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StartseiteKalenderblattErnst Toller, Revolutionär des Theaters01.12.2018

Vor 125 Jahren geborenErnst Toller, Revolutionär des Theaters

Er zog begeistert in den Ersten Weltkrieg - und verließ den Schützengraben als überzeugter Pazifist: Ernst Toller. Der Dramatiker propagierte eine "Revolution der Liebe" und kämpfte aus dem Exil unermüdlich gegen die Nationalsozialisten. Doch berühmt wurde er durch seine Theaterstücke.

Von Hildegard Wenner

Der deutsche Schriftsteller Ernst Toller (1893-1928) bei einem Vortrag in New York, aufgenommen am 7.4.1938. (dpa / picture alliance / UPI)
Ernst Toller studierte an der „Ausländer-Universität“ in Grenoble und wollte danach zur Sorbonne in Paris - doch der Erste Weltkrieg änderte alles (dpa / picture alliance / UPI)
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"Toller ist von schmächtiger Statur und lungenkrank, er ist etwa 1,65 bis 1,68 Meter groß, hat mageres, blasses Gesicht, schließt beim Nachdenken die Augen."

Es dauerte eine Weile, bis die Polizei den steckbrieflich gesuchten 25-jährigen Philosophiestudenten, Revolutionär und kurzzeitigen bayerischen Regierungschef Ernst Toller am 4. Juni 1919 hinter einer Tapetentür in Schwabing entdeckte. Der Delinquent war ein Hauptakteur der vier wilden bayerischen Wochen im Frühjahr 1919, in denen gleich zwei Räterepubliken verschlissen wurden – erst eine anarchistische, dann eine kommunistische. Die hellsten Köpfe der Zeit machten mit – oder schauten zu; als Gymnasiast auch der spätere Theaterintendant Oscar Fritz Schuh.

"Den stärksten Eindruck machte Toller auf mich. Wenn er auf Straßen und Wiesen seine Reden hielt, wirkte er wie eine Figur aus einem seiner Theaterstücke. Mit knapper, schlagender Gestik, kurzen, schmucklosen Sätzen, hektisch übersteigert."

Fünf Jahre Festungshaft

Mit dem Segen des SPD-Reichswehrministers Gustav Noske zerschlug die Armee, garniert mit allerlei rechtsextremen Freikorpstrupps, diesen revolutionären Traum, den die meisten Protagonisten – Kurt Eisner, Gustav Landauer, Eugen Leviné - mit dem Leben bezahlten. Toller hatte "Glück", er wurde zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt.

"Ich presse meine Stirne an Eisensäulen,                
Die Hände rütteln ihre Unrast wund,                       
Ich bin viel ärmer als ein armer Hund,                      
Ich bin des angeschoss’nen Tieres Heulen."

Im Gefängnis Niederschönenfeld schrieb Ernst Toller Gedichte – und Theaterstücke, uraufgeführt allesamt ohne ihn. Pathetische, schwer expressionistische Weckrufe. Schon im dramatischen Debüt "Die Wandlung" von 1917, inszeniert erst während der Haft, rechnet Toller ab mit seinem Hurrapatriotismus als freiwilliger Teilnehmer des "Erdgemetzels", des Ersten Weltkriegs. "Masse Mensch" verhandelt die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit einer gewaltlosen Revolution; und der im Schützengraben entmannte "Hinkemann", ein Nachfahre Woyzecks, verdingt sich als grotesker Kirmesheld.

"So ein Schauspiel habt ihr noch nicht erlebt. Hier steht ein leibhaftiger Eunuch. Wollt Ihr mich singen hören?"

Nicht zuletzt die oft spektakulären Inszenierungen machten den abwesenden Autor schnell zum prominentesten Dramatiker der Republik. 1924 wurde er aus der Haft entlassen - und aus dem Freistaat umgehend zwangsentlassen.

"Fahren Sie mit Gott und behalten Sie unser liebes Bayernland in freundlicher Erinnerung."

Nach Berlin, zur Revue

Der Preuße Toller aus der Provinz Posen, im Städtchen Samotschin als jüngster Spross einer jüdischen Kaufmannsfamilie am 1. Dezember 1893 geboren, ging nach Berlin. Dort wollten die Charleston-Tänzer der Roaring Twenties von der Revolution nichts mehr wissen – Tollers nächstes Thema in der mit Personal, Filmsequenzen und Songs üppig ausgestatteten Revue "Hoppla, wir leben". Der Autor selbst liest aus einer Szene über den Irrsinn des Krieges; es ist - wieder – seine Geschichte.

"In solchen Stunden, in denen man, wie soll ich's sagen, hinabsteigt bis zum Grundwasser, fragt man sich: Wofür das alles?

Schauspieler auf der Bühne bei der Aufführung des Stücks "Masse Mensch" von Ernst Toller am Theater der Revolution, dem heutigen Majakowski-Theater in Moskau auf einem Foto von 1923. (picture alliance / Imagno)Die Stücke Tollers inspirierten zu neuen Formen des Theaters, wie "Masse Mensch" in einer Aufführung von 1923 (picture alliance / Imagno)

Ernst Toller schrieb weiter für die Bühne, doch vor allem schrieb er hellsichtig gegen die immer sichtbarer werdenden braunen Uniformen an.

Aus dem Exil gegen den Faschismus

Den Sieg der Nationalsozialisten begriff er als persönliche Niederlage, hatte er sich doch bis zur Erschöpfung verausgabt auf unzähligen Vortragsreisen quer durch Europa.

1933 erschien seine so schöne wie kluge Autobiographie "Eine Jugend in Deutschland" im Amsterdamer Exilverlag Querido. Dessen Leiter Fritz Landshoff blieb Tollers zunehmende Schwermut nicht verborgen.

"In den Jahren, in denen ich mit ihm die Wohnung teilte, war ich mit dem zyklischen Ablauf seines Lebens vertraut geworden. Zeiten ungewöhnlicher Aktivität folgten Tage, Wochen, ja Monate von Unfähigkeit zur Arbeit, nagendem Zweifel an sich und seinen Gaben."

Dennoch blieb Toller der rastlose Mahner und Menschenfreund. Wurde in London Mitbegründer des Exil-PEN, in den USA Initiator etlicher Kampagnen für politische Gefangene und Flüchtlinge. Seine letzte galt der drangsalierten Zivilbevölkerung im spanischen Bürgerkrieg. Der Sieg Francos und die Anerkennung des faschistischen Regimes durch London, Paris und Washington muss ihm wie Hohn in den Ohren geklungen haben. Am 22. Mai 1939 erhängte Ernst Toller sich in seinem New Yorker Hotel. Er konnte fast alles, Milde gegen sich selbst walten lassen konnte er nicht.

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