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StartseiteKalenderblattDarius Milhaud, der rasende Komponist04.09.2017

Vor 125 Jahren geboren Darius Milhaud, der rasende Komponist

Er war eines jener enfants terribles, die im Paris der 1920er-Jahre antraten, die französische Musik zu erneuern. Darius Milhaud löste dieses Ziel ein. Der Komponist hinterließ ein umfangreiches Werk von provenzialischem Liedgut bis hin zum Jazz. Heute vor 125 Jahren wurde Milhaud geboren.

Von Sabine Fringes

Der Komponist Darius Milhaud am 22. April 1963 (picture alliance / dpa / Zettler)
Der Komponist Darius Milhaud am 22. April 1963 (picture alliance / dpa / Zettler)

"Ich stamme aus Aix und jedes Mal, wenn ich mit dem Auto dahin komme, dann spüre ich einen kleinen warmen Stich im Herzen wie man ihn nur beim Wiedersehen eines geliebten Menschen oder einer Landschaft empfindet."

So Darius Milhaud in seiner Autobiographie. Am 4. September 1892 wurde er als Kind einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie geboren, im südfranzösischen Aix-en-Provence wuchs er auf. Wunderbare Eltern habe er gehabt, die ihn immer unterstützt hätten in seiner musikalischen Entwicklung. Mit sieben Jahren erhält er Geigenunterricht und mit 13 komponiert er die ersten Stücke. Nach der Schule beginnt er Geige und Komposition am Pariser Conservatoire zu studieren. Hier lernt er den Dichter Paul Claudel kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet. 1917 fahren die beiden jungen Männer gemeinsam für zwei Jahre nach Brasilien: Paul Claudel wurde dorthin als französischer Botschafter ernannt  und konnte Milhaud - der wegen gesundheitlicher Probleme vom Militärdienst befreit war - als seinen Sekretär mitnehmen. Für Milhaud eine gute Gelegenheit, die Musik des Landes zu studieren.

Die Musik "mediterranisieren"

Zurück in Paris, feiert Milhaud 1920 seinen ersten großen Erfolg mit "Le boeuf sur le toit"– einer Orchesterfantasie nach brasilianischen Motiven.

Die Musik muss mediterranisiert werden – so Milhauds Credo. Er will eine Abkehr von der Ästhetik, der Romantik hin zu mehr Leichtigkeit und Charme: brasilianische Rhythmen, Volksmusik der Provence und auch der Jazz werden zu seinem Markenzeichen, und Milhaud gilt bald als führender Vertreter einer neuen französischen Musik.

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen muss Milhaud Frankreich verlassen. Im Juni 1940 flieht er zusammen mit seiner Frau in die USA, wo er am Mills College, Oakland, Komposition unterrichtet. Diese Stelle wird er auch nach seiner Rückkehr nach Paris beibehalten. Bis wenige Jahre vor seinem Tod wird er immer wieder die weite Reise von Frankreich nach Kalifornien antreten - trotz einer starken Arthritis, die ihn mit Anfang 50 in den Rollstuhl zwingt.

Er komponierte gerne bei Verkehrslärm

Doch Milhaud liebte das Unterrichten ebenso wie das Reisen: Weder die Beschwernisse des Umsteigens noch der Fahrlärm störten ihn beim Komponieren. Oft vermerkte er am Partiturende den Namen des jeweiligen Zuges oder Ozeandampfers, auf dem er das Stück geschrieben hatte. Auch in seiner Pariser Wohnung an der Place Pigalle, arbeitete er gerne bei starkem Verkehrslärm am offenem Fenster.

Vielleicht lag in seiner Fähigkeit, während des Komponierens andere akustische Reize wahrzunehmen, auch eine Wurzel für die polytonale Anlage mancher Stücke von Milhaud: Er lagerte nicht nur unterschiedliche Tonarten übereinander, sondern bisweilen auch ganze Werke. Wie zum Beispiel seine beiden Streichquartette Nr. 14 und 15.

Sie können einzeln aufgeführt werden – oder zeitgleich als Oktett. Milhaud verstand das Komponieren als ein Handwerk. Er schrieb außerordentlich viel und schnell und erreichte mit 18 Streichquartetten sein von ihm selbst gestecktes Ziel, mehr Werke in dieser Gattung zu komponieren als Beethoven. Nach seinem Tod am 22. Juni 1974 hinterließ Darius Milhaud 443 Werke. Darunter auch humorvolle Stücke, wie das Ballet "Salade" oder den Liederzyklus "Machines agricoles", eine Vertonung eines Werbeprospektes über landwirtschaftliche Erntemaschinen. Er sah sein Schaffen nicht als eine stetige Entwicklung, sondern als einen "vielarmigen Fluss".

"Auch auf die einsame Insel würde ich nur Notenpapier mitnehmen, und das einzige Werk, das ich retten würde, wäre immer genau dasjenige, an dem ich gerade arbeite."

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