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StartseiteKalenderblattSüd-Kärntens folgenreiche Entscheidung 10.10.2020

Volksabstimmung vor 100 Jahren Süd-Kärntens folgenreiche Entscheidung

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg musste sich der zweisprachige Süden Kärntens zwischen Österreich und Jugoslawien entscheiden. Am 10. Oktober 1920 wurde abgestimmt. Das Ergebnis war eine handfeste Überraschung - und brachte neue Konflikte, die bis heute andauern.

Von Norbert Mappes-Niediek

Der Grenzübergang Lavamünd (Kärnten) an der Grenze zwischen Österreich und Slowenien, aufgenommen am Mittwoch, 17. Februar 2016. (picture alliance / APA / picturedesk.com / Gert Eggenberger)
Heute beginnt hier Österreich: Der Grenzübergang Lavamünd verbindet Kärnten mit Slowenien (picture alliance / APA / picturedesk.com / Gert Eggenberger)
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Noch immer spielen Chor und Blasmusik auf allen Dorfplätzen in Kärnten, dem berge- und seenreichen Bundesland im Süden Österreichs, das Heimatlied – einschließlich seiner martialischen vierten Strophe: "Wo man mit Blut die Grenze schrieb und frei in Not und Tod verblieb; hell jubelnd klingt’s zur Bergeswand: Das ist mein herrlich Heimatland!" 

Ein zäher Mythos rankt sich um die Grenze, die hier mit den Zeilen einer nationalsozialistischen Dichterin besungen wird. Sein Anker in der Geschichte ist der 10. Oktober 1920. 

Republik Österreich oder südslawisches Königreich?

Der Kaiser war weg, der Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn am Ende, und die Nationalitäten stritten um die Konkursmasse. Im einstigen Herzogtum Kärnten wurde teils deutsch, teils slowenisch gesprochen. Das neue Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das spätere Jugoslawien, schickte Soldaten über die neue Grenze in das vermeintlich slawische Land. Kärntens deutschsprachige Mehrheit organisierte einen sogenannten Abwehrkampf. Kärnten wurde zum Thema in St. Germain bei Paris, wo die Siegermächte des Ersten Weltkriegs 1919 die Aufteilung Österreichs regelten. Für den 10. Oktober des Folgejahres setzten sie eine Volksabstimmung an – nicht in ganz Kärnten, nur im gemischtsprachigen Süden. Wollte man künftig zu Österreich oder zum südslawischen Königreich gehören? Der Kampf war vorbei; nun sollte demokratisch entschieden werden.

"Dieser 10. Oktober ist ruhig verlaufen", sagt der Klagenfurter Historiker Werner Drobesch. Sogenannte Volkstumskämpfe hatten Österreich-Ungarn schon ein halbes Jahrhundert lang begleitet. Kärnten allerdings war keiner ihrer Brennpunkte gewesen. So erwarteten beide Seiten, dass die Abstimmung so klar ausgehen würde wie eine Volkszählung, so Drobesch. "Die Sprache, in der ich gesprochen habe, war auch meine Nationalität."

It's the economy

Wer slowenisch sprach, würde für Jugoslawien stimmen, wer deutsch sprach, für Österreich, dachten alle. Aber es kam anders: Obwohl südlich der Drau 70 Prozent der Einwohner slowenisch sprachen, stimmten hier 59 Prozent für den Verbleib bei Österreich, nur 41 Prozent für den Anschluss an Jugoslawien. 

"Es war einerseits natürlich eine nationale Entscheidung. Aber nicht nur", deutet Marjan Sturm, jahrzehntelang Sprecher der slowenischen Minderheit in Kärnten, das überraschende Ergebnis. Entscheidend waren zwei andere Motive, sagt Marjan Sturm: "Sie müssen sich vorstellen: Die Menschen kamen aus einer Monarchie. Und Österreich war bereits eine Republik und hat natürlich mit moderner Sozialgesetzgebung völlig neue Wege beschritten. Und der dritte Weg, dieses Land ist agrarisch geprägt. Wo sollen die Menschen ihre Produkte verkaufen? In Ljubljana?" Da lagen 100 Kilometer und ein hoher Pass dazwischen. Dazu Historiker Drobesch: "Die österreichische Seite hat in der Propaganda sehr stark, nicht ausschließlich, aber sehr stark auf dieses ökonomische Momentum gesetzt." Österreich: Das war die Zukunft, das monarchische Südslawien stand für die alte Zeit.

Triumphalismus der Deutschsprachigen 

Nach der Abstimmung war die Grenzfrage geklärt. Aber zur Ruhe kam das Land nicht. Auf deutsch-österreichischer Seite brach ein Triumphalismus aus, der über Jahrzehnte anhielt. Die slowenische Sprache war verpönt.

 Blick auf die Statue des Geigers, dessen Geigenbogen zu einer Kirche im Hintergrund weist. (imago images / CHROMORANGE) (imago images / CHROMORANGE)Kämpfender slowenischer Poet
Er war eine Koryphäe der slowenischen Literatur in Kärnten, bekannt für seine Polemik. Immer wieder hat sich Janko Messner in die österreichische Politik eingemischt und machte sich damit nicht nur Freunde.

In der Nazizeit wurden Slowenen bekämpft und vertrieben. In der Nachkriegszeit wurden gesetzliche Garantien, wie die Regierung in Wien sie eigentlich vorsah, in Kärnten ignoriert, etwa für die Verwendung des Slowenischen auf dem Amt oder im Unterricht. Bis vor wenigen Jahren mochte die Mehrheit der Minderheit nicht einmal zweisprachige Ortsschilder zugestehen. Jenseits der Grenze wiederum, in Jugoslawien, hielt sich hartnäckig der irrige Glaube, der ganze Süden Kärntens sei eigentlich slowenisch, und wenn dort auf der Straße deutsch gesprochen werde, dann nur aus Zwang. 

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Jeden Sommer wandert Zdravko Haderlap mit Interessierten durch das zweisprachige Kärnten und erzählt dabei von der bewegten Geschichte: den Grenzziehungen des 20. Jahrhunderts. 

Erst jetzt, seit auch Kärnten Einwanderungsland geworden ist, ebbt der Streit ab. Marjan Sturm, der Minderheitenvertreter, hat in Volkstumsfragen Gelassenheit gelernt – von seiner Tochter, sagt er, die er einmal gefragt habe, als was sie sich eigentlich fühle.

Ihre Antwort: "Du bist Kärntner Slowene. Meine Mama ist Kolumbianerin. Ihr Vater war deutscher Jude. Ihre Mutter war Halbindianerin. ich wachse hier in Kärnten auf. Ich möchte eigentlich auf nix verzichten."

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