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StartseiteKalenderblattSozialphilosoph der "Frankfurter Schule": Max Horkheimer 14.02.2020

Vor 125 Jahren geborenSozialphilosoph der "Frankfurter Schule": Max Horkheimer

Von "Frankfurter Schule" und "Kritischer Theorie" spricht man noch heute. Fast in Vergessenheit geraten ist dabei Max Horkheimer, der Begründer, Organisator und Vordenker einer interdisziplinären Zeitdiagnose, die in den letzten Jahren der Weimarer Republik entstand.

Von Rolf Wiggershaus

Max Horkheimer im Porträt an einem Mikrofon. (imago images / Leemage)
Porträt von Max Horkheimer (1895-1973). (imago images / Leemage)
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"Einen Menschen a priori nicht als einzelnen, als Person, sondern generell und vornehmlich als Deutschen, Neger, Juden, Fremden, Emigranten oder Welschen zu behandeln, ohne dass man schon die Erfahrungen hätte, er verdiene nicht, für sich selbst zu gelten, ist barbarisch."

Mit einem Vortrag von Max Horkheimer, Professor für Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main, endete 1961 eine Sendereihe des Norddeutschen Rundfunks mit "Porträts zur deutsch-jüdischen Geistesgeschichte".

Anders als die nicht-jüdischen Autoren vor ihm sprach er über ein Thema, das für ihn existentielle Bedeutung hatte.

Am 14. Februar 1895 in Stuttgart-Zuffenhausen geboren, war er als einziges Kind eines konservativen jüdischen Textilfabrikanten dazu bestimmt, Nachfolger seines Vaters zu werden. Tagebuchaufzeichnungen und Novellen aus seiner Zeit als Juniorchef zeigen, wie sehr er mit seinem privilegierten Dasein haderte.

Karriere eines legendären Instituts

"Die Arbeiter verrichten in dumpfen, staubigen Sälen oder in der Sonnenhitze Tag für Tag dieselbe stumpfsinnige, trostlose Arbeit ohne Aussicht auf Befreiung, ohne Möglichkeit geistigen Fortschritts, in beschämend ärmlichen Verhältnissen und im Anblick ihrer reichen Herren, die bei geringer Arbeit alle Genüsse kosten."

Geschärft wurde Horkheimers Sichtweise durch die Philosophie Arthur Schopenhauers. Deren zentrale Lehren besagten, dass sich aus der Wesenseinheit alles Kreatürlichen eine auf Mitleid beruhende Moral ergab, die Vernunft im Dienst egoistischen Handelns stand und nur Kunst und Naturbetrachtung Augenblicke selbstvergessener Erlösung gewährten.

Nach dem Ersten Weltkrieg gingen Horkheimer und sein Freund Friedrich Pollock zum Studium nach Frankfurt am Main. Als der mit ihnen befreundete Mäzen Felix Weil für sein 1924 gegründetes "Institut für Sozialforschung" einen neuen Leiter suchte, fiel die Wahl auf den inzwischen verheirateten Philosophiedozenten Max Horkheimer.

1930 begann damit die Karriere eines legendären Instituts, zu dessen Mitarbeitern der Psychoanalytiker Erich Fromm, der Musikexperte Theodor Wiesengrund-Adorno, der Heidegger-Schüler Herbert Marcuse und der Schriftsteller Walter Benjamin gehörten. Doch kaum hatte das Projekt eines unorthodoxen, interdisziplinären Marxismus konkrete Konturen angenommen, zwang die Machtübernahme der Nationalsozialisten Horkheimer und seine Mitarbeiter zur Flucht.

Im US-Exil entstanden in den 1940er-Jahren unter anderem die "Dialektik der Aufklärung", von Horkheimer und Adorno gemeinsam verfasst, und "The Authoritarian Personality", der bedeutendste Band der unter Horkheimers Leitung entstandenen "Studies in Prejudice". Die "Dialektik der Aufklärung" begann mit einer mehr als nur kapitalismuskritischen, nämlich mit einer zivilisationskritischen Diagnose:

"Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils."

Nur ein Wort über die Studentenbewegung: konfus

Die Rückkehr von Horkheimer, Adorno und Pollock nach Frankfurt wurde trotz mancher Probleme eine Erfolgsgeschichte. Zu einem Höhepunkt intellektuellen Wirkens wurden die von Horkheimer und dem Heidelberger Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich organisierten Sigmund Freud-Vorlesungen im Sommer 1956 in Frankfurt und Heidelberg.

Die Vorträge einer internationalen Elite aus dem Ausland machten ein deutsches Publikum mit dem aktuellen Stand einer aus Deutschland als "jüdisch" und "zersetzend" vertriebenen Schlüsseldisziplin des 20. Jahrhunderts bekannt.

Horkheimers eigene wissenschaftliche Produktivität beschränkte sich nun auf Gelegenheitsarbeiten. Mit der Neupublikation seiner in der institutseigenen "Zeitschrift für Sozialforschung" erschienenen Aufsätze und der "Dialektik der Aufklärung" zögerte er bis 1968, als sie bereits als Raubdrucke kursierten:

"Ich wollte nicht, dass man meine Schriften als revolutionäre Propaganda benutzt. Kritik der Gesellschaft ja, aber Aufforderung zur Revolution keineswegs. Ich glaube, wogegen wir jetzt sein müssen, ist, dass die Entwicklung zu der allgemein verwalteten Welt nicht über Katastrophen und Diktaturen führt."

Anders als Adorno hatte Horkheimer für Form, Inhalt und Zielsetzung der Studentenbewegung nur ein Wort: konfus. In seinen Augen beschleunigte sie gar den Trend zu einer Welt ohne bürgerliche Freiheiten. Max Horkheimer starb am 7. Juli 1973.

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