Corona-PandemieDie Virusvariante Omikron (B.1.1.529) im Überblick

Die Omikron-Variante des Coronavirus ist deutlich ansteckender als vorherige Varianten. Vor schweren Verläufen sind Geimpfte aber weiter gut geschützt. Weltweit stellen sich Länder auf neue Einschränkungen ein. Die Lage im Überblick.

14.01.2022

Jemand träufelt aus einer Pipette auf ein Probenröhrchen.
Welche Variante des Coronavirus vorhanden ist, kann mithilfe von Genom-Sequenzierung festgesetellt werden (picture alliance/dpa/Camilo Freedman)
Die Omikron-Variante des Coronavirus (B.1.1.529) breitet sich weltweit weiter aus. In Deutschland dürfte sie nach Ansicht von RKI-Chef Lothar Wieler die Delta-Variante in wenigen Tagen vollständig verdrängt haben. (14.01.2022.) Experten warnen seit Wochen vor einer fünften Welle.

Omikron ist deutlich ansteckender als die Delta-Variante

"Omikron zeichnet sich durch eine stark gesteigerte Übertragbarkeit und ein Unterlaufen eines bestehenden Immunschutzes aus", heißt es in einer Stellungnahme des Corona-Expertenrats der Bundesregierung vom 19.12.2021. Daher seien auch Geimpfte und Genesene stark in das Infektionsgeschehen involviert.
Zur schnelleren Ausbreitung des Virus trägt auch bei, dass sich das Omikron-Virus nach einigen Studien vermutlich vor allem im oberen Atemwegstrakt vermehrt statt in der tiefen Lunge. Das könne zu einer schnelleren Übertragung führen, sagte der Biophysiker Richard Neher am 3.1.2022 im Deutschlandfunk.
Schon nach drei Tagen kann eine infizierte Person Omikron weitergeben, Delta hat dafür einen Tag länger gebraucht. Es geht nicht nur schneller, Omikron wird auch drei Mal häufiger als Delta in der Familie übertragen, wie eine englische Studie zeigt. Die Variante trägt mehr als 30 Mutationen im Spike-Protein. Darauf zielen ja die Antikörper und die greifen bei Omikron nicht mehr so gut.

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Daten deuten auf leichtere Krankheitsverläufe hin

Es gebe mehr und mehr Daten, die darauf hindeuten, dass "die Krankheitsschwere vielleicht abgemildert ist oder sehr wahrscheinlich sogar abgemildert ist", sagte der Virologe Christian Drosten am 30.12.2021 im Deutschlandfunk. Mehrere Experimente mit Tieren hätten beispielsweise gezeigt, dass die Lunge nicht so stark befallen werde wie die oberen Atemwege.
Das spiegele sich auch in den Krankenhauseinweisungen wider: "Pro nachgewiesenem Fall gehen weniger Leute ins Krankenhaus", sagte Drosten. Für Ungeimpfte senke sich das Risiko einer Krankenhauseinweisung im Vergleich zu Delta um etwa ein Viertel. Durch eine Impfung oder noch besser eine Booster-Impfung lasse sich dieses Risiko noch erheblich senken.
Patienten, die mit Omikron ins Krankenhaus müssten, könnten zudem eher auf den normalen Stationen bleiben und müssten zu einem geringeren Anteil auf die Intensivstationen, sagte Drosten. Sie müssten auch nicht so schnell mit Sauerstoff versorgt werden.
Christian Drosten: Die Pandemie wird nur für die Geimpften vorbei sein (30.12.2021)

Daten zeigen keine erhöhte Gefahr für Kinder durch Omikron

Die Befürchtung, dass Omikron bei Kindern die Gefahr erhöhe, bestätigt sich bisher nicht. Weder für sehr junge noch für ältere Kinder sei mit schwereren Verläufen zu rechnen, sagte der Virologe Wolfgang Preiser, der an der Stellenbosch University in Kapstadt in Südafrika arbeitet, am 3.1.2022 im Deutschlandfunk.

