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StartseiteKalenderblattArthur Rimbaud – Wunderkind und enfant terrible10.11.2016

Vor 125 Jahren gestorbenArthur Rimbaud – Wunderkind und enfant terrible

Patti Smith ließ sich von ihm inspirieren, für die Surrealisten und Expressionisten war er ein Star: der französische Dichter Arthur Rimbaud. Er galt als Wunderkind und wurde dann zum enfant terrible, das ruhelos durch die Welt zog, verschwenderisch lebte und keine 40 Jahre alt wurde.

Von Maike Albath

Ausschnitt aus einem Gemälde des Künstlers (Fantin-Latour, 1836-1904). Abgebildet sind Paul Verlaine und Arthur Rimbaud bei einer Zusammenkunft von Künstlern. Coin de table Representation d une reunion d artiste. Detail du tableau representant Paul Verlaine (1844-1896) et Arthur Rimbaud (1854-1891), poetes francais. Peinture de Henri Fantin Latour (Fantin-Latour, 1836-1904). Huile sur toile. Dim. 1,60 x 2,25 m. 1872. Paris, musee d Orsay (252240) !AUFNAHMEDATUM GESCH (imago stock&people/ Leemage)
Paul Verlaine und Arthur Rimbaud auf einem Gemälde des Künstlers Fantin-Latour. Die beiden führten eine hochdramatische Liebesbeziehung. (imago stock&people/ Leemage)
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Im Herbst 1871 traf ein Heißsporn mit wirrem Haarschopf, zarten Gesichtszügen und einem leichten Silberblick aus der französischen Provinz in Paris ein.

Er hieß Arthur Rimbaud, war nicht einmal siebzehn Jahre alt, folgte einer Einladung des bereits berühmten Paul Verlaine und hatte Gedichte im Gepäck, die seinen Gastgeber und sämtliche Bohemiens elektrisierten. Eines hieß "Das trunkene Schiff " und bestand aus hundert Versen.

"Als ich mich schleppte durch die unbewegten Flüsse
war ich die Mannschaft los und allein.
Kopfjäger hatten sie zum Ziel ihrer Schüsse nackend an Pfähle genagelt
mit entsetzlichem Schreien."

Der Versuch Kunst und Leben zu vereinen

Rimbaud, am 20. Oktober 1854 als Sohn eines Infanterieoffiziers geboren, war in Charlesville nahe der belgischen Grenze aufgewachsen. Während der Wirren des preußisch-französischen Krieges schlug sich der gelehrige Schüler erstmals bis nach Paris durch.

Zurück in Charlesville, das mittlerweile von den Deutschen besetzt war, verbrachte er seine Tage in der Stadtbibliothek und kritzelte Gedichte auf lose Zettel.

Das selbstgefällige Kleinbürgertum, die Kirche und die vaterländischen Parolen, alles war ihm zuwider. Kunst und Leben sollten ein und dasselbe sein. Im Mai 1871 legte Rimbaud in einem Brief seine Poetik dar:

"Ich sage man muss Seher sein, sich zum Seher machen. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine lange, ungeheure und wohlüberlegte Entregelung aller Sinne. Alle Formen der Liebe, der Leiden, des Wahnsinns; er sucht selber, er erschöpft in sich alle Gifte, um nur deren Quintessenzen zu bewahren."

"Ich ist ein anderer", lautete Rimbauds berühmte Formel, mit der er seine Sehnsucht nach kompletter Entgrenzung unterstrich. Sein jugendliches Ungestüm, seine genussvolle Flegelei und die ästhetische Kompromisslosigkeit hatten eine ungeheure Wirkung.

Turbulente Liebe mit Paul Verlaine

Zum Entsetzen seiner Ehefrau ging Paul Verlaine im Winter 1871 eine Liebesbeziehung mit Rimbaud ein. Die beiden Dichter pendelten zwischen Paris, Brüssel und London hin und her, finanziell immer wieder unterstützt von ihren Müttern. Auf Höhenflüge folgten Zank und Streit.

Am 10. Juli 1873 drohte Verlaine mit Selbstmord, nahm einen Revolver, schoss zwei Mal auf seinen Geliebten und landete daraufhin im Gefängnis. Im Herbst erschien Rimbauds Prosaband "Eine Zeit in der Hölle". Das letzte Kapitel trägt die Überschrift "Adieu".

"Ich! Ich, der sich Magier oder Engel genannt hat, losgesagt von jeder Moral, ich bin der Erde zurückgegeben, eine Pflicht zu suchen und die raue Wirklichkeit zu umarmen. "

Vom Dichter zum Handelsreisenden

Es war ein Abgesang auf seine Existenz als Dichter. Die gesamte Auflage des Bandes blieb in den Regalen der Druckerei liegen, nur einige Exemplare verschenkte Rimbaud an Freunde.

Voller Unrast ließ er sich abwechselnd in London, Stuttgart und Italien nieder, traf 1875 noch einmal den mittlerweile tief religiösen Verlaine und trat im Jahr darauf in die holländische Kolonialarmee ein, aus der er bei der Ankunft in Java wieder desertierte.

Als Angestellter einer Handelsfirma kam er 1880 in den Jemen, bereiste Äthiopien, wurde in Somalia zum Leiter einer Zweigstelle und machte Geschäfte mit Kaffee, Tierhäuten, Moschus und Waffen. Ein Tumor am Knie erzwang 1891 seine Rückkehr nach Frankreich; die Amputation seines Beines kam zu spät.

Verlaine rettete das Werk Rimbauds

Seine fromme Schwester Isabelle überzeugte ihn, einen Großteil seiner früheren Aufzeichnungen zu vernichten – es seien Jugendsünden, mehr nicht. Arthur Rimbaud starb am 10. November 1891, drei Wochen nach seinem siebenunddreißigsten Geburtstag.

Isabelle sträubte sich gegen eine posthume Gesamtausgabe. Dass Rimbauds Werk längst in Frankreich kursierte und vor allem von der jungen Generation gefeiert wurde, lag auch an Verlaine: Er hatte zahlreiche Gedichte abgeschrieben und damit gerettet.

"Durch die blauen Abende des Sommers werde ich gehen,
in den von Korn stechenden Wegen das zarte Gras zertreten.
Ich Träumer."

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