Montag, 08. August 2022

Corona-Pandemie
Die Virus-Variante Omikron im Überblick

Mit BA.5 breitet sich ein neuer Omikron-Subtyp in Deutschland aus - derzeit noch auf niedrigem Niveau. Aktuell dominiert hierzulande noch der Subtyp BA.2. Welche Unterschiede gibt es zu BA.5? Was weiß man über den neuen Subtyp? Und bieten die Impfstoffe weiter Schutz? Ein Überblick.

08.06.2022

    Jemand träufelt aus einer Pipette auf ein Probenröhrchen.
    Welche Variante des Coronavirus vorhanden ist, kann mithilfe von Genom-Sequenzierung festgesetellt werden (picture alliance/dpa/Camilo Freedman)

    Omikron ist deutlich ansteckender als die Delta-Variante

    Die Coronavirus-Variante Omikron (B.1.1.529) zeichnet sich durch eine stark gesteigerte Übertragbarkeit im Vergleich zur Delta-Variante aus. Zur schnelleren Ausbreitung des Virus trägt bei, dass sich Omikron nach einigen Studien vermutlich vor allem im oberen Atemwegstrakt vermehrt statt in der tiefen Lunge. Das könne zu einer schnelleren Übertragung führen, sagte der Biophysiker Richard Neher am 3. Januar 2022 im Deutschlandfunk.
    Schon nach drei Tagen kann eine infizierte Person Omikron weitergeben, Delta hat dafür einen Tag länger gebraucht. Es geht nicht nur schneller, Omikron wird auch drei Mal häufiger als Delta in der Familie übertragen, wie eine englische Studie zeigt. Die Variante trägt mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein, weshalb die Antikörper bei Omikron nicht mehr so gut greifen. Wie der Corona-Expertenrat der Bundesregierung in seiner Stellungnahme vom 19. Dezember 2021 festgehalten hat, kann Omikron zudem den Immunschutz Geimpfter und Genesener unterlaufen. Daher seien auch Geimpfte und Genesene stark in das Infektionsgeschehen involviert. Vor schweren Verläufen sind sie aber weiter gut geschützt.
    Es scheint so, dass sich Omikron generell anders verhält, als viele es bisher erwartet hatten: Sie ähnelt nicht dem Grippevirus, das die saisonale Influenza verursacht und einmal jährlich zur Winterzeit für Ansteckungen sorgt. Mit Omikron könnten mehrere Wellen pro Jahr auftreten, auch im Sommer.

    Ausbreitung des Subtyps BA.5 in Deutschland regional verschieden

    Die Coronavirus-Variante Omikron (B.1.1.529) hat weitere Untervarianten: Neben dem Subtyp BA.1 gibt es noch die Subtypen BA.2 sowie BA.4 und BA.5. Aktuell dominiert in Deutschland BA.2, die Variante ist für Ungeimpfte noch einmal ansteckender als BA.1.
    Inzwischen breitetet sich jedoch die Untervariante BA.5 aus, vorerst noch auf niedrigem Niveau. In den untersuchten, positiven Proben seit Ende April hat sich der Anteil von BA.5 allerdings im Wochenrhythmus verdoppelt. Er lag in der 20. Kalenderwoche bei etwas über fünf Prozent. Regional scheint die Situation jedoch unterschiedlich zu sein. Ein privates Testlabor aus München hat für den süddeutschen Raum in der Woche vom 30. Mai bis 5. Juni angegeben, dass der Anteil von BA.4 und BA.5 bei rund 30 Prozent lag. In Portugal ist BA.5 mit 80 Prozent bereits dominant.