Warum bereitet Omikron Experten Sorge?

Der Modellierer Thorsten Lehr hält mit Blick auf die Entwicklung der Sieben-Tage-Inzidenz Werte von „locker über 2.000“ für möglich. „Ich denke, das werden wieder ganz neue Dimensionen sein, die wir da sehen werden.“ Vor allem der Osten Deutschlands bereite ihm Sorgen, sagte Lehr im Deutschlandfunk. (05.01.2022) „Weil wir hier natürlich noch schlechte Impfquoten haben und auch die Krankenhäuser durch die hohe Delta-Infektionswelle, die dort herrschte, wirklich noch stark beansprucht sind.“ Vor dem Hintergrund zahlreicher zu erwartender Infektionen müsse damit gerechnet werden, dass die verfügbaren Kapazitäten irgendwann nicht mehr ausreichen werden, um alle PCR-Tests durchzuführen, die eigentlich notwendig seien.
Die Krankenhäuser könnten durch die Omikron-Welle unter extrem hohe Belastung geraten, betonte auch der Virologe Christian Drosten am 30.12.2021 im Deutschlandfunk. RKI-Chef Lothar Wieler sagte am 14.01.2022 auf der Bundespressekonferenz, dass man sich aufgrund der Masse an Infektionen darauf einstellen müsse, dass die Zahlen der Krankenhauseinweisungen und der Todesfälle wieder steigen würden. Bisher hätten die Todesfälle noch nicht wieder zugenommen: "Das wird sich aber ändern."
Der Expertenrat der Bundesregierung hatte bereits am 19.12.2021 in seiner Stellungnahme vor einer Gefährdung für die kritische Infrastruktur – nicht nur der Krankenhäuser – gewarnt. Durch eine hohe Anzahl an Ausfällen durch Krankheit oder Quarantäne könnten auch Polizei, Feuerwehr oder andere Grundversorgungen eingeschränkt sein.

Quarantänezeit wird verkürzt oder entfällt

Vor diesem Hintergrund hat nach dem Bundestag nun auch der Bundesrat einer Verordnung zugestimmt, die für die neuen Quarantäneregeln für Corona-Infizierte und Kontaktpersonen einen rechtlichen Rahmen schafft. Sie sieht unter anderem vor, dass sich dreifach geimpfte Kontaktpersonen von Corona-Infizierten nicht mehr in Quarantäne begeben müssen. Außerdem werden damit kürzere Quarantänezeiten im Fall von Infektionen ermöglicht, um bei stark steigenden Ansteckungszahlen den Zusammenbruch wichtiger Versorgungsbereiche zu verhindern.
Künftig können sich Infizierte oder Kontaktpersonen, die die Vorgaben für eine Quarantäne-Befreiung nicht erfüllen, nach sieben Tagen durch einen PCR-Test oder einen zertifizierten Antigen-Schnelltest freitesten lassen. Experten sehen dies teilweise kritisch, weil Schnelltests als fehleranfällig gelten.

Wie gut schützt die Impfung vor einer Ansteckung?

