Art, wie der Clown die Dummheit in Weisheit verwandelt, nicht zu vergleichen mit dem, was jetzt eben in der Finanzwelt passiert ist. Man sagt, ja, das ist aber dumm, jetzt habe ich so viel Geld verloren, aber das waren ja ganz kluge Leute, die ganz genau berechnet haben, die so viel Geld verloren haben. Ich denke, die dummen Menschen haben so viel Geld nicht verloren, denn die haben es vielleicht immer noch unter dem Kopfkissen.

Heinemann: Und die vorgeblich Klugen stehen manchmal dumm da.

Hauenstein: Ja, genau!

Moschajewa: Wie Einstein gesagt hat: Dummheit und Universum ist unendlich.

Heinemann: Wer hat das gesagt?

Moschajewa: Einstein.

Heinemann: Einstein, wunderbar.

Moschajewa: Einstein war ein kluger Mensch.

Heinemann: Er war auch ein Clown.

Moschajewa: Ja, er war ein Clown.

Heinemann: Ansichten zweier Clowns, wir sprachen in den Informationen am Morgen im Deutschlandfunk mit Jekaterina Moschajewa, die als Antoschka weltberühmt wurde, und ihrem ebenso prominenten Kollegen Olli Hauenstein. Danke schön für das Gespräch und auf Wiederhören!

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