Donnerstag, 09. Dezember 2021

Vor 100 Jahren in LivornoGründung der Kommunistischen Partei Italiens

Nach der Oktoberrevolution 1917 bekämpften sich in vielen sozialistischen Parteien Revolutionäre und Reformisten. So auch in Italien. Hier spaltete sich der radikalere Flügel ab und gründete am 21. Januar 1921 die Kommunistische Partei Italiens. Sie blieb 70 Jahre lang die mächtigste KP in Westeuropa.

Von Henning Klüver | 21.01.2021

Ein Demonstrant trägt eine Flagge der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) bei einer Kundgebung vor dem Parlament in Rom im April 2013
Ein Demonstrant trägt eine Flagge der Kommunistischen Partei Italiens (PCI) (AFP / Andreas Solaro)
Unter einem Bild von Karl Marx trafen sich im Januar 1921 die Delegierten der sozialistischen Partei Italiens zu ihren 17. Parteitag im Teatro Goldoni von Livorno, der größten Hafenstadt der Toskana. Die Stimmung war explosiv. Bereits im Oktober hatte die in Neapel erscheinende Zeitschrift "Il Soviet" gefordert:
"Man darf nicht zögern, die alte Partei anzuklagen und ein neues Organ zu gründen, das notwendig, sogar unverzichtbar für die proletarische Revolution ist."
Ein Schwarzweiß-Foto zeigt die Delegierten auf 17. Parteitag der sozialistischen Partei Italiens im Teatro Goldoni von Livorno 
Parteitag der sozialistischen Partei Italiens im Januar 1921 im Teatro Goldoni Livorno : hier spaltete sich der linke Flügel ab und gründete die Kommunistische Partei Italiens (picture alliance / Ria Novosti / Sputnik/dpa )
Das Königreich Italien lag nach hohen Verlusten im Ersten Weltkrieg wirtschaftlich am Boden und war politisch und sozial zerrissen. Die 1892 von Filippo Turati gegründete sozialistische Partei konnte nach Kriegsende die teilweise revolutionäre Stimmung im Land nicht nutzen, um liberal-konservative Kräfte aus ihren Machtpositionen zu drängen. In der Partei befehdeten sich drei Strömungen: Filippo Turati und seine Reformisten, ein schwankender Mehrheitsflügel und eine Gruppe von Kommunisten. Die Kommunisten wurden von Aktivisten wie Amadeo Bordiga aus Neapel sowie Antonio Gramsci und Umberto Terracini aus Turin angeführt.

Moskau-treue versus Sozialdemokraten

Alle waren junge Männer zwischen 25 und 31 Jahre alt. Sie waren gewillt, die Vorgaben der 1919 von Lenin in Moskau gegründeten Kommunistischen Internationale umzusetzen. So wie in Deutschland die KPD den Kampf gegen die Sozialdemokraten an die erste Stelle setzte, machte der kommunistische Flügel in Livorno seine weitere Mitarbeit – wie von der Moskauer Internationale gefordert – vom Parteiausschluss der Reformisten abhängig. Am 21. Januar 1921 kam es zu einer Kampfabstimmung. Amadeo Bordiga erinnerte sich später in einem Fernsehinterview:
"Mit Hilfe der Mehrheitsfraktion wurde der Ausschluss der Reformisten aber abgelehnt. Und wir entschieden uns also, den Saal des Teatro Goldoni zu verlassen und zogen in das nahe gelegene Teatro San Marco von Livorno, wo wir eine andere Partei gründeten."

Parteigründung unter Regenschirmen

Die neue Partei, die noch am gleichen Tag ins Leben gerufen wurde, erhielt den Namen Partito Comunista d’Italia – Kommunistische Partei Italiens – mit dem Zusatz "italienische Sektion der Internationale". Amadeo Bordiga wurde zum ersten Sekretär gewählt, und als Parteisitz wurde Mailand bestimmt. Die äußeren Umstände des Gründungsparteitages waren recht prekär. Das Teatro San Marco, das im Krieg als Militärlager gedient hatte, befand sich in einem baufälligen Zustand, wie Umberto Terracini rückblickend schrieb:
"Für die Delegierten gab es keine Tische und kaum Stühle, die meisten mussten stundenlang stehend ausharren. Von der löchrigen Decke spritzte immer wieder Wasser in den Saal, gegen das man sich mit aufgespannten Regenschirmen schützte, was merkwürdig anzusehen war."
Antonio Gramsci, der in das 15-köpfige Zentralkomitee gewählt wurde, hielt sich auf dem Gründungsparteitag im Hintergrund. In der Folge befürwortete er im Kampf gegen den Faschismus, der 1922 in Italien die Macht übernommen hatte, die Zusammenarbeit mit anderen Oppositionsgruppen. Die internationale Führungsrolle Moskaus stellte er jedoch nicht Frage.
Gramsci-Roman von Nora Bossong - Porträt eines streitbaren Intellektuellen
Antonio Gramsci gilt nicht nur als Gründungsvater der akademischen Kulturwissenschaften, der kleinwüchsige sardische Kleinbeamtensohn war außerdem Journalist, Politiker und marxistischer Philosoph, der 22 Jahre im Gefängnis saß. Die Berliner Autorin Nora Bossong hat ihm nun einen Roman gewidmet.
Antonio Gramsci wurde 1926, als die Partei bereits im Untergrund agierte, zum Sekretär gewählt, kurz nach seiner Wahl von der faschistischen Polizei festgenommen und zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Von dem Exil in Moskau führte Palmiro Togliatti die Partei, die 1943 den Namen Partito Comunista Italiano, PCI, annahm, durch die Jahre der Diktatur und der Resistenza.

Rückgrat des Widerstands gegen Faschismus

Kommunisten trugen die Hauptlast des Widerstands gegen den Faschismus und gegen die deutsche nationalsozialistische Besatzungsmacht. In der Nachkriegszeit hatte der PCI wesentlichen Anteil an der demokratischen Entwicklung Italiens und der Ausarbeitung seiner parlamentarischen Verfassung. Über viele Jahre hinweg konnte die mitgliederstärkste kommunistische Partei Westeuropas auf eine breite kulturelle Verankerung in der italienischen Gesellschaft zählen. Nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion löste sie sich Anfang Februar 1991 auf ihrem 20. Kongress in Rimini auf.