    BA.5 hat offenbar Vorteil bei der Ausbreitung

    BA.5 weist im Erbgut eine Mutation auf, die es bei BA.1 und BA.2 noch nicht gibt: L452R. An der Position 452 des Spike-Proteins ist ein Aminosäure-Baustein gegen einen anderen ausgetauscht. Diese Mutation hatte die Delta-Variante schon. Offenbar ist es so, dass diese Mutation die Übertragbarkeit des Virus erhöht. Eine andere Mutation, F486V, dürfte dafür verantwortlich sein, dass BA.5 dem Immunsystem teilweise ausweichen kann. Zumindest der Immunabwehr durch Antikörper. Und dadurch wird eine Ansteckung mit dieser Untervariante wahrscheinlicher – und somit eben auch die Ausbreitung.
    Welche Variante oder Untervariante im Herbst in Deutschland vorherrscht, lässt sich im Moment schlecht sagen. In den USA hat sich mittlerweile der Omikron-Subtyp BA.2.12.1 breit gemacht. Er ist direkt aus BA.2 hervorgegangen. Ob dieser Subtyp möglicherweise auch vor dem Herbst in Europa Fuß fassen und gegen BA.5 bestehen oder sich sogar durchsetzen kann, ist aktuell offen.

    Impfung schützt weiter vor schwerem Verlauf

    Eine Impfung schützt wohl immer noch zu einem hohen Grad vor schweren Verläufen, bei BA.2 und auch bei BA.5. Und zwar durch die zelluläre Immunabwehr. Die ist wesentlich robuster gegenüber Immunflucht-Mutationen, aber dafür können zum Beispiel die T-Zellen eine Ansteckung nicht verhindern.
    Einige Studien haben bestätigt: Wer geimpft ist und eine Durchbruchinfektion mit BA.1 erleidet, ist gegen eine erneute Ansteckung durch anderen Omikron-Varianten nicht besonders gut geschützt. Das untermauert die Beobachtungen aus der jüngsten Zeit: Demnach ist es möglich, sich innerhalb weniger Monate ein zweites Mal mit Omikron zu infizieren, aber dann eben mit einem anderen Subtyp.
    Im Blick auf eine vierte Corona-Schutzimpfung sagte der Immunologe Carsten Watzl im Dlf, es könne sinnvoll sein, damit bis zum Herbst zu warten, denn die Inzidenzen seien inzwischen "einigermaßen heruntergegangen". Im Herbst lägen dann wohl an Omikron angepasste Impfstoffe vor, die wahrscheinlich besser schützen. Bei der jetzigen Impfung lasse der Schutz insbesondere vor einer Infektion nach mehreren Monaten erneut nach.
    Watzl erklärte, die angepassten Impfstoffe bezögen sich auf die Variante BA.1, nicht auf BA.5 und dessen Mutationen. Dennoch gelte, dass der Abstand von der ursprünglichen Omikron-Variante BA.1 zur Variante BA.5 kleiner sei als der Abstand vom Originalimpfstoff zu BA.5. "Das heißt, man wird sicherlich mit dem angepassten Impfstoff einen Schutz haben, der wieder näher an Omikron dran ist." Die Daten zu den angepassten Impfstoffen lägen jedoch erst in einigen Wochen vor. Erst dann könne man sicher entscheiden, welcher Impfstoff für einen erneuten Booster der beste sei.

    Ruft Subtyp BA.5 schwerere Symptome hervor als BA.2?

    Die europäische Gesundheitsbehörde ECDC sagt: Es gibt bisher noch keinen Hinweis auf einen schwereren Verlauf bei BA.5. Auch die Beobachtungen in Portugal –-sowie in Südafrika, wo es ebenfalls zu einer BA.5-Welle gekommen war -, zeigen bisher keinen besonders großen Unterschied in der Schwere der Krankheit im Vergleich mit anderen Omikron-Subtypen.
    Gleichwohl wird die Mutation L452R mit einer stärker krankmachenden Wirkung in Verbindung gebracht. In einer Vorab-Veröffentlichung heißt es, dass BA.5 schwerere Symptome hervorruft als BA.2. Die Ergebnisse stammen aber nur aus Tierversuchen mit Hamstern. Es ist fraglich, ob sich das ohne weiteres auf Menschen übertragen lässt.