Selbst eine zweifache Impfung schützt bei Omikron schlechter vor Ansteckung und Weitergabe des Coronavirus als bei der Delta-Variante. Darauf deuteten Labordaten der Virologin Sandra Ciesek Anfang Dezember 2021 hin. Sechs Monate nach einer Zweitimpfung mit einem der zugelassenen Impfstoffe waren bei keinem Vakzin mehr ausreichend Antikörper für eine Neutralisation des Virus vorhanden, hieß es. Eine vorläufige Auswertung der südafrikanischen Krankenversicherungsgruppe Discovery vom 14.12.2021 wies auch auf einen merklich verminderten Impfschutz nach doppelter Impfung mit Biontech/Pfizer bei Omikron hin. Grundlage der Analyse waren rund 211.000 positive Testergebnisse aus dem Zeitraum 15. November bis 7. Dezember, von denen etwa 78.000 auf Omikron zurückgeführt wurden.
Daten aus England zeigten Anfang 2022 eindeutig: Impfungen schützen vor schweren Verläufen. Schon die erste Dosis halbiert das Risiko nach einer Infektion ins Krankenhaus zu müssen. Eine vollständige Impfung schützt zu rund 70 Prozent und der Booster steigert das auf 85 Prozent. Und der Booster-Impfung gelingt es auch, eine Infektion zwar nicht sicher zu verhindern, aber doch unwahrscheinlicher zu machen. Beide Effekte zusammen, Schutz vor Infektion und vor schwerem Verkauf kombinieren sich beim Boostern zu einer Schutzwirkung von 90 Prozent vor einem Klinikaufenthalt. Und der Booster senkt auch das Risiko, das Virus an andere weiterzugeben deutlich, wie eine dänische Haushaltsstudie zeigt. Von daher spricht sowohl individuell als auch gesellschaftlich alles für das Impfen.
Eine Studie der Cape Town University legt nahe, dass durch die T-Zell-Antwort des Körpers gegen Omikron immer noch ein Schutz von rund 70 Prozent der Delta-Schutzwirkung gegeben sein könnte. Die T-Zell-Antwort ist Teil der zellulären Immunantwort des Körpers - so etwas wie der zweite Schutzwall.
Grafik zeigt die neutralisierenden Antikörper bei Delta, Omikron und Omikron geboostert
Omikron fliegt unter dem Radar der meisten Antikörper, die durch die Impfung entstanden sind. Nur noch ein Bruchteil der Antikörper kann die Viren erkennen und "neutralisieren"'. Ein Booster kann die Zahl der neutralisierenden Antikörper kurzzeitig wieder signifikant erhöhen. (Deutschlandradio / Andrea Kampmann)

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Nach einer Drittimpfung habe man nach Daten aus England 75 Prozent Schutz vor einer symptomatischen Infektion, sagte die Virologin Ulrike Protzer am 20.12.2021 im Deutschlandfunk. Die Schutzwirkung setze etwa 10 bis 14 Tage nach der dritten Impfdosis ein. Bei der Delta-Variante habe dieser Schutzfaktor noch bei 95 Prozent gelegen, 75 Prozent sei aber immer noch ein guter Wert. Es sei definitiv sinnvoll, eine dritte Dosis zu erhalten.
Virologe Florian Klein: Boostern hilft gegen die Omikron-Variante (30.12.2021)
Auch die Impfstoffhersteller Biontech und Moderna gehen davon aus, dass ihre Impfstoffe nach drei Dosen wirksam gegen die Omikron-Variante sind.
Moderna erklärte am 20.12.2021 bei der Bekanntgabe vorläufiger Ergebnisse von Untersuchungen zur Booster-Impfung, bei der Gabe von 50 Mikrogramm seines Corona-Impfstoffes vervielfachten sich die Omikron bindenden Antikörper um den Faktor 37. Diese Menge ist auch bei Booster-Impfungen in Deutschland üblich. Bei 100 Mikrogramm Impfstoff gebe es sogar die 83-fache Menge an Antikörpern. 
Sowohl Moderna als auch Biontech arbeiten aber auch an speziell an Omikron angepassten Vakzinen.

Impfstoffe werden an Omikron angepasst

Frühestens im Februar oder März soll es die an Omikron angepasste Impfstoffe geben. Experten raten daher dazu, darauf nicht zu warten, sondern jetzt die vorhandenen – und weiterhin wirksamen – Impfstoffe zu nutzen und dann im Frühjahr den Schutz gegen Omikron aufzufrischen. Die Europäische Union hat am 17.12.2021 180 Millionen angepasste Impfdosen bei Biontech/Pfizer bestellt.
Quellen: Arndt Reuning, Christina Sartori, Volkart Wildermuth, Agenturmaterial, Science Media Center, NDR, fmay, nin, ikl, og, pto