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StartseiteKalenderblattAnklage wegen Verleumdung gegen den Schriftsteller Émile Zola07.02.2018

Vor 120 Jahren in FrankreichAnklage wegen Verleumdung gegen den Schriftsteller Émile Zola

Die Affäre Dreyfus markiert in der französischen Geschichte einen dramatischen Wendepunkt, der zu einer innenpolitischen Neuausrichtung führte. Großen Anteil daran hatte der Schriftsteller Émile Zola, der die Autoritäten infrage stellte. Heute vor 120 Jahren wurde er wegen Verleumdung angeklagt.

Von Maike Albath

Der französische Schriftsteller, Maler und Journalist Émile Zola (imago/Leemage)
Der französische Schriftsteller, Maler und Journalist Émile Zola (imago/Leemage)
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Als Émile Zola am 7. Februar 1898 vor dem Pariser Justizpalast eintraf, war der Aufruhr groß. "Nieder mit Zola", "Nieder mit dem Juden" tönte es aus der Menschenmenge. Gegen den erfolgreichen Schriftsteller wurde ein Prozess eröffnet, und der Anlass war die Affäre Dreyfus. Vier Jahre zuvor hatte ein Kriegsgericht den jüdischen Hauptmann Dreyfus wegen Spionage zu lebenslanger Haft verurteilt. Zolas offener Brief an den Präsidenten der Republik mit der Schlagzeile "J’accuse" – "Ich klage an" war am 13. Januar 1898 erschienen.

Der Romanist Markus Messling, Vizedirektor des Centre Marc Bloch:

"Das muss man sich schon mit einer unglaublichen Wucht vorstellen, also dass ein Schriftsteller öffentlich den französischen Generalstab in personam anklagt, und das Militär spielt eine große Rolle in den 1880er/1890er-Jahren, und jetzt diese Militärs, die führenden französischen Militärs öffentlich an den Pranger zu stellen und ihnen vorzuwerfen und ihnen auch nachzuweisen, dass sie willentlich falsch gehandelt haben, das ist schon ein ungeheuerlicher Vorgang gewesen."

Den Nerv der Gesellschaft getroffen

Frankreich laborierte an der Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Die Armee war mächtig, und Zola nannte Namen:

"Ich klage an den General Mercier, sich, zumindest aus geistiger Schwäche, zum Komplizen einer der größten Ungerechtigkeiten des Jahrhunderts gemacht zu haben. Ich klage an den General Billot, die sicheren Beweise für Dreyfus‘ Unschuld in Händen gehabt und unterdrückt zu haben, sich dieses Verbrechens an Humanität und Gerechtigkeit schuldig gemacht zu haben um eines politischen Zwecks willen und um den kompromittierten Generalstab zu retten."

Markus Messling:

"Und das erklärt, warum diese kleine Zeitschrift 'L'Aurore', die relativ unbedeutend war bis dahin und ungefähr eine Auflage so zwischen 20.000 und 30.000 Exemplaren hatte, dann innerhalb von Stunden sich 300.000 Mal verkauft - weil Zola eben etwas trifft, was man vielleicht so den Nerv der Gesellschaft nennen könnte, nämlich genau die Frage, wollen wir eigentlich wirklich dieses ultrakonservative, stark vom Militär beeinflusste, stark von den alten Eliten beeinflusste, stark auch immer noch vom napoleonischen Regime beeinflusste Frankreich sein oder wollen wir uns doch republikanisch wenden. Und als Zola dann ‚J'accuse‘ schreibt, geht es eben auch um mehr als nur um die Frage der Schuld von Dreyfus. Es geht eigentlich um die Frage, in welcher Gesellschaft wollen wir eigentlich leben."

Es ging darum, Öffentlichkeit herzustellen

Zola, 1840 in Paris geboren, war der führende Kopf der Naturalisten. In seinen Romanen zeigte er die Gesetzmäßigkeiten sozialer Probleme auf und zielte auf die Veränderung der Gesellschaft. Seine Ästhetik legte eine Intervention in der Affäre Dreyfus nahe. Couragiert nahm Zola eine Anklage wegen Verleumdung in Kauf - ihm ging es darum, Öffentlichkeit herzustellen.

"Die Lage zu dem Zeitpunkt war ja so, dass Dreyfus als schuldig galt, vor allen Dingen entscheidend gewesen war ja die Freisprechung von Valsin Esterhazy, dem Offizier, der eigentlich sozusagen die Spionage und den Verrat begangen hatte und der gedeckt worden war durch den Generalstab, weil man die Schuld lieber einem vermeintlich deutschen Juden geben wollte, eben vor dem Hintergrund all der antisemitischen, antideutschen Ressentiments im französischen Generalstab, weil man eigentlich eine andere Lösung herbeiführen wollte, die ideologisch günstig war, auch für die Militärs."

Flucht nach England und später Sieg

Als Zola im Februar 1898 vor Gericht stand, war die Atmosphäre feindselig. Esterhazy schwieg zu allen Vorwürfen, und die Richter hatten die Anweisung erhalten, jede Bezugnahme auf den Dreyfus-Prozess zu unterbinden. Auf den Straßen kam es täglich zu Schlägereien. Am 23. Februar verurteilten verschreckte Schöffen den Schriftsteller zu 3.000 Francs Geldstrafe und einem Jahr Gefängnis. Wegen Verfahrensfehlern ging sein Anwalt in Berufung. Wenige Wochen später musste sein Mandant heimlich das Land verlassen.

"Er ist nach England geflohen, das hat natürlich auch eine lange französische Geschichte, London als der großen liberalen Stadt, in der eine Freiheit der Öffentlichkeit und der Meinung schon herrschte, und auch Zola schreibt sich im Grunde ein in diese ganze lange liberale Tradition des Denkens, kommt dann eben zurück und erlebt aber im Grunde dann ja noch den Siegeszug eigentlich seines republikanischen Frankreichs."

1899 wurde der Schuldspruch gegen Zola aufgehoben, das Urteil gegen Dreyfus umgewandelt und 1906 durch Freispruch revidiert. Émile Zola war im September 1902 in seinem Haus durch einen verstopften Kamin an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben. Mit "J’accuse" sorgte er für eine tief greifende innenpolitische Neuausrichtung Frankreichs.

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