    Daten deuten auf leichtere Krankheitsverläufe bei Omikron hin

    Infektionen mit Omikron verlaufen in der Regel milder. "Pro nachgewiesenem Fall gehen weniger Leute ins Krankenhaus", sagte der Virologe Christian Drosten am 30.12.2021 im Deutschlandfunk. Ein Grund dafür ist, dass Omikron zwar sehr effektiv die Zellen in den oberen Atemwegen infizieren kann, dafür aber nicht so erfolgreich in das tiefe Lungengewebe eindringt.
    Patienten, die mit Omikron ins Krankenhaus müssten, könnten eher auf den normalen Stationen bleiben und lägen zu einem geringeren Anteil auf den Intensivstationen, sagte Drosten. Sie müssten auch nicht so schnell mit Sauerstoff versorgt werden.

    Daten zeigen keine erhöhte Gefahr für Kinder durch Omikron

    Die Befürchtung, dass Omikron bei Kindern die Gefahr erhöhe, bestätigt sich bisher nicht. Weder für sehr junge noch für ältere Kinder sei mit schwereren Verläufen zu rechnen, sagte der Virologe Wolfgang Preiser von der Stellenbosch University in Kapstadt am 3. Januar 2022 im Deutschlandfunk.

    Wie gut schützt die Impfung vor einer Ansteckung?

    Daten aus England zeigten Anfang 2022 eindeutig: Impfungen schützen vor schweren Verläufen - auch bei den unterschiedlichen Omikron-Varianten. Schon die erste Dosis halbiert das Risiko, nach einer Infektion ins Krankenhaus zu müssen. Eine vollständige Impfung schützt zu rund 70 Prozent und der Booster steigert das auf 85 Prozent.
    Zudem gelingt es der Booster-Impfung auch, eine Infektion zwar nicht sicher zu verhindern, aber doch unwahrscheinlicher zu machen. Nach einer Drittimpfung habe man nach Daten aus England 75 Prozent Schutz vor einer symptomatischen Infektion, sagte die Virologin Ulrike Protzer im Dezember 2021 im Deutschlandfunk. Die Schutzwirkung setze etwa 10 bis 14 Tage nach der dritten Impfdosis ein. Bei der Delta-Variante habe dieser Schutzfaktor noch bei 95 Prozent gelegen, 75 Prozent sei aber immer noch ein guter Wert. Es sei definitiv sinnvoll, eine dritte Dosis zu erhalten.
    Beide Effekte zusammen, Schutz vor Infektion und vor schwerem Verkauf, kombinieren sich beim Boostern zu einer Schutzwirkung von 90 Prozent vor einem Klinikaufenthalt. Und der Booster senkt auch das Risiko, das Virus an andere weiterzugeben deutlich, wie eine dänische Haushaltsstudie zeigt.
    Grafik zeigt die neutralisierenden Antikörper bei Delta, Omikron und Omikron geboostert
    Omikron fliegt unter dem Radar der meisten Antikörper, die durch die Impfung entstanden sind. Nur noch ein Bruchteil der Antikörper kann die Viren erkennen und "neutralisieren"'. Ein Booster kann die Zahl der neutralisierenden Antikörper kurzzeitig wieder signifikant erhöhen. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

    Impfstoffe werden an Omikron angepasst

    Auch Biontech und Moderna gehen davon aus, dass ihre Impfstoffe nach drei Dosen wirksam gegen die Omikron-Varianten sind. Beide Hersteller arbeiten aber auch an speziell an Omikron angepassten Vakzinen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach sagte am 9. Juni 2022 im Deutschlandfunk, dass er bis September 2022 mit angepassten Impfstoffen rechne.
    Experten raten jedoch nicht oder unvollständig Geimpften, nicht abzuwarten, sondern jetzt die vorhandenen – und weiterhin wirksamen – Impfstoffe zu nutzen und später den Schutz gegen Omikron aufzufrischen. Die Europäische Union hat am 17.12.2021 180 Millionen angepasste Impfdosen bei Biontech/Pfizer bestellt.
    Quellen: Arndt Reuning, Christina Sartori, Volkart Wildermuth, Agenturmaterial, Science Media Center, NDR, fmay, nin, ikl, og, pto